Archiv für den Monat Januar 2018

Andermatt. Das Zentrum der Welt.

Ich zeige dir das Zentrum der Schweiz, schreibt C, und ich sitze im Regionalexpress neben einem dicken Mann mit schleimiger Frisur und Sonnenbrille, der sich eine Romcom auf seinem Laptop ansieht. Ein paar Tage zuvor hatte ich C. im Skype gefragt, wo sie denn eigentlich sei, diese Hütte in den Bergen. Und C. hatte gelacht und gesagt: Das ist keine Hütte, Thamm! Das ist ein Anwesen!

Ein Arbeitswochenende in der Schweiz. Ich war als Kind zuletzt in diesem Land. Aber ich bin ein großer Fan. Diese kompakte Nation. Wie ein natürlicher Freizeitpark fürs Auge. Irgendwann ein Haus in der Schweiz. Lebensziel, bucket list.

In Basel scheint die Sonne. C. sagt, hier sei es immer etwa drei Grad wärmer als in München, wo wir uns kennengelernt haben. Er versucht, diverse enorme Winterjacken in einem winzigen Koffer zu verstauen. Ich frage ihn, ob ihm klar sei, dass wir nur übers Wochenende wegfahren. Er sagt, er habe Schwierigkeiten, sich einzuschränken. Ob ich meine Wanderschuhe dabei hätte. Ich zeige ihm die, die ich trage, eher Trekkingschuhe, sie reichen nicht über die Knöchel.

Während der Fahrt erzählt mir C., was ich über die Schweiz wissen muss. Die Deutschen seien offener, nicht so verkrampft. Mit den Schweizern könne man nicht über die wichtigen Dinge des Lebens reden. Es komme ihm so vor, als herrsche eine Art Geschlechtertrennung. Diese Berge da, das könnten die Mythen sein, Mithen, sagen die Schweizer. Auf den Gipfeln liegt Schnee. Den Gotthard-Tunnel hätten die Schweizer gesprengt, wenn die Nazis eingefallen wären. Zwei Stunden später sind wir in Andermatt.

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C. entstammt, natürlich, einer Unternehmerfamilie. Seine Eltern haben sich am Rande des Dorfes ein kleines Haus gekauft, nicht eigentlich ein Anwesen. Dann haben sie es ausgebaut, alles ist seltsam verwinkelt, ungeahnte Stockwerke verbergen sich unterm Boden. Es gibt übermäßig viele Bäder und Fernseher. Ein winziger Balkon, den C.s Vater selbst geplant hat: zum Rauchen. Am Abend platzieren wir uns an der Bar im Postillion und bewundern die blonde Bedienung.

Benz besitzt einen kleinen Tabakladen mit Café. C. und er unterhalten sich in ihrer knarzenden Mundart, als hätten sie den Mund voller Walnussschalen. Benz trägt so eine seltsame Mischung aus Trekkingschuh und Sandale. Er bietet auch Bergtouren an. Letzte Woche hatten sie hier den schönsten Powder des Jahres, huregeil, sagt er, huregeil. Es ist Mai.

C. fragt, wo wir wandern könnten und Benz holt die Karte raus und meint, er würde auf den Nätschen gehen, an unserer Stelle, aber nass sei es schon. Dann erzählt er vom Tessin, von steinernen Hütten, und gratis Thermalbädern, von einer Tour, auf der er in einer Woche nur einem einzigen anderen Menschen begegnet sei. Absolute wilderness, sagt Benz, huregeil. Man muss irgendwann gehen, sonst quatscht er einen fest.

Das rosafarbene Kasernengelände Andermatts, dahinter eine hölzerne Röhre, in der, angeblich, die englische Bob-Nationalmannschaft das Anschieben übte. Hier windet sich ein schmaler Pfad den Nätschen hinauf. Wir gehen hintereinander, bald hämmert das Herz in meiner untrainierten Brust. Über einen sprudelnden Bach und hinein in den Wald. Der Pfad verschwindet unterm Schnee, zuerst knöchel-, dann kniehoher Schnee. Nass, ja. Ich trete in die Spuren, die C. hinterlässt und bleibe immer wieder stehen, um kleine, eisige Brocken aus meinen Schuhen zu pulen.

Das ist Schattenseite hier, sagt C., nein, anders: Wald, das sei Wald, deswegen so viel Schnee. Aha, Wald, sage ich, kenn ich.

