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Balkan-Diary 2: Die Attraktion ist der Mensch (Plitvicer Seen, Starigrad)

Auf der kurvenreichen Küstenstraße zwischen Zadar und Starigrad herrscht zumindest teilweise eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 50 km/h. Weil ich schon seit geraumer Zeit spüre, wie mir die Einheimischen im Nacken sitzen, wie sie auf mein Kennzeichen schielen und fluchen auf die gesetzestreuen Touristen und ihre Art hier über ihre Küstenstraße zu schleichen, fahre ich eh schon eher 60, teilweise 70 km/h. Um die Demütigung ein wenig abzumildern.

Ich fahre hier ja zum ersten Mal. Ich weiß ja nicht, wie man das macht. Ich hatte gerade ein Thunfischsteak und danach gab es noch einen Honigbrandy, aufs Haus versteht sich, der Deutsche am Nebentisch erkundigt sich direkt händeschüttelnd nach dem Namen des Kellners und der lässt es sich nicht ansehen, ob ihm das unangenehm oder doch ganz recht ist.

Und jetzt, Honigbrandy im Kopf, Stracciatella im laktoseintoleranten Magen, zurück von Starigrad fast bis Tribanj, Camping Navis direkt an der so berühmt steinigen, dalmatinischen Küste. Der Nachbar vom bayrischen Wald jagte vorhin noch eilig zum Strand: Der Delfin is wieda do!, schreiend und nach seiner Frau, die ihn aus dem Wohnwagen heraus wissen ließ, sie müsse erst noch ihr Handy finden. Und dann standen wir an der berühmt steinigen Küste und warteten gemeinsam auf den Delfin. Der Bayer und der Schwarzwälder, wir Franken, ein paar Holländer, viel ledrige Haut, gegerbt in der dalmatinischen Sonne, viel geblähte Bäuche, weil es hier so gut schmeckt und zu knappe, viel zu knappe Speedos über Männerhintern. Aber kein Delfin, nicht mehr, nicht für mich.

Die Küstenstraße hier her, an diesen Ort zwischen zwei Orten, in diese Bucht, schlängelt sich zwischen Küste und Bergen und das ist dann, wie man so schön sagt, malerisch. In der Dämmerung aber kommt jede Kurve überraschend, kommt jede Geschwindigkeitsbegrenzung ungelegen. Lieber runterschalten, lieber langsam, bald sollten wir da sein, ein Kleinwagen, der mir die ganze Zeit schon so bedrohlich am Arsch klebte, drängt sich vorbei. Gut so, verpiss dich, bitte. Und da ist auch schon das Schild, Camping Navis, 200 m, langsam, Blinker, zweiter Gang. Ich bremse, will rüber, Spiegel, Schulterblick: Ey! Der Lieferwagen, der mir jetzt so bedrohlich auf dem Kofferraum klebte, wollt gade jetzt ganz gern vorbei, ich schon auf der Fahrbahnmitte. Ich sage: Alter! Spack! Und er wahrscheinlich etwas sinngemäß Gleiches auf Kroatisch.

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Es ist jetzt Vorsaison in Kroatien. Ein Wort, das sich schon so verlockend anhört. Vorsaison, man ist vor den anderen da. Man kommt heim und erzählt schon, wie es war, wenn die anderen erst aufbrechen. Vorsaison und man hat ein bisschen mehr von allem und den Strand für sich und der Schnaps geht aufs Haus.

Wenige Tage zuvor: Plitvicer Seen. Ja, Karl May, Winnetou und so, hier wurde doch irgendwas gedreht, das sagen die Leute zu einem und man selbst wiederholt es dann und der bzw. die gegenüber, in meinem Fall H., bestätigt das, ja, das habe sie auch gehört. Wir haben die Filme beide nicht gesehen. Ich halte die auch für schlimm langweilig. Aber die Hörspiele auf Kassette fand ich als Kind immer schön und ich musste auch fast nie weinen, wenn Winnetou dann stirbt, glaube ich.

Unterm Strich jedenfalls behauptet jeder Landstrich in Kroatien, auf dem es drei Bäume oder zwei Seen oder einen Wasserfall gibt, dass hier irgendeine der Karl-May-Verfilmungen gedreht worden sei. In Starigrad gibt es ein Winnetou-Museum, das zu einem Hotelkomplex gehört und laut Tripadvisor schön aber schwer zu finden ist. Wir gehen nicht hinein.

Von den Plitvicer Seen heißt es zweitens: Ja, die sind sehr schön, die muss man gesehen haben, aber Vorsicht, überlaufen. Wir denken: Vorsaison. Auf dem nahegelegenen Campingplatz ist auch noch viel frei, die Nachbarn sitzen vor ihrem Wohnmobil, hören Deutschrock und sehen ganz und gar nach Thüringen aus. Ein Frau erklärt ihrem Mann, dass sie jetzt das Toastbrot essen müssen, weil in dem Klima doch alles so schnell schimmelt. Eine andere fragt, weil wir doch junge Leute seien, ob wir auf unseren Handys nachschauen könnten, wie morgen das Wetter wird. Nur die Deutschen, scheint es, haben in 2018 überhaupt noch das Kleingeld, um auf Reisen zu gehen, aber wahrscheinlich war das schon immer so, bzw: Es gibt halt einfach viele von uns, Binsenweisheit.

