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Balkan-Diary 6: der aktive Vulkan der Marienverehrung (Medjugorje)

Ich möchte bitte keine Mautstraßen mehr fahren. Ich quäle den Kangoo über die Berge im Hinterland Kroatiens, scenic route. Auf Google Maps kann ich mich fast zu einhundert Prozent verlassen. Google weiß, wo ich bin und lässt mich zwischendurch schon mal eine enge Schlaufe fahren, damit ich sehe, wie sie hier heiraten, zwischen Betonpfosten am Straßenrand. Man schickt mir verwunderte Blicke nach. Auf der Straße trocknet eine überfahrene Schlange fest.

Wenige Kilometer weiter überquere ich die erste Grenze, die wirklich eine Grenze ist. Denn Bosnien-Herzegowina gehört nicht zur EU.

Green card, sagt die Frau in dem kleinen Grenzhäuschen und ich gebe ihr zuerst mal den Fahrzeugschein und sie sagt: No, no insurance card und wenn ich die nicht zufälligerweise wegen der Kupplungspanne gerade erst gebraucht hätte, wüsste ich so gar nicht, was sie von mir will.

Ein echter Grenzübertritt, inklusive Herzklopfen und finster dreinschauenden Soldaten und der Unsicherheit, dem stillen Zweifel, wenn die Schranke dann aufgeht, ob es das denn nun wirklich war. Darf ich rein? Jo.

Und dann kommt sogleich die Nachricht vom Netzanbieter: Herzlich willkommen in Bosnien und Herzegowina, hier gibt’s keine mobilen Daten für dich, wobei doch, du kannst irgendwie 16 Mb kaufen für 2 Euro, aber ansonsten fuck you.

Bosnien-Herzegowina ist das erste Land dieser Reise, das ich zum ersten Mal betrete. Dritthöchste Arbeitslosigkeit der Welt, bettelarm, vom Krieg zerfetzt und teils liegen gelassen. Und man neigt dazu, davon auszugehen, dass damit, dass man diese Grenze hinter sich lässt, auf einmal alles anders wird, sich links und rechts der Boden auftut, willkommen in der dritten Welt.

So ist das natürlich nicht. Stattdessen eröffnet sich hier in der südlichen Herzegowina zum einen eine malerische Hügellandschaft. Alles ist grün, nur der Himmel ist blau und die Hölle scheint weit weg. Zum anderen kommt eh kaum das Gefühl auf, dass man sich in einem anderen Land befindet, weil in jedem Dorf, an jeder Kneipe, an jedem Stall die Flagge mit dem Schachbrettmuster hängt, die kroatische oder gar die der nichtexistenten Teilrepublik Herceg Bosna, das kann ich im Nachhinein nicht mehr sagen.

Diese roten und weißen Würfel jedenfalls sind ein erster Hinweis darauf, wie kompliziert das hier alles ist in Bosnien-Herzegowina, dem Dreivölkerstaat. Hier leben katholische Kroaten, muslimische Bosniaken, orthodoxe Serben – was auch immer das heißt! – und sie lebten hier friedlich, vorbildhaft, solange das alles hier sozialistisches Jugoslawien war, solange alle Tito liebten und der Nationalismus irgendwie gedeckelt war.

Kein Wunder also, dass als dann Anfang der 90er-Jahre alle Deckel von allen Töpfen flogen, der Krieg hier am blutigsten wütete. So viel weiß ich. Aber ich habe noch gar nix verstanden, als ich diese Grenze hinter mich bringe, rein in dieses Paradies, vorbei an dieses Flaggen, die sicher alles sind, aber nicht die Bosnische.

Ich bin auf dem Weg nach Mostar, aber ich kann die Schilder nicht ignorieren, die in Richtung Medjugorje weisen.

Dieser Ort sagt niemandem etwas, außer denen, die sich mit angeblichen Erscheinungsorten der Gottesmutter Maria auseinandergesetzt haben. Und wie ich bereits in Teil fünf dieses Berichts erläuterte, ist das irgendwie mein Thema. Und obwohl ich weiß, dass Medjugorje nicht unbedingt zu den sehenswerten Orten in Bosnien-Herzegowina gehört, steuere ich den Kangoo genau dort hin.

Ganz kurz zur Geschichte: Am 24. Juni stehlen sich sechs Jugendliche auf einen Hügel vor Medjugorje davon, um heimlich zu rauchen. Hier erscheint ihnen Maria erstmals, dann täglich, mittlerweile, etwas dosiert, nur noch monatlich. Am 25. jeden Monats veröffentlich das örtliche Informationszentrum eine neue Botschaft. Medjugorje ist unter den vielen Wallfahrtsorten dieser Art quasi der aktive Vulkan. Hier gibt’s noch was zu sehen – und zwar so, dass man die Uhr danach stellen kann. Herrlich.

Das Interessante an Medjugorje ist erstens der geographische Ort: Die angeblichen Erscheinungen finden im katholisch-kroatischen Landstrich innerhalb der muslimisch dominierten Teilrepublik des sozialistischen Jugoslawiens statt. Maria sagt einen blutigen Krieg auf dem Balkan voraus. Die jugoslawischen Behörden verfolgen die Seher, die in ein Kloster der Franziskanermönche fliehen. Später werden sie in die psychiatrische Anstalt in Mostar eingeliefert. Widerrufen aber wollen sie nicht.

Die Erscheinungen werden dadurch zu einer Art Waffe in einem Krieg, der noch nicht begonnen hat. Auf einmal haben die Katholiken etwas, das weder Muslime noch Orthodoxe vorweisen können: Ein Wunder.

Zweitens die Wirkung: Medjugorje ist in den 80er-Jahren ein absolut unbedeutendes Kaff im europäischen Niemandsland. Hier leben knapp 2000 Menschen. Die Gottesmutter Maria hat aus diesem Kaff einen der populärsten Pilgerorte weltweit gemacht, etwa eine Million Menschen kommen pro Jahr hier her. Teilweise predigen mehr als 7.000 Geistliche parallel. Angeblich ziehen weder Mostar noch Sarajevo mehr Übernachtungsgäste an. Wundersame Erscheinungen sind ein Tourismusmagnet und empfehlenswert für jedes Örtchen in jeder strukturschwachen Region. Man muss als Seher nur konsequent genug sein. Dass der Vatikan die Erscheinungen bis heute nicht anerkannt hat, ist für die Wirkung irrelevant.

Ich komme nicht an einem Feiertag, nicht an einem Erscheinungstag hier her, es ist einfach irgendein Dienstag oder Mittwoch und trotzdem finde ich im Zentrum, nahe der imposanten Jakobuskirche, erstmal keinen Parkplatz.

Fast-Food-Stände säumen meinen Weg, Klosterschwestern und Reisegruppen und Busse schieben sich vorbei. Und genauso wie der Stand mit den gefälschten Fußballtrikots an jeden Strand gehört, gehören hier her die Shops, einer neben dem anderen, mit den Marienfiguren, den Kerzen, den Büchern und Bildern und Rosenkranzketten. Hier, ein Erlösungssouvenir. Und gefälschte Fußballtrikots bekommt man trotzdem, ist ja WM, Modric hängt da und James, also alles gut.

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Ich fahre einen Halbkreis durch dieses Zentrum und bin schon jetzt, obwohl noch nicht mal ausgestiegen, einigermaßen genervt. Ich weiß, dass ich das hier gesehen haben muss, aber es widert mich an, vom ersten Moment an. Und eigentlich bin ich schon auf verschlungenen Pfaden zurück in Richtung Bundesstraße unterwegs, denke ich, als ich doch noch einmal abbiege, weil da nun einmal ein Schild in Richtung Erscheinungshügel weist.

Auf dem Parkplatz am Fuße des Erscheinungshügels lasse ich den Blick über Weinberge schweifen und esse eine Nektarine und ihr Saft saftet mir die Hand ein und das ist ein Problem.

Das Schild weist von hier eine enge Straße hinauf. Hier gibt es links und rechts wirklich nichts anderes mehr als die typischen Souvenirläden. Die sich alle, alle irgendwie rechnen müssen. Aber wenn man vorbeikommt, sieht man nie einen Pilger, der etwas kauft und die Verkäuferinnen lümmeln lässig im Hintergrund, rauchen und ratschen.

Und ich bin hier und eigentlich nicht zu unterscheiden von allen anderen, auch wenn ich kein Kreuz um den Hals trage und kein Rosenkranz durch meine Finger wandert. Auf dem Hügel ist vergleichsweise wenig los, denn der Weg hinauf zum eigentlichen Erscheinungsort, dorthin, wo die sechs Kinder doch eigentlich nur in Ruhe rauchen wollten, ist so belassen: Keine Treppen, nur rötlich braune Felsen. Ich wackle in Birkenstock hinauf bis zum Kreuz. Man hat eine schöne Aussicht. Blondierte Damen folgen mir in stiller Versenkung.

Später entdecke ich auch noch den Parkplatz hinter der Kirche. Jetzt hat das Ganze einen Sog entwickelt. Ich stehe vor Geländekarten, hier Freialtar, dort Kreuzgang, da lang zur Beichte. Ich sehe Kennzeichen aus Kroatien, Slowenien, Deutschland. Und ich höre, mikrophoniert, verstärkt, die säuselnde Stimme eines Priesters, die über die Amphitheater-artig angelegten Bänke schallt und in unendlicher Wiederholung Maria anbetet und preist, davon zumindest gehe ich aus.

Man könnte gut noch ein paar hundert Leute unterbringen an diesem späten Nachmittag, aber das heißt nicht, dass nicht schon ein paar hundert da wären. Und wer nicht sitzen mag, der kniet und breitet die Arme aus. Ein bisschen Ekstase ist immer drin in Medjugorje. Ich streife beobachtend durch die Reihen und fühle mich gleichzeitig beobachtet von einem jungen Mann mit sanftem Gesicht, dem etwas wie ein Ausweis um den Hals baumelt und der entweder auch wie ich durch die Reihen streift, oder wegen mir durch die Reihen streift und mich irgendwann fragen wird, warum ich fotografiere, ob er mir helfen könne.

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Ich flüchte mich hinter die Kirche, wo etwas noch Erstaunlicheres stattfindet: Open-Air-Beichte. Priester dürfen nach Medjugorje eigentlich nur als Privatpersonen kommen, wenn das noch der aktuelle Stand ist. Klar ist, es kommen einige und die stellen dann hier, hinter der Kirche, einen Stuhl auf und ein oder mehrere Kärtchen, auf denen die Sprachen stehen, die sie beherrschen. Vor dem, der Serbokratisch, aber auch vor dem der Deutsch beherrscht, haben sich bereits lange Schlangen gebildet und die glotzen dann gemeinschaftlich zu, wie da von Stuhl zu Stuhl gebeichtet wird.

Auch das betrachte ich einige Minuten.

Ich weiß, dass es sich gelohnt hat, hier her zu kommen, denn Medjugorje ist tatsächlich so ein Ort, wie es ihn auf der Welt kein zweites Mal gibt. Ein Kuriosum. Man kann hier überall stehen bleiben und sich das Schauspiel ansehen, ein Schauspiel das nie aufhört und morgen so aussehen wird, wie es heute aussieht, aber doch nicht identisch.

Und dann muss ich hier weg. Denn es ist interessant, all das zu sehen aus einer gewissen Distanziertheit heraus, aber mit der Zeit, und nun bin ich vielleicht bald zwei Stunden hier, greift es mich direkt körperlich an.

Medjugorje mag geil kurios und irgendwie mystisch sein und all das, vor allem aber spirituelle Massenabfertigung und Geldmache mit naiver Leichtgläubigkeit. Alles, was da dazugehört prasselt hier auf mich ein. Ich bekomme einen flauen Magen und komische Gedanken. Ich muss weg, ich muss weiter. Servus, Maria.

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Balkan-Diary 5: Vepric, Makarska oder Die Nachbildung von etwas Unsichtbarem

Auf der kroatischen A1, irgendwo hinter Grabovac, legt die Gottesmuttter Hand an die Kupplung meines Renault Kangoo. Er jault jetzt noch lauter, als ohnehin schon. Er beschleunigt nicht mehr. LKWs überholen mich. Ich rede mir ein, das sei halt ein schweres Auto. Das sei der Gegenwind. Das liege an den gekippten Fenstern hinten, von wegen Aerodynamik und so.

Ich fahre rechts ran auf den Seitenstreifen. Zum ersten Mal auf den Seitenstreifen, den Notfallstreifen, den verbotenen Streifen. Sofort steigt mir der typische Kupplungsgeruch in die Nase, den man riecht und man weiß, aha Kupplung, ohne eine Ahnung zu haben, was genau da überhaupt so stinkt und warum.

Einfach einen Moment warten, denke ich, eine Pause gönnen, abkühlen lassen. Erstmal die gekippten Fenster hinten zumachen. Ich stelle fest, dass der Gegenwind lange nicht so stark ist, wie ich gedacht, gehofft, mir eingeredet hatte. Alles wird gut, denke ich und starte den Motor, alles gut bis hierhin, und lege den ersten Gang ein und gebe Gas, doch der Kangoo bleibt stehen. Und fährt nicht mehr.

Ich stehe auf der kroatischen A1, irgendwo hinter Grabovac, fast zweitausend Kilometer von daheim und die Gottesmutter hat mir das Auto geschrottet. Ich wühle durch Zettel, die sich im Handschuhfach angesammelt haben, Dokumente von jetzt und von früher, vom alten Auto und vom Vorbesitzer und von der Vorbesitzerin (Mama) des alten Autos. Ich muss irgendwo anrufen und weiß nicht wo, ich weiß noch nicht mal, in welchem Verein ich Mitglied bin und wo nicht. Ich bin stets zu naiv, optimistisch und faul gewesen, um mich mit dieser Möglichkeit auseinanderzusetzen.

Ich rufe bei der falschen Versicherung an. Ah, okay, danke trotzdem. – Ja, alles Gute. Ich überlege etwas zu lange, ob ich die gelbe oder die orangene Warnweste anziehen sollte, entscheide mich dann für die gelbe. Ist seriöser. Muss ich ein Warndreieck aufstellen? Ich probiere es nochmal mit Gasgeben. Nichts. Der Kangoo rührt sich nicht.

