Balkan-Diary 5: Vepric, Makarska oder Die Nachbildung von etwas Unsichtbarem

Auf der kroatischen A1, irgendwo hinter Grabovac, legt die Gottesmuttter Hand an die Kupplung meines Renault Kangoo. Er jault jetzt noch lauter, als ohnehin schon. Er beschleunigt nicht mehr. LKWs überholen mich. Ich rede mir ein, das sei halt ein schweres Auto. Das sei der Gegenwind. Das liege an den gekippten Fenstern hinten, von wegen Aerodynamik und so.

Ich fahre rechts ran auf den Seitenstreifen. Zum ersten Mal auf den Seitenstreifen, den Notfallstreifen, den verbotenen Streifen. Sofort steigt mir der typische Kupplungsgeruch in die Nase, den man riecht und man weiß, aha Kupplung, ohne eine Ahnung zu haben, was genau da überhaupt so stinkt und warum.

Einfach einen Moment warten, denke ich, eine Pause gönnen, abkühlen lassen. Erstmal die gekippten Fenster hinten zumachen. Ich stelle fest, dass der Gegenwind lange nicht so stark ist, wie ich gedacht, gehofft, mir eingeredet hatte. Alles wird gut, denke ich und starte den Motor, alles gut bis hierhin, und lege den ersten Gang ein und gebe Gas, doch der Kangoo bleibt stehen. Und fährt nicht mehr.

Ich stehe auf der kroatischen A1, irgendwo hinter Grabovac, fast zweitausend Kilometer von daheim und die Gottesmutter hat mir das Auto geschrottet. Ich wühle durch Zettel, die sich im Handschuhfach angesammelt haben, Dokumente von jetzt und von früher, vom alten Auto und vom Vorbesitzer und von der Vorbesitzerin (Mama) des alten Autos. Ich muss irgendwo anrufen und weiß nicht wo, ich weiß noch nicht mal, in welchem Verein ich Mitglied bin und wo nicht. Ich bin stets zu naiv, optimistisch und faul gewesen, um mich mit dieser Möglichkeit auseinanderzusetzen.

Ich rufe bei der falschen Versicherung an. Ah, okay, danke trotzdem. – Ja, alles Gute. Ich überlege etwas zu lange, ob ich die gelbe oder die orangene Warnweste anziehen sollte, entscheide mich dann für die gelbe. Ist seriöser. Muss ich ein Warndreieck aufstellen? Ich probiere es nochmal mit Gasgeben. Nichts. Der Kangoo rührt sich nicht.

Ich finde die richtige Nummer, spreche mit einem netten Herrn, dem ich die Situation erkläre. Ich nenne Grabovac und Zagvozd, aber die falsche Autobahnnummer. Ich bekomme einen Rückruf und alles klärt sich auf und dann noch einen auf Englisch und dann soll ich warten und bestimmt dauert es bloß eine halbe Stunde und dann werde ich abgeschleppt und alles wird gut.

Ich sitze auf dem Seitenstreifen, gelbe Warnweste, und lese den Spiegel und mache Selfies und schicke sie nach Haus. Zwei Männer in so einem orangenen Baustellenwagen kommen vorbei, Autobahnmeisterei würde man in Deutschland wahrscheinlich sagen. Sie fragen, was los sei und drücken mir einen Zettel in die Hand, da soll ich unterschreiben. Ich verstehe nix, aber wenigstens kriege ich auch ein Exemplar. Für meine Unterlagen. Danke.

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Und ich warte. Five minutes, habe ich zu den Jungs von der Autobahnmeisterei gesagt. Und five minutes vergehen und auch zwanzig, eine halbe Stunde, ich lese den Spiegel. Ich schmiere mir den Nacken mit Sonnencreme ein. Und dann keimt herrliche Hoffnung, als ich sehe, dass sich ein Abschleppwagen nähert, wenn auch auf der falschen Seite. Am Steuer sitzt ein Kerl mit weißrandiger Kokser-Sonnenbrille und als er mich sieht, fährt er langsamer und deutet fuchtelnd an, dass er wenden muss, schon klar, und dass er dann wiederkäme.

Und die nächste halbe Stunde vergeht. Der Kangoo knackt leicht in der dalmatinischen Hitze. Und ich lese den Spiegel und glotze aufs Handy. Nächste Ausfahrt wird halt weit weg sein, denke ich, Misskommunikation, über so viele Ecken, kein Wunder. Da kommt der Abschleppwagen wieder um die Kurve mit der Sonnenbrille am Steuer und hinten drauf auf der Abschlepprampe sitzt schon einer, ein anderer, steht ein anderes Auto, wo der Kangoo stehen sollte, mein himmelblauer Kangoo.

Okay, ich will es nicht überstrapazieren: Nach insgesamt knapp zwei Stunden kommt der gleiche Kerl wieder und sagt, heute sei aber ein crazy day und ich denke, naja, good for you und sage: A lot of work for you. Aber er murmelt nur unzufrieden. Der Kangoo ist fest vertäut und der Mann bringt mich und ihn ins unweit entfernte Makarska. Schicksal möchte man meinen, Fügung.

Der Werkstattchef ist ein netter Mann, der gut Englisch spricht und mir erstens sagt, dass das sicher die Kupplung sei und nicht der Motor und dass er hier auch eine Ferienwohnung für mich hätte, die kann seine Frau schnell vorbereiten und wenn meine Versicherung nicht zahlen mag, macht er mir special price. Ja, ja, schon gut, es ist alles Recht.

Die Ferienwohnung hat eine Klimaanlage und einen Fernseher und das ist das Wichtigste. Während draußen der Sommer weiter so richtig hochfährt, sitze ich im eisigen Wohnzimmer meines neuen Apartments und verfolge die Fußball Weltmeisterschaft. Auch dann, wenn ich mich gerade am Telefon befinde, und am Telefon befinde ich mich in den kommenden beiden Tagen oft, läuft lautlos der Fernseher. Und am anderen Ende der Leitung erklärt mir jemand, dass die Übernachtungen erst ab der dritten bezahlt werden und dann dass das gar nicht stimme und dann dass ich ja gar keinen Schutzbrief hätte und dass also überhaupt gar nichts bezahlt werde und dann dass ich ja doch einen Schutzbrief hätte und bloß die entscheidenden Dokumente nicht zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort gewesen seien. Und jetzt müsse man halt mal kucken.

Dazwischen: Lange Aufenthaltszeiten in der dudelnden Warteschleife meiner Versicherung. Klimaanlage an, Fußballkucken.

Manchmal fragt der Meister, ob ich etwas Neues wisse von der Versicherung und ich mache gequälte Geräusche als Antwort. Und dann zeigt er mir, was er beim Kangoo alles ausgebaut hat und erzählt, dass morgen die Teile kommen. Ich persönlich habe weder eine Ahnung, warum ein Auto fährt, noch was eine Kupplung macht und jeder, der so eine Ahnung hat, ist in meinen Augen ein Freak, aber ich habe großes Vertrauen diesem Mann gegenüber und er, so scheint es mir mit der Zeit, fast väterliche Gefühle mir gegenüber, diesem bleichen Deutschen, der in seiner Werkstatt gestrandet ist, auf dem Weg in die Herzegowina.

Am Ende kommen mir diese drei Tage unendlich lang, zermürbend, demotivierend vor. Auf einmal mag ich am liebsten Daheim sein. Am Anfang aber bin ich noch absolut gewillt, das Beste aus dieser Situation zu machen. Ändern lässt es sich ja nicht. Was gibt’s hier denn so?

Und Makarska, das ist das kleine Glück in diesem Unglück, ist äußerst bezaubernd, vielleicht die schönste Stadt meiner bisherigen Reise. Sie hat einen kleinen Strand und einen Hügel, von dem es sich schön glotzen lässt, sie hat enge Gassen, einen Platz, auf dem traditionell getanzt und gefiedelt wird, in ihrem Rücken ragt beeindruckend das Biokovo-Gebirge und es gibt tolles Risotto und Tintenfisch und eine Bar, in der ich forsch Rotwein bestelle. Do you have a favourite?, fragt der hippe Kellner. Dry and cheap, sage ich, der Werkstattrechnung bedenkend, die zu bezahlen sein wird.

Ganz egal, denke ich zunächst also, toll, hier sein zu dürfen, was muss ich gesehen haben? Das Muschelmuseum ist leider schon zu. Hinter der Schule spielen alte und junge Herren Boccia.Und im Park an der Franjo Tudjman Promenade steht unschuldig eine Statue von, genau, Franjo Tudjman, dem ersten demokratisch gewählten Präsidenten des Landes, den nur der rechtzeitige Tod vor einer Anklage in Den Haag wegen Kriegsverbrechen bewahrte. Auch in Split gibt es eine Statue für den beinharten Nationalisten, Antisemiten, Rassisten, und in Pakostane und in Ploce. Ein überlebensgroßes Monumental-Denkmal entsteht zurzeit in Zagreb und soll in diesem Jahr enthüllt werden. Mann kann sich seine Helden nicht aussuchen – wobei, dochdoch, eigentlich schon.

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Das alles hat, zugegeben, wenig Schicksalhaftes, gar Göttliches an sich. Die Sache ist aber die: Seit ich vor rund drei Jahren eine umfangreiche Recherche zum Thema Marienerscheinungen in meiner Heimat und darüber hinaus begann, begnen mir solcherlei Orte, an denen sich die Gottesmutter angeblich zeigte, immer wieder. Maria verfolgt mich.

Eine gar kurze Recherche zeitigt, dass es hier, einen etwa halbstündigen Marsch entlang der brütend heißen Hauptstraße und dann durch ein Wohngebiet entfernt einen Ort namens Vepric gibt. Und dass ich diesen Ort sehen muss, ist klar, denn das ist besonders geil: Hier ist überhaupt gar nix erschienen. Hier hatte einfach nur ein irrer Bischof, Juraj Caric, Bock, die Pilgerstätte des bekanntesten Erscheinungsortes Lourdes mal eben nachbauen zu lassen, mit Grotte und Außenaltar und Erzengel-Gabriel-Statue und allem drum und dran.

Und als kleine lokale Zugabe gibt es eine Art Museum, in dem Bilder eines kroatischen Künstlers hängen, die zeigen, wie stählern der Herr war:

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Vepric ist quasi die Nachbildung von etwas Unsichtbarem, die Imitation von Mystik. Das noch viel Geilere daran: Es funktioniert. Natürlich kann der Schrein nicht mit dem Massentourismus an der Originalstätte mithalten. Aber an bestimmten heiligen Tagen pilgern etliche Gläubige hier her, um sich angesichts des Nachbaus vielleicht ein wenig der Illusion hinzugeben, sie wären woanders, an einem Ort in Frankreich, wo ein kleines Mädchen in 1858 die ein oder andere Botschaft empfing.

IMG_20180620_121922.jpgUnd deshalb, so müsste man meinen, hat die Gottesmutter ausgerechnet hier Hand an meine Kupplung gelegt. Wenn man glaubt, dass es sie gibt und sie sowas kann zumindest. Und wenn ja, dann hätte sie doch einen ganz guten, augenzwinkernden Humor, mit dem sie mir sagt: Zieh dir rein, was die Leute machen in ihrer Verrücktheit, zu der doch nur Glaube befähigt.

Am dritten Tage also frage ich nach dem Fortgang der Reparatur. Seine Frau müsse nur noch die Rechnung fertig machen, dann könne ich weiterfahren, lässt mich mein Mechaniker wissen. Und dann sieht er mich streng und etwas traurig von oben her an: Now you go to the beach, it’s a shame you haven’t been there. Und ich frage mich, woher er das wissen kann, aber es stimmt. Ich habe meine Zeit hier in Restaurants, vor dem Fernseher und an der Pilgerstätte verplempert anstatt, wie es sich gehört, am Strand zu fläzen.

Die Badehose und das Handtuch befanden sich allerdings auch im aufgebockten Kangoo. Bevor ich Abschied nehme von dieser ungeplanten Station, packe ich also das Zeug und mache mich auf den Weg. Ein letztes Mal aufs Meer glotzen, eine letzte kleine Runde im Meer schwimmen. Dann geht es weiter. Das Auto lässt sich nun so ungewohnt geschmeidig an, dass ich drei Mal abwürge, bevor ich es endlich aus dieser Ausfahrt schaffe. Ich hoffe, mein Mechaniker hat das nicht gesehen.

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Balkan-Diary 4: Das Weiße Haus bröckelt ins Meer (Insel Brac)

Am Fährhafen der Stadt Supetar auf der kroatischen Insel Brac taumelt ein großer Mann mit ölig schwarzen Haaren. Hey, my friend!, ruft er, als er mich sieht und das ist immer gleich verdächtig, wenn einer, den man noch nie im Leben gesehen hat, Freund zu einem sagt. Hey, sage ich also weitergehend und er: Do you play poker?

Ich frühstücke lieber ein Sandwich und hole mir einen Spiegel für viel Geld, was ja eigentlich immer schön ist nach so einer gewissen News-Auszeit, sich mal zu informieren und dann wiederum deprimierend.

Dann gehe ich an Bord, zurück nach Split. Unter Deck, klimatisierte Chill-Out-Area, ich hole mir einen Espresso, bisschen Spiegel lesen. Und da ist er wieder, der Große, zwei Tische weiter brüllt er einen Typ mit Vollbart an. Die Insassen der Fähre zucken zusammen, das Mädchen hinter der Bar nimmt einen Telefonhörer von der Wand. Der Große aber lässt ab von dem Mann mit dem Bart, taumelt davon und ruft noch einmal, bevor er im nichtklimatisierten Nebenraum verschwindet: Let’s play!

Nie sah ich einen Mann, der so dringend Poker spielen wollte.

Vier Tage habe ich auf dieser Insel verbracht, die in ein paar Wochen wahrscheinlich heillos überlaufen sein wird. Der Badeort Bol macht sich schon bereit und an der Promenade, die in Richtung des goldenen Horns führt – soundso oft von diesem und jenem Internetportal zum schönsten Strand der Welt oder mindestens Europas gewählt –, haben die Verkäufer von Hüten, Magneten, Fußballshirts und schönen Steinen bereits Stellung bezogen und harren der Käufer, die da kommen werden.

