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Besser Wurst. Ein Wochenende in Dortmund

Auf der Rückfahrt bin ich übellaunig. Es ist ein schöner Tag, die Autobahn ist weitestgehend frei. Doch Dortmund liegt nun hinter uns. Immer, wenn ich Dortmund in den Verkehrsnachrichten höre, muss ich an Dortmund denken. Ein magisches Wochenende.

Als ich einmal im Radio zum Thema Urlaub befragt wurde, sagte ich, neulich hätte ich ja auch Urlaub in Dortmund gemacht, nur um sagen zu können, ich mache Urlaub in Dortmund. Und schön sei es gewesen! Vielleicht stimmt das. Vielleicht habe ich aber auch Urlaub in Dortmund gemacht, um im Radio sagen zu können, ich hätte Urlaub in Dortmund gemacht, um überhaupt sagen zu können, ich mache Urlaub in Dortmund.

Das soll die Nachwelt entscheiden.

richmannFakt ist, die Kunst des guten Gastgebens wird von Pascal Richmann (anbei mit Fanschal) höchst würdevoll praktiziert. Er bettet uns sanft zwischen Schallplatten der Hamburger Schule und füttert uns mit scharfen Pastagerichten. Überhaupt, der Dortmunder isst gern scharf, nicht nur Richmann. Ich weiß nicht, wie das Viertel heißt, in dem wir untergekommen sind, und ob man Viertel sagt oder Kiez oder Dings. Aber es ist schön hier. Wir kommen spätnachts nach Hause und kaufen im Kiosk gegenüber ein großes Glas Bockwürste. Dann sitzen wir am Küchentisch und tunken die Bockwürste in ein Glas Salsasoße (wenn ich mich recht erinnere) und können kaum noch sprechen.

Überhaupt Wurst. Wurst, der Markenkern der Ruhrpottromantik. Im Ascheregen zwischen Bohrtürmen und Halden eine gute Wurst, scheißegal, ob mit Sulfite, und nen markigen Spruch auf den Lippen.

Klar suchen wir das Scheißklischee, denn wir kommen schließlich aus Bayern, wir leben in barocken Palästen oder niedlichen Fachwerkhäuschen. Ich dusche eine Woche lang kochend, als ich endlich zurück bin und schwöre mir, nie wieder NRW, denn ich bin zu schwach. Eine Frau vorm Sissykingkong wirft uns vor, wir könnten, was die Ausländer angeht, überhaupt nicht mitreden. Kommen hier her ausm schönen Bayern und ihr was erzählen wollen. Zwei meiner vier Freunde wollen sie hauen, aber sie ist eine Frau.

Wir sitzen unterm U in der Sonne und trinken Gin Tonic. Wir bemitleiden den Mann mit der Lederjacke, der mit seiner schrecklichen Familie Meeresfrüchte Essen gehen muss. Wir finden einen Ort, an dem es anständigerweise ein Spiegelei auf den Burger gibt. Nebenan im Anschluss Jägermeister.

Stadion Rote Erde. Natürlich. Dortmund II gegen Dynamo Dresden. Ist Kevin dabei? Nö. Ein aufgebrachter Pulk hüpfender Glatzen, angereist aus dem Un-Ort, gegenüber die „Sektion Stadionverbot“, hier bei den Amateuren, denn im großen, wunderschönen Tempel, in dessen Schatten wir stehen, haben sie halt eben Stadionverbot. Rote Erde, das klingt schon so nach epischen Schlachten, Nachkriegsdeutschland, Wunder von Bern. Dazu eine Stadionwurst, versteht sich.

rote erde

Danach in die City. Richmann will sehen, wie es bei der Ersten läuft, verlässt die Kneipe alsbald aber wieder. Zu viele Nazis. Die machen das immer unangenehm. Wir verfolgen den weiteren Verlauf des Spieltags in einer Einkaufszentrums-Kneipe. Schöner geht kaum. Richmann zum Nebenmann: Wie stehts bei Scheiße? Man sagt „Scheiße“ statt „Schalke“. Ich geißle mich mit Meterwurst, weil ich so ein schnöder Bayernfan bin.