Ich finde die richtige Nummer, spreche mit einem netten Herrn, dem ich die Situation erkläre. Ich nenne Grabovac und Zagvozd, aber die falsche Autobahnnummer. Ich bekomme einen Rückruf und alles klärt sich auf und dann noch einen auf Englisch und dann soll ich warten und bestimmt dauert es bloß eine halbe Stunde und dann werde ich abgeschleppt und alles wird gut.

Ich sitze auf dem Seitenstreifen, gelbe Warnweste, und lese den Spiegel und mache Selfies und schicke sie nach Haus. Zwei Männer in so einem orangenen Baustellenwagen kommen vorbei, Autobahnmeisterei würde man in Deutschland wahrscheinlich sagen. Sie fragen, was los sei und drücken mir einen Zettel in die Hand, da soll ich unterschreiben. Ich verstehe nix, aber wenigstens kriege ich auch ein Exemplar. Für meine Unterlagen. Danke.

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Und ich warte. Five minutes, habe ich zu den Jungs von der Autobahnmeisterei gesagt. Und five minutes vergehen und auch zwanzig, eine halbe Stunde, ich lese den Spiegel. Ich schmiere mir den Nacken mit Sonnencreme ein. Und dann keimt herrliche Hoffnung, als ich sehe, dass sich ein Abschleppwagen nähert, wenn auch auf der falschen Seite. Am Steuer sitzt ein Kerl mit weißrandiger Kokser-Sonnenbrille und als er mich sieht, fährt er langsamer und deutet fuchtelnd an, dass er wenden muss, schon klar, und dass er dann wiederkäme.

Und die nächste halbe Stunde vergeht. Der Kangoo knackt leicht in der dalmatinischen Hitze. Und ich lese den Spiegel und glotze aufs Handy. Nächste Ausfahrt wird halt weit weg sein, denke ich, Misskommunikation, über so viele Ecken, kein Wunder. Da kommt der Abschleppwagen wieder um die Kurve mit der Sonnenbrille am Steuer und hinten drauf auf der Abschlepprampe sitzt schon einer, ein anderer, steht ein anderes Auto, wo der Kangoo stehen sollte, mein himmelblauer Kangoo.

Okay, ich will es nicht überstrapazieren: Nach insgesamt knapp zwei Stunden kommt der gleiche Kerl wieder und sagt, heute sei aber ein crazy day und ich denke, naja, good for you und sage: A lot of work for you. Aber er murmelt nur unzufrieden. Der Kangoo ist fest vertäut und der Mann bringt mich und ihn ins unweit entfernte Makarska. Schicksal möchte man meinen, Fügung.

Der Werkstattchef ist ein netter Mann, der gut Englisch spricht und mir erstens sagt, dass das sicher die Kupplung sei und nicht der Motor und dass er hier auch eine Ferienwohnung für mich hätte, die kann seine Frau schnell vorbereiten und wenn meine Versicherung nicht zahlen mag, macht er mir special price. Ja, ja, schon gut, es ist alles Recht.

Die Ferienwohnung hat eine Klimaanlage und einen Fernseher und das ist das Wichtigste. Während draußen der Sommer weiter so richtig hochfährt, sitze ich im eisigen Wohnzimmer meines neuen Apartments und verfolge die Fußball Weltmeisterschaft. Auch dann, wenn ich mich gerade am Telefon befinde, und am Telefon befinde ich mich in den kommenden beiden Tagen oft, läuft lautlos der Fernseher. Und am anderen Ende der Leitung erklärt mir jemand, dass die Übernachtungen erst ab der dritten bezahlt werden und dann dass das gar nicht stimme und dann dass ich ja gar keinen Schutzbrief hätte und dass also überhaupt gar nichts bezahlt werde und dann dass ich ja doch einen Schutzbrief hätte und bloß die entscheidenden Dokumente nicht zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort gewesen seien. Und jetzt müsse man halt mal kucken.

Dazwischen: Lange Aufenthaltszeiten in der dudelnden Warteschleife meiner Versicherung. Klimaanlage an, Fußballkucken.

Manchmal fragt der Meister, ob ich etwas Neues wisse von der Versicherung und ich mache gequälte Geräusche als Antwort. Und dann zeigt er mir, was er beim Kangoo alles ausgebaut hat und erzählt, dass morgen die Teile kommen. Ich persönlich habe weder eine Ahnung, warum ein Auto fährt, noch was eine Kupplung macht und jeder, der so eine Ahnung hat, ist in meinen Augen ein Freak, aber ich habe großes Vertrauen diesem Mann gegenüber und er, so scheint es mir mit der Zeit, fast väterliche Gefühle mir gegenüber, diesem bleichen Deutschen, der in seiner Werkstatt gestrandet ist, auf dem Weg in die Herzegowina.

Am Ende kommen mir diese drei Tage unendlich lang, zermürbend, demotivierend vor. Auf einmal mag ich am liebsten Daheim sein. Am Anfang aber bin ich noch absolut gewillt, das Beste aus dieser Situation zu machen. Ändern lässt es sich ja nicht. Was gibt’s hier denn so?

Und Makarska, das ist das kleine Glück in diesem Unglück, ist äußerst bezaubernd, vielleicht die schönste Stadt meiner bisherigen Reise. Sie hat einen kleinen Strand und einen Hügel, von dem es sich schön glotzen lässt, sie hat enge Gassen, einen Platz, auf dem traditionell getanzt und gefiedelt wird, in ihrem Rücken ragt beeindruckend das Biokovo-Gebirge und es gibt tolles Risotto und Tintenfisch und eine Bar, in der ich forsch Rotwein bestelle. Do you have a favourite?, fragt der hippe Kellner. Dry and cheap, sage ich, der Werkstattrechnung bedenkend, die zu bezahlen sein wird.

Ganz egal, denke ich zunächst also, toll, hier sein zu dürfen, was muss ich gesehen haben? Das Muschelmuseum ist leider schon zu. Hinter der Schule spielen alte und junge Herren Boccia.Und im Park an der Franjo Tudjman Promenade steht unschuldig eine Statue von, genau, Franjo Tudjman, dem ersten demokratisch gewählten Präsidenten des Landes, den nur der rechtzeitige Tod vor einer Anklage in Den Haag wegen Kriegsverbrechen bewahrte. Auch in Split gibt es eine Statue für den beinharten Nationalisten, Antisemiten, Rassisten, und in Pakostane und in Ploce. Ein überlebensgroßes Monumental-Denkmal entsteht zurzeit in Zagreb und soll in diesem Jahr enthüllt werden. Mann kann sich seine Helden nicht aussuchen – wobei, dochdoch, eigentlich schon.

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Das alles hat, zugegeben, wenig Schicksalhaftes, gar Göttliches an sich. Die Sache ist aber die: Seit ich vor rund drei Jahren eine umfangreiche Recherche zum Thema Marienerscheinungen in meiner Heimat und darüber hinaus begann, begnen mir solcherlei Orte, an denen sich die Gottesmutter angeblich zeigte, immer wieder. Maria verfolgt mich.

Eine gar kurze Recherche zeitigt, dass es hier, einen etwa halbstündigen Marsch entlang der brütend heißen Hauptstraße und dann durch ein Wohngebiet entfernt einen Ort namens Vepric gibt. Und dass ich diesen Ort sehen muss, ist klar, denn das ist besonders geil: Hier ist überhaupt gar nix erschienen. Hier hatte einfach nur ein irrer Bischof, Juraj Caric, Bock, die Pilgerstätte des bekanntesten Erscheinungsortes Lourdes mal eben nachbauen zu lassen, mit Grotte und Außenaltar und Erzengel-Gabriel-Statue und allem drum und dran.

Und als kleine lokale Zugabe gibt es eine Art Museum, in dem Bilder eines kroatischen Künstlers hängen, die zeigen, wie stählern der Herr war:

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Vepric ist quasi die Nachbildung von etwas Unsichtbarem, die Imitation von Mystik. Das noch viel Geilere daran: Es funktioniert. Natürlich kann der Schrein nicht mit dem Massentourismus an der Originalstätte mithalten. Aber an bestimmten heiligen Tagen pilgern etliche Gläubige hier her, um sich angesichts des Nachbaus vielleicht ein wenig der Illusion hinzugeben, sie wären woanders, an einem Ort in Frankreich, wo ein kleines Mädchen in 1858 die ein oder andere Botschaft empfing.

IMG_20180620_121922.jpgUnd deshalb, so müsste man meinen, hat die Gottesmutter ausgerechnet hier Hand an meine Kupplung gelegt. Wenn man glaubt, dass es sie gibt und sie sowas kann zumindest. Und wenn ja, dann hätte sie doch einen ganz guten, augenzwinkernden Humor, mit dem sie mir sagt: Zieh dir rein, was die Leute machen in ihrer Verrücktheit, zu der doch nur Glaube befähigt.

Am dritten Tage also frage ich nach dem Fortgang der Reparatur. Seine Frau müsse nur noch die Rechnung fertig machen, dann könne ich weiterfahren, lässt mich mein Mechaniker wissen. Und dann sieht er mich streng und etwas traurig von oben her an: Now you go to the beach, it’s a shame you haven’t been there. Und ich frage mich, woher er das wissen kann, aber es stimmt. Ich habe meine Zeit hier in Restaurants, vor dem Fernseher und an der Pilgerstätte verplempert anstatt, wie es sich gehört, am Strand zu fläzen.

Die Badehose und das Handtuch befanden sich allerdings auch im aufgebockten Kangoo. Bevor ich Abschied nehme von dieser ungeplanten Station, packe ich also das Zeug und mache mich auf den Weg. Ein letztes Mal aufs Meer glotzen, eine letzte kleine Runde im Meer schwimmen. Dann geht es weiter. Das Auto lässt sich nun so ungewohnt geschmeidig an, dass ich drei Mal abwürge, bevor ich es endlich aus dieser Ausfahrt schaffe. Ich hoffe, mein Mechaniker hat das nicht gesehen.

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Balkan-Diary 3: Die blutige Nacht neben der stone factory (Zadar, Brac)

Jetzt schnell eine Zigarette gegen den Hunger und die Tränen. Es ist 6 Uhr morgens, ich hatte kein Frühstück und keinen Kaffee und meine Freundin hat sich gerade am Flughafen Zadar in den Sicherheitscheck verabschiedet. Von nun an bin ich allein, ganz allein. Das wissend blinzle ich in das Licht dieses jungen Tages. Und für einige Momente wär ich lieber daheim im Bett, Vorhang zu, Netflix.

An der nächsten Raststätte in Richtung Süden fahre ich raus und verspeise ein Schokocroissant und das hilft ganz gut.

Wir sind am Vortrag schlau genug gewesen, schon mal bis Zadar zu fahren, weil dieser dumme Flieger so früh geht. Wir finden die richtige Abzweigung der Straße in Richtung Zentrum. Ein holpriger, staubiger Weg, eine Art Industriegebiet, im Hintergrund Steinhaufen und Kräne.

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Hier gibt es einen Stellplatz. Außer uns sind schon Holländer da. Ein junger Kroate empfängt uns sehr freundlich und bietet einen Shuttle-Service in Richtung Altstadt an, was im Endeffekt heißt, dass er uns jederzeit bereitwillig da hin fährt mit seinem Kleinwagen und später dann auch wieder abholt. Magst du gerne vorne sitzen?, frage ich H., weil ich generell nie gerne vorne sitzen mag und sie weiß das und fragt scheinheilig: Magst du wohl nicht gerne vorne sitzen?

Der junge Mann heißt jedenfalls Fillipp. Fillipp arbeitet hier, aber er arbeitet auch jenseits des Zauns, bei den Kränen und Steinhaufen, das ist die stone factory, wie er sagt und ich denke, geil, so müsste man mal eine Bar oder Band oder ein Buch nennen, stone factory. Beides gehört Fillipps Onkel, der seinen Neffen ordentlich schuften lässt. Stein sei sehr beliebt momentan. Und nebenbei studiert Fillipp noch. Not much free time for you, ha?, frage ich und er wiegelt achselzuckend ab: I sleep very little.

Zadar ist schön und spiegelglatt und weiß. Man hat die Altstadt aber auch relativ schnell abgelaufen. Die Hälfte des Tages verbringen wir mit der Suche nach den Gassen, durch die wir noch nicht gelaufen sind. Aber immer wieder, die Eisdiele, die Bäckerei, der DM, kennma schon. Im Hintergrund dudelt die Meerorgel, ein Instrument ohne Spieler, das unablässig wahllos vor sich hinpfeift, je nachdem, welchen Schacht der Wind gerade so bedienen mag. Auf einem Liegerad strampelt gemütlich ein alter Mann vorbei, hinten flattern die Deutschland-, Bayern- und Frankenfahne. Ein paar Meter vor der Stadtmauer hängen Vogelskelette an einem Gerüst. Am Kai vergammeln zurückgelassene Schiffe wie Müll.

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Ich stelle den Wecker auf fünf Uhr früh. Allein der Gedanke, so früh wach und in der Lage sein zu müssen, sich angemessen emotional zu verabschieden, hält einen ja wach. Der Schlafzwang als größter Schlafverhinderer. Das kenne ich noch von früher. Im Bett liegen und wissen, dass man in der Schule wach sein muss, aber jetzt bleiben nur noch sechs, fünf, vier Stunden…

Und irgendwann sind wir beide gleichzeitig wieder wach, denn im Kangoo summt eine Stechmücke. Ich setze mir die Stirnlampe auf. H. lauert. Sie sieht fast fröhlich dabei aus. Es ist ein Jagdtrieb in ihr erwacht. Wir haben bald eine gute Routine entwickelt: Ich leuchte und denke dabei weiter panisch darüber nach, dass jede Sekunde Schnakenjagd eine Sekunde weniger Schlaf ist, H. erschlägt die Tiere. Es ist nämlich nicht nur eine Mücke. Fillipps Stellplatz neben der stone factory ist anscheinend die artgerechteste Brutstätte. Mit Einbruch der Dämmerung haben sich die Moskitos an unseren warmen Körpern gelabt. Insgesamt erschlagen wir mindestens sieben oder acht von ihnen. An der Decke meines Autos zeugen dunkle Flecken unseres eigenen Blutes von diesem Gemetzel.

