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In Kalifornien wird weitergescheitert: Jonas Lüscher – Kraft

Wie isses, fragt der Philosoph die Welt. Wie ist alles, so insgesamt betrachtet. Alles gut? Richard Kraft ist Rhetorikprofessor, Nachfolger auf dem Lehrstuhl von Walter Jens in Tübingen, o-ho. Er erhält eine Einladung nach Kalifornien, Stanford University, um sich dort mit einer Theodizee-Variation eines philosophiebegeisterten Technikmillionärs herumzuschlagen. Es geht um die Frage, warum alles, was ist, gut ist und man es, also alles, dennoch verbessern kann. Schön für Kraft, diese Einladung. Der beste Essay, der sich der Beantwortung der Frage widmet, bekommt nämlich eine Million Euro.

„Kraft“ wie der Professor heißt der Roman von Jonas Lüscher. Lüscher ist ein studierter Philosoph, unter anderem, und weiß also, wovon er spricht. Endlich wieder so ein Campusroman. Das gefällt mir sehr gut, warum auch immer. Lüschers Roman ist fest in der akademischen Welt verankert. Er erzählt die Werdensgeschichte seines Helden, die Kalifornienreise ist Anlass und Endpunkt. Es geht aber nicht nur darum, ob Kraft Millionär wird, sondern vor allem darum, wie aus ihn so ein erbärmlicher und verzweifelter Mann werden konnte.

KraftMit diesem Kraft soll ein Mann beweisen, dass alles gut ist, bei dem aber überhaupt gar nix gut ist. Krafts zweite Ehe muss von ihm selbst als gescheitert betrachtet werden.
Hätte er das Preisgeld, er könnte sich eine Scheidung leisten. Auch Heike war, so heißt es, ersichtlich, dass er darauf angewiesen war, all seinen Restoptimismus zu reaktivieren, um zu begründen weshalb alles, was ist, gut sei; etwas, das war auch Heike klar, was ihm besser gelingen würde, je weiter er von ihr weg war. Kraft mietet sich also bei seinem ehemaligen Studienkollegen Ivan ein, der ihn ja schließlich auch eingeladen hat. Ivan heißt eigentlich István. Es verschlug ihn als Hemdenwäscher eines ungarischen Schachteams nach Berlin. Das Team vergaß ihn im Hotel und István konnte sich eine semiwahrheitsgetreue, schicke Existenz als Dissident zurechtbiegen. Kraft findet, damals zu Studienzeiten, 1981, in diesem Ungarn einen Mitstreiter im weltanschaulichen Abseits, denn:

Kraft genoss zu dieser Zeit an der Freien Universität einen Ruf als brillanter Denker […], aber weil er eben nur einer von jenen war, suchte er nach einem sicheren Mittel der Distinktion und wandte sich zum diesem Zweck dem Thatcherismus zu, einer weltanschaulichen Strömung, von der er sicher sein konnte, dass sie ihn in der Studentenschaft genügend isolierte, um fortan unter den Vielversprechenden als der verschrobenste Vielversprechende und damit auf geheimnisvolle Weise als der Vielversprechendste unter den Vielversprechenden zu gelten.

Kraft und Ivan sind das doppelköpfige Wappentier des Liberalismus an der traditionell sozialistischen Uni. Auf dem politischen Gleichschlag ihrer FDP-Herzen basiert diese Männerliebe. Das alles sind Zutaten für einen sehr konzeptuellen Thesenroman. Rhetorikprofessor, Politikwissenschaften, Theodizee, Liberalismus, Neoliberalismus, Silicon Valley, Midlife Crisis (wie sich das gehört für den guten Campusroman). Und Jonas Lüscher hat auch Bock drauf, immer wieder mal essayistisch auf die Kacke zu hauen, auszuufern und zu zeigen, dass seine Eltern ihn nicht umsonst auf die Philosophenschule geschickt haben. Am Ende aber ist Lüscher kein Philosoph, sondern schon Romancier. Er kann verdichten und dosieren und seine Charaktere in der Realität verankern. Mit Hilfe der Geschichte vom vergessenen Hemdenwäscher zum Beispiel. Später haut eine gewisse Ruth dem Ivan „Frieden schaffen ohne Waffen!“ brüllend eine Blume ins Gesicht. Es handelt sich um eine gelbe Gerbera. Kleine, sinnlose Details machen Spaß. Kraft muss diese Ruth heimlich schwängern, wobei er von der Schwangerschaft bzw.: dem Kind der Ruth ohnehin erst sechs Jahre später erfährt. Sein Freund trägt von der Attacke einen dauerhaften Schaden und viel Zorn davon:

