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Fetisch Einöde. Teil 2: Falsche Entscheidungen

Tag zwei und schon wird das Alleinsein zum ersten Mal zur Qual. Man fühlt sich nicht mehr wohl mit so einer Reise, die man sich ausgedacht hat wie ein kleines Drama zur Uraufführung im diskret-privaten Rahmen. Ich fahre also zu einem Stausee. Kann man hier irgendwo einen Kaffee trinken? Nein. Also weiter.

Antenne Thüringen spielt die Hits, ich singe mit und linse nur manchmal auf mein Handy.

In Saalfeld stelle ich das Auto ab. Ich spiele mit dem Gedanken, mir die Feengrotten anzusehen und entscheide mich dagegen. Warum? Das ist im Nachhinein schwer zu sagen. Man ist manchmal, selten genug!, nicht in der Stimmung für Zauberhaftes.

In der Mocaba Espressobar trinke ich einen Kaffee und lese, dann esse ich ein Panino mit Schinken und Walnuss-Tomaten-Pesto. Der Kellner ist unverhältnismäßig begeistert von dem wenigen Trinkgeld, das ich ihm gebe. Unter einem Stadttor rauche ich die erste Zigarette des Tages. Weil ich davor Ricola gelutscht habe, schmeckt sie ein wenig schokoladig. Muss weiter.

Wohin? Richtung Rudolstadt? Hört sich nicht schlecht an, aber auch irgendwie zu groß.

Kurz vor Rudolstadt biege ich ab, in den Wald, Serpentinen, die einen Berg hinaufschlängeln, irgendwie italienisch. Ich erreiche Schwarzburg, ein zweigeteiltes Dorf, unten und oben alles Fachwerk, malerisch.

Oben drauf: Die Schwarzburg. Ich lerne, dass hier die erste deutsche, demokratische Verfassung unterzeichnet wurde, Weimarer Verfassung, 1919 war das. Was man alles nicht weiß.

Ich will hier bleiben, aber die Pension ist belegt, ein Hotel ist zu und ich bin zu scheu, um zu klingeln, in die Jugendherberge will ich nicht, die anderen Hotels sind, Google sagt mir das, zu teuer.

Schwarzburg rausgeputzt, zu sauber, zu flott, und trotzdem tot jetzt in März.

Weiter, Strecke machen, mehr sehen. Ich bin müde, würde gerne jetzt bald irgendwo ankommen, mich noch ein wenig hinlegen vorm Abendessen. Ich versuche, so zu fahren, dass es nach mehr Berg und nach mehr Wald aussieht, Thüringer Wald, das war ja so ein heimliches Ziel bei dieser Reise, die Ziele verbietet. Einmal falsch abgebogen, schon touchiert man den Wald nur noch und vor mir öffnet sich die Ebene, Felder, keine Bäume, wie zur Strafe dafür, dass ich meine halben Gedanken zu konkret an Ziele verschwendet habe.

Das Traurigste ist, dass man mehr Gästehäuser, Wirtschaften, Kneipen sieht, die leer stehen als solche, die noch betrieben werden. Ich fahre irgendwie Richtung Ilmenau, aber Richtung Ilmenau will ich nicht.

Und Rudolstadt ist wirklich zu groß, zu viele Autos und Ampeln, die Hotels schaue ich mir gar nicht erst an. Ich fühle mich überfordert und ein bisschen nervös.

Und das ist das Risiko, das man eingehen muss: Dass man scheitert beim Reisen. Dass es schiefgeht, weil man einmal verzagt ist, einmal denkt, da geht noch mehr, einmal falsch abbiegt, Ilmenau, Rudolstadt, alles Scheiße. Aber Unzufriedenheit ist eigentlich genauso verboten wie Zielehaben.

Ich passiere Teichröda und sehe eine Pension. Schaut nett aus, denke ich, muss ich mir merken. Aber hier bin ich im Tal, ich will auf den Berg. Also wieder rechts, da steht etwas von wegen Schloss. Die Pension Sonja gefällt mir aber nicht, zu privat, kein Gasthaus. Also weiter, vorbei an den leerstehenden Gasthäusern. Nie kann man sich entscheiden, immer denkt man, man findet etwas Besseres, Schleifen und Kreise fahrend wie eine irrlichternde Motte. Zum Glück bin ich allein, keine Diskussionen. Alles Part of the Game.

Zurück nach Teichröda. An der Pension Hopfgarten hängt ein Schild, Gäste möchten gegenüber, im Restaurant Hopfgarten, auf sich aufmerksam machen. Der Besitzer hat mich schon gesehen, ein älterer Herr in der glänzenden Trainingsjacke des FSV Rot-Weiß Teichröda.