Als alles vorbei ist, setzt eine beunruhigende Form von Befriedigung ein. Wir lauschen ängstlich in die Stille und kratzen an unzähligen Stichen. Wir lauschen, ist da noch was? Nein, keine Schnaken mehr, dafür ein Hund, der gerade jetzt anfängt zu bellen und lange, lange nicht mehr aufhören wird.

Es geht mir alles in allem also mittelmäßig am kommenden Tag, dem ersten Tag allein. Ich muss alleine weiter, das war eigentlich ja eh der Plan, schauen, ob das geht, ob man das aushält, so lange mit sich selbst.

Ich quetsche den Kangoo in den schachtartigen Bauch einer Fähre, die mich auf die Insel Brac bringt. Der Reiseleiter an den Plitvicer Seen hat’s empfohlen, ich gehorche. Von der einen Seite, Supetar, muss ich nun auf die andere, Bol, das Touri-Kaff mit dem goldenen Horn, einer Landzunge aus hellem Kies, die sehr fotogen ins Meer hineinzüngelt. Und wie um mir selbst und der nicht mehr anwesenden H. zu beweisen, dass ich kein kompletter Soziopath bin und auch, um das Konversationskonto zur Seelenhygiene ein wenig aufzufüllen, gebe ich mir selbst gar keine Gelegenheit, darüber nachzudenken und fahre sofort rechts ran, als ich dort, am Straßenrand, eine Tramper sehe.

Super umständlich, denn: Mein Auto ist auch meine Wohnung. Da ich nun allein fahre, ist der Beifahrersitz natürlich voll mit Reiseführern, Ladekabeln, Lebensmitteln. Hektisch Entschuldigungen murmelnd schmeiße ich alles nach hinten, auf die Luftmatratze, während der Typ schon mühsam am Einsteigen ist, ein alter Kroate mit ledriger Haut und wenigen, dafür aber ausgesprochen kleinen, spitzen Zähnen im Mund.

Das bringt jetzt natürlich wenig von wegen Konversationskonto und so, denn der Typ spricht kaum Englisch. Ah Germany, sagt er natürlich und: Where? Und dann möchte er immer wissen, ob ich hier Familie hätte oder wo meine Familie herkommt, zumindest glaube ich, dass er das wissen will, also sagen wir unterm Strich die meiste Zeit Germany zueinander und stellen alsbald fest, dass das wenig Zweck hat und dann schweigen wir. Der Weg nach Bol, wo auch mein Tramper hinwill, weil er da wohl Familie hat, ist weiter als gedacht.

Dumme Idee, denke ich, sich selbst davon überzeugen zu wollen, dass man offenherziger Typ sei, das hat man dann davon. Ich dekliniere diverse Katastrophenszenarien durch. Am Ziel wird der Spitzzahnige meine Brieftasche – wenn es um Raub geht, sagt man Brieftasche, nicht Geldbeutel – haben wollen. Wo ist eigentlich mein Handy? Ah, da liegt es, in der Mittelkonsole. Besser mal ein Auge drauf haben… So kriecht der alte Menschenekel zurück in das heuchlerische Travelerhirn. Ganz allgemein fühlt es sich so an, als würde ich den Trunkenbold, der wie nach Wild-West-Sitte aus der Stadt verbannt wurde, wieder genau dorthin zurückbringen, was mir wiederum den Zorn der Einheimischen einbringen wird. Wie um das zu bestätigen, bittet mich der Tramper dann auch, ihn am Supermarkt rauszulassen, something to drink, okay, okay, kein Problem. Handy da, Brieftasche da, der Mann müht sich murmelnd aus dem Sitz, haut die Tür zu und blickt nicht mehr zurück.

Das war die gute Tat für heute. Ich muss mich ganz dringend mal ausruhen. Heut beginnt in Russland die WM. Ich brauche ganz dringend einen Campingplatz mit Fernseher.

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Balkan-Diary 2: Die Attraktion ist der Mensch (Plitvicer Seen, Starigrad)

Auf der kurvenreichen Küstenstraße zwischen Zadar und Starigrad herrscht zumindest teilweise eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 50 km/h. Weil ich schon seit geraumer Zeit spüre, wie mir die Einheimischen im Nacken sitzen, wie sie auf mein Kennzeichen schielen und fluchen auf die gesetzestreuen Touristen und ihre Art hier über ihre Küstenstraße zu schleichen, fahre ich eh schon eher 60, teilweise 70 km/h. Um die Demütigung ein wenig abzumildern.

Ich fahre hier ja zum ersten Mal. Ich weiß ja nicht, wie man das macht. Ich hatte gerade ein Thunfischsteak und danach gab es noch einen Honigbrandy, aufs Haus versteht sich, der Deutsche am Nebentisch erkundigt sich direkt händeschüttelnd nach dem Namen des Kellners und der lässt es sich nicht ansehen, ob ihm das unangenehm oder doch ganz recht ist.

Und jetzt, Honigbrandy im Kopf, Stracciatella im laktoseintoleranten Magen, zurück von Starigrad fast bis Tribanj, Camping Navis direkt an der so berühmt steinigen, dalmatinischen Küste. Der Nachbar vom bayrischen Wald jagte vorhin noch eilig zum Strand: Der Delfin is wieda do!, schreiend und nach seiner Frau, die ihn aus dem Wohnwagen heraus wissen ließ, sie müsse erst noch ihr Handy finden. Und dann standen wir an der berühmt steinigen Küste und warteten gemeinsam auf den Delfin. Der Bayer und der Schwarzwälder, wir Franken, ein paar Holländer, viel ledrige Haut, gegerbt in der dalmatinischen Sonne, viel geblähte Bäuche, weil es hier so gut schmeckt und zu knappe, viel zu knappe Speedos über Männerhintern. Aber kein Delfin, nicht mehr, nicht für mich.

Die Küstenstraße hier her, an diesen Ort zwischen zwei Orten, in diese Bucht, schlängelt sich zwischen Küste und Bergen und das ist dann, wie man so schön sagt, malerisch. In der Dämmerung aber kommt jede Kurve überraschend, kommt jede Geschwindigkeitsbegrenzung ungelegen. Lieber runterschalten, lieber langsam, bald sollten wir da sein, ein Kleinwagen, der mir die ganze Zeit schon so bedrohlich am Arsch klebte, drängt sich vorbei. Gut so, verpiss dich, bitte. Und da ist auch schon das Schild, Camping Navis, 200 m, langsam, Blinker, zweiter Gang. Ich bremse, will rüber, Spiegel, Schulterblick: Ey! Der Lieferwagen, der mir jetzt so bedrohlich auf dem Kofferraum klebte, wollt gade jetzt ganz gern vorbei, ich schon auf der Fahrbahnmitte. Ich sage: Alter! Spack! Und er wahrscheinlich etwas sinngemäß Gleiches auf Kroatisch.

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Es ist jetzt Vorsaison in Kroatien. Ein Wort, das sich schon so verlockend anhört. Vorsaison, man ist vor den anderen da. Man kommt heim und erzählt schon, wie es war, wenn die anderen erst aufbrechen. Vorsaison und man hat ein bisschen mehr von allem und den Strand für sich und der Schnaps geht aufs Haus.

Wenige Tage zuvor: Plitvicer Seen. Ja, Karl May, Winnetou und so, hier wurde doch irgendwas gedreht, das sagen die Leute zu einem und man selbst wiederholt es dann und der bzw. die gegenüber, in meinem Fall H., bestätigt das, ja, das habe sie auch gehört. Wir haben die Filme beide nicht gesehen. Ich halte die auch für schlimm langweilig. Aber die Hörspiele auf Kassette fand ich als Kind immer schön und ich musste auch fast nie weinen, wenn Winnetou dann stirbt, glaube ich.

Unterm Strich jedenfalls behauptet jeder Landstrich in Kroatien, auf dem es drei Bäume oder zwei Seen oder einen Wasserfall gibt, dass hier irgendeine der Karl-May-Verfilmungen gedreht worden sei. In Starigrad gibt es ein Winnetou-Museum, das zu einem Hotelkomplex gehört und laut Tripadvisor schön aber schwer zu finden ist. Wir gehen nicht hinein.

Von den Plitvicer Seen heißt es zweitens: Ja, die sind sehr schön, die muss man gesehen haben, aber Vorsicht, überlaufen. Wir denken: Vorsaison. Auf dem nahegelegenen Campingplatz ist auch noch viel frei, die Nachbarn sitzen vor ihrem Wohnmobil, hören Deutschrock und sehen ganz und gar nach Thüringen aus. Ein Frau erklärt ihrem Mann, dass sie jetzt das Toastbrot essen müssen, weil in dem Klima doch alles so schnell schimmelt. Eine andere fragt, weil wir doch junge Leute seien, ob wir auf unseren Handys nachschauen könnten, wie morgen das Wetter wird. Nur die Deutschen, scheint es, haben in 2018 überhaupt noch das Kleingeld, um auf Reisen zu gehen, aber wahrscheinlich war das schon immer so, bzw: Es gibt halt einfach viele von uns, Binsenweisheit.

H. hat sich im Vorfeld erst mal ein paar Geheimtipps im Internet angelesen. Zum Glück gibt es das Internet, wo alle Geheimtipps ganz schnell zu finden sind. Ein Blogger verrät, man solle sich den großen Wasserfall für später aufheben, am Abend ist weniger los, und zuerst einen J-förmigen See im Norden aufsuchen, der weniger Aufmerksamkeit abkriegt, aber auch schön ist.

Wir nehmen also zuerst das Schiff – kleine Überfahrt, große kindliche Freude meinerseits – nicht, weil das zum Plan gehört, sondern weil wir gar keine Wahl haben. Alle Besucher vom Eingang 2 werden zunächst mal verschifft. Dann versuchen wir, uns in Richtung des J zu halten. Die sporadisch aufgestellten Schilder sind, möglicherweise mit Absicht, absolut unbrauchbar: Mal ist von Wegen von 1 bis 10, mal von Routen mit den Buchstaben H,I,J,K die Rede und da, wo man einfach einen Wegweiser gebrauchen könnte, steht eh keiner. Google bringt auch nix, wir laufen wieder mal komplett in die falsche Richtung.

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Und das ist sehr gut, denn hier, auf einen Trampelpfad entlang eines dieser Seen, treffen wir nur ganz selten auf Menschen. Vielleicht weil der Weg durch eine Matschgrube führt und das will man ja auch nicht. Anders die Situation dann tatsächlich in Richtung des großen Wasserfalls. Das ist so ein Teil, wo man zwei Mal überlegt, ob man es jetzt überhaupt fotografieren soll, weil es ja so oft fotografiert worden ist und dann macht man es trotzdem und fühlt die Sinnlosigkeit aller Dinge.

Auf den Stegen, die zum Slap führen, drängen sich die Reisegruppen. Viele Asiaten jetzt. An dieser Stelle ist nicht mehr die Natur die Attraktion, sondern – vergleiche, Deflin und Strand –  der Mensch. Männer, deren haarige Bäuche frech aus den T-Shirts spitzen, Mädchen mit Tops, die von Partynächten berichten, die aufgeregten japanischen Paare und die jungen Frauen, die lange warten und posen, bis endlich, endlich das richtige, das perfekte Profilbild entstehen kann. Ein paar Meter weiter posiert auf demselben Steg ein Mann für seine Frau und versucht, seine Gesichtsmuskeln im Griff zu behalten und man kann sich so gut vorstellen,wie viele Profilbilder an einem solchen Tag an einem solchen Ort entstehen und wie die unterschiedlichen Facebook-Bubbles dann unterschiedlich darauf reagieren: So sweet, Hübsche! (viele Herzen), die einen, Gut schaust aus, schönen Urlaub noch (großer Smiley mit Daumen nach oben), die anderen.

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In einer Kehre, weg vom Wasserfall, den Berg hinauf, bleiben wir auf einer Bank sitzen. Ein Reiseleiter hält hier ein Schar wissbegieriger Rentner und Winnetour-Fans zusammen: Sie gehen jetzt hier über den Damm und dann rechts bis zum großen Wasserfall. Keine Hektik, wir haben Zeit, wiederholt er immer wieder und er hört sich dabei unverschämt so nett und angenehm an, dass wir noch ein wenig länger sitzen bleiben. Ich hör das irgendwie so gern, sage ich. Ich auch, sagt H.

Und dann sitzt er auch schon neben uns: Tut mir leid, dass ich hier so eure Ruhe störe, sagt er und wir beteuern, das mache gar nichts und Ruhe sei hier doch eh nicht so. Wir blicken auf die vielbeinige Menschenschlange, die sich an uns vorbeischlängelt. Ihr habt Glück, sagt der Reiseleiter, ein mittelalter Mann mit einer braunen Wolkenfrisur, heute ist wirklich wenig los. Das überrascht uns doch ein wenig. Ja, viele Menschen seien hier im Sommer halt immer. Dann passen Sie mal auf, dass sie niemand verlieren, sage ich und lache. Sie lachen, sagt der Reiseleiter, aber das passiert uns Reiseleitern wirklich oft. Die Leute kennen sich noch nicht und dann laufen sie einfach irgendjemand hinterher.

Er seufzt ironisch und man merkt, dass er ein gutes Verhältnis zu seinem Job hat und vom dem würde man sich auch gerne mal Kroatien zeigen lassen. Und dann rät er mir noch, nach Brac zu fahren, klar da sei jetzt auch alles packed, aber sein Lieblingsort in Kroatien. Und wenn der das sagt, denke ich. Dann muss er weiter, den großen Wasserfall herzeigen wie etwas von sich selbst und ich wüsste so gern, wie oft er ihn schon gesehen hat und ob das noch irgendetwas mit ihm macht.