Es flossen Tränen, es floss Blut und es floss leider auch Istváns Glaskörper, der, perforiert von dem Blumendraht, mit der eine umsichtige Floristin die Gerbera stabilisiert hatte, seinen Inhalt auf Istváns Brust verteilte und das Porträt des lachenden Präsidenten besudelte.

Eine solche Stelle zeigt doch recht schön, was Lüscher da vor allem sprachlich alles macht. Man muss das vielleicht einfach mal so unkritisch rausrotzen: Es ist ein großer, ästhetischer Genuss durch diesen Text zu schwimmen. „Kraft“ ist nie blutleer oder trocken, macht nie den Versuch, die großen Themen durch leichte Sprache zu portionieren. Gleichzeitig schafft es Lüscher ein Wort wie „perforieren“ unterzubringen, wo es um das Auge des Ungarn geht, ohne dass das zu gestelzt rüberkommen würde. Ironische Reflektion wirkt mittlerweile ja fast ein bisschen oldschool, aber wenn einer das so gut kann, gibt es doch eigentlich nichts Schöneres. Es steckt viel Sorgfalt in diesem Stil. Mehr als in dieser Rezension sicherlich. Ich habe mir nun extra Martin Walsers Brandung und Dietrich Schwanitz‘ Der Campus bereitgelegt, um eine Art Vergleich der schematischen Professorenfigur in diesen Romanen zu versuchen: natürlich neurotisch, pedantisch und immer ein bisschen zu geil auf Studentinnen, wobei das bei Lüscher nur am Rande mal auftaucht. Nun habe ich aber weder im Schwanitz noch im Walser etwas angestrichen, sodass dieser Vergleich entfallen muss und dieser Absatz bloß noch Zeugnis meiner immensen Belesenheit bei gleichzeitiger Vergesslichkeit bleibt.

Noch einmal in die Handlung des Romans hinein. Der Leser trifft quasi drei Krafts. Den in Berlin, den in Tübingen, schließlich den in Kalifornien. Zwar ist der erste schon ein arroganter Hund, aber in seiner Selbstüberzeugung nicht ungebrochen. An Kraft nagen Zweifel, mehr als an Ivan. Letztlich ist Kraft möglicherweise zu intelligent, um sich einem Konzept wie dem Kapitalismus tatsächlich voll und ganz verschreiben zu können. Die Philosophie soll ihm ein Schlüssel zur Welt sein, gegen ihre Komplexität. Sein andauernder Redefluss ist Bewältigungsstrategie. Damit ist Kraft ein immerwährend Scheiternder. Er wusste, dass nichts einfach war, nie. Er war für alle Zeiten verloren.

Ein Charakter, der an inneren Widersprüchen zu knabbern hat und von einem überreflektierten Über-Ich begleitet wird, das ist ein Rezept für einen sogenannten runden Charakter in der satirischen Überhöhung. Das muss man so erstmal können. Nichts ist einfach, nie, das ist die Grundannahme der Figur und des Romans. Es gilt für den Weltverlauf wie für die Persönlichkeit. Kraft bleibt auch dadurch immer glaubwürdig in seiner Lächerlichkeit. In Kalifornien wird weitergescheitert. Er will paddeln und kehrt ohne Handy und ohne Hose, besudelt zurück. Und er muss Johanna finden, die einst vor ihm nach Kalifornien floh. Aber warum? „Kraft“ ist auch die Geschichte dieser drei Lieben, Ruth, Johanna, Heike, die freilich scheiterten und scheitern.