Ich kaufe einen Americano, weil ich es leid bin. Ganz kurz: Das große Problem ungefähr aller Länder südlich von Deutschland ist die Größe des Kaffees. Nein, ich möchte nicht, dass ihr Milch hineinschüttet, aber ich möchte trotzdem mehr als diesen, sorry, Vogelschiss in einer Espressotasse. Ich möchte lange an einem Kaffee nuckeln können. Ich möchte damit meinen Durst löschen.

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Mit meinem Gaskocher bereite ich mir ganze Tassen Kaffee zu. Der Typ, der den Zeltplatz hier betreibt ist so ein in die Jahre gekommener Sonnyboy mit extravaganter Sonnenbrille. Als er mich sieht sagt er nicht Hi, sondern: French? Und ich sage mal wieder Nö, German und auf einmal plaudert der Boy quasi flüssig Deutsch mit mir. Seine Schwester lebt in Unterfranken.

Am dazugehörigen Strand kann man auf Liegen liegen oder bei einem noch nicht in die Jahre gekommenen Ami-Sonnyboy Windsurfen lernen. Ich sage Jaja thanks und werde natürlich nicht Windsurfen lernen. Ich muss mich jetzt schließlich erstmal ans Alleinsein gewöhnen, also liege ich gern im Schatten, hole mir einen Espresso von der Bar, schwimme ein kleines Ründchen. Und stelle halb überrascht fest, wie schnell ich ritualisiere – das hier ist also meine Liege – und wie schnell sich in der Abwesenheit von Entscheidungszwang tatsächlich so etwas Ungewohntes wie Entspannung einstellen kann. Schön.

Mit für die Entspannung verantwortlich ist das Vorhandensein eines Fernsehers auf der Camping-Platz-Terrasse. Kroatien spielt gegen Nigeria und bestimmt, denke ich, bestimmt ist dann die Hölle los und alle tanzen und schreien und geben Schnaps aus.

Nichts davon. Vor dem Fernseher sitzt einsam ein alter Schweizer mit langem, grauem Pferdeschwanz und trinkt ganz langsam und schweigsam ein Bier. Der Campingplatz-Typ ist, wie sich herausstellt, Slowene und hat nicht nur eine Abneigung, er hasst die Kroaten. Aber hier ist doch Kroatien…?, sagt der Schweizer langsam, als wüsste er es wirklich nicht. Und der Slowene: Hier arbeite ich nur, vier Monate, dann zurück nach Maribor. Als Kroatien in Führung geht, flucht der Slowene auf Deutsch, erklärt mir, wie ich nach dem Spiel den Fernseher ausschalten soll und braust in seinem Landrover davon. Zurück bleiben der Schweizer und ich. Ich empfinde große Sympathie für diesen Mann. Wir wechseln kein Wort mehr bis Also, gutnacht.

Am Tag, an dem Deutschland ins Turnier einsteigt, will ich eine kleine Wanderung zum Eremiten-Kloster Pustijna Blaca machen. Das findet auch der Slowene gut da, obwohl Kroatien. Zu spät erfahre ich, dass Anstoß nicht um 20, sondern schon um 17 Uhr ist. Ich gerate in Eile, rase über die Insel, bis das Kloster ausgeschildert ist, dann einen Schotterweg hinunter, bis zu einem Parkplatz, von hier eine halbe Stunde Fußweg, dann eine kurze Führung, Dreiviertelstunde zurück zum Auto, über die Insel, zum Camping-Platz… Könnte klappen, könnte gerade so klappen.

Drei Dinge sorgen dafür, dass ich den Anstoß verpasse. Zum einen sind da die Spinnen. Sie sitzen dicht über meinem Kopf, scheinbar schwebend, in ihren Netzen und sie sind fett und schwarz und bösartig und wenn sie sich bewegen, was sie nur selten tun, so geschieht dies mit einer unnatürlichen, beängstigenden Schnelligkeit. Noch bei der dritten, fünften, achten Kolonie dieser Ungetüme zucke ich zusammen, bleibe stehen, sehe mich um: Krabbeln sie mir bereits die Beine hoch? Nein, aber da sitzt schon die nächste. War ich früher Spinnen gegenüber unempfindlich, bin ich nun ein Phobiker. Es ist der umgekehrte Effekt einer Konfrontationstherapie.

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Das zweite ist die Führung. Pustijna Blaca ist ein einzigartiger Ort, ein in den Fels gebautes Refugium der Glagoliten-Mönche, die im 16. Jahrhundert vor den Osmanen hier her flüchteten. Ich will da rein und ich stolpere in eine Reisegruppe, die sich gerade im Eingangsbereich formiert. Eine dünne Reiseführerin fragt mich, ob ich Franzose sei. Das ist hier anscheinend so ein running gag. Ich sage nö und sie fragt, ob ich trotzdem an der Führung teilnehmen möchte. Klar, sage ich. But… it’s in french, sagt sie, was wiederum heißt, dass ich kein Wort verstehe, aber jetzt habe ich das Gefühl aus dieser Nummer nicht mehr rauszukommen.

Ein bärtiger Kroate erzählt nun also etwas auf Kroatisch, die dünne Kroatin übersetzt das mit Hilfe der Franzosen ins Französische und ich stehe auch dabei und sehe mich gespielt interessiert um. Bis mir eine gelockte Französin ins Ohr flüstert: Do you understand? – Not at all, flüstere ich zurück, woraufhin die Gelockte in meiner Nähe bleibt und all das, was da bereits vom Kroatischen ins Französische transferiert wurde nun ins Englische zu übersetzen versucht.

Das macht sie vom Anfang bis zum Ende der Führung und so erfahre ich unter anderem, dass der letzte Priester, der hier oben lebte, Nicola Milicevic, ein ausgezeichneter Astronom war, der von Pustijna Blaca aus Planeten und Asteroiden entdeckte und deshalb in ständiger Korrespondenz mit Sternenentdeckern in aller Welt stand. Was wiederum auch hieß: Nicola brauchte ein Teleskop. Und Klavier spielen wollte er auch. Solche Dinge mussten erst vom Festland an die Küste und dann durch unwegsames Gelände hier her gebracht werden. Normalerweise benötigt man also von unten nach oben eine Dreiviertelstunde. Die beiden Kerls, die den Flügel brachten, waren sieben Stunden unterwegs. Und tranken dabei 65 Liter Wein. Möglicherweise ein Stille-Post-mäßiger Übersetzungsfehler.

Ein Blick auf die Uhr: Anpfiff in einer halben Stunde. Ich nuschle noch schnell ein Merci, dann haste ich los, zurück, bloß zurück zum Auto. Und habe die Rechnung ohne den Bärtigen gemacht. Der steht oben, über mir, am Eingang und ruft: Hey! Ticket! Für die Führung, von der ich so gar nichts verstanden hätte, muss ich also auch noch was zahlen. Okay, hier, Geld, tschau.

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Ich bin zwar schnell beim Auto, aber hier sind nun auch, drittens, die Esel. Es mag an den Spinnen liegen, jedenfalls habe ich mittlerweile eine generelle Skepsis dem Tierreich gegenüber entwickelt. Anstatt mich über die Esel zu freuen, die direkt auf mich zukommen, um mich kennenzulernen, denke ich an deren große Zähne und harte Hufe. Also sage ich zwar noch Hallo, flüchte dann aber in mein Auto und schlage die Tür gerade noch rechtzeitig zu, bevor einer der drei grauen Herren mit einsteigen kann. Er drückt sein Gesicht an die Scheibe wie so ein nerviger Schulbub, ich setze zurück, wende und will losdüsen in Richtung Fernseher, doch den Eseln passt das nicht. Ein weiterer Kollege stellt sich vor mir quer, als wollte er unbedingt das Klischee über sich und seine Artgenossen bestätigen. Ich umkurve ihn mit Leichtigkeit, fuck you, Esel, so nicht.

Bei der ersten Konoba, die ein Schild, Watch Wold Cup here, draußen stehen hat, fahre ich raus. Ich verfolge die Niederlage Deutschlands gegen Mexiko Seite an Seite mit einem aufgepumpten Iren im Dirk-Nowitzki-Shirt, mit dem man herrlichen fachsimpeln kann. Warum nur hat Löw Sané nicht mitgenommen? Solidarisches Nicken. Der Ire ist wegen Abwesenheit der irischen Mannschaft nun für Argentinien, auch nicht so einfach dieser Tage.

Am nächsten Tag also Bol, goldenes Horn und so, alles klar, schön, muss zurück zum Auto, weil ich nur für eine Parkstunde gezahlt habe. Statt zum Campingplatz zu fahren, folge ich einem der braunen Tourismusschilder, die ich so liebe in Richtung eines Klosters. Hier free Parking. Zweitens: Die Attraktion hier ist nicht primär das zwar schöne aber verschlossene Dominikanerkloster mit dem Friedhof, der erst dann eingerichtet wurde, als die Franzosen den Dominikanern erklärten, dass es uncool bzw. unhygienisch sei, die Toten in der Kirche beizusetzen. Hey, hier, toller Acker mit Blick auf den Strand, macht das mal lieber da, okay? Okay.

Später haben die Dominikaner nämlich einen Steinwurf entfernt noch das Weiße Haus gebaut, Bijela Kuca, das von 1936 bis zum Zweiten Weltkrieg als Schule diente. Später zwangen die Kommunisten die Mönche, ihnen den Komplex zu verkaufen, aus der Schule wurde ein Hotel, das größte Hotel der Insel, 300 Betten.

Und das war wohl eine gute Idee, bis der Krieg ausbrach. In den 90er-Jahren schliefen in Bijela Kuca Flüchtlinge. Und auch danach blieben die Touristen aus. Das Weiße Haus steht leer. Hier will niemand mehr schlafen. Es ist ein zerfallendes Monument besserer Tage, übersät mit Graffitis, teils sehr schönen Kunstwerken, teils obszön Auslander aus. Auf der ehemaligen Terrasse sitzt ein junges Pärchen und schaut aufs Meer und sie sehen beide so herrlich traurig aus, dass man fast neidisch werden könnte. Drinnen treffe ich einen Mann, den ich frage, was das hier denn sei, denn ich weiß es noch nicht. Doch der Mann spricht kein Englisch und zuckt nur die Achseln. Also durchstreife ich das ehemalige Hotel unwissend und mit zitterndem Herzen. Überall dort, wo ich keine Angst haben muss, dass mit der Boden unter den Füßen zusammenkracht, will ich gewesen sein. Es ist ein stiller Ort und ebenso traurig, wie das kroatische Pärchen da draußen auf der Bank über dem Mittelmeer.

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Balkan-Diary 3: Die blutige Nacht neben der stone factory (Zadar, Brac)

Jetzt schnell eine Zigarette gegen den Hunger und die Tränen. Es ist 6 Uhr morgens, ich hatte kein Frühstück und keinen Kaffee und meine Freundin hat sich gerade am Flughafen Zadar in den Sicherheitscheck verabschiedet. Von nun an bin ich allein, ganz allein. Das wissend blinzle ich in das Licht dieses jungen Tages. Und für einige Momente wär ich lieber daheim im Bett, Vorhang zu, Netflix.

An der nächsten Raststätte in Richtung Süden fahre ich raus und verspeise ein Schokocroissant und das hilft ganz gut.

Wir sind am Vortrag schlau genug gewesen, schon mal bis Zadar zu fahren, weil dieser dumme Flieger so früh geht. Wir finden die richtige Abzweigung der Straße in Richtung Zentrum. Ein holpriger, staubiger Weg, eine Art Industriegebiet, im Hintergrund Steinhaufen und Kräne.

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Hier gibt es einen Stellplatz. Außer uns sind schon Holländer da. Ein junger Kroate empfängt uns sehr freundlich und bietet einen Shuttle-Service in Richtung Altstadt an, was im Endeffekt heißt, dass er uns jederzeit bereitwillig da hin fährt mit seinem Kleinwagen und später dann auch wieder abholt. Magst du gerne vorne sitzen?, frage ich H., weil ich generell nie gerne vorne sitzen mag und sie weiß das und fragt scheinheilig: Magst du wohl nicht gerne vorne sitzen?

Der junge Mann heißt jedenfalls Fillipp. Fillipp arbeitet hier, aber er arbeitet auch jenseits des Zauns, bei den Kränen und Steinhaufen, das ist die stone factory, wie er sagt und ich denke, geil, so müsste man mal eine Bar oder Band oder ein Buch nennen, stone factory. Beides gehört Fillipps Onkel, der seinen Neffen ordentlich schuften lässt. Stein sei sehr beliebt momentan. Und nebenbei studiert Fillipp noch. Not much free time for you, ha?, frage ich und er wiegelt achselzuckend ab: I sleep very little.

Zadar ist schön und spiegelglatt und weiß. Man hat die Altstadt aber auch relativ schnell abgelaufen. Die Hälfte des Tages verbringen wir mit der Suche nach den Gassen, durch die wir noch nicht gelaufen sind. Aber immer wieder, die Eisdiele, die Bäckerei, der DM, kennma schon. Im Hintergrund dudelt die Meerorgel, ein Instrument ohne Spieler, das unablässig wahllos vor sich hinpfeift, je nachdem, welchen Schacht der Wind gerade so bedienen mag. Auf einem Liegerad strampelt gemütlich ein alter Mann vorbei, hinten flattern die Deutschland-, Bayern- und Frankenfahne. Ein paar Meter vor der Stadtmauer hängen Vogelskelette an einem Gerüst. Am Kai vergammeln zurückgelassene Schiffe wie Müll.

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Ich stelle den Wecker auf fünf Uhr früh. Allein der Gedanke, so früh wach und in der Lage sein zu müssen, sich angemessen emotional zu verabschieden, hält einen ja wach. Der Schlafzwang als größter Schlafverhinderer. Das kenne ich noch von früher. Im Bett liegen und wissen, dass man in der Schule wach sein muss, aber jetzt bleiben nur noch sechs, fünf, vier Stunden…

Und irgendwann sind wir beide gleichzeitig wieder wach, denn im Kangoo summt eine Stechmücke. Ich setze mir die Stirnlampe auf. H. lauert. Sie sieht fast fröhlich dabei aus. Es ist ein Jagdtrieb in ihr erwacht. Wir haben bald eine gute Routine entwickelt: Ich leuchte und denke dabei weiter panisch darüber nach, dass jede Sekunde Schnakenjagd eine Sekunde weniger Schlaf ist, H. erschlägt die Tiere. Es ist nämlich nicht nur eine Mücke. Fillipps Stellplatz neben der stone factory ist anscheinend die artgerechteste Brutstätte. Mit Einbruch der Dämmerung haben sich die Moskitos an unseren warmen Körpern gelabt. Insgesamt erschlagen wir mindestens sieben oder acht von ihnen. An der Decke meines Autos zeugen dunkle Flecken unseres eigenen Blutes von diesem Gemetzel.