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Balkan-Diary 1: On Balkan is always war (Pressegger See, Bovec, Ljubljana, Otocec)

Auf dieser Art zu reisen, mit dem Auto unterm Arsch aber ohne die Sicherheit irgendwelcher Ziele oder gar Buchungen, heißt immer, sich mit möglichst großer Konsequenz dem Zufall auszuliefern. In welches Tal steuern wir den Kangoo, Weißensee oder Pressegger See? Wir haben von weder noch eine Vorstellung. Wo schlagen wir das Zelt auf, Trenta, Soca oder Bovec?

Und sollte man nicht da, in Most na Soci, mal rausfahren, einfach weil das Wasser der aufgestauten Soca hier so surreal Eisbonbon-blau aussieht…?

Der Zufall ist der Freund des Reisenden. Vielleicht der einzige. Der Reisende ist oft allein, er ist fremd, Eindringling, Analphabet, Finanzspritze und Last. Der Zufall ist blind, er sieht nicht, woher du kommst.

Irgendwo, ich glaube im Reiseführer, steht, die Slowenen denken westeuropäisch und fühlen Balkan. Neva, die immer in Ljbuljana City Center gelebt hat, sagt, ich soll auf jeden Fall nach Serbien und Bosnien fahren, weil dort wirklich der Balkan ist, dieser Balkan, und hier doch mehr noch Österreich und Sauerkraut.

Neva und Hannah haben sich in Sri Lanka kennengelernt, Zufall. Und jetzt sitzen wir in einer Art Biergarten vor einem Jugenzentrum-mäßigen Club, in dem eine Band vor sich hin jammt, deren Sänger einen langen schwarzen Mantel trägt. Hört sich bisschen ungeordnet an, findet H. Wir trinken Nefiltrano, ungefilterters, quite normal beer, findet Neva.

Neva ist Anwältin, fünfzig Stunden Woche. Und weil der Job so mies bezahlt ist und der Chef vielleicht ein schlechtes Gewissen hat, fliegt die ganze Belegschaft morgen früh nach Istanbul, um da drei Tage Party zu machen. Früh um sechs gibt’s den ersten Schampus. Sie muss High Heels mitnehmen und das passt ihr nicht.

Es ist bald dreißig Jahre her, dass Nevas Vater hier in diesem Land, das so etwas wie das Baden-Württemberg Osteuropas ist, im Krieg war. Zehn Tage lang musste Slowenien um seine Unabhängigkeit von Jugoslawien kämpfen, Nevas Papa trug zwar eine Waffe, aber schießen musste er nicht. Rund hundert Menschen sind gestorben, sagt Neva, weil ein Hubschrauber über Ljubljana abstürzte.

Aber trotzdem: Ihr Vater reist heute nicht in diese Länder, Serbien, Bosnien, Montenegro, weil er nicht weiß, was der, dem er gegenübersteht, vor dreißig Jahren möglicherweise getan hat.

On Balkan there is always war, sagt Neva. Die Slowenen hassen die Kroaten, die Serben die Bosniaken. Aber nur daheim, der Hass gehört auf die Halbinsel: Wenn sie sich im Ausland träfen, seien alle Südosteuropäer dann doch auf einmal Brüder. Im Vorfeld der Reise habe ich natürlich versucht, mich ein wenig zu informieren, was da passiert ist. Es geht nicht. Es ist zu viel und mit jeder Information, darüber, wer wem wann und warum auf den Schädel gehauen hat, verliert man eine andere aus dem Gedächtnis.

Aber einmal, denke ich, und das stimmt doch, da gab es zumindest mal fast vierzig Jahre lang Frieden: Solange Jospip Broz Tito an der Macht war im geeinigten Jugoslawien. Also frage ich, ein bisschen vorsichtig, weil man ja nicht so richtig weiß: Do people sometimes miss it? Nein, sagt Neva, obwohl das natürlich richtig sei und nein, ein Stalin sei der Tito sicher nicht gewesen, aber ein Diktator halt schon und wer eine oppositionelle Meinung hatte, konnte immerhin im Gefängnis landen.

Und weil man dann schon mal dabei ist, verpasst man die Band mit dem Manteltyp und bestellt noch so ein Union oder Lasko. Und weil man dann schon mal dabei ist, versuche ich noch Neva zu erklären, was da bei uns bei der letzten Wahl passiert ist. Und dann schauen wir alle drei auf das bisschen Europa und wie das gerade aussieht, nach allem, was in den letzten drei, vier Jahren passiert ist. Die stärkste Oppositionspartei in dem Land, aus dem wir kommen, ist rechtsradikal. Das muss ich zugeben.

Und hier? Ein paar hundert Flüchtlinge seien geblieben, sagt Neva, die wollten ja alle nach Deutschland. Und trotzdem lassen die Menschen sich eine Angst einreden und wählen die, na ja, man könne es nicht anders sagen, Nazis. Vor der vergangen Parlamentswahl habe ihr Bruder ihr eröffnet, die katholischen Liberalen zu wählen. Und Neva habe gefragt: Was, wenn deine Freundin schwanger wird und ihr könnt euch kein Kind leisten, aber wegen deiner Partei ist Abtreibung illegal. Ich habe Geld, habe er gesagt, dann fahren wir nach Österreich.

Money rules, sagt Neva. Vielleicht war das damals anders, in Jugoslawien. Dafür waren die Supermarktregale immer wieder mal leer. Wir wissen auch nicht weiter und waren vielleicht noch nie so pessimistisch wie jetzt. Und wir schauen auf das, was bei den nächsten Wahlen vermutlich noch passieren wird. Und ich sage. We’re fucked. Und Neva sagt: For sure.

Hätten wir diese oder jede Reise vor fünf oder mehr Jahren gemacht, man hätte kaum über Politik gesprochen und mehr über die schönen Dinge im Leben. Aber morgen gehen wir erst Mal auf die Burg und essen ein Eis und ein Street Food aus Tanzania. Weil morgen ist Freitag, Zufall, und da kann man in Ljubljana ganz wunderbar auf Markt vor der Kathedrale St. Nikolai speisen und es läuft Musik und man teilt sich eine Bierbank mit ein paar Rentnern aus Österreich oder sonstwo her.

Und so geht es natürlich auch.

In other news:

In Kärnten, Pressegger See, Hermagor, esse ich ein okayes Schnitzel im Camping-Platz-Restaurant. Der Platz, und noch einer, sowie diverse Pensionen gehören einer gewissen Familie Schluga. Die kontrolliert hier das Business, stellen wir uns vor, die bestimmt, wer Bürgermeister wird und wo die Umgehungsstraße gebaut wird. H. isst eine kleine Pizza.

Und will dann mit Karte zahlen, weil sie mit Zahlen dran ist, aber der Kellner, ein Österreicher, der ganz genau weiß, wie österreichisch er ist, struppig, hehe-grinsend, der Kunde is König am Oasch, sagt: Mit Koadn geht jetz nemma. Weil er ein fauler Depp ist. Und H. soll sich halt erkenntlich zeigen, wenn ich jetzt zahle, weil Frauen seien doch kreativ, hehe, zwinker, zwinker und guade Nocht noch.

Man kennt ja auch nette Österreicher und das Land ist toll schön und die Hauptstadt, jaja, aber in seiner Gesamtheit doch: Zum Vergessen. Provinzielle Selbstvergessenheit als Markenkern, Besäufnis an der eigenen Unzulänglichkeit, Sebastian Kurz.

Im Soca-Tal, Bovec, beziehen wir einen von mehreren wie die Perlen an der Kette aufgereihten Camping-Plätze. Vorsaison, quasi nix los. Am Abend bringe ich ein mickriges Lagerfeuer zustande, aber immerhin. Am Tag wollen wir zu einer Burg und in eine Schlucht, laufen dann am komplett in die falsche Richtung, vorbei an Kühen und Schafen und in ein Dorf, in dem es nichts weiter gibt, außer einer Terrasse mit eindrucksvoller Kakteen-Sammlung. Ein von pickenden Hühnern umringter Mann grüßt freundlich. Man grüßt immer so mit Geräuschen, weil man weder weiß, ob der Gegenüber einen versteht, noch sich erinnern kann, wie Guten Tag auf slowenisch heißt, wenn es drauf ankommt. Also lieber hastig schief grinsen und ein: Mhhjjjellog rausmurmeln. Geht immer.

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Wir versuchen die Wanderung zu retten, indem wir einen Rundweg draus machen. Dazu müssen wir hier nur kurz auf die Serpentinen-Landstraße, gefährlich, aber dann irgendwie rechts weg und dann gibt das so eine Art Schlaufe. Sagt Google Maps. Wir finden die Abzweigung und dann ist es erst sehr schön Urwald-mäßig und dann ist der Weg weg, klar. Nicht schon wieder so eine Scheiße, sage ich, in Kärnten war es genauso. Da steht man dann im hüfthohen Gras und hat keine Ahnung und Angst vor Zecken und Kühen, in deren Revier man gerade eingedrungen ist.

Aber dann war’s doch halb so wild. In Bovec gibt’s eine hippe Brauerei und ein alter Slowene empfiehlt mir was, ich bestelle aber was anderes. Mit neuseeländischem Hopfen. So.

Und letztlich, bevor wir dieses ungelogen wunderbare Land verlassen, Otocec. Auf einer Insel auf der Krka steht das Wasserschloss. Ich denke: Burgen und Schlösser, da dachte man früher immer, wow, toll besonders. Heute merkt man, egal, wo man hinkommt, alle zehn Meter haben irgendwelche Habsburger oder Windischeschenbacher oder man weiß es nicht mehr so genau irgendwelche Wasserschlösser in die Landschaft gekackt. Das Teil hier stammt sogar aus dem 13. Jahrhundert, als sich irgendjemand so wichtig und bedeutend gefühlt hat, um in genau diesem letzten Winkel der Welt etwas Monumentales zu hinterlassen.

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Was das damals bedeutete, kann man kaum sagen. Heute bedeutet es, dass da ein Fünfsternehotel ist und ein slowenischer Boy hat den undankbaren Job, den ganzen Tag über in einer unbequemen Uniform vorm Tor zu warten. Am Ufer, schräg gegenüber, also wirklich zwei, drei große Schritte entfernt, gibt es einen winzigen, komplett Komfort-freien Camping-Platz. Zehner die Nacht.

Wir stellen den Kangoo so, dass wir mit Blick auf das grün sprudelnde Wasser aufwachen. Ein slowakisches Pärchen stellt ihr Zelt so, dass sie direkt neben sowohl Mülltonnen und Toiletten aufwachen. Jeder wie er mag. Wenig später trägt sie ein Abendkleid und er einen Anzug und sie bitten uns um einen Stift, um noch was auf ihre Karte zu schreiben… Im Schloss wird heute Hochzeit gefeiert und das Paar spaziert, angeführt von so einer Art Prinz oder so, durch die bescheidende Parkanlage.

Am Abend bekommen wir noch Besuch von zwei slowenischen Jungs, ein dicker und ein dünner, die beide recht verschoben aussehen, als wären ihre Gesichtsknochen einmal wild durchgewürfelt worden. Sie fragen nach Zigaretten und machen mit Händen und Füßen darauf aufmerksam, dass die Sonne heute heiß ist. Dann zeigt der Dicke noch eine Art Geschwür an einem seiner Finger und schon sind sie wieder fort. Nett.

Zuletzt besucht uns, und wir dachten, hier herrscht abgeschiedene Ruhe, der Strudelmann. Der zerrt blecheweise Kirschsstrudel aus seinem Kofferraum und hält uns sofort ein Stück unter die Nase: Probieren! Stichprobe machen! Strudel! H. sagt, danke und das sei ja sehr lieb, aber sie habe eben erst gegessen. Stück zwei Euro!, sagt der Strudelmann. Danke nein, sagt H., aber ich suche schon nach dem Geldbeutel. Sehen die Farbe!, sagt der Strudelmann, alles natural! Wie viel Stück? Ich habe kein Kleingeld, H. schon. Eines, sage ich. Mehr!, sagt der Strudelmann, wieviel? Zwei Stück? Morgen essen! Eines reicht, sagen wir und dann sagen wir es noch ein paar mal und der Strudelmann freut sich und sagt: Kann nur wenig Deutsch aber guten Appetit und eine schöne Reise.

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Fetisch Einöde. Teil 2: Falsche Entscheidungen

Tag zwei und schon wird das Alleinsein zum ersten Mal zur Qual. Man fühlt sich nicht mehr wohl mit so einer Reise, die man sich ausgedacht hat wie ein kleines Drama zur Uraufführung im diskret-privaten Rahmen. Ich fahre also zu einem Stausee. Kann man hier irgendwo einen Kaffee trinken? Nein. Also weiter.

Antenne Thüringen spielt die Hits, ich singe mit und linse nur manchmal auf mein Handy.

In Saalfeld stelle ich das Auto ab. Ich spiele mit dem Gedanken, mir die Feengrotten anzusehen und entscheide mich dagegen. Warum? Das ist im Nachhinein schwer zu sagen. Man ist manchmal, selten genug!, nicht in der Stimmung für Zauberhaftes.

In der Mocaba Espressobar trinke ich einen Kaffee und lese, dann esse ich ein Panino mit Schinken und Walnuss-Tomaten-Pesto. Der Kellner ist unverhältnismäßig begeistert von dem wenigen Trinkgeld, das ich ihm gebe. Unter einem Stadttor rauche ich die erste Zigarette des Tages. Weil ich davor Ricola gelutscht habe, schmeckt sie ein wenig schokoladig. Muss weiter.

Wohin? Richtung Rudolstadt? Hört sich nicht schlecht an, aber auch irgendwie zu groß.

Kurz vor Rudolstadt biege ich ab, in den Wald, Serpentinen, die einen Berg hinaufschlängeln, irgendwie italienisch. Ich erreiche Schwarzburg, ein zweigeteiltes Dorf, unten und oben alles Fachwerk, malerisch.

Oben drauf: Die Schwarzburg. Ich lerne, dass hier die erste deutsche, demokratische Verfassung unterzeichnet wurde, Weimarer Verfassung, 1919 war das. Was man alles nicht weiß.

Ich will hier bleiben, aber die Pension ist belegt, ein Hotel ist zu und ich bin zu scheu, um zu klingeln, in die Jugendherberge will ich nicht, die anderen Hotels sind, Google sagt mir das, zu teuer.