Lüscher veranstaltet eine fröhliche Desillusionierung, die auch vor dem heiligsten, dass dieser Kraft womöglich je empfunden hat, nicht Halt macht. Die Freundschaft zu Ivan hat gelitten, es ist ein Schweigen, eine Fremdheit zwischen den Verbündeten, die es vielleicht schon immer gab, durch die Distanz aber hervorgetreten ist.

Kraft wirft einen Seitenblick auf seinen Freund. Sicher, sie sind nicht mehr Mitte zwanzig, und diese Art der Freundschaft, das weiß Kraft, ist für Männer in ihrem Alter keine Option mehr; nur wer noch nicht allzu viel Beschämendes erlebt hat, kann in der Vorstellung leben, einen Freund zu haben, mit dem man alles teilen kann, sei eine schöne Sache. 

Während es dem einen gelungen ist, sich ein geregeltes Leben aufzubauen, die Sehnsucht des anderen, versinkt der in der Komplexität, die er fürchtet und nicht negieren kann. Nun soll er vom Optimismus erzählen. Alles ist gut.

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Identitätsroman mit Oma: Andreas von Flotow – Tage zwischen Gestern und Heute

Ein Junge hat eine berühmte Mutter. Sie verdient ihr Geld mit ihrem Gesang und gutes Geld anscheinend, schließlich gibt es so etwas wie ein Kindermädchen, Helen. Man lebt, versteht sich, in New York, während der Vater in Frankreich am Mittelmeer wohnt, deutschsprachige Bücher liest, und dann von seiner Familie Besuch bekommt, wenn die Mutter gerade auf Europatournee ist. Ein Vater, der Bücher schickt, ein seltsamer Junge, der die Bücher verschlingt, eine liebevolle Ersatzmutter, im Hintergrund droht die böse Oma. Die findet Bücher blöd.

Andreas von Flotow will uns weismachen, da säße einer im Jahr 2031 und versucht, sich an jetzt zu erinnern, an eine anekdotisch zerstückelte Kindheit, das Verhältnis zu Mama und Papa, von Helen Schwedisch lernen, Leseerfahrungen, Streit mit Tante Eve, das ist die Oma. Von Flotow reflektiert das Erinnern als Arbeit, die nicht immer gelingt, die an Grenzen stößt und für den Romancier nicht ausreichend kontrollierbar erscheint. Hinzu kommt die Erfahrung der eigenen Fremdheit: „Was habe ich überhaupt den ganzen Tag gemacht, als ich fünf, acht oder neun Jahre alt war?“

Das ist die Basis dieses kurzen Romans, „Tage zwischen Gestern und Heute“, der Versuch der realitätsnahen Überführung von Gedächtnis in Literatur, ohne dass dabei der Charakter der Erinnerung verloren ginge: Sie ist nichts vollständiges, sie gehorcht nicht: „Ich sitze im Wohnzimmer auf einem flauschigen, hellen Teppich, den mein Vater aus Frankreich mitgebracht hatte. Es gibt nichts, was ich anfassen, wonach ich greifen könnte. Aufstehen kann ich noch nicht. Das ist ein Moment, den ich so oder so ähnlich in dieser Wohnung erlebt haben muss.“ Sprachliche Unsicherheit ist die Voraussetzung dieser Form des Erzählens, der Autor räumt die Unausweichlichkeit seines Scheiterns ein, wenn er versucht Exemplarisches zu filtern.

