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Alles über Prag. Oder: Dreams o‘ Vintage Future

Neulich in Prag gewesen. Kann man auch mal machen. Die überschwänglichen Erörterungen über Stadt, Bier und Leute kann sich jeder selbst ausdenken. Nein, wirklich, ist toll. Bei dieser Ausgabe von Alles über handelt es sich jedoch um eine Art Etikettenschwindel (ich hoffe inständig, die treuen Fans der Formats damit nicht zu vergraulen). Es geht bestimmt nicht um alles, es geht auch gar nicht primär um Prag, es geht vor allem um mich und darum, mein Profil zu erweitern. Ich bin jetzt nämlich auch Kunst- und Architekturkritiker. In einem. Meine auf Unkenntnis basierende Naivität stellt dabei mein größtes, man könnte sagen, Asset dar.

In den Osten Europas zu reisen ist einfach im 21. Jahrhundert. Am besten, man setzt sich ab Nürnberg in einen Doppeldeckerbus, am allerbesten oben, ganz vorne. Ist der Bus erst einmal aus Nürnberg hinausgetorkelt, ist man zwei Warsteiner später auch schon da. Man kann in Euro und in Kronen bezahlen. Wenn man dann, nach einigem Zirkulieren im weiteren Bahnhofsbereich, den U-Bahn-Schacht gefunden hat, bewundert man bald die Beulen und Dellen, die dort glänzend und wunderschön die Wände zieren. Wie der leere Rest einer Toffifee-Verpackung etwa. Und ein bisschen auch so wie Meister Kubrick sich in den 60er-Jahren einen Prager U-Bahn-Schacht gewünscht hätte.

Es sind die Relikte der utopisch engagierten Sozialismusarchitektur, die die standardmäßige Stadtfassade in fast regelmäßigen Abständen durch ihren schizophrenen Charme aufwerten: nostalgische Zukunftslust, antike Utopie, Vintage Future (geiler Tumblr), nur eben nicht als Comic, sondern in der Realität, vor meiner Nase. Eine Ästhetik des Vorauseilens, architektonische Verwirklichung der Idee vom politisch-gesellschaftlichen Vorsprung.

Im Osten der Stadt, im Stadtteil Zizkov, steht ein Fersenhturm, der sich regelmäßig in diversen Listen der hässlichsten BauwerkeOLYMPUS DIGITAL CAMERA aller Zeiten wiederfindet. Mit einer Bauzeit von 1985 bis 1992 markiert er auch das Ende der kommunistischen Ära in Tschechien. Beim Prager Fernsehturm handelt es sich um das letzte tschechische Gebäude, das Kommunismus als Entschuldigung vorbringen kann.

Meiner Meinung nach ist das gar nicht nötig. Der Turm mag viele Feinde haben, ich gehöre nicht dazu. Inmitten der zauberhaft herausgeputzten Altbaufassaden des Stadtteils ragt und rast und stürmt er nach oben wie ein Versprechen; als würde er im nächsten Moment abheben und einer besseren, extraterrestrischen Existenz aus Glas und Stahl zustreben. In den Nächten wird er in den Landesfarben, rot, weiß, blau, angestrahlt, was dem Setting noch das nötige Pathos verleiht.

Dann glänzen auch umso schöner die Babys, die sich, wie auf der Suche nach Ostereiern, krabbelnd an die drei Rohre des Turms klammern. Jawohl, Babys. Splitternackt recken sie dem Besucher ihre bronzenen Babyhintern entgegen, wobei solche Dimensionen von Babyhintern in der Regel nicht erreicht werden. David Cerny heißt der Mann, der diese Kunst im Jahr 2000 verbrach. Was Kunst am Bau normalerweise auslösen soll, weiß ich nicht, in diesem Fall aber ist es Unbehagen. Das niedliche Kleinkindschema bekommt durch die Überlebensgröße der Skulpturen und ihre absurde Tätigkeit monströs einen Fernsehturm hochzuklettern eine maximal gruselige Note. Man möchte diesen Kindern nicht bei Nacht über den Weg krabbeln.

Es sei dazu gesagt, dass das weniger gegen als für den Turm spricht. Einst war er reiner Vintage Future Kitsch, heut ist er um eine unangenehme Komponente reicher. Das kann zur Faszination, die vom Turm ausgeht, nur beitragen. David Cerny scheint, wenn man so die Bildersuche bemüht, einer zu sein, der sich genau darauf spezialisiert hat: Ekel, Abscheu, Monströsität. Außerdem sieht er ein bisschen aus wie ein Rockstar in seinem Unterhemd, was ihm coolnesmäßig auf jeden Fall zu Gute kommt. Unterm Strich ein Meister der humorig gefärbten Provokation. Cool auch von den Prager Großkopferten, den an ihren schönen Turm zu lassen.

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Mittlerweile hat die kapitalistische Luxuskultur das einstige Denkmal des Kommunismus für sich erobert: Im Turm wurde eine Fünf-Sterne-Bude eingerichtet, ein Hotel mit handgezählt einem einzigen Zimmer, die Nacht kostet einen schlappen Tausi. Wenn ich jemals wiederkomme, will ich nirgendwo anders meine Zeit verbringen, als dort oben. Die Aussicht aus dem komplett verglasten Fenster, sei einzigartig, heißt es, Sonnenaufgang und Bronzebabys, besser wird’s nicht werden.

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