Schwarzburg rausgeputzt, zu sauber, zu flott, und trotzdem tot jetzt in März.

Weiter, Strecke machen, mehr sehen. Ich bin müde, würde gerne jetzt bald irgendwo ankommen, mich noch ein wenig hinlegen vorm Abendessen. Ich versuche, so zu fahren, dass es nach mehr Berg und nach mehr Wald aussieht, Thüringer Wald, das war ja so ein heimliches Ziel bei dieser Reise, die Ziele verbietet. Einmal falsch abgebogen, schon touchiert man den Wald nur noch und vor mir öffnet sich die Ebene, Felder, keine Bäume, wie zur Strafe dafür, dass ich meine halben Gedanken zu konkret an Ziele verschwendet habe.

Das Traurigste ist, dass man mehr Gästehäuser, Wirtschaften, Kneipen sieht, die leer stehen als solche, die noch betrieben werden. Ich fahre irgendwie Richtung Ilmenau, aber Richtung Ilmenau will ich nicht.

Und Rudolstadt ist wirklich zu groß, zu viele Autos und Ampeln, die Hotels schaue ich mir gar nicht erst an. Ich fühle mich überfordert und ein bisschen nervös.

Und das ist das Risiko, das man eingehen muss: Dass man scheitert beim Reisen. Dass es schiefgeht, weil man einmal verzagt ist, einmal denkt, da geht noch mehr, einmal falsch abbiegt, Ilmenau, Rudolstadt, alles Scheiße. Aber Unzufriedenheit ist eigentlich genauso verboten wie Zielehaben.

Ich passiere Teichröda und sehe eine Pension. Schaut nett aus, denke ich, muss ich mir merken. Aber hier bin ich im Tal, ich will auf den Berg. Also wieder rechts, da steht etwas von wegen Schloss. Die Pension Sonja gefällt mir aber nicht, zu privat, kein Gasthaus. Also weiter, vorbei an den leerstehenden Gasthäusern. Nie kann man sich entscheiden, immer denkt man, man findet etwas Besseres, Schleifen und Kreise fahrend wie eine irrlichternde Motte. Zum Glück bin ich allein, keine Diskussionen. Alles Part of the Game.

Zurück nach Teichröda. An der Pension Hopfgarten hängt ein Schild, Gäste möchten gegenüber, im Restaurant Hopfgarten, auf sich aufmerksam machen. Der Besitzer hat mich schon gesehen, ein älterer Herr in der glänzenden Trainingsjacke des FSV Rot-Weiß Teichröda.

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Ich sage, dass ich auf der Suche nach einem Zimmer sei. Kann er haben, sagt der Mann. Man wird hier nicht gesiezt oder geduzt, sondern geerzt. Und zwar konsequent. Er murmelt etwas Unverständliches und läuft dann voran Richtung Restaurant, ich hinterher. Auf halbem Weg dreht er sich um und sagt, er könne auch warten, weil er nur die Schlüssel hole. Also einmal er ich, einmal er er. Als er mir aufsperrt fragt er, ob er zum Arbeiten hier sei. Ich sage, nein, ich fahre einfach durch die Gegend, bis ich keine Lust mehr habe. Ahja, sagt der Mann.

Dann spaziere ich durch den Ort. Er ist wirklich ganz hübsch, kein Schiefer mehr, alles Fachwerk, keine Leerstände. Liegt vielleicht am Gewerbegebiet Teichröda. Sonst aber ist hier nichts. Keine Bar, noch nicht mal eine Spielo, keine Menschen auf der Straße, keine Wanderkarte. Nur ein Friseur und ein zweites Restaurant, Alter Konsum, leider Betriebsurlaub.

Weil der Mann nicht sehr freundlich war, onaniere ich ihm in die Dusche.

Eine Stunde lang kämpfe ich mit der Fernbedienung. Keine Sender. Kein Signal. Endlich finde ich heraus, wie man einen Suchlauf startet. Kein Erfolg. Ich will nicht um Hilfe bitten müssen. Immer wieder Menü, zurück, Einstellungen, Ok. Manchmal funktioniert die Fernbedienung, manchmal nicht. Ich werde zornig. Dann entdecke ich zwei weitere Fernbedienungen auf dem Fliesentisch. So geht das.

Im Restaurant sitzen außer dem Wirt noch drei weitere Gäste. Zwei verabschieden sich bald. Einer sitzt noch schweigend mit dem Wirt zusammen. Ich bestelle Bier, Apoldaer, es schmeckt sehr gut. Ich frage, worum es sich beim Thüringer Rostbrätel handelt. Ein Kammfleisch, sagt der Wirt, vom Schwein. Das probiere ich, sage ich. Das Rostbrätel ist mit einem Haufen Zwiebeln bedeckt, die ich nicht so mag. In den Bratkartoffeln erkenne ich Speck. Der Wirt fragt: Wann will er denn frühstücken?

Wieder nur zwei Bier. Diese Minimalkommunikation den ganzen Tag, alles zweckdienlich, alles Dienstleistung, verursacht, dass ich entweder in Dialogen mit mir oder mit ihr oder in Schreibsprache denke. Man reibt sich innerlich wund. Ich würde gerne weitertrinken, aber hier fühle ich mich nicht wohl damit, noch eins zu bestellen und dann alleine hier sitzen zu bleiben mit dem Trainingsjackenmann, der kein Interesse daran zu haben scheint, mir ungefragt seine Lebensgeschichte zu erzählen.

Also rauche ich auf meinem Balkon. Die Pension ist architektonisch ein bisschen wie ein Motel. Thüringen ist Kalifornien.

Wo zur Hölle bin ich? Teichröda.

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Vielleicht eine Fehlentscheidung. Hier wird nichts Berichtenswertes mehr geschehen. Ich fühle mich unter Druck, morgen was richtig Gutes zu finden. Und eigentlich schreit vieles in mir nach Heimkehr. Das ist nicht drin, keine Kapitulation.

Am Morgen ist der Rotz noch da, aber durchsichtig, das ist ein gutes Zeichen bekanntlich. Alle Gedanken an Heimkehr fortgewischt. In der Nacht träumte ich von einem Mädchen. Wir lagen in Berlin auf der Straße, mein Kopf auf ihrem Bauch. Ich hatte ein riesiges Terrarium gekauft und nun sprachen wir darüber, welches Tier darin leben sollte. Ich dachte an eine Echse, einen Waran, sie meinte, dafür sei mein Terrarium zu klein. Dann war ihr Gesicht ganz nah an meinem. Ich wusste nicht, ob ich durfte, wir zögerten, dann spürte ich ihre Lippen. Sie waren sehr surreal weich. Wie alpenländisches Gebäck. Ich wachte auf und sah, dass genau dieses Mädchen mir geschrieben hatte.

Ich habe weniger Schmerzen als an den Vortagen und bin voller Tatendrang. Aber ich bin mir unsicher, ob ich jetzt in den Thüringer Wald, also quasi zurück, oder nach Jena fahren soll. Der Wirt hat mir ein Frühstück vor die Tür gestellt. Ich versuche, die Entscheidung per Whatsapp auf verschiedene Freunde abzuwälzen. Die meisten sind dafür, dass ich in den Wald fahre. Im Auto sitzend entscheide ich mich für Jena. Ich will den Abend nicht vorm Fernseher, sondern in einer Bar verbringen.

Ich habe jetzt ein Ziel. So war das nicht gedacht gewesen. Aber Jena hört sich irgendwie gut an.

Jena. Hier, entlang der Saale, ist es schön, sanfte Hügel, in denen Nebel hängt, Dörfer, die gar nicht so sehr nach Verfall aussehen. Ich sehe ein Schloss auf einem Berg, also biege ich rechts ab. Das Schloss ist eine Burg, die Weißenburg, sie liegt direkt neben einer imposanten Rheumaklinik.

Ein Wegweiser sagt, ein Kilometer auf den Elsterberg. Ich beschließe, ein bisschen zu laufen. Erst geht es durch einen kahlen Wald, dann über eine Wiese. Unter mir hängen die Wolken im Tal. Ich komme mir vor wie im Gebirge.

Ich bekomme wenig Luft durch die Nase, der Kopf pulsiert vom Rotz. Egal.

Goethe muss wohl, das steht auf der Wanderertafel, gesagt haben, er finde diese Gegend, das Saaleland, ganz herrlich. Man fragt sich, wo der damals seinen Klumpfuß nicht hingesetzt hat.

Wäre vielleicht mal eine Idee für einen sehr schönen, sehr dünnen Reiseführer: Urlaub machen, wo Goethe nie gewesen ist.

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Nach meiner kurzen Bergtour will ich natürlich auch noch die Burg betrachten. Zwei Vermesser bauen hier gerade ihr Vermessungsgerät auf. Immer muss dieses Land vermessen werden, das hört nie auf.

Ich gehe durch ein Tor und ignoriere ein gelbes Schild an einem Baum: Privatgrundstück, Eltern haften für ihre Kinder. Blödsinn, denke ich. Man wird sich ja wohl noch eine Burg anschauen dürfen. An der Burg hängt auch das Schild einer Biermarke, vielleicht bekomme ich hier sogar einen Kaffee. Und dort vorne ist so eine Art Terrasse von der ich bestimmt einen erhebenden Ausblick habe.

Ein Mann streckt seinen Kopf aus einem der unzähligen Burgfenster.

Ob er mir helfen könne. Nö, sage ich, ich schaue mich nur um. Da hängt ein Schild an dem Baum da vorne, sagt der Mann. Ich glotze ihn blöd an. Ich bin ahnungslos, soll das heißen, ein Schild habe ich nicht gesehen, bitte erklären Sie sich. Privatgrundstück, sagt der Mann. Oh, sage ich, sorry. Ja, sagt der Mann. Bin schon weg, sage ich. Ja, sagt der Mann auffordernd, ja!

Ja, doch.

Weiter Richtung Jena. Das hat gut getan. Vielleicht weil ich mit jemandem sprach, von dem ich nichts wollte, sondern vielmehr er von mir, dass ich von seinem Grundstück verschwinde nämlich.

Wenige Kilometer weiter entdecke ich ein außergewöhnliches Dorf. Es ist sogar eine Stadt, eine der kleinsten Thüringens. Orlamünde. Wieder so ein zweigeteilter Ort. Die Oberstadt krallt sich in einen Bergkamm, eine Reihe Häuser, die aussieht, als könnte sie jeden Moment herunterfallen, in die Dächer der Unterstadt. Attraktion dieser Oberstadt ist die Kemenate.

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Ich weiß nicht, was eine Kemenate ist, sieht aus, wie eine sehr alte Kirche.

Sie ist verschlossen. Ich gehe die Straße auf dem Bergkamm entlang. Pastellfarbene Häuser winden sich einen leichten Anstieg hinauf. Der Ort hat einen Instagram-Filter. Im 18. Jahrhundert gab es hier eine Bierschlacht inklusive Verwundungen. Außerdem stritten die Bürger mit Martin Luther, daran erinnert ein Denkmal. Heute schläft die Stadt, immerzu, Tag und Nacht, Schlaf. Auch in Orlamümde stehen viele Häuser leer. Einen Kaffee kann man hier nicht trinken.

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In Jena, denke ich, sollte es nicht so schwer sein, einen guten Gasthof zu finden. Ich fahre einen Kreis um das Zentrum, stoße dann hinein, glotze halb immer auf das Handy, Google Maps, hier in der Nähe sollte etwas, irgendwas mit Zum Hirsch… Viele Fußgänger um mich herum. Ich bin nicht sehr aufmerksam. Ein roter Blitz. Fuck! Vierzig in der zwanziger Zone. Zwanziger Zone! Wer macht denn sowas? Scheißdreck.

So geht das nicht. Ich fahre ein Stück aus dem Zentrum. Bei Google habe ich die Grüne Tanne entdeckt, die mir Richmann empfohlen hat. Ich sehe das Gasthaus und lese, dass hier die erste Burschenschaft gegründet wurde und dass Goethe hier gern eingekehrt sei. Natürlich! Wenn er mein Nachbar wäre, ich würde ihm das Autofenster einschmeißen.

Ich frage die Frau mit dem blonden Kurzhaarschnitt, ob sie auch Zimmer haben. Sie sagt: Nein. Ich sage: Na gut, alles klar, und höre mich dabei unangemessen fröhlich an. Andreas hüpfend ab.

Das Zentrum nördlich umkurven, sich irgendwie durch Einbahnstraßen schlängeln. Gasthof Zur Schweiz. Sieht sehr gut aus, aber auch so, dass man nicht ganz sicher sein kann, ob er noch betrieben wird. Die Tür ist offen. Drin sitzt eine Frau mit derselben blondgefärbten Kurzhaarfrisur. Ich bräuchte ein Zimmer. Für wen?, bellt die Frau. Naja, für mich sage ich. Also, Einzelzimmer, hänge ich an, weil ich merke, dass sie mit meiner Antwort nicht zufrieden ist. Ja, wann?, schreit sie ungeduldig. Heute sage ich, also eine Nacht. Ich kichere nervös. Achtundfünfzig Euro mit Frühstück, sagt die Frau, als handle es sich um ihren letzten Versuch, mich doch noch zu vertreiben. Is‘ okay, sage ich sehr kleinlaut, jeder Preis wäre okay gewesen, das hat sie geschafft.

Ich beziehe mein Zimmer, es ist sehr groß. Ich mache mich auf die Suche nach einer Bratwurst. Das dauert länger als gedacht. Zuerst finde ich einen Sushiwagen, einen Vegane-Burger-Wagen und diverse syrische Shawarma-Stände. Thüringen, denke ich, fuck you. Das Theaterstück von Camus, das ich mir heute Abend anschauen könnte, entfällt wegen Krankheit. Schillers Gartenhäuschen ist geschlossen, wegen Krankheit. Beim Grillteufel bekomme ich eine Wurst. Sie ist erstaunlich zäh. Jena ist eine Enttäuschung. In einem Café lese ich und belausche den Nebentisch. Ein Typ mit Bart und seltsamen Haaren, wahrscheinlich Pädagogik-Hiwi, unterhält sich mit einem Punk-Mädchen mit grünen und orangenen Haaren. Ihr Freund muss Sozialstunden machen und sie sucht einen Aushilfsjob und tanzt nicht gerne. Beide sind schüchtern, als wäre das ein Date. Einmal erwischt mich der Hiwi dabei, wie ich rüberschaue.