Und unsicher ist auch das Kind, unsicher bis verschroben stakst es durch die Welt, die es – aber das mag genauso der Erinnerung geschuldet sein – wie aus einem dickwandigen Glaskasten heraus wahrnimmt, mit Ohropax in den Ohren. Eines Tages kommt der Onkel, Bruder der Mutter, vorbei und liefert einen Erzählanlass: Er schießt. Die Kugel gilt der Mutter, trifft und tötet den Vater und versetzt die berühmte Sängerin in einen „lebensbedrohlichen Schock“, dem sie nach fünfjährigem, stummen Siechtum im Krankenhaus erliegt.

Um den Anschlag und seine äußeren und inneren Folgen kreist der Roman. Wer bin ich geworden? Das ist eine Frage, die ein Buch erstmal unter Verdacht stellt. Das könnte sentimental werden, weinerlich, klischeebehaftet. Und tatsächlich gibt es diese Momente, da der Ich-Erzähler von „ungewohnter Traurigkeit überwältigt“ wird, eine Behauptung, die der Leser aufgetischt bekommt, wie eine wahnsinnig bittere und absolut wirkungslose Medizin. Die Rettung für von Flotow ist die Konstruktion, die Spürbewegung, der forschende Ansatz der Entwicklung der diversen Traumata und Neurosen gegenüber.

flotowDer Junge muss zur Oma, der alten Krähe, verliebt sich in Stille und Bücher, legt Zettel an, auf denen er Zitate festhält oder einfach nur Namen von Autoren, natürlich darf Luhmann nicht fehlen, in diesem aufgezurrten Referenzrahmen. Die intellektuelle Herangehensweise an die Welt soll Sicherheit, mithin Wahrheit herstellen. Irgendwann greift der Junge zum Telefon und nimmt einen Satz auf, der in ihm anschwillt: „Ich hasse meine Mutter.“ Das ist aufregend, für ihn. Und interessant für den Leser. Die Erfahrung des Anschlags und der Umgang mit der komatösen Mutter im Krankenhaus ist für das Bürschchen nicht bewältigen.

Diese Wahrheit findet ihren ehrlichsten Ausdruck, wenn der Autor die Einfachheit dem ewigen Ringen mit der Produktion des Buches vorzieht. Die Banalität, nicht der literaturhistorische oder reflexive Horizont, ist letztlich der Schlüssel zur Person-Werdung des Ich: „Bei aller Routine war ich ein bisschen stolz darauf, dass ich meine Mutter im Krankenhaus besuchen konnte. So hatte ich immer etwas Wichtiges zu erledigen. In der ersten Zeit wurde ich von den Mitarbeitern der Klinik über alle Maßen dafür gelobt, dass ich täglich kam.“

Was unterm Strich dabei herausspringt, ist ein ungewöhnlicher Roman, vielleicht tatsächlich eher eine Novelle. Von Flotow baut ein Gerüst aus literarischer Konstruktion und personeller Konstellation und lässt darunter wie ein Forscher über der Petrischale eine Figur entstehen. Es wirkt wie eine Wenn-Dann-Versuchsanordnung: Diese Voraussetzungen sind gegeben, diese Ereignisse treten ein, es verstreichen fünfzehn Jahre – was finden wir vor und was für eine Erzählung gibt das, in welcher Verfassung befindet sich mein Protagonist?

Er ist, um das noch zu sagen, ein ganz normaler Neurotiker. Vielleicht ist es die emotionale Abkapselung, die ein Zugrundgehen des Ich verhütet. In seinen Neurosen trifft von Flotow die Figur aber tatsächlich am präzisesten: „Mein Körper machte, was er wollte, ebenso mein Kopf. Ich konnte es nicht lassen, alles was ich tat, […], zu kommentieren. Ich sagte mir: Jetzt gucke ich aus dem Fenster, da steht die Platane, ich bin müde, leg dich ins Bett, du liegst schon wieder im Bett und kannst nicht schlafen, gleich kommt jemand – siehst du, jetzt weißt du nicht, was du sagen sollst.“