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Ich sage, dass ich auf der Suche nach einem Zimmer sei. Kann er haben, sagt der Mann. Man wird hier nicht gesiezt oder geduzt, sondern geerzt. Und zwar konsequent. Er murmelt etwas Unverständliches und läuft dann voran Richtung Restaurant, ich hinterher. Auf halbem Weg dreht er sich um und sagt, er könne auch warten, weil er nur die Schlüssel hole. Also einmal er ich, einmal er er. Als er mir aufsperrt fragt er, ob er zum Arbeiten hier sei. Ich sage, nein, ich fahre einfach durch die Gegend, bis ich keine Lust mehr habe. Ahja, sagt der Mann.

Dann spaziere ich durch den Ort. Er ist wirklich ganz hübsch, kein Schiefer mehr, alles Fachwerk, keine Leerstände. Liegt vielleicht am Gewerbegebiet Teichröda. Sonst aber ist hier nichts. Keine Bar, noch nicht mal eine Spielo, keine Menschen auf der Straße, keine Wanderkarte. Nur ein Friseur und ein zweites Restaurant, Alter Konsum, leider Betriebsurlaub.

Weil der Mann nicht sehr freundlich war, onaniere ich ihm in die Dusche.

Eine Stunde lang kämpfe ich mit der Fernbedienung. Keine Sender. Kein Signal. Endlich finde ich heraus, wie man einen Suchlauf startet. Kein Erfolg. Ich will nicht um Hilfe bitten müssen. Immer wieder Menü, zurück, Einstellungen, Ok. Manchmal funktioniert die Fernbedienung, manchmal nicht. Ich werde zornig. Dann entdecke ich zwei weitere Fernbedienungen auf dem Fliesentisch. So geht das.

Im Restaurant sitzen außer dem Wirt noch drei weitere Gäste. Zwei verabschieden sich bald. Einer sitzt noch schweigend mit dem Wirt zusammen. Ich bestelle Bier, Apoldaer, es schmeckt sehr gut. Ich frage, worum es sich beim Thüringer Rostbrätel handelt. Ein Kammfleisch, sagt der Wirt, vom Schwein. Das probiere ich, sage ich. Das Rostbrätel ist mit einem Haufen Zwiebeln bedeckt, die ich nicht so mag. In den Bratkartoffeln erkenne ich Speck. Der Wirt fragt: Wann will er denn frühstücken?

Wieder nur zwei Bier. Diese Minimalkommunikation den ganzen Tag, alles zweckdienlich, alles Dienstleistung, verursacht, dass ich entweder in Dialogen mit mir oder mit ihr oder in Schreibsprache denke. Man reibt sich innerlich wund. Ich würde gerne weitertrinken, aber hier fühle ich mich nicht wohl damit, noch eins zu bestellen und dann alleine hier sitzen zu bleiben mit dem Trainingsjackenmann, der kein Interesse daran zu haben scheint, mir ungefragt seine Lebensgeschichte zu erzählen.

Also rauche ich auf meinem Balkon. Die Pension ist architektonisch ein bisschen wie ein Motel. Thüringen ist Kalifornien.

Wo zur Hölle bin ich? Teichröda.

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Vielleicht eine Fehlentscheidung. Hier wird nichts Berichtenswertes mehr geschehen. Ich fühle mich unter Druck, morgen was richtig Gutes zu finden. Und eigentlich schreit vieles in mir nach Heimkehr. Das ist nicht drin, keine Kapitulation.

Am Morgen ist der Rotz noch da, aber durchsichtig, das ist ein gutes Zeichen bekanntlich. Alle Gedanken an Heimkehr fortgewischt. In der Nacht träumte ich von einem Mädchen. Wir lagen in Berlin auf der Straße, mein Kopf auf ihrem Bauch. Ich hatte ein riesiges Terrarium gekauft und nun sprachen wir darüber, welches Tier darin leben sollte. Ich dachte an eine Echse, einen Waran, sie meinte, dafür sei mein Terrarium zu klein. Dann war ihr Gesicht ganz nah an meinem. Ich wusste nicht, ob ich durfte, wir zögerten, dann spürte ich ihre Lippen. Sie waren sehr surreal weich. Wie alpenländisches Gebäck. Ich wachte auf und sah, dass genau dieses Mädchen mir geschrieben hatte.