An dieser Stelle brechen die Aufzeichnungen ab. Man erlebt immer schnell und schreibt immer langsam. Das ist ein Problem. Ich bin dann noch nach Berlin gefahren. Da war es auch okay.

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Feel the Derm. USA 2016. Teil 6: Rumballern und wie es dazu kam

Sie seien, schreibt eine Frau auf J.s Couchsurfing-Seite, nach ihrer Ankunft sofort wieder abgereist. Das Haus, in dem J. in Salt Lake City Gäse aus aller Welt beherbergt, sei kein geeigneter Ort für Kinder. Die restlichen Reviews sind positiv. Uns erscheint J., der, wie sich später herausstellen wird, kräftig gebaute Freund von Hawaiihemden und alten Autos, schon vor unserer Ankunft in der Mormonenmetropole als außergewöhnlich zuvorkommend: Er will uns vom Bahnhof abholen.

Dies geschieht, nachdem ihn meine Whatsappnachrichten aus dem Schlaf gerissen haben, tatsächlich. J. steigt aus seinem Honda und begrüßt uns in einem österreichischen Dialekt mit amerikanischer Färbung: Verdammte Hippies, sagt er. Ich hasse Hippies. Unsicher kichernd steigen wir ein. Unser Gastgeber stellt sich nicht vor und fragt nicht, wie wir heißen, er flucht nur unablässig während er uns an einer knäuelhaften Obdachlosenarmee vorbeifährt. Der Mann ist müde, er hat nicht mehr mit uns gerechnet. And you smell like bums, too.

Das allerdings ist sicherlich wahr. Die Stecke zwischen Denver und Salt Lake City haben wir mit dem California Zephyr hinter uns gebracht, einem ultra bequemen und ultra langsamen Zug über die Rockie Mountains. Wir sind fünfzehn Stunden unterwegs und trinken dünnen Kaffee im Panoramabistro.

In Denver haben wir vier Tage beim schlaksigen Schiebermützenträger Bryan und dessen Mitbewohner Steven verbracht. Bryan arbeitet im Geschäft seiner Eltern, während seines Studiums der Religionsphilosophie hat er seinen Glauben verloren. Das könne man nicht ganz so sagen, meint er, aber eigentlich schon. Steven war bei den Marines, jetzt ist er ein bisschen moppelig. Er würde gerne Skateboard fahren, traut sich aber nicht, weil er die Arztkosten nicht zahlen könnte, wenn er sich den Arm bräche. Wir unterhalten uns darüber, wie viel Geld die USA für Rüstung ausgeben. Sehr viel.

Ansonsten ist alles easy in Denver, ganz entspannt, ein bisschen träge. Die Stadt fühlt sich ein wenig an, wie ein Ballungszentrum mitteldeutscher Gewerbegebiete. Flache Autohäuser reihen sich aneinander. Wir sind viel in den falschen Ecken unterwegs. Zusammen mit unseren Gastgebern besuchen wir Red Rocks, eine Art Arena aus rotem, brachial aufragendem Fels. Open Air Kino, wir schauen uns Deadpool an. Im Rahmen der Vorführung treten unter anderem ein Comedian, ein tanzendes Huhn und ein Eisbär, der für die föderale Kulturföderungssteuer wirbt, auf. Ein junger Mann, der vor uns sitzt, macht mir Komplimente für den durchaus streitbaren Schnurrbart in meinem Gesicht.

Das scheint so ein Ding zu sein in Denver, der Haupstadt des schlechten Geschmacks beziehungsweise der anlasslosen Höflichkeit. In der Straßenbahn entspinnt sich ein ausuferndes Gespräch zwischen zwei Frauen, weil eine von beiden einen bunten Kreuzklunker um den Hals trägt. Und Michael wird die Aufmerksamkeit einer hübschen Doc-Martens-Trägerin zuteil – ausgerechnet wegen der entsetzlichen Arbeitsschuhe im Denim-Look, die er Wochen gegen unsere verbalen Giftpfeile verteidigen muss. Unterm Strich sind die halt wieder mal alle wahnsinnig nett. Anlasslos. In einem kleinen Buchladen sage ich zu Stäff, dass ich auf der Suche nach irgendwas über Lewis and Clark wäre. Ein anderer Kunde hört das und schenkt mir die dreibändige 60er-Jahre-Ausgabe der Tagebücher, die er gerade zufällig im Kofferraum hat. Die Welt ist an sich ein echt okayer Ort.

Dann aber Salt Lake City. Vor J.s Haus werden wir von wütendem Gebell empfangen. Das ist Bootsy, J.s Hund, benannt nach dem Funkmusiker Bootsy Collins. Bootsy muss draußen bleiben, damit er das Haus, das, die Küche ausgenommen, eine Baustelle ist, nicht vollpisst. Dafür darf er in den Garten scheißen. Kein Ort für Kinder, nein, nein. Erst drin nennt J. uns seinen Namen. Er macht sich ein Bier auf, bietet keines an und erzählt, dass er sechs Jahre lang in Österreich gelebt habe, daher der Schmäh. Heute verkauft er Mercedesse. Eine halbe Stunde später sitzen wir gemeinsam am Wohnzimmertisch und trinken Tequila. Guter Tequila, sagt J., müsse sich anfühlen, als würde man die Sonne trinken. Er hat guten da. Auf einmal ist es doch vorstellbar, dass das hier ganz angenehm wird.

Im Laufe der vergangenen vier Wochen hat uns wiederholt die Ahnung beschlichen, es könnte sein, dass Jesus selbst seine Finger in unsere Hintern gesteckt hat. Anders ist das Glück nicht zu erklären, dass wir haben, wenn es um Hosts geht oder Frühstücksrestaurants oder den Ort, den wir ansteuern, weil da ein grüner Fleck auf der Karte ist. Erst viel später, in Santa Cruz, Californien, scheint es erstmals so, als habe sich der Messias aus unserem Gemächt zurückgezogen. Aber das ist eine andere Geschichte, die damit endet, dass Stäff und ich Achterbahn fahren, während Michael in sanftem Schlummer seinen San-Francisco-Rausch verarbeitet.

Hier nun in Salt Lake City müsste der Heiland einem ja genaugenommen besonders nah sein. Es ist eine seltsame Stadt, seltsam still und steril, fast dumpf, eine Stadt wie ein eingeschlafener Arm, in deren Zentrum eine Burg steht, die eigentlich nach Disneyland gehört. Das ist der Mormonentempel. Wir stolpern durch diverse Austellungsräume, die schamlos dem religiösem Kitsch frönen und werden nicht wirklich schlau: Altes Testament, Neues Testament, schön und gut, der Ex-Messdiener ist noch einigermaßen bewandert. Was aber ist denn nun mit der Vielweiberei und den vielen Planeten, die unter den Mormomen aufgeteilt werden, zumindest unter denen, die sich anständig benommen haben auf Erden?

Zum Glück gibt es für Suchende wie uns eine Heerschar der ausgesucht hübschesten Mormoninnen, die unaufdringlich über das Gelände schweben und gerne bereit sind, sämtliche Fragen zu beantworten. Während Michi sich entnervt auf eine Bank zurückzieht, machen Stephan und ich uns auf die Jagd nach der einen mit dem schwarz-rot-goldenen Sticker auf der Brust. Die kann zumindest einen Bruchteil der offenen Fragen beantworten. Es gibt ein drittes Testament, ja ja, klar, das in Amerika geschrieben wurde, von den Vorfahren der Indianer, die aber keine Indianer, sondern israelische Auswanderer waren. Dieses Testament fand Joseph Smith in goldene Platten geprägt. Nachdem ihm eine Übersetzung gelungen war, kam ein Engel, die Platten abzuholen. Deshalb können die hier freilich nicht ausgestellt werden. Kein Wort von Aliengöttern, das ist schade, aber gut, vielen Dank, wir wollen nicht weiter stören.

Auch J. ist einst Mormone gewesen. Je mehr Zeit wir mit ihm verbringen, desto klarer und gleichzeitig rätselhafter erscheint uns sein komplexer Charakter. Wir haben Bier gekauft, als Entschädigung, J. schenkt einen Kräuterschnaps aus, Bootsy mag uns mittlerweile recht gern. Irgendwann gesellt sich J.s Mitbewohner, R., zu uns. Zwischen den beiden scheint ein gewisses Abhängigkeitsverhältnis zu bestehen. Sie kennen sich schon sehr lange, aber dann war R. anscheinend obdachlos und J. nahm ihn bei sich auf. Jetzt leben beide in diesem Haus, an dem sie und andere quasi täglich ein wenig weiter arbeiten, oder auch nicht. Wir bieten unsere Hilfe an, die dankend abgelehnt wird. R. scheint sich in seinem Zimmer heimlich Schnaps in sein undefinierbares, braunes Getränk zu gießen, als dürfe J. nichts davon mitbekommen, dass er trinkt. Und dann erzählt er von einer ganz bestimmten Kombination aus LSD und diversen Medikamenten, die in einer strengen zeitlichen Abfolge eingenommen werden müssen. Ein Freund von ihm, ein ganz erfahrener Acid-Head, habe danach Led Zeppelin winzig klein auf seinem Tisch spielen sehen. Live und in Farbe, Whole Lotta Love, dabei sei der Typ gar kein Classic-Rock-Fan.

Wir drei klammern uns an unsere Bierdosen und verbringen den Abend mit Zuhören. Kokain zum Beispiel sei eine gute Sache, finden die beiden, leider aber so teuer. Crack ist nichts Gescheites. Kumpel P. war wohl eine zeitlang ganz narrisch auf das Zeug: Unter wieherndem, zahnlosem Gelächter erzählt R., wie P. einen Straßendealer aus dem Auto heraus von zwei auf einen Dollar für einen Krümel herunterhandeln wollte. Es dauert keine zehn Minuten und P. steht im Wohnzimmer, gar kein Crackhead auf den ersten Blick, eher so eine Art Latino-di-Caprio, gebräunt, gutaussehend, schleimiges Haar, buntes Hemd. Nice to meet you. P. wrestelt kurz mit R., dann erzählt R., wie er damals, als er im Park lebte, gegen einen großen, schweren Typ gekämpft hat, der ihn zwar besiegte, wobei der Typ aber besoffen, R. hingegen nüchtern war. Hat ihm viel Respekt eingebracht. P. hält noch eine wunderschöne, hochemotionale Lobrede auf die E-Zigarettenindustrie, dann macht er sich wieder aus dem Staub. Muss morgen früh raus. Nice to meet you, jedenfalls, ebenfalls.

Inmitten des ultrareligiösen Salt Lake City, wo man im Supermarkt nur Bier mit 3 Prozent Alkoholgehalt bekommt, haben wir ein funktionierendes Ökosystem aus halbirren, im Grunde aber doch liebenswerten Vögeln gefunden. Vor der Tür steht ein massives 80er-Jahre-Wohnmobil, das J. zum Überlebensmobil ausbauen will, mit Wasserspeicher und Luftfilter: Für den Fall, dass der Yellowstone-Vulkan ausbricht. Er ist ein großes Kind, verliebt in die eigenen Projekte, die vielleicht nie zu Ende gebracht werden, ein Typ, der manchmal bedrohlich, fast gefährlich rüberkommt, weil da eine Wut in ihm schlummert und er weiß das. Er will jetzt ein besserer Mensch werden, er nimmt sogar Hippies bei sich auf, denen J. das ganze Wohnzimmer und die nur ein wenig vollgepissten Sofas zur Verfügung stellt. Er selbst schläft im Keller, umgeben von 10.000 Kugeln für seine serbische AK, der AK selbst, einer Shotgun und einer SIG vom deutschen Bundesgrenzschutz. Fuck, sagt J., ich höre mich an wie ein Typ mit wahnsinnig kleinem Penis. Aber was soll er machen? Er liebt es nunmal, rumzuballern.

Und das ist der Moment, in dem Stephan den Finger des Heilands ganz deutlich und konturiert wahrnehmen kann. Während das Gespräch schon wegzudriften droht, in harmlose Gefilde, fasst sich der Kiwi-Kopf ein Herz: Ob er vielleicht, wenn das möglich wäre, die Waffen mal sehen könnte, weil das ja, wenn man aus Deutschland kommt, so etwas ganz und gar Undenkbares ist… Und J., natürlich, freut sich. Die Deutschen sind keine Hippies, nicht so richtig jedenfalls. Die Waffen dürfen sie nicht nur sehen, sie dürfen sie sogar anfassen, sie dürfen die Shotgun ganz aleine halten, mit zitternden Händen und unsicher dabei, ob J., der ein Wodkamixgetränk aus Weizengläsern in sich hineinschüttet wie Eistee, auch wirklich alles entladen und gesichert hat und so. Die Waffe in der Hand, das ist eben nicht nur ein Punkt auf der Liste der Dinge, die man gemacht haben sollte, in den USA, das ist auch die ultimative Grenzüberschreitung, zumindest für das mittelstandsverwöhnte, linksliberale Backpackervolk, dem wir angehören. Morgen, sagt J., fahren wir in die Wüste, bisschen rumballern, nur wenn wir Bock haben, natürlich.

Spätestens dann als wir, nächstentags, auf der Ladefläche eines Mitsubishi-Jeeps, Baujahr 1990, sitzen, uns die staubige Utah-Luft durch die Haare fährt, wir uns mit den Soßen der Apollo-Burger einsauen und zu unseren Füßen das Kriegsgerät klappert, verstehen wir, dass das jetzt wirklich passiert. J. ballert mit dem liedschäftigen Jeep in Richtung Wüste, als wäre das hier ein geschmackloses Musikvideo, ist es aber nicht, denn mir gegenüber sitzt R. und macht hin und wieder einen Witz, den ich nicht verstehe. Mir ist ein wenig übel. Das ist die Aufregung, die sich erst recht nicht legt, als J., endlich offroad, den Mitsubishi einen steinigen Hügel hinaufquält. Der Motor heult, wir sind unangeschnallte Deutsche, wir klammern uns an den Überrollbügel und sind uns für einen Moment ganz sicher, dass jetzt gleich nach hinten kippt und niemand diesen Trip überlebt – den Fahrer ausgenommen.