Der Wald hört nicht auf. Meine Socken sind in eisiges Schmelzwasser getränkt. Wir verlieren den Pfad und kraxeln irgendwie querfeldein über die Heide. Weil wir da rüber müssen, wo unterhalb des Gipfels die Liftstation des Skigebiets zu sehen ist. Absolute Vollkatastrophe. Ich denke viel an den Rückweg Reinhold Messners vom Nanga Parbat und daran, wie viele Zehen er dabei verloren hat. Wie lange dauert es, bis die Füße in nassen Socken blau werden? Und wann schwarz?

Mist, sage ich, das Schweigen durchbrechend. C. dreht sich zu mir um: Was? – Mütze verloren. – Der Wald schluckt alles, sagt C.

Ich zweifle an seinen schweizerisch angeborenen Bergführerkünsten. Ich sehe mich ausgleiten und eine Böschung hinabkullern, die Kamera zerspringt an einem Felsen, C. muss die Bergwacht alarmieren, die mich im Hubschrauber abholt und nach Zürich ins Spital bringt. Sagt man hier Spital? Bestimmt.

Stattdessen finden wir den Pfad wieder. Meine Füße sind gar nicht so kalt. Dort drüben gibt es ein Restaurant, sagt C. Ich liebe, wie er das Wort auf der ersten Silbe betont, dieser Singsang. Meinst, das hat offen?, frage ich. – Sicher, sagt C., aber er irrt sich. Eine Stunde später sind wir zurück im Haus und schieben eine Tiefkühllasagne in den Ofen. Ich hänge die nassen Socken über das Balkongeländer, dann beginnt es zu regnen. Die nassen Socken hängen im Regen, auch schon egal.

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Im Restaurant wird C. per Handschlag begrüßt. Ich auch. Die Wirtsleute freuen sich, ihn mal wieder zu sehen. Sie sind sehr freundlich. Zu mir auch. Ich verstehe aber nur sehr wenig und lausche entzückt diesen herrlichen Geräuschen.

Am Nachbartisch sitzt ein deutsches Paar. Er sieht zwanzig Jahre älter aus als sie und erklärt ihr, wie viele Leute heutzutage den Konjunktiv falsch verwenden. Ich vermute: ein Lehrer mit einer ehemaligen Schülerin. Er ruft uns zu, dass wir nach unserem Fondue einen Appenzeller Kräuter trinken müssten und C. flüstert, dass man daran die Deutschen erkennt. Sie lieben die regionalen Produkte. Eigentlich sehr schön, aber: Appenzeller, das trinkt kein Schweizer. Er bestellt einen Grappa, ich Zwetschge. Als der Deutsche mit EC-Karte zahlen will, sagt die Kellnerin, dazu müsse sie das große Gerät holen. Das große Gerät habe ich hier, sagt der Deutsche und ich wär so gern ein Schweizer.

Und wieder so, als der Este den Hitlergruß auspackt. Wir sind erneut im Postillion gelandet, der einzigen Anlaufstelle der Andermatter Jugend am Abend. Gleicher Platz an der Bar, obwohl die schöne Blonde nicht da ist, dafür Anna-Maria, ihre polnische Kollegin, die gestern, als wir zum ersten Mal trafen, nicht wusste, was wir mit Wandern meinen.

In Andermatt ist es so: Das Dorf ist wirklich recht klein und lebt von den Ski- und Wandergästen in der Saison. Jetzt ist es leer. In ein paar Jahren wird Andermatt auf die doppelte Größe angewachsen sein. Der ägyptische Unternehmer Samih Sawiris baut hier Fünfsternehotels, ein Hallenbad, eine Eissporthalle, einen 14-Loch-Golfplatz. Ein zweites Dorf, das kann man so sagen.

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Das heißt, er lässt bauen. Deshalb sind die Esten hier. Deutlich billigere Arbeitskräfte als Schweizer Bauarbeiter. Wir stehen rauchend mit ihnen vorm Postillion. Einer trägt eine Jacke, auf der Estonia steht, einer ist blond, einer dick, bärtig und in Camouflage, der letzte hat eine Jacke mit Red-Bull- und Pirelli-Logos wie ein Rennfahrer. Sie verstehen nicht, sagt der Bärtige, was sie hier eigentlich machen. Das Dorf ist immer leer und sie bauen noch mehr Häuser. Was soll das? Sie lachen.