In der Nacht versuchen Richmann und ich den Bambergern die Liebe zu Elton John beizubringen. Wir scheitern.

Dortmund heißt Auszeit, mal wieder Jungs sein, nachts Bockwurst fressen und am frühen Nachmittag den Bockwurstgeschmack mit Bier aus dem Mund spülen. Über Musik reden und über Frauen. Groß, alles viel zu groß. Stephan kauft sich auf dem Flohmarkt sieben Sonnenbrillen zum Preis von zwölf Euro. Weil er eh immer alle verliert. Dann holen wir uns Currywurst. Besser Wurst, sagt Michi, sei das Motto des Urlaubs.

schlafJeder Urlaub braucht ein gutes Motto. Comittment hatten wir zuletzt, Hannover. Eines habe ich vergessen. Besser Wurst ist auch gut. Man muss lernen, das Gefühl zu genießen,
wenn der Körper nach drei Tagen Alkohol und Wurst aufquillt und Talg aus allen Poren sprießt. Man muss lernen, das als wünschenswertes Endes eines Prozesses zu betrachten, für den man sich schließlich entschieden hat, als man entschieden hat, nach Dortmund zu fahren.

Ein bunter Mann fährt auf Rollschuhen durch die Stadt. Gab es ihn wirklich? Wenn man nur noch ein kleines Bier schafft, bestellt man ein Stößchen. Vom Dach des U zeigt Richmann in irgendeine Richtung. Grüne Hügel, irgendwo wahrscheinlich die Ruhr. Dort sei angeblich das Sauerland.

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Hotel Thüringen. Oder: Wo ist das verschissene Sauerland, Pletzinger?

Menschen, die mit ihrem Hobby der Um- und/oder der Tier- und Pflanzenwelt schaden, haben es nicht leicht in diesen Tagen. Hobby-Jet-Piloten zum Beispiel oder Pyrotechniker oder Treibjäger. Da kann es schnell passieren, dass ein Mitmensch einen bei der Ausübung des moralisch verwerflichen Hobbies ertappt und einem die Grundsatzfrage stellt, ob dass den nötig sei, nur des eigenen Vergnügens wegen, ob das sein müsse, ob man denn nicht genauso gut ein Erdbeerbeet anlegen oder ein Vogelhäuschen zimmern könnte. Dabei ist das Letzte, was einer will, der gerade sein Hobby ausübt, dabei so Grundsatzfragen gestellt zu bekommen. Entsprechend selber schuld ist der grundsätzlich Fragende aber auch, denn umso trotziger, ja, geradezu wütend, wird der so Angeherrschte seinen Jet fliegen oder seine Wildsau jagen. Das hat man dann davon.

Ich zum Beispiel fahre manchmal gerne Auto. Ich würde das nicht als Hobby bezeichnen, weil ich meistens nicht gerne Auto fahre, aber dann zumindest schon, wenn ich von Hannover nicht über Kassel und Fulda, sondern über die waldigen Wipfels des Harzes und durch den Thüringer Wald nach Bamberg heim düse. Wenn man sagt, man fahre gerne Auto, ist die Akzeptanz in Deutschland meist höher, als in anderen Ländern, das besagt das Klischee und wahrscheinlich auch die Statistik. Wir trennen so verdammt gut den Müll, denken wir Deutschen, da braucht keiner was sagen, wenn wir gern mal mit dem Auto rumdüsen. Das immer wieder zitierte Gesetz, das es verbietet, ziellos umherzufahren, existiert übrigens nicht, zumindest nicht so pauschal. Es ist aber tatsächlich untersagt „innerhalb geschlossener Ortschaften unnütz hin und her zu fahren„. Das ist vielleicht eines der schönsten Stücke deutscher Juristenprosa, unnütz, hin und her, stark.