Ich schreibe diese Zeilen in einem schwarzweißen Studio in Los Angeles, was zweifellos bedeutet, das ich und auch meine Freunde den Trip überlebt haben. Selten fiel es mir schwerer, etwas, das tatsächlich passiert ist, in Worte zu fassen, die dem Erleben irgendwie nahe kommen. Das Problem ist ein altes, das immer wieder neu daherkommt – und umso drastischer, je unerwarteter und extremer die Erfahrung. Dabei geht es letztendlich gar nicht darum, dass J. zunächst einmal wild ins Gebüsch feuert, um die Klapperschlangen zu vertreiben. Oder um das Gefühl, wenn der Abzug unterm Finger nachgibt, um den Rückstoß, um den man weiß und der dann trotzdem überraschend daherkommt. Es geht letztendlich nicht darum, dass die serbische AK auseinanderzufallen droht und doppelt auslöst, obwohl man nur einmal abzieht. Die SIG finden alle ganz angenehm. Von der Shotgun lassen die Deutschen respektvoll die Finger. Das alles ist nicht der Punkt, der ausgeschmückt werden muss, weil man sich die irre Mischung aus Begeisterung und größtmöglicher Unsicherheit in Stäffs Blick entweder vorstellen kann oder nicht. Natürlich ist das Rumballern geil. Weil wir da eben echt rumballern. Mit Killermaterial. In der Wüste. Aber süchtig macht uns das alle drei nicht. Es reicht dann irgendwann auch, vielleicht hätte man sich sogar ein bisschen mehr Flash erwartet. Der eigentliche Punkt ist letztendlich der Zufall, Jesus‘ Finger, der uns hierher geführt hat, zu diesen Typen, zu dieser Gesichte, an einem Ort, von dem wir nichts wussten und von dem wir nichts erwarteten.

In zwei Tagen fährt der Zug nach San Francisco. Wir mögen J. mittlerweile, trotz allem, ganz gern. Aber so langsam wird es anstrengend. Wir würden gerne umziehen. Es gibt hier einen Campingplatz mit Pool und Hot Tub und sich da jetzt nach all der Aufregung nochmal abzulegen, das hört sich ziemlich verlockend an. J. bietet, obwohl er oft genug in Englisch und Österreichisch beteuert, wir müssten nicht gehen, wir seien sehr willkommen, an, uns zu fahren. Er ruft sogar bei Campingplatz an und fragt, ob noch ein Platz frei ist, findet heraus: Ja, aber erstens, nicht ganz billig und zwotens nicht viel mehr als zwei Meilen von hier entfernt. Guys, I’d really like you to stay, sagt er und wir sehen uns an und besprechen uns zaghaft, da J. ja alles versteht. Und, okay, fast schämen wir uns für die versuchte Flucht.

Noch einmal also, bevor wir uns am kommenden Tag wirklich zum Campingplatz aufmachen, ein Abend mit R. und J. Wir haben nochmal Bier geholt, dreiprozentiges „Kinderbier“, weil Sonntag ist. Davon wollen die beiden nichts. Stattdessen Wodka-irgendwas aus Weizengläsern und braunes Irgendwas mit heimlichem Schnaps. R. legt alte Punk-Classics auf, Michi singt Misifts mit, irgendwann spielen wir sogar das Entweder-Oder-Spiel: Would you fuck Hillary oder Donald Trump? Uff. Dj J. legt Türlich, türlich auf, den ersten deutschen Song, den er je gehört hat und R. will uns isrealische Geheimdienst-Selbstverteidigungstricks beibringen. Dann verabschiedet er sich ins Bett. Good night, R., nur um zehn Minuten später wieder im Zimmer zu stehen: Wanna fight? Grinsegesicht, Straßenkämpfer. No, thank you. Okay, good night. Er geht nicht wirklich ins Bett, irgendwie nie, das Spiel wiederholt sich vier, fünf Mal. Auch dann noch, als Michi schon auf dem Sofa liegt, und J. ehrlich und melancholisch wird: Vor ein paar Monaten ist sein Großvater gestorben, sein Vorbild und Held. He died, sagt J., not to see this election. He hated all of it. Stille, Betretenheit. Ein letzter Auftritt des Kistenkaspers, R.: Wanna fight?

Es ist dann doch gut, wegzukommen. Zelt aufbauen, Hot Tub, Pool, und einen Tag lang Ruhe und Frieden genießen, eine, scheinbar zumindest, waffenfreie Umgebung. Wir kaufen uns die letzte Box Utah-Light-Bier und lassen den Tag verstreichen wie eine angenehme Notwendigkeit. J. schreibt nochmal: Heute Abend Pool-Party? Entschuldigt sich später aber: zu lange gearbeitet, müde, man sieht sich. Man sieht sich nie wieder. Ein Besuch im Museum für Gegenwartskunst fühlt sich an wie eine Desinfektionsmitteldusche. Wir steigen in den Californian Zephyr und fahren – diesmal aber wirklich nach Kalifornien.

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Feel the Derm. USA 2016. Teil 5: Anwälte, Antikes, Fettabsaugung. Von Missouri nach Colorado

Einen Bär zu sehen, wäre natürlich das Kronjuwel der Naturbeobachtung. Zumindest wissen wir schon bevor wir uns aufmachen – in die Wildnis und so -, wie man sich im Fall des Bärenfalles zu verhalten hätte: Dem Tier einen Korridor, einen Fluchtweg, anbieten. Sich langsam entfernen. And if the bear fights you – fight back. Meister Petz mit gezielten Faustschlägen – auf die Schnauze! in die Augen! – derart auf die Nerven gehen, dass er sich verzieht. Einzige Chance, dem sicheren Tod doch noch zu entgehen.

Zunächst aber schlängeln wir uns aus der Großstadt und auf den Interstate, die pfeilgerade Verbindung mit dem Süden, Arkansas, Oklahoma, dessen Ränder unterbrechungslos mit den überdimensionierten Billboards gepflastert sind, die für Anwälte, Antikes und Fettabsaugung werben. In den Raststätten schlagen wir uns die Bäuche mit Fastfood voll, das zunächst einmal bewirkt, dass sich der Körper anfühlt wie ein mit öligen Schrauben gefüllter Müllsack. Aber wenn man dafür von einer reifen Dinermutti als Gentlemen und Sweetie angesprochen wird – oder aber : die Getränke zur nach Müll schmeckenden Pizza von einer Modelleisenbahn geliefert werden -, dann macht das mit dem Bodyfeeling quasi nichts mehr aus. In den dazugehörigen Tankstellenshops kann der geneigte Trucker sich und die Familie mit Shirts aus der Designabteilung der National Rifle Association ausstatten. Bunte Farben, Hirschköpfe, Schnörkelschrift: You’ll keep your advice, we keep our guns. Klasse.

Kurz bevor die Dämmerung einsetzt, fahren wir vom Interstate ab und auf die sich schlängelnden Highways durchs Heartland. Wir trinken Wendys Kafee aus Bechern, die eher Bottiche als Becher sind, und finden bei Aurora, Missouri das Motel, das tatsächlich so aussieht, als hätten sie sich beim Bau als Vorlage der collagierten Filmklischees aus unseren Hirnen bedient: Zugang zum Raucherzimmer über den Balkon, außenrum ist nix. Der Motelbesitzer, ein freundlicher, älterer Herr mit starkem Akzent rät uns nach Branson zu fahren. Live Entertainment Capitol of the World, laut Selbstaussage. Dort gebe es eine Beatlesshow und einen Freizeitpark und einen orginalgetreuen Nachbau der Titanic. Liegt leider nicht auf der Route. Außerdem bittet er uns, bevor wir eine Nacht in seinem Etablissement verbringen, um eine Adresse. Für Notfälle, weil ja ständig schlimme Sachen passierten. Die Angst bleibt der liebste Fetisch Amerikas, ein ständig beschworener Terrorist des eigenen Bewussteins.

Fred, der Großcousin, hat uns ein Zelt geschenkt. Weil er so viele hat und nie zelten geht. Zum ersten Mal beziehen wir es im Mark Twain National Forest, in Emerald Beach, direkt am Ufer des Table Rock Lake, Grenzgebiet zwischen Missouri und Arkansas. Das alleine schon. Den Zeltplatz haben wir quasi für uns, die Besitzerin verbringt die Tage mit ihrem Ehemann im Camper. Sie nimmt uns einen symbolischen Betrag ab und erzählt nach kurzem Blabla von ihrer Herkunft: Die Großmutter war Deutsche, sie heiratete in den USA einen syrischen Schnapsschmuggler. Prohibitionszeiten, many, many years ago. Aber schon interessant, gerade jetzt, und wie finden wir die Merkel eigentlich so?

Überhaupt, nach fast zwei Wochen kann man das mal so feststellen: Ungefähr jeder, den man trifft, fragt schnell, wo man denn her sei und ungefähr jeder hat dann a) deutsche Vorfahren, b) Kinder, die mal in Deutschland waren, c) Zeit in Deutschland verbracht, in der Regel als Soldat oder Kind eines solchen. Sie finden das ganz schön toll, dass wir da herkommen und machen sich ein wenig Sorgen um uns, so wie wir uns um sie. Auf der anderen Seite der Grenze, in Arkansas, besuchen wir einen Barbershop, der von zwei Herren im Rentenalter geleitet wird. „Mein“ Friseur stammt eigentlich aus Heidelberg, wo er sein Handwerk gelernt hat, 1947 war das und er damals 14 Jahre alt. Wegen seiner Frau ist er nach Chicago gezogen, in Arkansas genießt er, nach wie vor haareschneidend, seinen Ruhestand. Auf dem Tisch liegen Jagdzeitschriften. Der Friseur spricht Deutsch, ich Englisch, weil er mein Deutsch so schlecht versteht. Er fragt, was ich gerne hätte, frisurentechnisch, bekanntlich eine der am schwersten zu beantwortenden Fragen überhaupt. Also sage ich nothing special und feel free und der Heidelberger macht sich mit etlichen, fremdartigen Gerätschafen an meinem Haupt zu schaffen, schmiert mich mit einem Rasierpinsel ein und massiert mir im Anschluss die Schultern. Handsome, young man, sagt er und hat Recht: Ich sehe aus wie ein handsome, young man, kurz vor der Ausschiffung nach Korea.

Auf dem Zeltplatz unternehmen wir erste Bemühungen in Sachen Selbversorgung, von wegen Wildnis und so. Ich finde eine Angelschnur, an den Haken hänge ich eine der unzähligen Fliegen, dann binde ich die Schnur an einen Stock und hänge sie tomsawyermäßig in den See. Winzige, grüne Fischlein beißen die Fliege vom Haken und schwimmen glücklich-wohlgenährt davon. Wir schmeißen in Speck gewickeltes Huhn auf den Grill und verschlingen das nicht optimal durchgebratene Fleisch vom Fliegenschwarm an den Rand der Tränen getrieben. Die Wildnis nimmt keine Rücksicht. Bären sehen wir nicht, nur Reiher und ähnliches Geflügel.

Zwischen hier und Texas säumen mehr Kirchen und Gunshops als Wohnhäuser unseren Weg. Sweetie hier, Honey da, ein Trucker mit Basecap und Sporen an den Cowboystiefeln, das ist das echte Amerika, wir haben es gefunden. Ein Tag im Ford, bis wir in einem Zweitausend-Seelen-Kaff 60 Meilen vor Amarillo das It’ll do Motel erreichen. Die Tochter der Besitzerin hat in Deutschland gelebt, Luftwaffe. Berlin hat ihr gut gefallen und Italien natürlich. Stäff geht bei der Tanke gegenüber Bier holen, der Sheriff, der tatsächlich auch jetzt noch, mitten in der Nacht, seine verspiegelte Sonnenbrille trägt, mustert ihn argwöhnisch. Wir diskutieren die Möglichkeit, in einer Art Truman-Show gelandet zu sein, einer einmaligen Inszenierung zum Zweck, uns dieses Land genau so zu präsentieren, wie wir es gerne hätten. Vielleicht doch ncht so echt das Amerika.

Wir verlassen Texas, streifen New Mexiko und erreichen, endlich, endlich, Colorado. Im Touri-Büro von Trinidad breitet Lee diverse Karten vor uns aus. Wir befinden uns am südöstlichen Rand der Rockie Mountains. Lee hat eine Zeit lang in Hessen gelebt. Zum Beweis setzt er eine Schirmmütze der Navy auf und lacht, als würde die Mütze unter seinen langen, grauen Haaren einen Lachschalter betätigen. Eine Türkin betritt das Büro, sie hat ein paar Jahre in München gelebt. Lee freut sich, das zu hören: Mütze auf, wanstiges Gelächter. Sie lädt uns nach Arizona ein. Liegt leider nicht auf der Route. Ob es hier denn Bären gebe, fragen wir Lee und Lee erzählt, dass er einmal einen im Haus gehabt habe. Er wirf die Arme in die Luft und schreit, um zu demonstrieren, wie es ihm gelungen sei, das Tier zu vertreiben. Dann lacht er wieder und wir lachen auch. Guter Typ.

Die Indianerin im Tankstellenshop am Highway 12, Highway of Legends, beneidet uns: So ein schönes Wetter, und sie muss arbeiten… Sorry. Der Ford schlängelt sich die Berge hinauf und an Seeen vorbei. Zahlreiche Adler drehen über uns ihre Kreise. Ob es wirklich Adler sind? Wahrscheinlich nicht, wäre aber schön. Wir erreichen den ungeteerten Cordova-Pass Richtung Spanish Peaks Wilderness, der uns auf fast 3500 Höhenmeter befördert. Es ist eine holprige, spekakuläre Fahrt, zwischen den Nadelbäumen tun sich Ausblicke auf, im Hintergrund türmen sich Gewitterwolken, in einer Kurve, etwa fünfzig Meter vor uns steht ein Schwarzbär und schaut in unsere Richtung. Alter, Bär, sagt Michi und Stäff bremst ein wenig ab. Der Bär schüttelt sich als hätten wir ihn bei einer für Bären besonders peinlichen Angelegenheit ertappt und springt dann ungeschickt ins Gebüsch. Ein paar Meilen weiter erreichen wir den höchsten Punkt des Passes. Zwei Cowboys mit Colt und Mantel und allem drumunddran reiten vorbei. Die Luft ist dünn, es gibt einen Zelplatz, wir fahren aber weiter. Nicht wegen des Bärs, wegen der Gewitterwolken!