Als alles vorbei ist, setzt eine beunruhigende Form von Befriedigung ein. Wir lauschen ängstlich in die Stille und kratzen an unzähligen Stichen. Wir lauschen, ist da noch was? Nein, keine Schnaken mehr, dafür ein Hund, der gerade jetzt anfängt zu bellen und lange, lange nicht mehr aufhören wird.

Es geht mir alles in allem also mittelmäßig am kommenden Tag, dem ersten Tag allein. Ich muss alleine weiter, das war eigentlich ja eh der Plan, schauen, ob das geht, ob man das aushält, so lange mit sich selbst.

Ich quetsche den Kangoo in den schachtartigen Bauch einer Fähre, die mich auf die Insel Brac bringt. Der Reiseleiter an den Plitvicer Seen hat’s empfohlen, ich gehorche. Von der einen Seite, Supetar, muss ich nun auf die andere, Bol, das Touri-Kaff mit dem goldenen Horn, einer Landzunge aus hellem Kies, die sehr fotogen ins Meer hineinzüngelt. Und wie um mir selbst und der nicht mehr anwesenden H. zu beweisen, dass ich kein kompletter Soziopath bin und auch, um das Konversationskonto zur Seelenhygiene ein wenig aufzufüllen, gebe ich mir selbst gar keine Gelegenheit, darüber nachzudenken und fahre sofort rechts ran, als ich dort, am Straßenrand, eine Tramper sehe.

Super umständlich, denn: Mein Auto ist auch meine Wohnung. Da ich nun allein fahre, ist der Beifahrersitz natürlich voll mit Reiseführern, Ladekabeln, Lebensmitteln. Hektisch Entschuldigungen murmelnd schmeiße ich alles nach hinten, auf die Luftmatratze, während der Typ schon mühsam am Einsteigen ist, ein alter Kroate mit ledriger Haut und wenigen, dafür aber ausgesprochen kleinen, spitzen Zähnen im Mund.

Das bringt jetzt natürlich wenig von wegen Konversationskonto und so, denn der Typ spricht kaum Englisch. Ah Germany, sagt er natürlich und: Where? Und dann möchte er immer wissen, ob ich hier Familie hätte oder wo meine Familie herkommt, zumindest glaube ich, dass er das wissen will, also sagen wir unterm Strich die meiste Zeit Germany zueinander und stellen alsbald fest, dass das wenig Zweck hat und dann schweigen wir. Der Weg nach Bol, wo auch mein Tramper hinwill, weil er da wohl Familie hat, ist weiter als gedacht.

Dumme Idee, denke ich, sich selbst davon überzeugen zu wollen, dass man offenherziger Typ sei, das hat man dann davon. Ich dekliniere diverse Katastrophenszenarien durch. Am Ziel wird der Spitzzahnige meine Brieftasche – wenn es um Raub geht, sagt man Brieftasche, nicht Geldbeutel – haben wollen. Wo ist eigentlich mein Handy? Ah, da liegt es, in der Mittelkonsole. Besser mal ein Auge drauf haben… So kriecht der alte Menschenekel zurück in das heuchlerische Travelerhirn. Ganz allgemein fühlt es sich so an, als würde ich den Trunkenbold, der wie nach Wild-West-Sitte aus der Stadt verbannt wurde, wieder genau dorthin zurückbringen, was mir wiederum den Zorn der Einheimischen einbringen wird. Wie um das zu bestätigen, bittet mich der Tramper dann auch, ihn am Supermarkt rauszulassen, something to drink, okay, okay, kein Problem. Handy da, Brieftasche da, der Mann müht sich murmelnd aus dem Sitz, haut die Tür zu und blickt nicht mehr zurück.

Das war die gute Tat für heute. Ich muss mich ganz dringend mal ausruhen. Heut beginnt in Russland die WM. Ich brauche ganz dringend einen Campingplatz mit Fernseher.

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Balkan-Diary 2: Die Attraktion ist der Mensch (Plitvicer Seen, Starigrad)

Auf der kurvenreichen Küstenstraße zwischen Zadar und Starigrad herrscht zumindest teilweise eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 50 km/h. Weil ich schon seit geraumer Zeit spüre, wie mir die Einheimischen im Nacken sitzen, wie sie auf mein Kennzeichen schielen und fluchen auf die gesetzestreuen Touristen und ihre Art hier über ihre Küstenstraße zu schleichen, fahre ich eh schon eher 60, teilweise 70 km/h. Um die Demütigung ein wenig abzumildern.

Ich fahre hier ja zum ersten Mal. Ich weiß ja nicht, wie man das macht. Ich hatte gerade ein Thunfischsteak und danach gab es noch einen Honigbrandy, aufs Haus versteht sich, der Deutsche am Nebentisch erkundigt sich direkt händeschüttelnd nach dem Namen des Kellners und der lässt es sich nicht ansehen, ob ihm das unangenehm oder doch ganz recht ist.

Und jetzt, Honigbrandy im Kopf, Stracciatella im laktoseintoleranten Magen, zurück von Starigrad fast bis Tribanj, Camping Navis direkt an der so berühmt steinigen, dalmatinischen Küste. Der Nachbar vom bayrischen Wald jagte vorhin noch eilig zum Strand: Der Delfin is wieda do!, schreiend und nach seiner Frau, die ihn aus dem Wohnwagen heraus wissen ließ, sie müsse erst noch ihr Handy finden. Und dann standen wir an der berühmt steinigen Küste und warteten gemeinsam auf den Delfin. Der Bayer und der Schwarzwälder, wir Franken, ein paar Holländer, viel ledrige Haut, gegerbt in der dalmatinischen Sonne, viel geblähte Bäuche, weil es hier so gut schmeckt und zu knappe, viel zu knappe Speedos über Männerhintern. Aber kein Delfin, nicht mehr, nicht für mich.

Die Küstenstraße hier her, an diesen Ort zwischen zwei Orten, in diese Bucht, schlängelt sich zwischen Küste und Bergen und das ist dann, wie man so schön sagt, malerisch. In der Dämmerung aber kommt jede Kurve überraschend, kommt jede Geschwindigkeitsbegrenzung ungelegen. Lieber runterschalten, lieber langsam, bald sollten wir da sein, ein Kleinwagen, der mir die ganze Zeit schon so bedrohlich am Arsch klebte, drängt sich vorbei. Gut so, verpiss dich, bitte. Und da ist auch schon das Schild, Camping Navis, 200 m, langsam, Blinker, zweiter Gang. Ich bremse, will rüber, Spiegel, Schulterblick: Ey! Der Lieferwagen, der mir jetzt so bedrohlich auf dem Kofferraum klebte, wollt gade jetzt ganz gern vorbei, ich schon auf der Fahrbahnmitte. Ich sage: Alter! Spack! Und er wahrscheinlich etwas sinngemäß Gleiches auf Kroatisch.

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Es ist jetzt Vorsaison in Kroatien. Ein Wort, das sich schon so verlockend anhört. Vorsaison, man ist vor den anderen da. Man kommt heim und erzählt schon, wie es war, wenn die anderen erst aufbrechen. Vorsaison und man hat ein bisschen mehr von allem und den Strand für sich und der Schnaps geht aufs Haus.

Wenige Tage zuvor: Plitvicer Seen. Ja, Karl May, Winnetou und so, hier wurde doch irgendwas gedreht, das sagen die Leute zu einem und man selbst wiederholt es dann und der bzw. die gegenüber, in meinem Fall H., bestätigt das, ja, das habe sie auch gehört. Wir haben die Filme beide nicht gesehen. Ich halte die auch für schlimm langweilig. Aber die Hörspiele auf Kassette fand ich als Kind immer schön und ich musste auch fast nie weinen, wenn Winnetou dann stirbt, glaube ich.

Unterm Strich jedenfalls behauptet jeder Landstrich in Kroatien, auf dem es drei Bäume oder zwei Seen oder einen Wasserfall gibt, dass hier irgendeine der Karl-May-Verfilmungen gedreht worden sei. In Starigrad gibt es ein Winnetou-Museum, das zu einem Hotelkomplex gehört und laut Tripadvisor schön aber schwer zu finden ist. Wir gehen nicht hinein.

Von den Plitvicer Seen heißt es zweitens: Ja, die sind sehr schön, die muss man gesehen haben, aber Vorsicht, überlaufen. Wir denken: Vorsaison. Auf dem nahegelegenen Campingplatz ist auch noch viel frei, die Nachbarn sitzen vor ihrem Wohnmobil, hören Deutschrock und sehen ganz und gar nach Thüringen aus. Ein Frau erklärt ihrem Mann, dass sie jetzt das Toastbrot essen müssen, weil in dem Klima doch alles so schnell schimmelt. Eine andere fragt, weil wir doch junge Leute seien, ob wir auf unseren Handys nachschauen könnten, wie morgen das Wetter wird. Nur die Deutschen, scheint es, haben in 2018 überhaupt noch das Kleingeld, um auf Reisen zu gehen, aber wahrscheinlich war das schon immer so, bzw: Es gibt halt einfach viele von uns, Binsenweisheit.

H. hat sich im Vorfeld erst mal ein paar Geheimtipps im Internet angelesen. Zum Glück gibt es das Internet, wo alle Geheimtipps ganz schnell zu finden sind. Ein Blogger verrät, man solle sich den großen Wasserfall für später aufheben, am Abend ist weniger los, und zuerst einen J-förmigen See im Norden aufsuchen, der weniger Aufmerksamkeit abkriegt, aber auch schön ist.

Wir nehmen also zuerst das Schiff – kleine Überfahrt, große kindliche Freude meinerseits – nicht, weil das zum Plan gehört, sondern weil wir gar keine Wahl haben. Alle Besucher vom Eingang 2 werden zunächst mal verschifft. Dann versuchen wir, uns in Richtung des J zu halten. Die sporadisch aufgestellten Schilder sind, möglicherweise mit Absicht, absolut unbrauchbar: Mal ist von Wegen von 1 bis 10, mal von Routen mit den Buchstaben H,I,J,K die Rede und da, wo man einfach einen Wegweiser gebrauchen könnte, steht eh keiner. Google bringt auch nix, wir laufen wieder mal komplett in die falsche Richtung.

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Und das ist sehr gut, denn hier, auf einen Trampelpfad entlang eines dieser Seen, treffen wir nur ganz selten auf Menschen. Vielleicht weil der Weg durch eine Matschgrube führt und das will man ja auch nicht. Anders die Situation dann tatsächlich in Richtung des großen Wasserfalls. Das ist so ein Teil, wo man zwei Mal überlegt, ob man es jetzt überhaupt fotografieren soll, weil es ja so oft fotografiert worden ist und dann macht man es trotzdem und fühlt die Sinnlosigkeit aller Dinge.

Auf den Stegen, die zum Slap führen, drängen sich die Reisegruppen. Viele Asiaten jetzt. An dieser Stelle ist nicht mehr die Natur die Attraktion, sondern – vergleiche, Deflin und Strand –  der Mensch. Männer, deren haarige Bäuche frech aus den T-Shirts spitzen, Mädchen mit Tops, die von Partynächten berichten, die aufgeregten japanischen Paare und die jungen Frauen, die lange warten und posen, bis endlich, endlich das richtige, das perfekte Profilbild entstehen kann. Ein paar Meter weiter posiert auf demselben Steg ein Mann für seine Frau und versucht, seine Gesichtsmuskeln im Griff zu behalten und man kann sich so gut vorstellen,wie viele Profilbilder an einem solchen Tag an einem solchen Ort entstehen und wie die unterschiedlichen Facebook-Bubbles dann unterschiedlich darauf reagieren: So sweet, Hübsche! (viele Herzen), die einen, Gut schaust aus, schönen Urlaub noch (großer Smiley mit Daumen nach oben), die anderen.

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In einer Kehre, weg vom Wasserfall, den Berg hinauf, bleiben wir auf einer Bank sitzen. Ein Reiseleiter hält hier ein Schar wissbegieriger Rentner und Winnetour-Fans zusammen: Sie gehen jetzt hier über den Damm und dann rechts bis zum großen Wasserfall. Keine Hektik, wir haben Zeit, wiederholt er immer wieder und er hört sich dabei unverschämt so nett und angenehm an, dass wir noch ein wenig länger sitzen bleiben. Ich hör das irgendwie so gern, sage ich. Ich auch, sagt H.

Und dann sitzt er auch schon neben uns: Tut mir leid, dass ich hier so eure Ruhe störe, sagt er und wir beteuern, das mache gar nichts und Ruhe sei hier doch eh nicht so. Wir blicken auf die vielbeinige Menschenschlange, die sich an uns vorbeischlängelt. Ihr habt Glück, sagt der Reiseleiter, ein mittelalter Mann mit einer braunen Wolkenfrisur, heute ist wirklich wenig los. Das überrascht uns doch ein wenig. Ja, viele Menschen seien hier im Sommer halt immer. Dann passen Sie mal auf, dass sie niemand verlieren, sage ich und lache. Sie lachen, sagt der Reiseleiter, aber das passiert uns Reiseleitern wirklich oft. Die Leute kennen sich noch nicht und dann laufen sie einfach irgendjemand hinterher.

Er seufzt ironisch und man merkt, dass er ein gutes Verhältnis zu seinem Job hat und vom dem würde man sich auch gerne mal Kroatien zeigen lassen. Und dann rät er mir noch, nach Brac zu fahren, klar da sei jetzt auch alles packed, aber sein Lieblingsort in Kroatien. Und wenn der das sagt, denke ich. Dann muss er weiter, den großen Wasserfall herzeigen wie etwas von sich selbst und ich wüsste so gern, wie oft er ihn schon gesehen hat und ob das noch irgendetwas mit ihm macht.

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Balkan-Diary 1: On Balkan is always war (Pressegger See, Bovec, Ljubljana, Otocec)

Auf dieser Art zu reisen, mit dem Auto unterm Arsch aber ohne die Sicherheit irgendwelcher Ziele oder gar Buchungen, heißt immer, sich mit möglichst großer Konsequenz dem Zufall auszuliefern. In welches Tal steuern wir den Kangoo, Weißensee oder Pressegger See? Wir haben von weder noch eine Vorstellung. Wo schlagen wir das Zelt auf, Trenta, Soca oder Bovec?