H. hat sich im Vorfeld erst mal ein paar Geheimtipps im Internet angelesen. Zum Glück gibt es das Internet, wo alle Geheimtipps ganz schnell zu finden sind. Ein Blogger verrät, man solle sich den großen Wasserfall für später aufheben, am Abend ist weniger los, und zuerst einen J-förmigen See im Norden aufsuchen, der weniger Aufmerksamkeit abkriegt, aber auch schön ist.

Wir nehmen also zuerst das Schiff – kleine Überfahrt, große kindliche Freude meinerseits – nicht, weil das zum Plan gehört, sondern weil wir gar keine Wahl haben. Alle Besucher vom Eingang 2 werden zunächst mal verschifft. Dann versuchen wir, uns in Richtung des J zu halten. Die sporadisch aufgestellten Schilder sind, möglicherweise mit Absicht, absolut unbrauchbar: Mal ist von Wegen von 1 bis 10, mal von Routen mit den Buchstaben H,I,J,K die Rede und da, wo man einfach einen Wegweiser gebrauchen könnte, steht eh keiner. Google bringt auch nix, wir laufen wieder mal komplett in die falsche Richtung.

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Und das ist sehr gut, denn hier, auf einen Trampelpfad entlang eines dieser Seen, treffen wir nur ganz selten auf Menschen. Vielleicht weil der Weg durch eine Matschgrube führt und das will man ja auch nicht. Anders die Situation dann tatsächlich in Richtung des großen Wasserfalls. Das ist so ein Teil, wo man zwei Mal überlegt, ob man es jetzt überhaupt fotografieren soll, weil es ja so oft fotografiert worden ist und dann macht man es trotzdem und fühlt die Sinnlosigkeit aller Dinge.

Auf den Stegen, die zum Slap führen, drängen sich die Reisegruppen. Viele Asiaten jetzt. An dieser Stelle ist nicht mehr die Natur die Attraktion, sondern – vergleiche, Deflin und Strand –  der Mensch. Männer, deren haarige Bäuche frech aus den T-Shirts spitzen, Mädchen mit Tops, die von Partynächten berichten, die aufgeregten japanischen Paare und die jungen Frauen, die lange warten und posen, bis endlich, endlich das richtige, das perfekte Profilbild entstehen kann. Ein paar Meter weiter posiert auf demselben Steg ein Mann für seine Frau und versucht, seine Gesichtsmuskeln im Griff zu behalten und man kann sich so gut vorstellen,wie viele Profilbilder an einem solchen Tag an einem solchen Ort entstehen und wie die unterschiedlichen Facebook-Bubbles dann unterschiedlich darauf reagieren: So sweet, Hübsche! (viele Herzen), die einen, Gut schaust aus, schönen Urlaub noch (großer Smiley mit Daumen nach oben), die anderen.

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In einer Kehre, weg vom Wasserfall, den Berg hinauf, bleiben wir auf einer Bank sitzen. Ein Reiseleiter hält hier ein Schar wissbegieriger Rentner und Winnetour-Fans zusammen: Sie gehen jetzt hier über den Damm und dann rechts bis zum großen Wasserfall. Keine Hektik, wir haben Zeit, wiederholt er immer wieder und er hört sich dabei unverschämt so nett und angenehm an, dass wir noch ein wenig länger sitzen bleiben. Ich hör das irgendwie so gern, sage ich. Ich auch, sagt H.

Und dann sitzt er auch schon neben uns: Tut mir leid, dass ich hier so eure Ruhe störe, sagt er und wir beteuern, das mache gar nichts und Ruhe sei hier doch eh nicht so. Wir blicken auf die vielbeinige Menschenschlange, die sich an uns vorbeischlängelt. Ihr habt Glück, sagt der Reiseleiter, ein mittelalter Mann mit einer braunen Wolkenfrisur, heute ist wirklich wenig los. Das überrascht uns doch ein wenig. Ja, viele Menschen seien hier im Sommer halt immer. Dann passen Sie mal auf, dass sie niemand verlieren, sage ich und lache. Sie lachen, sagt der Reiseleiter, aber das passiert uns Reiseleitern wirklich oft. Die Leute kennen sich noch nicht und dann laufen sie einfach irgendjemand hinterher.

Er seufzt ironisch und man merkt, dass er ein gutes Verhältnis zu seinem Job hat und vom dem würde man sich auch gerne mal Kroatien zeigen lassen. Und dann rät er mir noch, nach Brac zu fahren, klar da sei jetzt auch alles packed, aber sein Lieblingsort in Kroatien. Und wenn der das sagt, denke ich. Dann muss er weiter, den großen Wasserfall herzeigen wie etwas von sich selbst und ich wüsste so gern, wie oft er ihn schon gesehen hat und ob das noch irgendetwas mit ihm macht.

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