Ich habe weniger Schmerzen als an den Vortagen und bin voller Tatendrang. Aber ich bin mir unsicher, ob ich jetzt in den Thüringer Wald, also quasi zurück, oder nach Jena fahren soll. Der Wirt hat mir ein Frühstück vor die Tür gestellt. Ich versuche, die Entscheidung per Whatsapp auf verschiedene Freunde abzuwälzen. Die meisten sind dafür, dass ich in den Wald fahre. Im Auto sitzend entscheide ich mich für Jena. Ich will den Abend nicht vorm Fernseher, sondern in einer Bar verbringen.

Ich habe jetzt ein Ziel. So war das nicht gedacht gewesen. Aber Jena hört sich irgendwie gut an.

Jena. Hier, entlang der Saale, ist es schön, sanfte Hügel, in denen Nebel hängt, Dörfer, die gar nicht so sehr nach Verfall aussehen. Ich sehe ein Schloss auf einem Berg, also biege ich rechts ab. Das Schloss ist eine Burg, die Weißenburg, sie liegt direkt neben einer imposanten Rheumaklinik.

Ein Wegweiser sagt, ein Kilometer auf den Elsterberg. Ich beschließe, ein bisschen zu laufen. Erst geht es durch einen kahlen Wald, dann über eine Wiese. Unter mir hängen die Wolken im Tal. Ich komme mir vor wie im Gebirge.

Ich bekomme wenig Luft durch die Nase, der Kopf pulsiert vom Rotz. Egal.

Goethe muss wohl, das steht auf der Wanderertafel, gesagt haben, er finde diese Gegend, das Saaleland, ganz herrlich. Man fragt sich, wo der damals seinen Klumpfuß nicht hingesetzt hat.

Wäre vielleicht mal eine Idee für einen sehr schönen, sehr dünnen Reiseführer: Urlaub machen, wo Goethe nie gewesen ist.

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Nach meiner kurzen Bergtour will ich natürlich auch noch die Burg betrachten. Zwei Vermesser bauen hier gerade ihr Vermessungsgerät auf. Immer muss dieses Land vermessen werden, das hört nie auf.

Ich gehe durch ein Tor und ignoriere ein gelbes Schild an einem Baum: Privatgrundstück, Eltern haften für ihre Kinder. Blödsinn, denke ich. Man wird sich ja wohl noch eine Burg anschauen dürfen. An der Burg hängt auch das Schild einer Biermarke, vielleicht bekomme ich hier sogar einen Kaffee. Und dort vorne ist so eine Art Terrasse von der ich bestimmt einen erhebenden Ausblick habe.

Ein Mann streckt seinen Kopf aus einem der unzähligen Burgfenster.

Ob er mir helfen könne. Nö, sage ich, ich schaue mich nur um. Da hängt ein Schild an dem Baum da vorne, sagt der Mann. Ich glotze ihn blöd an. Ich bin ahnungslos, soll das heißen, ein Schild habe ich nicht gesehen, bitte erklären Sie sich. Privatgrundstück, sagt der Mann. Oh, sage ich, sorry. Ja, sagt der Mann. Bin schon weg, sage ich. Ja, sagt der Mann auffordernd, ja!

Ja, doch.

Weiter Richtung Jena. Das hat gut getan. Vielleicht weil ich mit jemandem sprach, von dem ich nichts wollte, sondern vielmehr er von mir, dass ich von seinem Grundstück verschwinde nämlich.

Wenige Kilometer weiter entdecke ich ein außergewöhnliches Dorf. Es ist sogar eine Stadt, eine der kleinsten Thüringens. Orlamünde. Wieder so ein zweigeteilter Ort. Die Oberstadt krallt sich in einen Bergkamm, eine Reihe Häuser, die aussieht, als könnte sie jeden Moment herunterfallen, in die Dächer der Unterstadt. Attraktion dieser Oberstadt ist die Kemenate.

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Ich weiß nicht, was eine Kemenate ist, sieht aus, wie eine sehr alte Kirche.

Sie ist verschlossen. Ich gehe die Straße auf dem Bergkamm entlang. Pastellfarbene Häuser winden sich einen leichten Anstieg hinauf. Der Ort hat einen Instagram-Filter. Im 18. Jahrhundert gab es hier eine Bierschlacht inklusive Verwundungen. Außerdem stritten die Bürger mit Martin Luther, daran erinnert ein Denkmal. Heute schläft die Stadt, immerzu, Tag und Nacht, Schlaf. Auch in Orlamümde stehen viele Häuser leer. Einen Kaffee kann man hier nicht trinken.