Dass bei einer Länge von etwas über 150 Seiten einiges verloren geht, dass vieles unerzählt bleibt, oder bleiben soll, ist klar. Wenn’s nach mir ginge, wär es dennoch kein längeres, sondern ein kürzeres Buch geworden. Zu oft schiebt von Flotow eine Reflexionsebene vor den Eindruck, die nur die Funktion zu haben scheint, eine und noch eine und noch eine Entschuldigung unterzubringen: „Heute kommt es mir gelegentlich naiv vor, dass ich über all das schreibe, obwohl ich meine damaligen Gefühle nur in einer unzulänglichen Sprache ausdrücken kann.“ Das wirkt eher feige als elegant und muss einfach nicht sein. Ein bisschen mehr Mut zur Kargheit hätte diesem Identitätsroman gut getan.

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Der Wust palavernder Stimmen: Clemens Meyer – Im Stein

Man kann nicht unvorbelastet an ein zu rezensierendes Buch herantreten. Man kennt den Autor oder hat von ihm gehört, man findet das Cover schick oder grässlich, man hat den Titel gelesen und den Klappentext. Im Fall von Clemens Meyer bin ich in besonderem Maße vorbelastet. Im Nachhinein kommt es mir so vor, als habe ich „Als wir träumten“ und „Die Stadt, die Lichter“ zum richtigen Zeitpunkt gelesen: Aus der obligatorischen Bukowski-Phase kommend und ausgestattet mit der Empfänglichkeit für Meyers Versuche einer ehrlichen Prekariats-Romantik. Aber ungeachtet meines Zustandes: „Als wir träumten“ ist ein großer Roman, eine der stärksten langen, deutschsprachigen Erzählungen, die mir bekannt ist.

Ich wollte „Im Stein“ nicht wegen der Longlist des Deutschen Buchpreises lesen oder wegen der Beurteilung einer Relevanz innerhalb des Betriebs und der Welt. Ich wollte „Im Stein“ für das eigene, subjektive Lesevergnügen, das „Als wir träumten“ mir noch beschert hatte, lesen, sonst nichts. Und darum fühle ich mich betrogen.

Dass auf dem Buchrücken von einem „vielstimmigen Gesang der Nacht“ die Rede ist, hätte argwöhnisch machen können. Aber was sagenim stein schon Klappentexte. Tatsächlich handelt es sich bei der Anlage von „Im Stein“ um ein ambitioniertes Projekt. Meyer versucht sich an der Illusion des Autors, der mit dem Mikrofon in der Hand durch die Halbwelt der Zuhälter und Prostituierten wandelt. So könnte man das etwas vereinfacht, ungeachtet der Multi-Perspektiven, ausdrücken. Im Grunde ist es das: Der Wust palavernder Stimmen aus der Unterwelt. Meyer will hier, anders als zuvor, nicht erzählen, sondern weben, einen Teppich aus überlieferten Geschichten, der eine darunterliegende Wahrheit erkennen lässt. Ich finde: Clemens Meyer ist ein Erzähler.

„Im Stein“ aber ist keine große Erzählung, baut keine Bögen, etabliert kaum unverwechselbare Charaktere. Im Stile eines Auktionators führt Meyer seine Figuren vor, Arnie Kraushaar, der Bielefelder, Magda, die Engel, manche tauchen wieder auf andere nicht, alle sprechen, als habe jemand auf einen Knopf gedrückt, aber sie erzählen nicht, sie labern: „Das Wort Fotze habe ich als Schimpfwort nie benutzt, da habe ich viel zu viel Respekt vor Frauen. Aber zurück zum Thema: Sie haben doch keine Ahnung, überhaupt keine Ahnung. Ich kann Ihnen was erzählen, kann Ihnen jede Menge erzählen über Zuhälter passend zum Anlass …, kann Ihnen da viel erzählen, aber mein Beruf, oder sagen wir: das, was ich mache, mein Job, meine Profession? Nein. Und was soll das hier überhaupt darstellen?“ Es gibt in diesem Buch zu viele Zeilen, voll mit Wörtern, aber ohne Inhalt. „Im Stein“ hat 558 Seiten. Es sollten 200 sein, maximal, eingedampft, präzise, pointiert, die kontrollierte Nicht-Struktur in stabile Rahmung gebracht, das wäre schön.