Wo wir her seien. Basel sagt C., Germany sage ich. Oh really?, sagen alle Esten und der Bärtige reißt den rechten Arm stramm nach oben. Diese brutale Geste. An seinen Fingern könnte man eine Wäscheleine festmachen. Er bleibt viel, viel zu lange so stehen. Heil Hitler. Fuck, denke ich. No, sage ich, no Heil Hitler, not good. – Ah, just joking, sagt der Rennfahrer und flüstert C. lautstark ins Ohr, dass ein neuer Hitler trotzdem ganz super wäre. Nein, sagen wir, gar nicht super, obwohl wir jetzt reingehen sollten, weil klar ist was kommt: Merkel is shit. Die holt die ganzen Afrikaner.

Es ist nicht nach erste Mal, dass ich linksgrün-wählender Jungspund in die Lage versetzt werde, diesen Satz sagen zu müssen, auch weil es ja stimmt: I like Merkel. Ungläubigkeit bei den Esten. Sie raten mir, meinen Schnurbart zu stutzen, like this, der Rennfahrer hält sich zwei Finger unter die Nase, just joking. But is it allowed? – Yes, sage ich, it is, but then you get punched in the face.

Wir sitzen wieder an der Bar und glotzen unser Bier an. Das normale Bier ist leer, ob ein Frühlingsbier okay sei. Klar. Die Esten kommen vorbei und klopfen uns immer wieder auf die Schultern, we are just joking, ok? – Yes, it’s okay. Der da sei aus Germany. – Really?

Dann sitzt der Rallyefahrer neben uns. Ich stiere angestrengt geradeaus, auch weil ich spüre, dass er, Jägermeister-Cola und eine Dose Energydrink süffelnd, immer wieder rüberschaut. C., zwischen uns. Der Este erzählt ihm, dass er schnelle Autos liebe. C. liebt auch schnelle Autos. Er will wissen, ob der Este Rennfahrer sei, wegen der Jacke. Der Este flüstert, damit Anna-Maria nichts hört: Jaja, das Überholen ist das Geilste. Er behauptet, einen VW Polo zu fahren und wir sind uns nicht sicher, ob das ein Witz ist, oder ob er mit einem ans Limit getunten Polo durch Nordestland ballert. Kimi Räikönnen is my big hero, I love him so much.

Das Problem ist, der Typ, der findet, dass so ein neuer Hitler gar nicht schlecht wäre und dass ich mir doch so ein Bärtchen stehen lassen könnte, ist eben auch wahnsinnig nett. Herzig, sagt C., aber so viel Herzigkeit sei für ihn, als Schweizer, eh schwierig. This are my new friends, ruft der Rennfahrer durchs Postillion. Aha, soso. Wir grinsen verkrampft irgendwohin. Ein halbes Jahr hat er hier für den Ägypter gebaut, morgen fährt er wieder nach Hause. Ja, froh sei er schon, aber er will zurückkommen. Das sei ein guter Ort hier.

Stimmt schon. Schweiz halt, wahnsinnig schön, unfassbar unbezahlbar. Erstaunlich, dass es mir hier so geht, wie zuletzt in Thailand, mit einem aggressiven Engländer. Dieser Merkelhass. Flüchtlingsthema und Unverständnis, mit dem man irgendwie, irgendwie!, umgehen muss. Damals, auf der Insel, wurde heftig diskutiert. Heute habe ich nur Gestammel und den Wunsch nach Distanz anzubieten. Das ist kein Diskurs.

Und keiner, keiner den man trifft, sagt: Oh, yes, I really liked, how she accomplished to manage this crisis. Die SVP hat jetzt zwei Sitze im Bundesrat, sagt C., und ich wusste zuvor nicht, wie das hier läuft mit diesem Bundesrat. Ein Ägypter lässt Esten in Andermatt Hotels bauen. Und am Gotthard ist Stau. Die wollen alle nach Italien, Autobahn Richtung Mailand. In der Schweiz wird sich nie etwas ändern, sagt C., warum auch, es funktioniert ja.

Wir überlegen uns, wie es wäre, wenn C. ein Kind bekäme und ihm weder Lesen noch Schreiben beibrächte, sondern nur gehirnwäschemäßig seine Lebensaufgabe eintrichterte: Du musst die Welt verändern. Also retten eigentlich. Aber das kann es ja auch nicht sein. Push-Nachricht auf C.s Handy: Stephen Hawking gibt der Menschheit noch 100 Jahre. Wir trinken aus und gehen nach Hause. Im Keller hängt eine Schweizer Flagge, meine Socken noch immer auf dem Balkon.

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stefan mesch

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