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In Jena, denke ich, sollte es nicht so schwer sein, einen guten Gasthof zu finden. Ich fahre einen Kreis um das Zentrum, stoße dann hinein, glotze halb immer auf das Handy, Google Maps, hier in der Nähe sollte etwas, irgendwas mit Zum Hirsch… Viele Fußgänger um mich herum. Ich bin nicht sehr aufmerksam. Ein roter Blitz. Fuck! Vierzig in der zwanziger Zone. Zwanziger Zone! Wer macht denn sowas? Scheißdreck.

So geht das nicht. Ich fahre ein Stück aus dem Zentrum. Bei Google habe ich die Grüne Tanne entdeckt, die mir Richmann empfohlen hat. Ich sehe das Gasthaus und lese, dass hier die erste Burschenschaft gegründet wurde und dass Goethe hier gern eingekehrt sei. Natürlich! Wenn er mein Nachbar wäre, ich würde ihm das Autofenster einschmeißen.

Ich frage die Frau mit dem blonden Kurzhaarschnitt, ob sie auch Zimmer haben. Sie sagt: Nein. Ich sage: Na gut, alles klar, und höre mich dabei unangemessen fröhlich an. Andreas hüpfend ab.

Das Zentrum nördlich umkurven, sich irgendwie durch Einbahnstraßen schlängeln. Gasthof Zur Schweiz. Sieht sehr gut aus, aber auch so, dass man nicht ganz sicher sein kann, ob er noch betrieben wird. Die Tür ist offen. Drin sitzt eine Frau mit derselben blondgefärbten Kurzhaarfrisur. Ich bräuchte ein Zimmer. Für wen?, bellt die Frau. Naja, für mich sage ich. Also, Einzelzimmer, hänge ich an, weil ich merke, dass sie mit meiner Antwort nicht zufrieden ist. Ja, wann?, schreit sie ungeduldig. Heute sage ich, also eine Nacht. Ich kichere nervös. Achtundfünfzig Euro mit Frühstück, sagt die Frau, als handle es sich um ihren letzten Versuch, mich doch noch zu vertreiben. Is‘ okay, sage ich sehr kleinlaut, jeder Preis wäre okay gewesen, das hat sie geschafft.

Ich beziehe mein Zimmer, es ist sehr groß. Ich mache mich auf die Suche nach einer Bratwurst. Das dauert länger als gedacht. Zuerst finde ich einen Sushiwagen, einen Vegane-Burger-Wagen und diverse syrische Shawarma-Stände. Thüringen, denke ich, fuck you. Das Theaterstück von Camus, das ich mir heute Abend anschauen könnte, entfällt wegen Krankheit. Schillers Gartenhäuschen ist geschlossen, wegen Krankheit. Beim Grillteufel bekomme ich eine Wurst. Sie ist erstaunlich zäh. Jena ist eine Enttäuschung. In einem Café lese ich und belausche den Nebentisch. Ein Typ mit Bart und seltsamen Haaren, wahrscheinlich Pädagogik-Hiwi, unterhält sich mit einem Punk-Mädchen mit grünen und orangenen Haaren. Ihr Freund muss Sozialstunden machen und sie sucht einen Aushilfsjob und tanzt nicht gerne. Beide sind schüchtern, als wäre das ein Date. Einmal erwischt mich der Hiwi dabei, wie ich rüberschaue.

An dieser Stelle brechen die Aufzeichnungen ab. Man erlebt immer schnell und schreibt immer langsam. Das ist ein Problem. Ich bin dann noch nach Berlin gefahren. Da war es auch okay.

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Fetisch Einöde. Teil 1: Ludwigsstadt und was dahinter kommt

Wo bin ich?

Ludwigstadt, Frankenwald, nahe der thüringischen Grenze.

Helga, die Wirtin des Gasthauses Torpeter gibt mir eine ganze Ferienwohnung zum Preis eines Einzelzimmers. Den Preis für ein Einzelzimmer kenne ich nicht. Aber es beruhigt mich, dass der andere Gast, ein Glatzkopf, der in der Stube abwechselnd Bildzeitung und Speisekarte liest, sagt, dass das ja alles so billig sei hier. Wir sind eine günstige Region, sagt Helga.

 

Ich bin drei Stunden gefahren. In Bamberg noch Proviant gekauft: Eine zweite Packung Ricola, eine Flasche Wasser, medium, eine Packung Silomat gegen Reizhusten, zum Lutschen.

Muss reichen.

Dann auf die Autobahn Richtung Suhl, bei Lichtenfels raus, weiter Richtung Kronach. In Lichtenfels nochmal volltanken, eine Cola dazu, fünfzig Euro. Die Hoffnung, dass ein bisschen Koffein etwas hilft, gegen die Krankheit, die durch den Körper kriecht. Ich will nicht darüber nachdenken, ob ich möglicherweise Fieber habe und woher die stechenden Schmerzen kommen, im Nacken und hinten seitlich am Rücken.