Und sollte man nicht da, in Most na Soci, mal rausfahren, einfach weil das Wasser der aufgestauten Soca hier so surreal Eisbonbon-blau aussieht…?

Der Zufall ist der Freund des Reisenden. Vielleicht der einzige. Der Reisende ist oft allein, er ist fremd, Eindringling, Analphabet, Finanzspritze und Last. Der Zufall ist blind, er sieht nicht, woher du kommst.

Irgendwo, ich glaube im Reiseführer, steht, die Slowenen denken westeuropäisch und fühlen Balkan. Neva, die immer in Ljbuljana City Center gelebt hat, sagt, ich soll auf jeden Fall nach Serbien und Bosnien fahren, weil dort wirklich der Balkan ist, dieser Balkan, und hier doch mehr noch Österreich und Sauerkraut.

Neva und Hannah haben sich in Sri Lanka kennengelernt, Zufall. Und jetzt sitzen wir in einer Art Biergarten vor einem Jugenzentrum-mäßigen Club, in dem eine Band vor sich hin jammt, deren Sänger einen langen schwarzen Mantel trägt. Hört sich bisschen ungeordnet an, findet H. Wir trinken Nefiltrano, ungefilterters, quite normal beer, findet Neva.

Neva ist Anwältin, fünfzig Stunden Woche. Und weil der Job so mies bezahlt ist und der Chef vielleicht ein schlechtes Gewissen hat, fliegt die ganze Belegschaft morgen früh nach Istanbul, um da drei Tage Party zu machen. Früh um sechs gibt’s den ersten Schampus. Sie muss High Heels mitnehmen und das passt ihr nicht.

Es ist bald dreißig Jahre her, dass Nevas Vater hier in diesem Land, das so etwas wie das Baden-Württemberg Osteuropas ist, im Krieg war. Zehn Tage lang musste Slowenien um seine Unabhängigkeit von Jugoslawien kämpfen, Nevas Papa trug zwar eine Waffe, aber schießen musste er nicht. Rund hundert Menschen sind gestorben, sagt Neva, weil ein Hubschrauber über Ljubljana abstürzte.

Aber trotzdem: Ihr Vater reist heute nicht in diese Länder, Serbien, Bosnien, Montenegro, weil er nicht weiß, was der, dem er gegenübersteht, vor dreißig Jahren möglicherweise getan hat.

On Balkan there is always war, sagt Neva. Die Slowenen hassen die Kroaten, die Serben die Bosniaken. Aber nur daheim, der Hass gehört auf die Halbinsel: Wenn sie sich im Ausland träfen, seien alle Südosteuropäer dann doch auf einmal Brüder. Im Vorfeld der Reise habe ich natürlich versucht, mich ein wenig zu informieren, was da passiert ist. Es geht nicht. Es ist zu viel und mit jeder Information, darüber, wer wem wann und warum auf den Schädel gehauen hat, verliert man eine andere aus dem Gedächtnis.

Aber einmal, denke ich, und das stimmt doch, da gab es zumindest mal fast vierzig Jahre lang Frieden: Solange Jospip Broz Tito an der Macht war im geeinigten Jugoslawien. Also frage ich, ein bisschen vorsichtig, weil man ja nicht so richtig weiß: Do people sometimes miss it? Nein, sagt Neva, obwohl das natürlich richtig sei und nein, ein Stalin sei der Tito sicher nicht gewesen, aber ein Diktator halt schon und wer eine oppositionelle Meinung hatte, konnte immerhin im Gefängnis landen.

Und weil man dann schon mal dabei ist, verpasst man die Band mit dem Manteltyp und bestellt noch so ein Union oder Lasko. Und weil man dann schon mal dabei ist, versuche ich noch Neva zu erklären, was da bei uns bei der letzten Wahl passiert ist. Und dann schauen wir alle drei auf das bisschen Europa und wie das gerade aussieht, nach allem, was in den letzten drei, vier Jahren passiert ist. Die stärkste Oppositionspartei in dem Land, aus dem wir kommen, ist rechtsradikal. Das muss ich zugeben.

Und hier? Ein paar hundert Flüchtlinge seien geblieben, sagt Neva, die wollten ja alle nach Deutschland. Und trotzdem lassen die Menschen sich eine Angst einreden und wählen die, na ja, man könne es nicht anders sagen, Nazis. Vor der vergangen Parlamentswahl habe ihr Bruder ihr eröffnet, die katholischen Liberalen zu wählen. Und Neva habe gefragt: Was, wenn deine Freundin schwanger wird und ihr könnt euch kein Kind leisten, aber wegen deiner Partei ist Abtreibung illegal. Ich habe Geld, habe er gesagt, dann fahren wir nach Österreich.

Money rules, sagt Neva. Vielleicht war das damals anders, in Jugoslawien. Dafür waren die Supermarktregale immer wieder mal leer. Wir wissen auch nicht weiter und waren vielleicht noch nie so pessimistisch wie jetzt. Und wir schauen auf das, was bei den nächsten Wahlen vermutlich noch passieren wird. Und ich sage. We’re fucked. Und Neva sagt: For sure.

Hätten wir diese oder jede Reise vor fünf oder mehr Jahren gemacht, man hätte kaum über Politik gesprochen und mehr über die schönen Dinge im Leben. Aber morgen gehen wir erst Mal auf die Burg und essen ein Eis und ein Street Food aus Tanzania. Weil morgen ist Freitag, Zufall, und da kann man in Ljubljana ganz wunderbar auf Markt vor der Kathedrale St. Nikolai speisen und es läuft Musik und man teilt sich eine Bierbank mit ein paar Rentnern aus Österreich oder sonstwo her.

Und so geht es natürlich auch.

In other news:

In Kärnten, Pressegger See, Hermagor, esse ich ein okayes Schnitzel im Camping-Platz-Restaurant. Der Platz, und noch einer, sowie diverse Pensionen gehören einer gewissen Familie Schluga. Die kontrolliert hier das Business, stellen wir uns vor, die bestimmt, wer Bürgermeister wird und wo die Umgehungsstraße gebaut wird. H. isst eine kleine Pizza.

Und will dann mit Karte zahlen, weil sie mit Zahlen dran ist, aber der Kellner, ein Österreicher, der ganz genau weiß, wie österreichisch er ist, struppig, hehe-grinsend, der Kunde is König am Oasch, sagt: Mit Koadn geht jetz nemma. Weil er ein fauler Depp ist. Und H. soll sich halt erkenntlich zeigen, wenn ich jetzt zahle, weil Frauen seien doch kreativ, hehe, zwinker, zwinker und guade Nocht noch.

Man kennt ja auch nette Österreicher und das Land ist toll schön und die Hauptstadt, jaja, aber in seiner Gesamtheit doch: Zum Vergessen. Provinzielle Selbstvergessenheit als Markenkern, Besäufnis an der eigenen Unzulänglichkeit, Sebastian Kurz.

Im Soca-Tal, Bovec, beziehen wir einen von mehreren wie die Perlen an der Kette aufgereihten Camping-Plätze. Vorsaison, quasi nix los. Am Abend bringe ich ein mickriges Lagerfeuer zustande, aber immerhin. Am Tag wollen wir zu einer Burg und in eine Schlucht, laufen dann am komplett in die falsche Richtung, vorbei an Kühen und Schafen und in ein Dorf, in dem es nichts weiter gibt, außer einer Terrasse mit eindrucksvoller Kakteen-Sammlung. Ein von pickenden Hühnern umringter Mann grüßt freundlich. Man grüßt immer so mit Geräuschen, weil man weder weiß, ob der Gegenüber einen versteht, noch sich erinnern kann, wie Guten Tag auf slowenisch heißt, wenn es drauf ankommt. Also lieber hastig schief grinsen und ein: Mhhjjjellog rausmurmeln. Geht immer.

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Wir versuchen die Wanderung zu retten, indem wir einen Rundweg draus machen. Dazu müssen wir hier nur kurz auf die Serpentinen-Landstraße, gefährlich, aber dann irgendwie rechts weg und dann gibt das so eine Art Schlaufe. Sagt Google Maps. Wir finden die Abzweigung und dann ist es erst sehr schön Urwald-mäßig und dann ist der Weg weg, klar. Nicht schon wieder so eine Scheiße, sage ich, in Kärnten war es genauso. Da steht man dann im hüfthohen Gras und hat keine Ahnung und Angst vor Zecken und Kühen, in deren Revier man gerade eingedrungen ist.

Aber dann war’s doch halb so wild. In Bovec gibt’s eine hippe Brauerei und ein alter Slowene empfiehlt mir was, ich bestelle aber was anderes. Mit neuseeländischem Hopfen. So.

Und letztlich, bevor wir dieses ungelogen wunderbare Land verlassen, Otocec. Auf einer Insel auf der Krka steht das Wasserschloss. Ich denke: Burgen und Schlösser, da dachte man früher immer, wow, toll besonders. Heute merkt man, egal, wo man hinkommt, alle zehn Meter haben irgendwelche Habsburger oder Windischeschenbacher oder man weiß es nicht mehr so genau irgendwelche Wasserschlösser in die Landschaft gekackt. Das Teil hier stammt sogar aus dem 13. Jahrhundert, als sich irgendjemand so wichtig und bedeutend gefühlt hat, um in genau diesem letzten Winkel der Welt etwas Monumentales zu hinterlassen.

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Was das damals bedeutete, kann man kaum sagen. Heute bedeutet es, dass da ein Fünfsternehotel ist und ein slowenischer Boy hat den undankbaren Job, den ganzen Tag über in einer unbequemen Uniform vorm Tor zu warten. Am Ufer, schräg gegenüber, also wirklich zwei, drei große Schritte entfernt, gibt es einen winzigen, komplett Komfort-freien Camping-Platz. Zehner die Nacht.

Wir stellen den Kangoo so, dass wir mit Blick auf das grün sprudelnde Wasser aufwachen. Ein slowakisches Pärchen stellt ihr Zelt so, dass sie direkt neben sowohl Mülltonnen und Toiletten aufwachen. Jeder wie er mag. Wenig später trägt sie ein Abendkleid und er einen Anzug und sie bitten uns um einen Stift, um noch was auf ihre Karte zu schreiben… Im Schloss wird heute Hochzeit gefeiert und das Paar spaziert, angeführt von so einer Art Prinz oder so, durch die bescheidende Parkanlage.

Am Abend bekommen wir noch Besuch von zwei slowenischen Jungs, ein dicker und ein dünner, die beide recht verschoben aussehen, als wären ihre Gesichtsknochen einmal wild durchgewürfelt worden. Sie fragen nach Zigaretten und machen mit Händen und Füßen darauf aufmerksam, dass die Sonne heute heiß ist. Dann zeigt der Dicke noch eine Art Geschwür an einem seiner Finger und schon sind sie wieder fort. Nett.

Zuletzt besucht uns, und wir dachten, hier herrscht abgeschiedene Ruhe, der Strudelmann. Der zerrt blecheweise Kirschsstrudel aus seinem Kofferraum und hält uns sofort ein Stück unter die Nase: Probieren! Stichprobe machen! Strudel! H. sagt, danke und das sei ja sehr lieb, aber sie habe eben erst gegessen. Stück zwei Euro!, sagt der Strudelmann. Danke nein, sagt H., aber ich suche schon nach dem Geldbeutel. Sehen die Farbe!, sagt der Strudelmann, alles natural! Wie viel Stück? Ich habe kein Kleingeld, H. schon. Eines, sage ich. Mehr!, sagt der Strudelmann, wieviel? Zwei Stück? Morgen essen! Eines reicht, sagen wir und dann sagen wir es noch ein paar mal und der Strudelmann freut sich und sagt: Kann nur wenig Deutsch aber guten Appetit und eine schöne Reise.

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Wenn ich gewusst hätte, dass sie da oben den Förster erschlagen haben, hätte ich einen anderen Weg gewählt

Die Möglichkeit, zu erblinden besteht jeden Tag. Es könnte ein schlimmer Unfall passieren oder man könnte von einer seltenen Krankheit heimgesucht werden. Mit diesem Risiko muss man leben, weil man keine andere Wahl hat. Wie wäre das, nichts mehr sehen zu können?

Das frage ich mich manchmal. Ich frage hingegen A., ob sie mir bitte die Haare schneiden könnte. Es ist allgemein bekannt, dass sich der Haarwuchs meines Körpers seltsam verhält. Im Gesicht wachsen mir wenig Haare, bis auf zwischen den Augenbrauen. Meine Achselhaare sind eher Oberarmhaare. Ich habe Haare auf den Füßen. Und meine Nackenhaare scheinen schneller zu wachsen, als der Rest meines Haupthaars, sodass bei längerem Tragen meiner standardmäßigen Nichtfrisur irgendwann der Eindruck eines werdenden Vokuhilas entsteht.

A. fragt, ob sie nur hinten schneiden soll, oder auch an den Seiten, wo mir die Haare über die Ohren wachsen. Ich drücke ihr meine Nagelschere in die Hand und sage, mach, dass es cool aussieht und während sie versucht, zu machen, dass es cool aussieht, sagt sie immer wieder Oh Gott und Oh je und das ist kein gutes Zeichen.

Ich sehe ihr Werk auf dem Display meines Handys, ein Bild mit, eines ohne Blitz. Ein blondgefärbter Lappen baumelt über kurzgeschorenem, nachwachsendem, braunem Haar. An den Seiten ist das Deckhaar mit harter Kante gestutzt, als hätte A. ein Lineal angelegt. Am nächsten Tag muss ich zu Serdar. Serdar ist ein Friseur, der selber keine Haare hat. Ich sage, eine Freundin hätte meine Haare geschnitten und ob man da denn was retten könne. Serdar setzt mich auf seinen Stuhl und erschrickt: Von hinten ist noch schlimmer! Ich lache und sehe im Spiegel, wie ich rot werde. Serdar und seine Frau reden über meinen Kopf hinweg miteinander über meine Haare und was da zu tun sei, sie reden aufgeregt, Panikmodus, und sie reden ausschließlich auf Türkisch und ich sitze und warte und starre mir selbst ins Gesicht.

Ich starre mir selbst so lange ins Gesicht, dass ich den Anblick meines Schnurrbarts irgendwann nicht mehr ertragen kann. Zu Hause rasiere ich ihn ab. Ich bereue es sofort.