Ein solches Buch, ein mühsames, zu lesen, ist eben immer auch eine Selbstbeobachtung. Ich offenbare mich mir selbst, nicht zum ersten Mal, als ein fauler Leser, wenig leidenschaftlich für den Berg, den Meyer mir zur Überwindung vorgesetzt hat. Ich will abgeholt werden. Ich kann nicht folgen. Ich bin nicht geeignet. Das heißt nicht, dass ich an anspruchsvoller Literatur grundsätzlich scheitere, bestimmt nicht, nur, dass es mir zuwider ist, mich durch ein Buch zu quälen, bei dem der Anspruch eben nur daraus zu bestehen scheint: Die Mühe, die mir gemacht wird, ein Selbstzweck, als müsste der Autor der Welt etwas beweisen. Sperrigkeit ist zu oft nur der Anschein von Qualität. Redundanz kann ein Mittel sein, aber bitte keines der Beweisführung ihrer selbst. Literatur soll nicht trivial sein, genauso wenig aber störrisch aus Prinzip.

Vor allem dann nicht, wenn das, was erzählt und angedeutet wird, so fürchterlich erwartbar und so ganz und gar nie überraschend ist. Der Lude Arnie studiert jetzt nebenbei BWL, okay, die Prostitution ist ein großes Geschäft, eine Erkenntnis, die 2013 schon nicht mehr schockierend sondern schon bieder ist. Ein ehemaliger Boxer tritt auf, sonst wär es ja kein Clemens Meyer. Wenn die Bewegung der Menschen durch die Stadt ein ungeordnetes Fließen ist und die Gesichter derselben weiße Masken wie aus Schnee, so handelt es sich nicht mehr um literarische Bilder, sondern schon um Floskeln.

Es ist Meyer anzurechnen, dass hier Sprache nachvollzogen wird. Dass Dynamiken der Erinnerung Einzug halten in den Text, dass die Nullaussagen der täglichen Kommunikation literarisiert werden sollen. Der atmosphärische Über-Eindruck, der dabei potenziell entstehen könnte, ist aber eine Illusion, solange die einzelnen Bestandteile, so sehr auf ihrer Banalität pochen. Das ist umso frustrierender, wenn man darüber nachzudenken beginnt, was der Erzähler Clemens Meyer aus dem vorliegenden Material tatsächlich hätte machen können. Die „Kanacken-Attacken“, die ewig im Hintergrund drohenden „Engel“, Erpressung, Geldnot, koksende Jockeys, Bahnhofskneipen – nichts wird erzählt, alles angedeutet.

Die wenigen Stellen, an denen das Buch etwas liefern kann – ein erzählendes Moment, eine Überraschung, so etwas wie Effektivität – findet man eher da, wo das Geschehen das ewige Klischeepalaver des Milieus verlässt. Hans Pieszeck, rechte Hand des Arnie Kraushaar, fährt ans Sterbebett des Vaters in die Heimat: „Und er wollte nicht aufs Grabe der Mutter blicken. Direkt neben dem Loch in der Erde. Seit fast zwanzig Jahren schickte er Blumen auf ihr Grab. Vorhin hatte er Tannenzweige unterm Schnee gesehen. Wie haben sie nur das Loch in diese steinharte Erde bekommen? Mit einem kleinen Bagger wahrscheinlich.“

Da flackert die Literatur, die mich befriedigt hätte, schlaglichthaft auf. Und wird verschluckt von öden Sprachmühlen. „Im Stein“ sollte eben kein Buch werden, das meine primären Entertainmentbedürfnisse befriedigt. Es sollte experimentell sein, im Weitesten, ein ehrlicher Brocken zum Niederringen. Darüber ist es – und das hätte nicht sein müssen –  langweilig geworden; und ein bisschen egal.

  

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