Dann: In den Frankenwald eintauchen, der sich hinter Kronach öffnet, diese dunkelgrüne Wolke, dieser düstere Vorhang aus Nadeln. Kurz rausfahren, wegen einer Wallfahrtskirche Glosberg. Kann man hier einen Kaffee trinken? Nein.

1727 hat die ortsansässige Muttergottesstatue Blut geweint. Weiter oben, im Wald, ist sie einem Hüterjungen erschienen. Der Weg zum Ort des Aufeinandertreffens führt an Bildstöcken der „sieben Schmerzen Marias“ vorüber. Würde ich gern sehen, bin aber zu schwach. 2010 wurden in Glosberg 3.000 Tonnen Säureharz und 15.000 Tonnen belasteter Boden entsorgt. Eine Kronacher Mineralölfirma hatte den heiligen Boden in den 60er-Jahren besudelt. Ha.

Natürlich begegnet mir ein solcher Ort zuerst.

Die Häuser sind hoch aufragend und dunkel. Kein freundlicher Landhausstil, kein Fachwerk. Vergessene, verbitterte Orte, nichts Einladendes. Es regnet. Ich fahre nochmal raus, Rothenkirchen, ein Rewe. Ich muss mir ein kleines Schulheft kaufen, für falls ich einen Einfall habe. Es ist ein kleines Schulheft mit Feuerwehrmännern. Ich habe wenige Einfälle.

Wo bin ich? Und warum?

Ich habe jetzt eine halbe Woche Urlaub. Ich bin einfach losgefahren. Nur, wer auf Facebook mit mir befreundet ist oder ein Büro mit mir teilt, weiß davon. Sprich: Sehr viele Menschen, aber nicht meine Eltern, zum Beispiel.

Es ist wichtig, dass ich kein Ziel habe, dass ich nicht weiß, wo es schön oder interessant sein könnte. Nur die Richtung muss einigermaßen eingehalten werden, Nordosten, Frankenwald, Thüringer Wald, später vielleicht noch Erzgebirge, dunkle, dunkle deutsche Depressionslandschaften. Die Fetischisierung der Einöde.

James Blunt schrieb bei Twitter, wer glaube, 2016 sei ein schreckliches Jahr gewesen, müsse wissen, dass er 2017 ein Album veröffentlichen werde. Daran muss ich immer denken.

Ich finde, ein Ei hat noch keinem Salat geschadet. Manchmal wäre ich gern ein Sänger, der Dinge sagt, wie: Bamberg! Seid ihr gut drauf? Obwohl er selbst aus Bamberg kommt.

Weg, um etwas loszuwerden, obwohl man weiß, dass das nicht geht. Und weil man das schon immer machen wollte: kein Ziel, nur fahren und schauen, wo man ein Zimmer findet, oder vielleicht gleich gar eine ganze Wohnung zum Preis eines Zimmers.

Ich kenne niemand, der so etwas mit mir machen würde, also bin ich allein. Freunde brauchen immer einen Plan, ein Ziel, einen Grund für das Unterwegssein, aber darum geht es nicht. Es ist eine Flucht, so wie immer alles eine Flucht ist.

Ludwigstadt. Eine stählerne Brücke vorm Balkon. Eine schwarzrotgoldene Fahne im Regen, schwarze und graue Häuser. Ludwigstadt, es gibt hier nichts für mich zu tun. Ein Märchendeutschland. Ich denke an alle Mädchen und schreibe Texte für frühestens posthume Veröffentlichungen. James Blunt schreibt auf Twitter, dass bald Muttertag sei, die beste Ausrede, sich sein neues Album zu kaufen.

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Ich schrieb einmal ein Gedicht, das Fuck 2016 hieß und von Wandtattoos handelte. Es ist sehr kurz.

Helga hat nur eine kleine Speisekarte, ich bestelle ein Schnitzel und ein Bier. Ein Stammgast ist da und liest die BILD, sonst niemand. Sie fragt, was mich nach Ludwigstadt verschlägt, ich sage, der Zufall und bin froh, diese Antwort untergebracht zu haben.

Helga, wie sie bedächtig zapft, sorgfältig, mit Zeit.

Als sie sieht, dass ich mich mit dem Bier auf einen leeren Tisch zubewege, sagt sie, dass ich mich ruhig dazu setzen darf, was eigentlich heißt, dass ich mich dazu setzen muss.