Der Körper erfindet immer neue Schikanen, um einem irgend etwas mitzuteilen. Neulich stand ich mit ebenjener Nagelschere vor dem Spiegel und versuchte ein Haar abzuschneiden, das es gar nicht gab. Etwas kitzelte mich an meinem linken Nasenflügel, immer wieder. Aber da war nichts. Ich richtete alle Lampen, die es im Bad gibt, auf mein Gesicht. Ich fuchtelte mit der Schere. Das unsichtbare Haar strich mir über die Haut. Es ist wie mit dem Baby, das schreit und man weiß nicht, warum. Vielleicht eine Stressreaktion. Im Zweifel immer eine Stressreaktion.

Am Sonntag ging ich also in den Wald. Im Steigerwald lag Schnee. Ein Parkplatz am Marswaldspielplatz. Großartig, wie gern hätte man selbst als Kind Zeit auf einem Marswaldspielplatz verbracht. Das Schild sagt, vier Kilometer zur Aurachquelle und ohne zu verstehen, dass ich nur die Straße überqueren müsste, um zum Mordgrund (!) zu gelangen, folge ich dem anderen Weg,  dem in die entgegengesetzte Richtung.

Das hier, meine Damen und Herren, ist Unterfranken, das leicht streberhaft-verkniffene der drei Frankens, weniger gemütlich als Ober- und Mittel-, aber auch weniger eng und düster, irgendwie sanfter vielleicht, wenn man das so sagen kann. Ich bin in Richtung Zell am Ebersberg gefahren, damit befinde ich mich gar nicht so weit von Haßfurt. Haßfurt, der Ort wo alle lokalpatriotische Dümmlichkeit des Heimatsmenschen kulminiert, denn kein Zeitgenosse ist dem Bamberger verhasster als der Haßfurter, er kann nämlich nicht Autofahren. Und wir tragen diese Erzählung, ironisch!, fort und machen uns damit mitschuldig an der Dümmlichkeit im Allgemeinen. Das hier ist Unterfranken. Ich befinde mich in einer scheinbar durch und durch unmystischen Gegend. Ich sehe eine durch und durch unspektakuläre Landschaft, ein zugeschneiter, breiter Weg, links und rechts Birken und Buchen, wahrscheinlich, und mit jeder Kehre, die mein Weg macht, ändert sich original nichts, keine Variation, hier ist nichts und ausgerechnet hier denke ich, wie wäre das wohl, wenn man nicht mehr sehen könnte.

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Die Aurachquelle, denke ich, wird mich dafür unter Umständen entschädigen. An einer Gabelung, wo ein Kind einen Teddybär im Schnee auf einem Tisch stehen ließ, entscheide ich mich also zum zweiten Mal für die Aurachquelle und damit gegen das Rennerkreuz. Fehler! Aber wie hätte ich unbedarft durch den Schnee Stolpernder ahnen können, dass das Rennerkreuz benannt ist, nach dem Förster Johann Renner, der hier, zwischen Ober- und Unterschleichach, in einer Nacht im Jahr 1768 von zwei Wilderern gemeuchelt wurde. Wo die Bluttat geschah, steht heut ein Sühnekreuz, wo er lag, werden die Mulden im Boden nie verschwinden, und einmal im Jahr, in der Todesstunde nämlich, erscheint ein weißes Reh und beugt in Erfurcht die Knie. Mystisch. Nix davon für mich. Die Aurachquelle ist ein unspektakuläres Geblubber, drüber liegt ein Wellblech. Ich sehe: Baumpilz, ein Pony, Felder.

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Es soll mir darum auch nicht gehen. Man wandert, um mal weg zu sein von allen Bildschirmen. Um mal nicht aufs Handy zu glotzen, außer wenn man mal schnell ein Aurachquellenselfie machen muss. Ich begegne drei Paaren und dann, weil ich weiß, was sich gehört, sage ich zackig Grüssgott mit kurzem i und wie ein einziges Wort. Die Leute antworten Servus. Wenn man sich zum zweiten Mal begegnet, grüßt man nicht mehr, sondern passt den idealen Zeitpunkt ab, um woanders hinzuschauen. Ein Mann trägt eine weiße Wollmütze, was ich grundsätzlich kritisch sehe, Menschen mit dicken, weißen, fusseligen Wollmützen auf dem Schädel. Das ekelt mich. Man geht, um mal den Kopf frei zu bekommen, um mal das Hirn ein bisschen durchzulüften. Um mal abzuschalten. So würde es in irgendwelchen Ratgebern für leitende Angestellte Anfang 30 stehen, aber das ist natürlich absoluter Bullshit. Das Hirn schaltet niemals ab. Das Hirn schreibt immer weiter. Das Hirn geht einem, wenn man so allein vor sich hinstolpert auf dem rutschigen Grund, dass einem irgendwann die Knöchel wehtun, noch viel mehr auf den Sack, als wenn es abgelenkt wird durch Mitmenschen oder Fernseher oder Laptop. Aber genau das auszuhalten, das muss trainiert werden.

Als ich zum Auto zurückkomme, stapft ein viertes Paar aus dem Gehölz. Sie haben Pfeil und Bogen dabei. Einfach so.

Am Freitagabend waren Freunde da zum Twin Peaks glotzen, die sagten puh, mit deinen Haaren, aiaiai. Am Sonntagabend kommt M. zum Horrorfilme glotzen. Alles macht man, um irgendwas mit den Augen zu machen, ständig. Man trifft sich, um Sachen anzusehen. Man geht zum Friseur, damit der mal sieht, was er da machen kann, damit man selbst anders aussieht und die anderen einen anders sehen. Dass man selbst komische Haare hat, kann einem eigentlich ja egal sein, die eigenen Haare sieht man ja so gut wie nie. Außer wenn man zwei Stunden lang vor einem Friseurspiegel sitzt und so viel Kaffee und Tee trinkt, dass man irgendwann ganz dringend pinkeln muss. Man traut sich aber nicht, nach einem Klo zu fragen.

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Andermatt. Das Zentrum der Welt.

Ich zeige dir das Zentrum der Schweiz, schreibt C, und ich sitze im Regionalexpress neben einem dicken Mann mit schleimiger Frisur und Sonnenbrille, der sich eine Romcom auf seinem Laptop ansieht. Ein paar Tage zuvor hatte ich C. im Skype gefragt, wo sie denn eigentlich sei, diese Hütte in den Bergen. Und C. hatte gelacht und gesagt: Das ist keine Hütte, Thamm! Das ist ein Anwesen!

Ein Arbeitswochenende in der Schweiz. Ich war als Kind zuletzt in diesem Land. Aber ich bin ein großer Fan. Diese kompakte Nation. Wie ein natürlicher Freizeitpark fürs Auge. Irgendwann ein Haus in der Schweiz. Lebensziel, bucket list.

In Basel scheint die Sonne. C. sagt, hier sei es immer etwa drei Grad wärmer als in München, wo wir uns kennengelernt haben. Er versucht, diverse enorme Winterjacken in einem winzigen Koffer zu verstauen. Ich frage ihn, ob ihm klar sei, dass wir nur übers Wochenende wegfahren. Er sagt, er habe Schwierigkeiten, sich einzuschränken. Ob ich meine Wanderschuhe dabei hätte. Ich zeige ihm die, die ich trage, eher Trekkingschuhe, sie reichen nicht über die Knöchel.

Während der Fahrt erzählt mir C., was ich über die Schweiz wissen muss. Die Deutschen seien offener, nicht so verkrampft. Mit den Schweizern könne man nicht über die wichtigen Dinge des Lebens reden. Es komme ihm so vor, als herrsche eine Art Geschlechtertrennung. Diese Berge da, das könnten die Mythen sein, Mithen, sagen die Schweizer. Auf den Gipfeln liegt Schnee. Den Gotthard-Tunnel hätten die Schweizer gesprengt, wenn die Nazis eingefallen wären. Zwei Stunden später sind wir in Andermatt.

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C. entstammt, natürlich, einer Unternehmerfamilie. Seine Eltern haben sich am Rande des Dorfes ein kleines Haus gekauft, nicht eigentlich ein Anwesen. Dann haben sie es ausgebaut, alles ist seltsam verwinkelt, ungeahnte Stockwerke verbergen sich unterm Boden. Es gibt übermäßig viele Bäder und Fernseher. Ein winziger Balkon, den C.s Vater selbst geplant hat: zum Rauchen. Am Abend platzieren wir uns an der Bar im Postillion und bewundern die blonde Bedienung.

Benz besitzt einen kleinen Tabakladen mit Café. C. und er unterhalten sich in ihrer knarzenden Mundart, als hätten sie den Mund voller Walnussschalen. Benz trägt so eine seltsame Mischung aus Trekkingschuh und Sandale. Er bietet auch Bergtouren an. Letzte Woche hatten sie hier den schönsten Powder des Jahres, huregeil, sagt er, huregeil. Es ist Mai.

C. fragt, wo wir wandern könnten und Benz holt die Karte raus und meint, er würde auf den Nätschen gehen, an unserer Stelle, aber nass sei es schon. Dann erzählt er vom Tessin, von steinernen Hütten, und gratis Thermalbädern, von einer Tour, auf der er in einer Woche nur einem einzigen anderen Menschen begegnet sei. Absolute wilderness, sagt Benz, huregeil. Man muss irgendwann gehen, sonst quatscht er einen fest.

Das rosafarbene Kasernengelände Andermatts, dahinter eine hölzerne Röhre, in der, angeblich, die englische Bob-Nationalmannschaft das Anschieben übte. Hier windet sich ein schmaler Pfad den Nätschen hinauf. Wir gehen hintereinander, bald hämmert das Herz in meiner untrainierten Brust. Über einen sprudelnden Bach und hinein in den Wald. Der Pfad verschwindet unterm Schnee, zuerst knöchel-, dann kniehoher Schnee. Nass, ja. Ich trete in die Spuren, die C. hinterlässt und bleibe immer wieder stehen, um kleine, eisige Brocken aus meinen Schuhen zu pulen.

Das ist Schattenseite hier, sagt C., nein, anders: Wald, das sei Wald, deswegen so viel Schnee. Aha, Wald, sage ich, kenn ich.

Der Wald hört nicht auf. Meine Socken sind in eisiges Schmelzwasser getränkt. Wir verlieren den Pfad und kraxeln irgendwie querfeldein über die Heide. Weil wir da rüber müssen, wo unterhalb des Gipfels die Liftstation des Skigebiets zu sehen ist. Absolute Vollkatastrophe. Ich denke viel an den Rückweg Reinhold Messners vom Nanga Parbat und daran, wie viele Zehen er dabei verloren hat. Wie lange dauert es, bis die Füße in nassen Socken blau werden? Und wann schwarz?

Mist, sage ich, das Schweigen durchbrechend. C. dreht sich zu mir um: Was? – Mütze verloren. – Der Wald schluckt alles, sagt C.

Ich zweifle an seinen schweizerisch angeborenen Bergführerkünsten. Ich sehe mich ausgleiten und eine Böschung hinabkullern, die Kamera zerspringt an einem Felsen, C. muss die Bergwacht alarmieren, die mich im Hubschrauber abholt und nach Zürich ins Spital bringt. Sagt man hier Spital? Bestimmt.

Stattdessen finden wir den Pfad wieder. Meine Füße sind gar nicht so kalt. Dort drüben gibt es ein Restaurant, sagt C. Ich liebe, wie er das Wort auf der ersten Silbe betont, dieser Singsang. Meinst, das hat offen?, frage ich. – Sicher, sagt C., aber er irrt sich. Eine Stunde später sind wir zurück im Haus und schieben eine Tiefkühllasagne in den Ofen. Ich hänge die nassen Socken über das Balkongeländer, dann beginnt es zu regnen. Die nassen Socken hängen im Regen, auch schon egal.

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Im Restaurant wird C. per Handschlag begrüßt. Ich auch. Die Wirtsleute freuen sich, ihn mal wieder zu sehen. Sie sind sehr freundlich. Zu mir auch. Ich verstehe aber nur sehr wenig und lausche entzückt diesen herrlichen Geräuschen.

Am Nachbartisch sitzt ein deutsches Paar. Er sieht zwanzig Jahre älter aus als sie und erklärt ihr, wie viele Leute heutzutage den Konjunktiv falsch verwenden. Ich vermute: ein Lehrer mit einer ehemaligen Schülerin. Er ruft uns zu, dass wir nach unserem Fondue einen Appenzeller Kräuter trinken müssten und C. flüstert, dass man daran die Deutschen erkennt. Sie lieben die regionalen Produkte. Eigentlich sehr schön, aber: Appenzeller, das trinkt kein Schweizer. Er bestellt einen Grappa, ich Zwetschge. Als der Deutsche mit EC-Karte zahlen will, sagt die Kellnerin, dazu müsse sie das große Gerät holen. Das große Gerät habe ich hier, sagt der Deutsche und ich wär so gern ein Schweizer.

Und wieder so, als der Este den Hitlergruß auspackt. Wir sind erneut im Postillion gelandet, der einzigen Anlaufstelle der Andermatter Jugend am Abend. Gleicher Platz an der Bar, obwohl die schöne Blonde nicht da ist, dafür Anna-Maria, ihre polnische Kollegin, die gestern, als wir zum ersten Mal trafen, nicht wusste, was wir mit Wandern meinen.

In Andermatt ist es so: Das Dorf ist wirklich recht klein und lebt von den Ski- und Wandergästen in der Saison. Jetzt ist es leer. In ein paar Jahren wird Andermatt auf die doppelte Größe angewachsen sein. Der ägyptische Unternehmer Samih Sawiris baut hier Fünfsternehotels, ein Hallenbad, eine Eissporthalle, einen 14-Loch-Golfplatz. Ein zweites Dorf, das kann man so sagen.

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Das heißt, er lässt bauen. Deshalb sind die Esten hier. Deutlich billigere Arbeitskräfte als Schweizer Bauarbeiter. Wir stehen rauchend mit ihnen vorm Postillion. Einer trägt eine Jacke, auf der Estonia steht, einer ist blond, einer dick, bärtig und in Camouflage, der letzte hat eine Jacke mit Red-Bull- und Pirelli-Logos wie ein Rennfahrer. Sie verstehen nicht, sagt der Bärtige, was sie hier eigentlich machen. Das Dorf ist immer leer und sie bauen noch mehr Häuser. Was soll das? Sie lachen.