Wenn man von Hannover über die waldigen Wipfel des Harzes nach Franken fährt, reist, das muss man auch mal sagen dürfen, die deutsche Geschichte mit. Bei Hohegeiß gibt es einen schwarzrotgoldenen „Grenzimbiss“. Wurst im Sinne der Einheit sozusagen, Einheitswurst statt Einheitsbrei sozusagen, ich könnte ewig weiter machen. Es ist überhaupt die Wurst unsere eigentliche Identitätsstiftungsvorsitzende. Dass man in Thüringen ist, erkennt man an der Aufschrift „Thüringer Landwurst“ am erstbesten Wurstladen. Hinter der Scheibe wischt eine junge Thüringerin die Auslage. Zwei Männer fegen den Bürgersteig, weil sie den offenbar durch ihre Bauarbeiten eingestaubt haben. Vor dem Wochenende macht man gerne noch mal sauber. Feierabend, Sonnenuntergang, noch zwei Stunden bis Bamberg, brumm, brumm.

Und dann gibt es, selten auf Landstraßen, diese großen braunen Schilder, die auf eine Sehenswürdigkeit oder eine historische Aufladung des Ortes hinweisen. Korrekterweise heißen sie „Touristische Hinweisschilder“ oder noch viel schöner: „Touristische Unterrichtungstafeln“. Diese braunen Unterrichtungstafeln gehören eigentlich zu jenen Objekten, auf die man nur mit einer überheblichen Ironie und krausen Lippen und einem Tonfall, der „So was Blödes aber auch“ sagt, hinweist, als wäre sich darüber ohnehin jeder einig, braune Schilder auf denen „Dom und Michaeliskirche. Weltkulturerbe Hildesheim“ steht, die sind doof und irrelevant; irrelevant ist das Wort, das mit touristischer Verkehrsbeschilderung minimal zu tun hat, gleichzeitig aber jede Debatte hinfällig macht. Ich aber, ich einfaches Gemüt, freue mich immer wieder, von Schildern unterrichtet zu werden.

Als ich auf dieser Landstraße zwischen Niedersachsen und Thüringen das monumentale Schild mit der sanft pathetischen Aufschrift „Hier waren Deutschland und Europa bis zum 18. März 1990 um 11 Uhr geteilt“ entdecke, fahre ich impulsiv wie ein südamerikanisches Tango-Ass und ohne zu blinken rechts ran. Krasser Hauch der Geschichte und so. Die Frau im Auto hinter mir, die möglichst schnell zurück nach Thüringen möchte, schaut erbost. Ich mache ein paar Fotos, weil mir danach ist. Und weil die Sonne grad so schön untergeht. Und wegen der Windräder. Einfach stark, denke ich, was ich für ein toller Fotograf bin, natürliche Ästhetik und historische Aufladung durch touristisches Unterrichtungsschild, journalistische Präzision und erzählerische Tiefe, wirklich beeindruckend.

Beim Weiterfahren denke ich über Bundesländer nach. Dann höre ich ein Hörspiel von Thomas Pletzinger. Darin sitzt ein Mann in einem Sauerländer Hotel und schaut eine DVD über sein Leben, die er nie aufgenommen hat und die seinen derzeitigen Aufenthaltsort im Zeitgefüge überholt und ihm seine Zukunft zeigt, gutes Hörspiel, denke ich, und: Wo ist eigentlich dieses Sauerland?

Als ich durch den Thüringer Wald fahre, ist es bereits zu dunkel, um die Bäume des Thüringer Waldes zu sehen. Nur ein brutalistisches Hotel an der Autobahn, „Hotel Thüringen.“ Schade. Die beste Unterrichtungstafel an dieser A 73 weist übrigens auf die Saalfelder Feengrotten hin. Oh, du zauberhaftes Thüringen, hast glatt das Zeug mein nächstes Meckpomm zu werden. 

Achtung jetzt, krasser Geschichtshauch beim Derm.

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Einwas noch zu diesem Thema, Matthias Kamann hat in der Welt offenbar das Richtigste getan: Der A2-Report.

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