Der Stammgast ist vielleicht vierzig, möglicherweise jünger, ein großer Typ. Früher Basketball gespielt, auch gegen die Bamberger. Ein Team aus Lurtsch, so sagt man hier statt Ludwigstadt. Einen Trainer hatten sie nicht. Manchmal hätten sie die Bamberger geputzt, obwohl die Amis mit Sprungfedern in den Beinen hatten. Und im Winter wollten die Bamberger dann nicht nach Lurtsch hochkommen, wegen fünfzig Zentimeter Schnee. Geschenktes Spiel. Eine wilde Zeit gewasen, sagt der Basketballer. Gewasen, e ist hier oft a, seltsamster Dialekt.

Nicht nur Basketball. Der Stammgast hat alle Sportarten gemacht. Skifahren, Tischtennis, Faustball. Jetzt dürfe er nix mehr, der Rücken ist kaputt, seit zwei Wochen krankgeschrieben. Eigentlich arbeitet er als Heizungsbauer. Knapp zweitausend wohnen noch in Lurtsch, die Jungen ziehen weg. Eh klar, alter Hut. 1924 ist eine Dampflok von der stählernen Brücke gekippt, mitten in die Häuser rein. Moment, eine Sportart geht noch, trotz Rücken: Sportangeln.

Manchmal lesen wir, er BILD, ich Zeitmagazin, biernippend. Manchmal erzählt er was. Ich verstehe etwa siebzig Prozent.

Helga, sagt er, das muss ich noch erzählen, du schmeißt dich weg.

Die Leonie, das ist seine Tochter, habe heute ihren Loverboy mitbringen wollen. Hier oben, habe er gesagt. Er tippt sich an die Stirn. Kommt nicht in Frage. Und dann stand der Typ auf einmal auf der Matte, bei ihm. Dreizehn ist die Leonie. Da ist das Auto, habe er ihm gesagt, einsteigen, ich fahr dich zum Bahnhof, mir egal, wie du heimkommst. Zum wilden Tier sei er geworden. Als der Loverboy dann am Bahnhof stand, habe er ihm fast leidgetan. Das war ein Landsmann von dir, Bamberger. Helga schmeißt sich nicht weg. Ich innerlich.

Schnitzel, Pommes, Salat, zweites Bier. Später kommt noch ein kleiner, dicker mit Walrossbart. Hat Licht bei der Helga gesehen. Der Basketballer und der Walrossbart unterhalten sich über den Kleenen von einem Bekannten, der jetzt Kommandant bei der Freiwilligen Feuerwehr ist. Aber sonst sei Arbeit nix für den, sagt der Walrossbart. Der Basketballer meint, das liege vielleicht an dem Zinken in seinem Gesicht, bis der sich dreht, gegen Wind… Nee, nee, sagt der Walross, das sei der Große mit dem Zinken.

Fast zwei Stunden in Helgas Wirtshaus. Ich lerne viel. Waller und Kormorane sind Biester, richtige Krüppel. So ein Waller, ein richtiges Raubtier. Frisst einer Ente ihre Jungen weg mit einem Happs. Dann legt der Krüppel sich schon mal drei Wochen hin und verdaut. Walross nickt, Basketball trinkt sein viertes Bier aus und verabschiedet sich.

Ich ziehe mich auch zurück. Tut es gut, normalen Menschen zu lauschen, wenn sie über Fische und Feuerwehr und Renovieren reden, ist es das? Oder tut es gut, zwei Bier zu trinken. Es ist noch nicht mal acht. Es regnet noch immer. Wo bin ich? Ludwigsstadt. ARD einschalten.

Ich schlafe sehr schlecht. Immer wieder wache ich auf, in panischer Angst, ich hätte mein Frühstück verschlafen. Ich habe mich für neun angekündigt. Es ist zwei, dann vier, irgendwann sechs Uhr. Ich habe einen ekelhaften Kopfschmerz als ich mich aus dem Bett wälze. Der Rotz ist heute sonnengelb, dafür sind die Rückenschmerzen verschwunden.

Helga hat mir ein üppiges Frühstück vorbereitet. Brötchen, Marmelade, Nutella, Wurst, Käse, Kaffee, von allem zu viel. Zu viel, sage ich und: Aach!

Während ich frühstücke, kocht sie Gulaschsuppe für die Feuerwehr. Sie sagt, den Gasthof gebe es schon seit sechzehnhundertirgendwas. Immer im Familienbesitz. Aber mit mir stirbt er wahrscheinlich. Die Kinder wollen ihn nicht und ich bin ja auch nicht mehr die Jüngste. Ich sage, dann alles Gute weiterhin, weil mir nichts Besseres einfällt.