Wo wir her seien. Basel sagt C., Germany sage ich. Oh really?, sagen alle Esten und der Bärtige reißt den rechten Arm stramm nach oben. Diese brutale Geste. An seinen Fingern könnte man eine Wäscheleine festmachen. Er bleibt viel, viel zu lange so stehen. Heil Hitler. Fuck, denke ich. No, sage ich, no Heil Hitler, not good. – Ah, just joking, sagt der Rennfahrer und flüstert C. lautstark ins Ohr, dass ein neuer Hitler trotzdem ganz super wäre. Nein, sagen wir, gar nicht super, obwohl wir jetzt reingehen sollten, weil klar ist was kommt: Merkel is shit. Die holt die ganzen Afrikaner.

Es ist nicht nach erste Mal, dass ich linksgrün-wählender Jungspund in die Lage versetzt werde, diesen Satz sagen zu müssen, auch weil es ja stimmt: I like Merkel. Ungläubigkeit bei den Esten. Sie raten mir, meinen Schnurbart zu stutzen, like this, der Rennfahrer hält sich zwei Finger unter die Nase, just joking. But is it allowed? – Yes, sage ich, it is, but then you get punched in the face.

Wir sitzen wieder an der Bar und glotzen unser Bier an. Das normale Bier ist leer, ob ein Frühlingsbier okay sei. Klar. Die Esten kommen vorbei und klopfen uns immer wieder auf die Schultern, we are just joking, ok? – Yes, it’s okay. Der da sei aus Germany. – Really?

Dann sitzt der Rallyefahrer neben uns. Ich stiere angestrengt geradeaus, auch weil ich spüre, dass er, Jägermeister-Cola und eine Dose Energydrink süffelnd, immer wieder rüberschaut. C., zwischen uns. Der Este erzählt ihm, dass er schnelle Autos liebe. C. liebt auch schnelle Autos. Er will wissen, ob der Este Rennfahrer sei, wegen der Jacke. Der Este flüstert, damit Anna-Maria nichts hört: Jaja, das Überholen ist das Geilste. Er behauptet, einen VW Polo zu fahren und wir sind uns nicht sicher, ob das ein Witz ist, oder ob er mit einem ans Limit getunten Polo durch Nordestland ballert. Kimi Räikönnen is my big hero, I love him so much.

Das Problem ist, der Typ, der findet, dass so ein neuer Hitler gar nicht schlecht wäre und dass ich mir doch so ein Bärtchen stehen lassen könnte, ist eben auch wahnsinnig nett. Herzig, sagt C., aber so viel Herzigkeit sei für ihn, als Schweizer, eh schwierig. This are my new friends, ruft der Rennfahrer durchs Postillion. Aha, soso. Wir grinsen verkrampft irgendwohin. Ein halbes Jahr hat er hier für den Ägypter gebaut, morgen fährt er wieder nach Hause. Ja, froh sei er schon, aber er will zurückkommen. Das sei ein guter Ort hier.

Stimmt schon. Schweiz halt, wahnsinnig schön, unfassbar unbezahlbar. Erstaunlich, dass es mir hier so geht, wie zuletzt in Thailand, mit einem aggressiven Engländer. Dieser Merkelhass. Flüchtlingsthema und Unverständnis, mit dem man irgendwie, irgendwie!, umgehen muss. Damals, auf der Insel, wurde heftig diskutiert. Heute habe ich nur Gestammel und den Wunsch nach Distanz anzubieten. Das ist kein Diskurs.

Und keiner, keiner den man trifft, sagt: Oh, yes, I really liked, how she accomplished to manage this crisis. Die SVP hat jetzt zwei Sitze im Bundesrat, sagt C., und ich wusste zuvor nicht, wie das hier läuft mit diesem Bundesrat. Ein Ägypter lässt Esten in Andermatt Hotels bauen. Und am Gotthard ist Stau. Die wollen alle nach Italien, Autobahn Richtung Mailand. In der Schweiz wird sich nie etwas ändern, sagt C., warum auch, es funktioniert ja.

Wir überlegen uns, wie es wäre, wenn C. ein Kind bekäme und ihm weder Lesen noch Schreiben beibrächte, sondern nur gehirnwäschemäßig seine Lebensaufgabe eintrichterte: Du musst die Welt verändern. Also retten eigentlich. Aber das kann es ja auch nicht sein. Push-Nachricht auf C.s Handy: Stephen Hawking gibt der Menschheit noch 100 Jahre. Wir trinken aus und gehen nach Hause. Im Keller hängt eine Schweizer Flagge, meine Socken noch immer auf dem Balkon.

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Fetisch Einöde. Teil 2: Falsche Entscheidungen

Tag zwei und schon wird das Alleinsein zum ersten Mal zur Qual. Man fühlt sich nicht mehr wohl mit so einer Reise, die man sich ausgedacht hat wie ein kleines Drama zur Uraufführung im diskret-privaten Rahmen. Ich fahre also zu einem Stausee. Kann man hier irgendwo einen Kaffee trinken? Nein. Also weiter.

Antenne Thüringen spielt die Hits, ich singe mit und linse nur manchmal auf mein Handy.

In Saalfeld stelle ich das Auto ab. Ich spiele mit dem Gedanken, mir die Feengrotten anzusehen und entscheide mich dagegen. Warum? Das ist im Nachhinein schwer zu sagen. Man ist manchmal, selten genug!, nicht in der Stimmung für Zauberhaftes.

In der Mocaba Espressobar trinke ich einen Kaffee und lese, dann esse ich ein Panino mit Schinken und Walnuss-Tomaten-Pesto. Der Kellner ist unverhältnismäßig begeistert von dem wenigen Trinkgeld, das ich ihm gebe. Unter einem Stadttor rauche ich die erste Zigarette des Tages. Weil ich davor Ricola gelutscht habe, schmeckt sie ein wenig schokoladig. Muss weiter.

Wohin? Richtung Rudolstadt? Hört sich nicht schlecht an, aber auch irgendwie zu groß.

Kurz vor Rudolstadt biege ich ab, in den Wald, Serpentinen, die einen Berg hinaufschlängeln, irgendwie italienisch. Ich erreiche Schwarzburg, ein zweigeteiltes Dorf, unten und oben alles Fachwerk, malerisch.

Oben drauf: Die Schwarzburg. Ich lerne, dass hier die erste deutsche, demokratische Verfassung unterzeichnet wurde, Weimarer Verfassung, 1919 war das. Was man alles nicht weiß.

Ich will hier bleiben, aber die Pension ist belegt, ein Hotel ist zu und ich bin zu scheu, um zu klingeln, in die Jugendherberge will ich nicht, die anderen Hotels sind, Google sagt mir das, zu teuer.

Schwarzburg rausgeputzt, zu sauber, zu flott, und trotzdem tot jetzt in März.

Weiter, Strecke machen, mehr sehen. Ich bin müde, würde gerne jetzt bald irgendwo ankommen, mich noch ein wenig hinlegen vorm Abendessen. Ich versuche, so zu fahren, dass es nach mehr Berg und nach mehr Wald aussieht, Thüringer Wald, das war ja so ein heimliches Ziel bei dieser Reise, die Ziele verbietet. Einmal falsch abgebogen, schon touchiert man den Wald nur noch und vor mir öffnet sich die Ebene, Felder, keine Bäume, wie zur Strafe dafür, dass ich meine halben Gedanken zu konkret an Ziele verschwendet habe.

Das Traurigste ist, dass man mehr Gästehäuser, Wirtschaften, Kneipen sieht, die leer stehen als solche, die noch betrieben werden. Ich fahre irgendwie Richtung Ilmenau, aber Richtung Ilmenau will ich nicht.

Und Rudolstadt ist wirklich zu groß, zu viele Autos und Ampeln, die Hotels schaue ich mir gar nicht erst an. Ich fühle mich überfordert und ein bisschen nervös.

Und das ist das Risiko, das man eingehen muss: Dass man scheitert beim Reisen. Dass es schiefgeht, weil man einmal verzagt ist, einmal denkt, da geht noch mehr, einmal falsch abbiegt, Ilmenau, Rudolstadt, alles Scheiße. Aber Unzufriedenheit ist eigentlich genauso verboten wie Zielehaben.

Ich passiere Teichröda und sehe eine Pension. Schaut nett aus, denke ich, muss ich mir merken. Aber hier bin ich im Tal, ich will auf den Berg. Also wieder rechts, da steht etwas von wegen Schloss. Die Pension Sonja gefällt mir aber nicht, zu privat, kein Gasthaus. Also weiter, vorbei an den leerstehenden Gasthäusern. Nie kann man sich entscheiden, immer denkt man, man findet etwas Besseres, Schleifen und Kreise fahrend wie eine irrlichternde Motte. Zum Glück bin ich allein, keine Diskussionen. Alles Part of the Game.

Zurück nach Teichröda. An der Pension Hopfgarten hängt ein Schild, Gäste möchten gegenüber, im Restaurant Hopfgarten, auf sich aufmerksam machen. Der Besitzer hat mich schon gesehen, ein älterer Herr in der glänzenden Trainingsjacke des FSV Rot-Weiß Teichröda.

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Ich sage, dass ich auf der Suche nach einem Zimmer sei. Kann er haben, sagt der Mann. Man wird hier nicht gesiezt oder geduzt, sondern geerzt. Und zwar konsequent. Er murmelt etwas Unverständliches und läuft dann voran Richtung Restaurant, ich hinterher. Auf halbem Weg dreht er sich um und sagt, er könne auch warten, weil er nur die Schlüssel hole. Also einmal er ich, einmal er er. Als er mir aufsperrt fragt er, ob er zum Arbeiten hier sei. Ich sage, nein, ich fahre einfach durch die Gegend, bis ich keine Lust mehr habe. Ahja, sagt der Mann.

Dann spaziere ich durch den Ort. Er ist wirklich ganz hübsch, kein Schiefer mehr, alles Fachwerk, keine Leerstände. Liegt vielleicht am Gewerbegebiet Teichröda. Sonst aber ist hier nichts. Keine Bar, noch nicht mal eine Spielo, keine Menschen auf der Straße, keine Wanderkarte. Nur ein Friseur und ein zweites Restaurant, Alter Konsum, leider Betriebsurlaub.

Weil der Mann nicht sehr freundlich war, onaniere ich ihm in die Dusche.

Eine Stunde lang kämpfe ich mit der Fernbedienung. Keine Sender. Kein Signal. Endlich finde ich heraus, wie man einen Suchlauf startet. Kein Erfolg. Ich will nicht um Hilfe bitten müssen. Immer wieder Menü, zurück, Einstellungen, Ok. Manchmal funktioniert die Fernbedienung, manchmal nicht. Ich werde zornig. Dann entdecke ich zwei weitere Fernbedienungen auf dem Fliesentisch. So geht das.

Im Restaurant sitzen außer dem Wirt noch drei weitere Gäste. Zwei verabschieden sich bald. Einer sitzt noch schweigend mit dem Wirt zusammen. Ich bestelle Bier, Apoldaer, es schmeckt sehr gut. Ich frage, worum es sich beim Thüringer Rostbrätel handelt. Ein Kammfleisch, sagt der Wirt, vom Schwein. Das probiere ich, sage ich. Das Rostbrätel ist mit einem Haufen Zwiebeln bedeckt, die ich nicht so mag. In den Bratkartoffeln erkenne ich Speck. Der Wirt fragt: Wann will er denn frühstücken?

Wieder nur zwei Bier. Diese Minimalkommunikation den ganzen Tag, alles zweckdienlich, alles Dienstleistung, verursacht, dass ich entweder in Dialogen mit mir oder mit ihr oder in Schreibsprache denke. Man reibt sich innerlich wund. Ich würde gerne weitertrinken, aber hier fühle ich mich nicht wohl damit, noch eins zu bestellen und dann alleine hier sitzen zu bleiben mit dem Trainingsjackenmann, der kein Interesse daran zu haben scheint, mir ungefragt seine Lebensgeschichte zu erzählen.

Also rauche ich auf meinem Balkon. Die Pension ist architektonisch ein bisschen wie ein Motel. Thüringen ist Kalifornien.

Wo zur Hölle bin ich? Teichröda.

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Vielleicht eine Fehlentscheidung. Hier wird nichts Berichtenswertes mehr geschehen. Ich fühle mich unter Druck, morgen was richtig Gutes zu finden. Und eigentlich schreit vieles in mir nach Heimkehr. Das ist nicht drin, keine Kapitulation.

Am Morgen ist der Rotz noch da, aber durchsichtig, das ist ein gutes Zeichen bekanntlich. Alle Gedanken an Heimkehr fortgewischt. In der Nacht träumte ich von einem Mädchen. Wir lagen in Berlin auf der Straße, mein Kopf auf ihrem Bauch. Ich hatte ein riesiges Terrarium gekauft und nun sprachen wir darüber, welches Tier darin leben sollte. Ich dachte an eine Echse, einen Waran, sie meinte, dafür sei mein Terrarium zu klein. Dann war ihr Gesicht ganz nah an meinem. Ich wusste nicht, ob ich durfte, wir zögerten, dann spürte ich ihre Lippen. Sie waren sehr surreal weich. Wie alpenländisches Gebäck. Ich wachte auf und sah, dass genau dieses Mädchen mir geschrieben hatte.

Ich habe weniger Schmerzen als an den Vortagen und bin voller Tatendrang. Aber ich bin mir unsicher, ob ich jetzt in den Thüringer Wald, also quasi zurück, oder nach Jena fahren soll. Der Wirt hat mir ein Frühstück vor die Tür gestellt. Ich versuche, die Entscheidung per Whatsapp auf verschiedene Freunde abzuwälzen. Die meisten sind dafür, dass ich in den Wald fahre. Im Auto sitzend entscheide ich mich für Jena. Ich will den Abend nicht vorm Fernseher, sondern in einer Bar verbringen.

Ich habe jetzt ein Ziel. So war das nicht gedacht gewesen. Aber Jena hört sich irgendwie gut an.

Jena. Hier, entlang der Saale, ist es schön, sanfte Hügel, in denen Nebel hängt, Dörfer, die gar nicht so sehr nach Verfall aussehen. Ich sehe ein Schloss auf einem Berg, also biege ich rechts ab. Das Schloss ist eine Burg, die Weißenburg, sie liegt direkt neben einer imposanten Rheumaklinik.