Nicht zu bleiben, könnte blöd gewesen sein. Am Fuß der Bergkette tut sich flache Langeweile auf, gesäumt von versprengten Hillbillyortschaften, die mit kruden Attraktionen locken. In einer Art Garage gibt es ein Albinikrokodil zu besichtigen, das Gelände steht zum Verkauf. Die Gewitterwolken sind schwarz und überall außer im Norden, da dringt noch ein wenig Sonnenlicht durch, und da wollen wir ja eh hin, mehr oder weniger. Das also ist der Plan: Grob Richtung Denver fahren und einen Campingplatz finden, der heute Nacht nicht absäuft und es uns ermöglicht, morgen nochmal ein bisschen wandern zu gehen. Wir passieren Hooper, wo ständig UFOs gesichtet werden und die Great Sand Dunes, das Land ist flach und campingplatzfrei, nur Farmen und Adler, Tropfen landen auf der Windschutzscheibe, bald wird es dunkel.

Aber, wie das in diesem Urlaub oft so ist, und das nährt natürlich das Truman-Show-Gefühl – echt kann das alles nicht sein – am Ende kriegen wir alles ganz gut hin. Wir verbringen die Nacht nicht in einem schäbigen Motel und nicht im Gewitter, sondern finden im letzten verbliebenen Wolkenloch den Campingplatz von La Garita. Hier gibt es keinen Besitzer, keinen Verantwortlichen, nur einen Schacht, in den man sein Geld schmeißt. Das Gebiet ist ein Klettererparadies, vor soundsoviel Millionen Jahren fand hier der größte Vulkanausbruch aller Zeiten statt, ein Supervulkan, aber mit Superlativen muss man vorsichtig sein in diesem Land. Neben Kletterern gibt es hier Klapperschlangen und zwar gar nicht mal wenige. Neulich sei einer ihrer Gäste auf eine getreten, erklärt uns die gespielt grimmige Alte, die uns einen Rührei-Bratkartoffelberg hinknallt, und verdammtes Glück hätte er gehabt, nicht gebissen worden zu sein. Wir sehen unser Exemplar am kommenden Abend. Fie Klapperschlange kriecht direkt an unserem Zelt vorbei, in all ihrer schlangentypischen Lässigkeit und Arroganz. Wir springen auf den Betontisch, fasziniert und angewidert und endlich bereit, Richtung Stadt aufzubrechen. Wildnis, schön und gut, aber das muss nun doch nicht sein.

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Feel the Derm. USA 2016.Teil 4: St. Louis, Germany

Jede Reisegruppe braucht ein Mitglied, das sich mit öffentlichem Nahverkehr auskennt und weiß, wie man Türen mit einem Schlüssel öffnet. Wir haben uns für den Jazzheini und Eisenbahnenthusiasten Stephan Goldbach entschieden. Dies ist ein Gastbeitrag von weit, weit weg. 

Das erste Mal Autofahren in Amerika ist natürlich unangenehm. Vor lauter Nervosität lassen wir meine Aktentasche auf dem Dach des seltsamen Hyundai Veloster Sportwagen/Kleinwagen-Verschnitts liegen. Das Gehupe und Geblinke der höflichen Bürger um uns herum macht uns darauf aufmerksam. War ja auch nur Geldbeutel und Reisepass drin… Nach kurzen Angstszenen auf sieben-spurigen Highwaykreuzungen stellt sich das automobile Reisen auf amerikanischen Interstates allerdings als wahrer Traum heraus. Tempomat auf 70, Countryradio an – St.Louis, noch 400 Meilen, ein Klacks.

Niemand – nicht mal Michi – weiß, was uns bei seiner Großtante Julia erwartet. Als uns die extrem rüstige 83-Jährige dann mit ihrem liebenswert-absurden Fränkisch-Amerikanisch empfängt, sind wir erstmal etwas erschlagen. Das Haus, das in einem klischehaften Vorort gelegen ist, wie man ihn aus unzähligen Bewegtbildserien kennt, ist ein Mausoleum deutscher und fränkischer Kultur-Objekte. Auf dem Fernsehtisch liegt das „German-Life“-Magazin, welches über Schwäbisch Hall berichtet, Reisen zum Schloss Neuschwanstein vorschlägt und Bestellhotlines für das Kulturgut „German Schultüte“ für die deutschlandgerechte Einschulung bereithält. Natürlich in schwarz-rot-goldener Frakturschrift.

Fred, Michis Großcousin, seines Zeichens echter Ami-Trucker, versorgt uns mit kistenweise Heineken und Corona. Nachdem er uns zum Flughafen begleitet, um uns nach der Autoabgabe wieder mit zurückzunehmen, wundere ich mich zuerst über den langen Rückweg – bis mir klar wird: Wir machen gerade einen Sightseeing-Trip, ohne Aussteigen allerdings, denn es ist schon nach Sonnenuntergang und auch St.Louis scheint überall gefährliche Ecken zu haben. Hysterie oder berechtigte Angst? Ähnlich wie in Detroit kommen uns Zweifel. Und doch: Auch in St Louis gab es gerade erst wieder Schiessereien mit Todesfolge. In einer der Touristenstraßen steigen wir dann doch aus, es ist eine Art Walk Of Fame der Stadt. Fred macht ein Foto von uns und einer Chuck-Berry-Statue, wir stellen ausserdem fest, dass auch William S. Burroughs ein Sohn der Stadt ist.

Beim anschließenden Abendessen lavieren wir uns geschickt um brisante politische Diskussionen herum und gehen dann im auf 16 Grad heruntergekühlten Keller zwischen entschärften Handgranaten, dem Gun Digest 1998, bayerischen Oktoberfesthüten und einem Brauerei Wagner Merkendorf-Krug schlafen. Gerne würde ich detailliert beschreiben, welch unterhaltsames Sammelsurium amerikainscher und fränkischer Museumsobjekte dort lagerten, doch ähnlich wie besagter Keller würde das jeden Rahmen sprengen. Die angehängten Bilder mögen für sich sprechen.

Nach einem späten Frühstück am Tag darauf lässt es sich Fred nicht nehmen, uns St. Louis zu zeigen. Es folgen der berühmte Arch und das Stadion Downtown, alles irgendwie wie erwartet und trotzdem beeindruckend. Touristische Begleiterscheinungen wie eine Schlange pinker Hochzeitkutschen voller Logos diverser Sponsoren schocken auch schon lange nicht mehr. Exzessiver Genuss der verschiedenen Craft-Biere der Schlafly-Brauerei rundet den Tag ab: Lager „Helles“-Style, Kölsch und die ganze Palette an Pale Ales, um nur ein paar Beispiele zu nennen – gebraut natürlich mit Bamberger Weyermann-Malz.

Sehr interessant dann der Abschlussabend am Tag darauf. Freds Schwester Silvia kommt zum Abendessen vorbei und es folgt ein epischer Schlagabtausch absurder Geschichten zwischen ihr und ihrer Mutter Julia. Wir sind – wie meistens – leicht angetrunken und nicht immer sicher, ob wir das alles glauben können:

– Als deutsche Einwandererin kurz nach dem zweiten Weltkrieg ein Kind am 20. April auf die Welt zu bringen – für Julia unmöglich. Das Kind muss drin bleiben. Es wird also alles menschenmögliche veranlasst und tatsächlich: Silvia erblickt kurz nach zwölf, also am 21. April, das Licht der Welt. Ein Anchor-Baby am Geburtstag des Führers – wo kämen wir denn da hin?

– Silvias Hunde, die wir kennenlernen dürfen, sind nur der aktuelle Stand einer illustren Reihe an Haustieren. Neben Katzen und Papageien sticht vor allem der Affe Jacky heraus. In den 60er Jahren für 57 Dollar im Baumarkt gekauft, hält er das Familienleben auf Trab, erhängt sich aber aus Kummer irgendwann selbst. Wir zweifeln.

– Großtante Julia berichtet von einer absurden Figur, die ihr aus Nazi-Deutschland im Gedächtnis hängen geblieben ist: Der Chickencounter. Der ging rum und zählte die Hühner der Leute. Nicht dass die zuviele davon haben.

Erschöpft gehen wir schlafen in unserem German Krims-Krams-Keller. Dankbar, aber auch ein bisschen verwirrt, machen wir uns am nächsten Morgen in unserem gemieteten Ford-Jeep ohne genaues Ziel auf in Richtung Westen.

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Feel the Derm. USA 2016. Teil 3: Von Schnitzelburg nach Germantown

Seth erinnert sich an eine Schlange. Sein Vater hatte die im Gartenteich entdeckt. Sie schwamm an der Oberfläche, was entweder heißt, dass die Schlange giftig ist – oder ungiftig, das weiß Seth nicht mehr so genau. You guys should look that up. Jedenfalls ging sein Vater ins Haus und holte die Shotgun, um das Biest damit abzuknallen. So eine Shotgutn streut ohne Ende, keine Chance damit eine Schlange zu treffen. Seth erinnert sich an seine Mutter, die schrie, er, der Vater, werde noch alle Fische umbringen. Aber was soll man machen? My father just loves shooting at stuff.

Hunderte Knarren habe sein Vater zuhause, mindestens, sagt Seth. Und Jacob: Meiner tausende. Irgendwann werde er, Seth, die alle erben, obwohl er eigentlich keine Waffe haben will. But if I have to take one, it should at least have a kick-ass bible verse on it. Er zitiert gleich eine kleine Auswahl.

Jacob und Seth wohnen in einem Einfamilienhaus in Louisville, Kentucky. Auf dem Wohnzimmertisch klebt ein Bernie-Sticker, über alle drei Stockwerke sind Musikinstrumente verteilt, im Keller steht ein riesiger Fernseher, ein Super-Nintendo, ein Nintendo 64 und eine Gamecube, in der Küche hängen die Stars and Stripes, aber umgedreht. Die WG-Katze heißt Trout, Forelle.

Es ist unsere erste Couchsurfing-Experience. Seth und die anderen haben überall Schlafgelegenheiten und wollen gern, dass da Fremde drauf schlafen, damit man sich austauschen kann über Gott und die Welt. Dafür ist das Badezimmer halt mittelmäßig sauber und im Bett des Mitbewohners Nathan, der sich derzeit selbst auf Reisen befindet, riecht es noch nach diesem. Wir sind ein bisschen nervös wegen dieser Couchsurfing-Geschichte, was erwartet man hier von uns? Und das mit dem Austausch ist vielleicht eh nicht so mein Ding.

Die Jungs sind aber, war ja klar, irre nett. Seth arbeitet als Tonmann einer Morning-Talk-Show im Lokalfernsehen. Thema des Tages: Back to School. Die Sommerferien sind vorbei. Außerdem liebt er es, Fahrräder zu reparieren. Er leiht uns drei wunderbar geschmeidige Bikes und wir fahren durch Germantown und Schnitzelburg und zu einer fetten Zeder, an der Lewis und Clark angeblich mal irgendwas gemacht haben. Ein Mann kurbelt sein Autofenster runter und fragt uns, ob wir Pokemon spielen.

Ansonsten: Abhängen, Platten hören, den Jungs Dosenbier und Sandwiches ausgeben, für das schlechte Gewissen, weil man ganz und gar umsonst hier sein darf und sie einem so viel Zeit und Aufmerksamkeit schenken. Jacob hat Familie in Deutschland und kennt sich aus. Warum, wollen wir wissen, hat das in Deutschland wohl funktioniert, was nirgendwo sonst funktionierte, die Demokratisierung und so: A lot of German women got laid, sagt er und hat sicherlich Recht.

Dass man auf einmal in Kentucky ist. Mega konservativ, mega viele Knarren, mega die Hillbillys, sagt Seth, aber Louisville ist cool, progressive. Die erste Nacht verbringen wir nicht bei Seth und Jacob, sondern im Keller von Jared, einem gut gebauten Glatzkopf mit Jeep. Wir sind uns sicher: Ein Ex-Marine. Weil Jared uns anscheinend ganz gut findet, fährt er uns am Abend noch ein bisschen durch die Gegend in seinem auf 15 Grad runtergekühlten Geländewagen. Er empfiehlt uns die Bambi Bar, obwohl da eigentlich nur alte Männer hingingen. Wir sollen da Wings essen. Machen wir, sagen wir. Good choice, sagt Jared. Die Bambi Bar ist ein holzvertäfelter, amerikanischer Sportsbar-Traum, ein Howdie-How-do-you-do-mäßiges Biertrinker-Paradies für echte Kerle und ehrliche Girls, Pferdediebstahlatmosphäre. Nebenan sitzt ein taubstummer Altmänner-Stammtisch, die Bedienung erklärt uns mehrmals ihre bedingungslose Liebe und wie man ihr einen anständiges Trinkgeld gibt, weil das ja schließlich ziemlich kompliziert ist.

Am letzten Abend dann nehmen wir die Lichterketten-Fußgängerbrücke rüber nach Indiana. Vor einer Bar werden von einem Koch angequatscht. Er hat von einem anderen Koch, der gerade erst aus dem Knast gekommen ist, ein Fahrrad gekauft. Sein altes steht drüben, im Barber-Shop von Mohammed Alis Neffen, wir sollen es uns anschauen, durchs Schaufenster. Er schnorrt sich noch fünf Dollar von uns, dann schlingert auf seinem neuen Bike in Richtung zuhause. Nach wenigen Metern hält er an und dreht sich noch ein mal um: Er liebe Deutschland, sagt er, er wünschte, noch einmal dorthin reisen zu können. We are born enemies, but you have good hearts. Not like those fucking Koreans.

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