Ich kann schlecht durch die Nase atmen, spucke während meines Spaziergangs durch Ludwigsstadt ständig gelbe Brocken aus. Am Morgen ist es immer am schlimmsten. Ich denke an Tennisarschlöcher, den Urgrund allen Hasses. Fucking lange her.

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Ich weiß, dass ich nach Hause fahren sollte, aber das geht nicht. Jetzt ist Urlaub. Also fahre ich, wie es mir der Basketballer empfohlen hat, zuerst auf die Burg Lauenstein. Ich besuche die Pralinenfabrik nicht.

Kurz nach Lauenstein passiere ich die deutsch-deutsche Grenze. Die Häuser sind genauso schieferdunkel, auf dieser Seite stehen nur mehr davon leer. Ich befinde mich im Thüringischen Schiefergebirge und wusste nicht, dass es existiert.

In Probstzella wieder raus. Eigentlich ein schöner Ort, alt, in den Berg gebaut, Kirche. Ein Leerstand neben dem anderen. Alle Menschen, denen ich begegne, sind alt. Wie wird das hier in zwanzig, in dreißig Jahren aussehen? Was wird bleiben außer ein paar Hippies, die sich die verfallenen Höfe billig unter den Nagel reißen?

Auf dem Weg zum Haus des Volkes beäugt man mich. Man ist immer Eindringling. Heben die Männer auf dem Friedhof gerade ein Grab aus? Ich will nicht zu lange hinschauen. Ist mein Foto vom leerstehenden Videoverleih brauchbar? Ich weiß es nicht, aber ich kann kein zweites machen, weil ich nicht der Elendstourist sein will, der ich eigentlich bin.

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Das Haus des Volkes ist Thüringens größter Bauhausbau. Jetzt ein Hotel mit einem Park, in dem ein paar rote Lampen stehen, ein Kneipbecken, ein runder Pool. Alles verwittert. Unklar, ob man in das Hotel noch einchecken könnte. Zwischenstufen des Verfalls.

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In Probstzella habe ich erstmals wieder Internet auf dem Handy. Diverse Nachrichten kommen rein. Ich muss weiter.

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Weiter, tiefer hinein also in die dunklen, deutschen Wälder. Fast wie Kalifornien. So hoch die Nadelbäume, so steil fahren die Berge am Straßenrand in die Höhe. Thüringen, das Kalifornien Deutschlands. Ein cleverer Marketingspruch vielleicht. Ich passiere eine Ortschaft die Gottes Gabe heißt und so aussieht als hätte sie ein paar Gaben des Allmächtigen dringend nötig. Es ist eine der schönsten Straßen, die ich in Deutschland bislang gefahren bin.

Was gibt es noch zu sagen, das interessant wäre?

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Hotel Thüringen. Oder: Wo ist das verschissene Sauerland, Pletzinger?

Menschen, die mit ihrem Hobby der Um- und/oder der Tier- und Pflanzenwelt schaden, haben es nicht leicht in diesen Tagen. Hobby-Jet-Piloten zum Beispiel oder Pyrotechniker oder Treibjäger. Da kann es schnell passieren, dass ein Mitmensch einen bei der Ausübung des moralisch verwerflichen Hobbies ertappt und einem die Grundsatzfrage stellt, ob dass den nötig sei, nur des eigenen Vergnügens wegen, ob das sein müsse, ob man denn nicht genauso gut ein Erdbeerbeet anlegen oder ein Vogelhäuschen zimmern könnte. Dabei ist das Letzte, was einer will, der gerade sein Hobby ausübt, dabei so Grundsatzfragen gestellt zu bekommen. Entsprechend selber schuld ist der grundsätzlich Fragende aber auch, denn umso trotziger, ja, geradezu wütend, wird der so Angeherrschte seinen Jet fliegen oder seine Wildsau jagen. Das hat man dann davon.

Ich zum Beispiel fahre manchmal gerne Auto. Ich würde das nicht als Hobby bezeichnen, weil ich meistens nicht gerne Auto fahre, aber dann zumindest schon, wenn ich von Hannover nicht über Kassel und Fulda, sondern über die waldigen Wipfels des Harzes und durch den Thüringer Wald nach Bamberg heim düse. Wenn man sagt, man fahre gerne Auto, ist die Akzeptanz in Deutschland meist höher, als in anderen Ländern, das besagt das Klischee und wahrscheinlich auch die Statistik. Wir trennen so verdammt gut den Müll, denken wir Deutschen, da braucht keiner was sagen, wenn wir gern mal mit dem Auto rumdüsen. Das immer wieder zitierte Gesetz, das es verbietet, ziellos umherzufahren, existiert übrigens nicht, zumindest nicht so pauschal. Es ist aber tatsächlich untersagt „innerhalb geschlossener Ortschaften unnütz hin und her zu fahren„. Das ist vielleicht eines der schönsten Stücke deutscher Juristenprosa, unnütz, hin und her, stark.