Ein Wegweiser sagt, ein Kilometer auf den Elsterberg. Ich beschließe, ein bisschen zu laufen. Erst geht es durch einen kahlen Wald, dann über eine Wiese. Unter mir hängen die Wolken im Tal. Ich komme mir vor wie im Gebirge.

Ich bekomme wenig Luft durch die Nase, der Kopf pulsiert vom Rotz. Egal.

Goethe muss wohl, das steht auf der Wanderertafel, gesagt haben, er finde diese Gegend, das Saaleland, ganz herrlich. Man fragt sich, wo der damals seinen Klumpfuß nicht hingesetzt hat.

Wäre vielleicht mal eine Idee für einen sehr schönen, sehr dünnen Reiseführer: Urlaub machen, wo Goethe nie gewesen ist.

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Nach meiner kurzen Bergtour will ich natürlich auch noch die Burg betrachten. Zwei Vermesser bauen hier gerade ihr Vermessungsgerät auf. Immer muss dieses Land vermessen werden, das hört nie auf.

Ich gehe durch ein Tor und ignoriere ein gelbes Schild an einem Baum: Privatgrundstück, Eltern haften für ihre Kinder. Blödsinn, denke ich. Man wird sich ja wohl noch eine Burg anschauen dürfen. An der Burg hängt auch das Schild einer Biermarke, vielleicht bekomme ich hier sogar einen Kaffee. Und dort vorne ist so eine Art Terrasse von der ich bestimmt einen erhebenden Ausblick habe.

Ein Mann streckt seinen Kopf aus einem der unzähligen Burgfenster.

Ob er mir helfen könne. Nö, sage ich, ich schaue mich nur um. Da hängt ein Schild an dem Baum da vorne, sagt der Mann. Ich glotze ihn blöd an. Ich bin ahnungslos, soll das heißen, ein Schild habe ich nicht gesehen, bitte erklären Sie sich. Privatgrundstück, sagt der Mann. Oh, sage ich, sorry. Ja, sagt der Mann. Bin schon weg, sage ich. Ja, sagt der Mann auffordernd, ja!

Ja, doch.

Weiter Richtung Jena. Das hat gut getan. Vielleicht weil ich mit jemandem sprach, von dem ich nichts wollte, sondern vielmehr er von mir, dass ich von seinem Grundstück verschwinde nämlich.

Wenige Kilometer weiter entdecke ich ein außergewöhnliches Dorf. Es ist sogar eine Stadt, eine der kleinsten Thüringens. Orlamünde. Wieder so ein zweigeteilter Ort. Die Oberstadt krallt sich in einen Bergkamm, eine Reihe Häuser, die aussieht, als könnte sie jeden Moment herunterfallen, in die Dächer der Unterstadt. Attraktion dieser Oberstadt ist die Kemenate.

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Ich weiß nicht, was eine Kemenate ist, sieht aus, wie eine sehr alte Kirche.

Sie ist verschlossen. Ich gehe die Straße auf dem Bergkamm entlang. Pastellfarbene Häuser winden sich einen leichten Anstieg hinauf. Der Ort hat einen Instagram-Filter. Im 18. Jahrhundert gab es hier eine Bierschlacht inklusive Verwundungen. Außerdem stritten die Bürger mit Martin Luther, daran erinnert ein Denkmal. Heute schläft die Stadt, immerzu, Tag und Nacht, Schlaf. Auch in Orlamümde stehen viele Häuser leer. Einen Kaffee kann man hier nicht trinken.

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In Jena, denke ich, sollte es nicht so schwer sein, einen guten Gasthof zu finden. Ich fahre einen Kreis um das Zentrum, stoße dann hinein, glotze halb immer auf das Handy, Google Maps, hier in der Nähe sollte etwas, irgendwas mit Zum Hirsch… Viele Fußgänger um mich herum. Ich bin nicht sehr aufmerksam. Ein roter Blitz. Fuck! Vierzig in der zwanziger Zone. Zwanziger Zone! Wer macht denn sowas? Scheißdreck.

So geht das nicht. Ich fahre ein Stück aus dem Zentrum. Bei Google habe ich die Grüne Tanne entdeckt, die mir Richmann empfohlen hat. Ich sehe das Gasthaus und lese, dass hier die erste Burschenschaft gegründet wurde und dass Goethe hier gern eingekehrt sei. Natürlich! Wenn er mein Nachbar wäre, ich würde ihm das Autofenster einschmeißen.

Ich frage die Frau mit dem blonden Kurzhaarschnitt, ob sie auch Zimmer haben. Sie sagt: Nein. Ich sage: Na gut, alles klar, und höre mich dabei unangemessen fröhlich an. Andreas hüpfend ab.

Das Zentrum nördlich umkurven, sich irgendwie durch Einbahnstraßen schlängeln. Gasthof Zur Schweiz. Sieht sehr gut aus, aber auch so, dass man nicht ganz sicher sein kann, ob er noch betrieben wird. Die Tür ist offen. Drin sitzt eine Frau mit derselben blondgefärbten Kurzhaarfrisur. Ich bräuchte ein Zimmer. Für wen?, bellt die Frau. Naja, für mich sage ich. Also, Einzelzimmer, hänge ich an, weil ich merke, dass sie mit meiner Antwort nicht zufrieden ist. Ja, wann?, schreit sie ungeduldig. Heute sage ich, also eine Nacht. Ich kichere nervös. Achtundfünfzig Euro mit Frühstück, sagt die Frau, als handle es sich um ihren letzten Versuch, mich doch noch zu vertreiben. Is‘ okay, sage ich sehr kleinlaut, jeder Preis wäre okay gewesen, das hat sie geschafft.

Ich beziehe mein Zimmer, es ist sehr groß. Ich mache mich auf die Suche nach einer Bratwurst. Das dauert länger als gedacht. Zuerst finde ich einen Sushiwagen, einen Vegane-Burger-Wagen und diverse syrische Shawarma-Stände. Thüringen, denke ich, fuck you. Das Theaterstück von Camus, das ich mir heute Abend anschauen könnte, entfällt wegen Krankheit. Schillers Gartenhäuschen ist geschlossen, wegen Krankheit. Beim Grillteufel bekomme ich eine Wurst. Sie ist erstaunlich zäh. Jena ist eine Enttäuschung. In einem Café lese ich und belausche den Nebentisch. Ein Typ mit Bart und seltsamen Haaren, wahrscheinlich Pädagogik-Hiwi, unterhält sich mit einem Punk-Mädchen mit grünen und orangenen Haaren. Ihr Freund muss Sozialstunden machen und sie sucht einen Aushilfsjob und tanzt nicht gerne. Beide sind schüchtern, als wäre das ein Date. Einmal erwischt mich der Hiwi dabei, wie ich rüberschaue.

An dieser Stelle brechen die Aufzeichnungen ab. Man erlebt immer schnell und schreibt immer langsam. Das ist ein Problem. Ich bin dann noch nach Berlin gefahren. Da war es auch okay.

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Fetisch Einöde. Teil 1: Ludwigsstadt und was dahinter kommt

Wo bin ich?

Ludwigstadt, Frankenwald, nahe der thüringischen Grenze.

Helga, die Wirtin des Gasthauses Torpeter gibt mir eine ganze Ferienwohnung zum Preis eines Einzelzimmers. Den Preis für ein Einzelzimmer kenne ich nicht. Aber es beruhigt mich, dass der andere Gast, ein Glatzkopf, der in der Stube abwechselnd Bildzeitung und Speisekarte liest, sagt, dass das ja alles so billig sei hier. Wir sind eine günstige Region, sagt Helga.

 

Ich bin drei Stunden gefahren. In Bamberg noch Proviant gekauft: Eine zweite Packung Ricola, eine Flasche Wasser, medium, eine Packung Silomat gegen Reizhusten, zum Lutschen.

Muss reichen.

Dann auf die Autobahn Richtung Suhl, bei Lichtenfels raus, weiter Richtung Kronach. In Lichtenfels nochmal volltanken, eine Cola dazu, fünfzig Euro. Die Hoffnung, dass ein bisschen Koffein etwas hilft, gegen die Krankheit, die durch den Körper kriecht. Ich will nicht darüber nachdenken, ob ich möglicherweise Fieber habe und woher die stechenden Schmerzen kommen, im Nacken und hinten seitlich am Rücken.

Dann: In den Frankenwald eintauchen, der sich hinter Kronach öffnet, diese dunkelgrüne Wolke, dieser düstere Vorhang aus Nadeln. Kurz rausfahren, wegen einer Wallfahrtskirche Glosberg. Kann man hier einen Kaffee trinken? Nein.

1727 hat die ortsansässige Muttergottesstatue Blut geweint. Weiter oben, im Wald, ist sie einem Hüterjungen erschienen. Der Weg zum Ort des Aufeinandertreffens führt an Bildstöcken der „sieben Schmerzen Marias“ vorüber. Würde ich gern sehen, bin aber zu schwach. 2010 wurden in Glosberg 3.000 Tonnen Säureharz und 15.000 Tonnen belasteter Boden entsorgt. Eine Kronacher Mineralölfirma hatte den heiligen Boden in den 60er-Jahren besudelt. Ha.

Natürlich begegnet mir ein solcher Ort zuerst.

Die Häuser sind hoch aufragend und dunkel. Kein freundlicher Landhausstil, kein Fachwerk. Vergessene, verbitterte Orte, nichts Einladendes. Es regnet. Ich fahre nochmal raus, Rothenkirchen, ein Rewe. Ich muss mir ein kleines Schulheft kaufen, für falls ich einen Einfall habe. Es ist ein kleines Schulheft mit Feuerwehrmännern. Ich habe wenige Einfälle.

Wo bin ich? Und warum?

Ich habe jetzt eine halbe Woche Urlaub. Ich bin einfach losgefahren. Nur, wer auf Facebook mit mir befreundet ist oder ein Büro mit mir teilt, weiß davon. Sprich: Sehr viele Menschen, aber nicht meine Eltern, zum Beispiel.

Es ist wichtig, dass ich kein Ziel habe, dass ich nicht weiß, wo es schön oder interessant sein könnte. Nur die Richtung muss einigermaßen eingehalten werden, Nordosten, Frankenwald, Thüringer Wald, später vielleicht noch Erzgebirge, dunkle, dunkle deutsche Depressionslandschaften. Die Fetischisierung der Einöde.

James Blunt schrieb bei Twitter, wer glaube, 2016 sei ein schreckliches Jahr gewesen, müsse wissen, dass er 2017 ein Album veröffentlichen werde. Daran muss ich immer denken.

Ich finde, ein Ei hat noch keinem Salat geschadet. Manchmal wäre ich gern ein Sänger, der Dinge sagt, wie: Bamberg! Seid ihr gut drauf? Obwohl er selbst aus Bamberg kommt.

Weg, um etwas loszuwerden, obwohl man weiß, dass das nicht geht. Und weil man das schon immer machen wollte: kein Ziel, nur fahren und schauen, wo man ein Zimmer findet, oder vielleicht gleich gar eine ganze Wohnung zum Preis eines Zimmers.

Ich kenne niemand, der so etwas mit mir machen würde, also bin ich allein. Freunde brauchen immer einen Plan, ein Ziel, einen Grund für das Unterwegssein, aber darum geht es nicht. Es ist eine Flucht, so wie immer alles eine Flucht ist.

Ludwigstadt. Eine stählerne Brücke vorm Balkon. Eine schwarzrotgoldene Fahne im Regen, schwarze und graue Häuser. Ludwigstadt, es gibt hier nichts für mich zu tun. Ein Märchendeutschland. Ich denke an alle Mädchen und schreibe Texte für frühestens posthume Veröffentlichungen. James Blunt schreibt auf Twitter, dass bald Muttertag sei, die beste Ausrede, sich sein neues Album zu kaufen.

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Ich schrieb einmal ein Gedicht, das Fuck 2016 hieß und von Wandtattoos handelte. Es ist sehr kurz.

Helga hat nur eine kleine Speisekarte, ich bestelle ein Schnitzel und ein Bier. Ein Stammgast ist da und liest die BILD, sonst niemand. Sie fragt, was mich nach Ludwigstadt verschlägt, ich sage, der Zufall und bin froh, diese Antwort untergebracht zu haben.

Helga, wie sie bedächtig zapft, sorgfältig, mit Zeit.

Als sie sieht, dass ich mich mit dem Bier auf einen leeren Tisch zubewege, sagt sie, dass ich mich ruhig dazu setzen darf, was eigentlich heißt, dass ich mich dazu setzen muss.

Der Stammgast ist vielleicht vierzig, möglicherweise jünger, ein großer Typ. Früher Basketball gespielt, auch gegen die Bamberger. Ein Team aus Lurtsch, so sagt man hier statt Ludwigstadt. Einen Trainer hatten sie nicht. Manchmal hätten sie die Bamberger geputzt, obwohl die Amis mit Sprungfedern in den Beinen hatten. Und im Winter wollten die Bamberger dann nicht nach Lurtsch hochkommen, wegen fünfzig Zentimeter Schnee. Geschenktes Spiel. Eine wilde Zeit gewasen, sagt der Basketballer. Gewasen, e ist hier oft a, seltsamster Dialekt.

Nicht nur Basketball. Der Stammgast hat alle Sportarten gemacht. Skifahren, Tischtennis, Faustball. Jetzt dürfe er nix mehr, der Rücken ist kaputt, seit zwei Wochen krankgeschrieben. Eigentlich arbeitet er als Heizungsbauer. Knapp zweitausend wohnen noch in Lurtsch, die Jungen ziehen weg. Eh klar, alter Hut. 1924 ist eine Dampflok von der stählernen Brücke gekippt, mitten in die Häuser rein. Moment, eine Sportart geht noch, trotz Rücken: Sportangeln.

Manchmal lesen wir, er BILD, ich Zeitmagazin, biernippend. Manchmal erzählt er was. Ich verstehe etwa siebzig Prozent.

Helga, sagt er, das muss ich noch erzählen, du schmeißt dich weg.

Die Leonie, das ist seine Tochter, habe heute ihren Loverboy mitbringen wollen. Hier oben, habe er gesagt. Er tippt sich an die Stirn. Kommt nicht in Frage. Und dann stand der Typ auf einmal auf der Matte, bei ihm. Dreizehn ist die Leonie. Da ist das Auto, habe er ihm gesagt, einsteigen, ich fahr dich zum Bahnhof, mir egal, wie du heimkommst. Zum wilden Tier sei er geworden. Als der Loverboy dann am Bahnhof stand, habe er ihm fast leidgetan. Das war ein Landsmann von dir, Bamberger. Helga schmeißt sich nicht weg. Ich innerlich.

