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Feel the Derm. USA 2016.Teil 4: St. Louis, Germany

Jede Reisegruppe braucht ein Mitglied, das sich mit öffentlichem Nahverkehr auskennt und weiß, wie man Türen mit einem Schlüssel öffnet. Wir haben uns für den Jazzheini und Eisenbahnenthusiasten Stephan Goldbach entschieden. Dies ist ein Gastbeitrag von weit, weit weg. 

Das erste Mal Autofahren in Amerika ist natürlich unangenehm. Vor lauter Nervosität lassen wir meine Aktentasche auf dem Dach des seltsamen Hyundai Veloster Sportwagen/Kleinwagen-Verschnitts liegen. Das Gehupe und Geblinke der höflichen Bürger um uns herum macht uns darauf aufmerksam. War ja auch nur Geldbeutel und Reisepass drin… Nach kurzen Angstszenen auf sieben-spurigen Highwaykreuzungen stellt sich das automobile Reisen auf amerikanischen Interstates allerdings als wahrer Traum heraus. Tempomat auf 70, Countryradio an – St.Louis, noch 400 Meilen, ein Klacks.

Niemand – nicht mal Michi – weiß, was uns bei seiner Großtante Julia erwartet. Als uns die extrem rüstige 83-Jährige dann mit ihrem liebenswert-absurden Fränkisch-Amerikanisch empfängt, sind wir erstmal etwas erschlagen. Das Haus, das in einem klischehaften Vorort gelegen ist, wie man ihn aus unzähligen Bewegtbildserien kennt, ist ein Mausoleum deutscher und fränkischer Kultur-Objekte. Auf dem Fernsehtisch liegt das „German-Life“-Magazin, welches über Schwäbisch Hall berichtet, Reisen zum Schloss Neuschwanstein vorschlägt und Bestellhotlines für das Kulturgut „German Schultüte“ für die deutschlandgerechte Einschulung bereithält. Natürlich in schwarz-rot-goldener Frakturschrift.

Fred, Michis Großcousin, seines Zeichens echter Ami-Trucker, versorgt uns mit kistenweise Heineken und Corona. Nachdem er uns zum Flughafen begleitet, um uns nach der Autoabgabe wieder mit zurückzunehmen, wundere ich mich zuerst über den langen Rückweg – bis mir klar wird: Wir machen gerade einen Sightseeing-Trip, ohne Aussteigen allerdings, denn es ist schon nach Sonnenuntergang und auch St.Louis scheint überall gefährliche Ecken zu haben. Hysterie oder berechtigte Angst? Ähnlich wie in Detroit kommen uns Zweifel. Und doch: Auch in St Louis gab es gerade erst wieder Schiessereien mit Todesfolge. In einer der Touristenstraßen steigen wir dann doch aus, es ist eine Art Walk Of Fame der Stadt. Fred macht ein Foto von uns und einer Chuck-Berry-Statue, wir stellen ausserdem fest, dass auch William S. Burroughs ein Sohn der Stadt ist.

Beim anschließenden Abendessen lavieren wir uns geschickt um brisante politische Diskussionen herum und gehen dann im auf 16 Grad heruntergekühlten Keller zwischen entschärften Handgranaten, dem Gun Digest 1998, bayerischen Oktoberfesthüten und einem Brauerei Wagner Merkendorf-Krug schlafen. Gerne würde ich detailliert beschreiben, welch unterhaltsames Sammelsurium amerikainscher und fränkischer Museumsobjekte dort lagerten, doch ähnlich wie besagter Keller würde das jeden Rahmen sprengen. Die angehängten Bilder mögen für sich sprechen.

Nach einem späten Frühstück am Tag darauf lässt es sich Fred nicht nehmen, uns St. Louis zu zeigen. Es folgen der berühmte Arch und das Stadion Downtown, alles irgendwie wie erwartet und trotzdem beeindruckend. Touristische Begleiterscheinungen wie eine Schlange pinker Hochzeitkutschen voller Logos diverser Sponsoren schocken auch schon lange nicht mehr. Exzessiver Genuss der verschiedenen Craft-Biere der Schlafly-Brauerei rundet den Tag ab: Lager „Helles“-Style, Kölsch und die ganze Palette an Pale Ales, um nur ein paar Beispiele zu nennen – gebraut natürlich mit Bamberger Weyermann-Malz.

Sehr interessant dann der Abschlussabend am Tag darauf. Freds Schwester Silvia kommt zum Abendessen vorbei und es folgt ein epischer Schlagabtausch absurder Geschichten zwischen ihr und ihrer Mutter Julia. Wir sind – wie meistens – leicht angetrunken und nicht immer sicher, ob wir das alles glauben können:

– Als deutsche Einwandererin kurz nach dem zweiten Weltkrieg ein Kind am 20. April auf die Welt zu bringen – für Julia unmöglich. Das Kind muss drin bleiben. Es wird also alles menschenmögliche veranlasst und tatsächlich: Silvia erblickt kurz nach zwölf, also am 21. April, das Licht der Welt. Ein Anchor-Baby am Geburtstag des Führers – wo kämen wir denn da hin?

– Silvias Hunde, die wir kennenlernen dürfen, sind nur der aktuelle Stand einer illustren Reihe an Haustieren. Neben Katzen und Papageien sticht vor allem der Affe Jacky heraus. In den 60er Jahren für 57 Dollar im Baumarkt gekauft, hält er das Familienleben auf Trab, erhängt sich aber aus Kummer irgendwann selbst. Wir zweifeln.

– Großtante Julia berichtet von einer absurden Figur, die ihr aus Nazi-Deutschland im Gedächtnis hängen geblieben ist: Der Chickencounter. Der ging rum und zählte die Hühner der Leute. Nicht dass die zuviele davon haben.

Erschöpft gehen wir schlafen in unserem German Krims-Krams-Keller. Dankbar, aber auch ein bisschen verwirrt, machen wir uns am nächsten Morgen in unserem gemieteten Ford-Jeep ohne genaues Ziel auf in Richtung Westen.

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