Wenn man von Hannover über die waldigen Wipfel des Harzes nach Franken fährt, reist, das muss man auch mal sagen dürfen, die deutsche Geschichte mit. Bei Hohegeiß gibt es einen schwarzrotgoldenen „Grenzimbiss“. Wurst im Sinne der Einheit sozusagen, Einheitswurst statt Einheitsbrei sozusagen, ich könnte ewig weiter machen. Es ist überhaupt die Wurst unsere eigentliche Identitätsstiftungsvorsitzende. Dass man in Thüringen ist, erkennt man an der Aufschrift „Thüringer Landwurst“ am erstbesten Wurstladen. Hinter der Scheibe wischt eine junge Thüringerin die Auslage. Zwei Männer fegen den Bürgersteig, weil sie den offenbar durch ihre Bauarbeiten eingestaubt haben. Vor dem Wochenende macht man gerne noch mal sauber. Feierabend, Sonnenuntergang, noch zwei Stunden bis Bamberg, brumm, brumm.

Und dann gibt es, selten auf Landstraßen, diese großen braunen Schilder, die auf eine Sehenswürdigkeit oder eine historische Aufladung des Ortes hinweisen. Korrekterweise heißen sie „Touristische Hinweisschilder“ oder noch viel schöner: „Touristische Unterrichtungstafeln“. Diese braunen Unterrichtungstafeln gehören eigentlich zu jenen Objekten, auf die man nur mit einer überheblichen Ironie und krausen Lippen und einem Tonfall, der „So was Blödes aber auch“ sagt, hinweist, als wäre sich darüber ohnehin jeder einig, braune Schilder auf denen „Dom und Michaeliskirche. Weltkulturerbe Hildesheim“ steht, die sind doof und irrelevant; irrelevant ist das Wort, das mit touristischer Verkehrsbeschilderung minimal zu tun hat, gleichzeitig aber jede Debatte hinfällig macht. Ich aber, ich einfaches Gemüt, freue mich immer wieder, von Schildern unterrichtet zu werden.

Als ich auf dieser Landstraße zwischen Niedersachsen und Thüringen das monumentale Schild mit der sanft pathetischen Aufschrift „Hier waren Deutschland und Europa bis zum 18. März 1990 um 11 Uhr geteilt“ entdecke, fahre ich impulsiv wie ein südamerikanisches Tango-Ass und ohne zu blinken rechts ran. Krasser Hauch der Geschichte und so. Die Frau im Auto hinter mir, die möglichst schnell zurück nach Thüringen möchte, schaut erbost. Ich mache ein paar Fotos, weil mir danach ist. Und weil die Sonne grad so schön untergeht. Und wegen der Windräder. Einfach stark, denke ich, was ich für ein toller Fotograf bin, natürliche Ästhetik und historische Aufladung durch touristisches Unterrichtungsschild, journalistische Präzision und erzählerische Tiefe, wirklich beeindruckend.

Beim Weiterfahren denke ich über Bundesländer nach. Dann höre ich ein Hörspiel von Thomas Pletzinger. Darin sitzt ein Mann in einem Sauerländer Hotel und schaut eine DVD über sein Leben, die er nie aufgenommen hat und die seinen derzeitigen Aufenthaltsort im Zeitgefüge überholt und ihm seine Zukunft zeigt, gutes Hörspiel, denke ich, und: Wo ist eigentlich dieses Sauerland?

Als ich durch den Thüringer Wald fahre, ist es bereits zu dunkel, um die Bäume des Thüringer Waldes zu sehen. Nur ein brutalistisches Hotel an der Autobahn, „Hotel Thüringen.“ Schade. Die beste Unterrichtungstafel an dieser A 73 weist übrigens auf die Saalfelder Feengrotten hin. Oh, du zauberhaftes Thüringen, hast glatt das Zeug mein nächstes Meckpomm zu werden. 

Achtung jetzt, krasser Geschichtshauch beim Derm.

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Einwas noch zu diesem Thema, Matthias Kamann hat in der Welt offenbar das Richtigste getan: Der A2-Report.

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