Schnitzel, Pommes, Salat, zweites Bier. Später kommt noch ein kleiner, dicker mit Walrossbart. Hat Licht bei der Helga gesehen. Der Basketballer und der Walrossbart unterhalten sich über den Kleenen von einem Bekannten, der jetzt Kommandant bei der Freiwilligen Feuerwehr ist. Aber sonst sei Arbeit nix für den, sagt der Walrossbart. Der Basketballer meint, das liege vielleicht an dem Zinken in seinem Gesicht, bis der sich dreht, gegen Wind… Nee, nee, sagt der Walross, das sei der Große mit dem Zinken.

Fast zwei Stunden in Helgas Wirtshaus. Ich lerne viel. Waller und Kormorane sind Biester, richtige Krüppel. So ein Waller, ein richtiges Raubtier. Frisst einer Ente ihre Jungen weg mit einem Happs. Dann legt der Krüppel sich schon mal drei Wochen hin und verdaut. Walross nickt, Basketball trinkt sein viertes Bier aus und verabschiedet sich.

Ich ziehe mich auch zurück. Tut es gut, normalen Menschen zu lauschen, wenn sie über Fische und Feuerwehr und Renovieren reden, ist es das? Oder tut es gut, zwei Bier zu trinken. Es ist noch nicht mal acht. Es regnet noch immer. Wo bin ich? Ludwigsstadt. ARD einschalten.

Ich schlafe sehr schlecht. Immer wieder wache ich auf, in panischer Angst, ich hätte mein Frühstück verschlafen. Ich habe mich für neun angekündigt. Es ist zwei, dann vier, irgendwann sechs Uhr. Ich habe einen ekelhaften Kopfschmerz als ich mich aus dem Bett wälze. Der Rotz ist heute sonnengelb, dafür sind die Rückenschmerzen verschwunden.

Helga hat mir ein üppiges Frühstück vorbereitet. Brötchen, Marmelade, Nutella, Wurst, Käse, Kaffee, von allem zu viel. Zu viel, sage ich und: Aach!

Während ich frühstücke, kocht sie Gulaschsuppe für die Feuerwehr. Sie sagt, den Gasthof gebe es schon seit sechzehnhundertirgendwas. Immer im Familienbesitz. Aber mit mir stirbt er wahrscheinlich. Die Kinder wollen ihn nicht und ich bin ja auch nicht mehr die Jüngste. Ich sage, dann alles Gute weiterhin, weil mir nichts Besseres einfällt.

Ich kann schlecht durch die Nase atmen, spucke während meines Spaziergangs durch Ludwigsstadt ständig gelbe Brocken aus. Am Morgen ist es immer am schlimmsten. Ich denke an Tennisarschlöcher, den Urgrund allen Hasses. Fucking lange her.

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Ich weiß, dass ich nach Hause fahren sollte, aber das geht nicht. Jetzt ist Urlaub. Also fahre ich, wie es mir der Basketballer empfohlen hat, zuerst auf die Burg Lauenstein. Ich besuche die Pralinenfabrik nicht.

Kurz nach Lauenstein passiere ich die deutsch-deutsche Grenze. Die Häuser sind genauso schieferdunkel, auf dieser Seite stehen nur mehr davon leer. Ich befinde mich im Thüringischen Schiefergebirge und wusste nicht, dass es existiert.

In Probstzella wieder raus. Eigentlich ein schöner Ort, alt, in den Berg gebaut, Kirche. Ein Leerstand neben dem anderen. Alle Menschen, denen ich begegne, sind alt. Wie wird das hier in zwanzig, in dreißig Jahren aussehen? Was wird bleiben außer ein paar Hippies, die sich die verfallenen Höfe billig unter den Nagel reißen?

Auf dem Weg zum Haus des Volkes beäugt man mich. Man ist immer Eindringling. Heben die Männer auf dem Friedhof gerade ein Grab aus? Ich will nicht zu lange hinschauen. Ist mein Foto vom leerstehenden Videoverleih brauchbar? Ich weiß es nicht, aber ich kann kein zweites machen, weil ich nicht der Elendstourist sein will, der ich eigentlich bin.

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Das Haus des Volkes ist Thüringens größter Bauhausbau. Jetzt ein Hotel mit einem Park, in dem ein paar rote Lampen stehen, ein Kneipbecken, ein runder Pool. Alles verwittert. Unklar, ob man in das Hotel noch einchecken könnte. Zwischenstufen des Verfalls.

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In Probstzella habe ich erstmals wieder Internet auf dem Handy. Diverse Nachrichten kommen rein. Ich muss weiter.

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Weiter, tiefer hinein also in die dunklen, deutschen Wälder. Fast wie Kalifornien. So hoch die Nadelbäume, so steil fahren die Berge am Straßenrand in die Höhe. Thüringen, das Kalifornien Deutschlands. Ein cleverer Marketingspruch vielleicht. Ich passiere eine Ortschaft die Gottes Gabe heißt und so aussieht als hätte sie ein paar Gaben des Allmächtigen dringend nötig. Es ist eine der schönsten Straßen, die ich in Deutschland bislang gefahren bin.

Was gibt es noch zu sagen, das interessant wäre?

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In Kalifornien wird weitergescheitert: Jonas Lüscher – Kraft

Wie isses, fragt der Philosoph die Welt. Wie ist alles, so insgesamt betrachtet. Alles gut? Richard Kraft ist Rhetorikprofessor, Nachfolger auf dem Lehrstuhl von Walter Jens in Tübingen, o-ho. Er erhält eine Einladung nach Kalifornien, Stanford University, um sich dort mit einer Theodizee-Variation eines philosophiebegeisterten Technikmillionärs herumzuschlagen. Es geht um die Frage, warum alles, was ist, gut ist und man es, also alles, dennoch verbessern kann. Schön für Kraft, diese Einladung. Der beste Essay, der sich der Beantwortung der Frage widmet, bekommt nämlich eine Million Euro.

„Kraft“ wie der Professor heißt der Roman von Jonas Lüscher. Lüscher ist ein studierter Philosoph, unter anderem, und weiß also, wovon er spricht. Endlich wieder so ein Campusroman. Das gefällt mir sehr gut, warum auch immer. Lüschers Roman ist fest in der akademischen Welt verankert. Er erzählt die Werdensgeschichte seines Helden, die Kalifornienreise ist Anlass und Endpunkt. Es geht aber nicht nur darum, ob Kraft Millionär wird, sondern vor allem darum, wie aus ihn so ein erbärmlicher und verzweifelter Mann werden konnte.

KraftMit diesem Kraft soll ein Mann beweisen, dass alles gut ist, bei dem aber überhaupt gar nix gut ist. Krafts zweite Ehe muss von ihm selbst als gescheitert betrachtet werden.
Hätte er das Preisgeld, er könnte sich eine Scheidung leisten. Auch Heike war, so heißt es, ersichtlich, dass er darauf angewiesen war, all seinen Restoptimismus zu reaktivieren, um zu begründen weshalb alles, was ist, gut sei; etwas, das war auch Heike klar, was ihm besser gelingen würde, je weiter er von ihr weg war. Kraft mietet sich also bei seinem ehemaligen Studienkollegen Ivan ein, der ihn ja schließlich auch eingeladen hat. Ivan heißt eigentlich István. Es verschlug ihn als Hemdenwäscher eines ungarischen Schachteams nach Berlin. Das Team vergaß ihn im Hotel und István konnte sich eine semiwahrheitsgetreue, schicke Existenz als Dissident zurechtbiegen. Kraft findet, damals zu Studienzeiten, 1981, in diesem Ungarn einen Mitstreiter im weltanschaulichen Abseits, denn:

Kraft genoss zu dieser Zeit an der Freien Universität einen Ruf als brillanter Denker […], aber weil er eben nur einer von jenen war, suchte er nach einem sicheren Mittel der Distinktion und wandte sich zum diesem Zweck dem Thatcherismus zu, einer weltanschaulichen Strömung, von der er sicher sein konnte, dass sie ihn in der Studentenschaft genügend isolierte, um fortan unter den Vielversprechenden als der verschrobenste Vielversprechende und damit auf geheimnisvolle Weise als der Vielversprechendste unter den Vielversprechenden zu gelten.

Kraft und Ivan sind das doppelköpfige Wappentier des Liberalismus an der traditionell sozialistischen Uni. Auf dem politischen Gleichschlag ihrer FDP-Herzen basiert diese Männerliebe. Das alles sind Zutaten für einen sehr konzeptuellen Thesenroman. Rhetorikprofessor, Politikwissenschaften, Theodizee, Liberalismus, Neoliberalismus, Silicon Valley, Midlife Crisis (wie sich das gehört für den guten Campusroman). Und Jonas Lüscher hat auch Bock drauf, immer wieder mal essayistisch auf die Kacke zu hauen, auszuufern und zu zeigen, dass seine Eltern ihn nicht umsonst auf die Philosophenschule geschickt haben. Am Ende aber ist Lüscher kein Philosoph, sondern schon Romancier. Er kann verdichten und dosieren und seine Charaktere in der Realität verankern. Mit Hilfe der Geschichte vom vergessenen Hemdenwäscher zum Beispiel. Später haut eine gewisse Ruth dem Ivan „Frieden schaffen ohne Waffen!“ brüllend eine Blume ins Gesicht. Es handelt sich um eine gelbe Gerbera. Kleine, sinnlose Details machen Spaß. Kraft muss diese Ruth heimlich schwängern, wobei er von der Schwangerschaft bzw.: dem Kind der Ruth ohnehin erst sechs Jahre später erfährt. Sein Freund trägt von der Attacke einen dauerhaften Schaden und viel Zorn davon:

Es flossen Tränen, es floss Blut und es floss leider auch Istváns Glaskörper, der, perforiert von dem Blumendraht, mit der eine umsichtige Floristin die Gerbera stabilisiert hatte, seinen Inhalt auf Istváns Brust verteilte und das Porträt des lachenden Präsidenten besudelte.

Eine solche Stelle zeigt doch recht schön, was Lüscher da vor allem sprachlich alles macht. Man muss das vielleicht einfach mal so unkritisch rausrotzen: Es ist ein großer, ästhetischer Genuss durch diesen Text zu schwimmen. „Kraft“ ist nie blutleer oder trocken, macht nie den Versuch, die großen Themen durch leichte Sprache zu portionieren. Gleichzeitig schafft es Lüscher ein Wort wie „perforieren“ unterzubringen, wo es um das Auge des Ungarn geht, ohne dass das zu gestelzt rüberkommen würde. Ironische Reflektion wirkt mittlerweile ja fast ein bisschen oldschool, aber wenn einer das so gut kann, gibt es doch eigentlich nichts Schöneres. Es steckt viel Sorgfalt in diesem Stil. Mehr als in dieser Rezension sicherlich. Ich habe mir nun extra Martin Walsers Brandung und Dietrich Schwanitz‘ Der Campus bereitgelegt, um eine Art Vergleich der schematischen Professorenfigur in diesen Romanen zu versuchen: natürlich neurotisch, pedantisch und immer ein bisschen zu geil auf Studentinnen, wobei das bei Lüscher nur am Rande mal auftaucht. Nun habe ich aber weder im Schwanitz noch im Walser etwas angestrichen, sodass dieser Vergleich entfallen muss und dieser Absatz bloß noch Zeugnis meiner immensen Belesenheit bei gleichzeitiger Vergesslichkeit bleibt.

Noch einmal in die Handlung des Romans hinein. Der Leser trifft quasi drei Krafts. Den in Berlin, den in Tübingen, schließlich den in Kalifornien. Zwar ist der erste schon ein arroganter Hund, aber in seiner Selbstüberzeugung nicht ungebrochen. An Kraft nagen Zweifel, mehr als an Ivan. Letztlich ist Kraft möglicherweise zu intelligent, um sich einem Konzept wie dem Kapitalismus tatsächlich voll und ganz verschreiben zu können. Die Philosophie soll ihm ein Schlüssel zur Welt sein, gegen ihre Komplexität. Sein andauernder Redefluss ist Bewältigungsstrategie. Damit ist Kraft ein immerwährend Scheiternder. Er wusste, dass nichts einfach war, nie. Er war für alle Zeiten verloren.

Ein Charakter, der an inneren Widersprüchen zu knabbern hat und von einem überreflektierten Über-Ich begleitet wird, das ist ein Rezept für einen sogenannten runden Charakter in der satirischen Überhöhung. Das muss man so erstmal können. Nichts ist einfach, nie, das ist die Grundannahme der Figur und des Romans. Es gilt für den Weltverlauf wie für die Persönlichkeit. Kraft bleibt auch dadurch immer glaubwürdig in seiner Lächerlichkeit. In Kalifornien wird weitergescheitert. Er will paddeln und kehrt ohne Handy und ohne Hose, besudelt zurück. Und er muss Johanna finden, die einst vor ihm nach Kalifornien floh. Aber warum? „Kraft“ ist auch die Geschichte dieser drei Lieben, Ruth, Johanna, Heike, die freilich scheiterten und scheitern.

Lüscher veranstaltet eine fröhliche Desillusionierung, die auch vor dem heiligsten, dass dieser Kraft womöglich je empfunden hat, nicht Halt macht. Die Freundschaft zu Ivan hat gelitten, es ist ein Schweigen, eine Fremdheit zwischen den Verbündeten, die es vielleicht schon immer gab, durch die Distanz aber hervorgetreten ist.

Kraft wirft einen Seitenblick auf seinen Freund. Sicher, sie sind nicht mehr Mitte zwanzig, und diese Art der Freundschaft, das weiß Kraft, ist für Männer in ihrem Alter keine Option mehr; nur wer noch nicht allzu viel Beschämendes erlebt hat, kann in der Vorstellung leben, einen Freund zu haben, mit dem man alles teilen kann, sei eine schöne Sache. 

Während es dem einen gelungen ist, sich ein geregeltes Leben aufzubauen, die Sehnsucht des anderen, versinkt der in der Komplexität, die er fürchtet und nicht negieren kann. Nun soll er vom Optimismus erzählen. Alles ist gut.

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Leo's Literarische Landkarten

Geographie in Texten und Liedern.

stefan mesch

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