In Kalifornien wird weitergescheitert: Jonas Lüscher – Kraft

Wie isses, fragt der Philosoph die Welt. Wie ist alles, so insgesamt betrachtet. Alles gut? Richard Kraft ist Rhetorikprofessor, Nachfolger auf dem Lehrstuhl von Walter Jens in Tübingen, o-ho. Er erhält eine Einladung nach Kalifornien, Stanford University, um sich dort mit einer Theodizee-Variation eines philosophiebegeisterten Technikmillionärs herumzuschlagen. Es geht um die Frage, warum alles, was ist, gut ist und man es, also alles, dennoch verbessern kann. Schön für Kraft, diese Einladung. Der beste Essay, der sich der Beantwortung der Frage widmet, bekommt nämlich eine Million Euro.

„Kraft“ wie der Professor heißt der Roman von Jonas Lüscher. Lüscher ist ein studierter Philosoph, unter anderem, und weiß also, wovon er spricht. Endlich wieder so ein Campusroman. Das gefällt mir sehr gut, warum auch immer. Lüschers Roman ist fest in der akademischen Welt verankert. Er erzählt die Werdensgeschichte seines Helden, die Kalifornienreise ist Anlass und Endpunkt. Es geht aber nicht nur darum, ob Kraft Millionär wird, sondern vor allem darum, wie aus ihn so ein erbärmlicher und verzweifelter Mann werden konnte.

KraftMit diesem Kraft soll ein Mann beweisen, dass alles gut ist, bei dem aber überhaupt gar nix gut ist. Krafts zweite Ehe muss von ihm selbst als gescheitert betrachtet werden.
Hätte er das Preisgeld, er könnte sich eine Scheidung leisten. Auch Heike war, so heißt es, ersichtlich, dass er darauf angewiesen war, all seinen Restoptimismus zu reaktivieren, um zu begründen weshalb alles, was ist, gut sei; etwas, das war auch Heike klar, was ihm besser gelingen würde, je weiter er von ihr weg war. Kraft mietet sich also bei seinem ehemaligen Studienkollegen Ivan ein, der ihn ja schließlich auch eingeladen hat. Ivan heißt eigentlich István. Es verschlug ihn als Hemdenwäscher eines ungarischen Schachteams nach Berlin. Das Team vergaß ihn im Hotel und István konnte sich eine semiwahrheitsgetreue, schicke Existenz als Dissident zurechtbiegen. Kraft findet, damals zu Studienzeiten, 1981, in diesem Ungarn einen Mitstreiter im weltanschaulichen Abseits, denn:

Kraft genoss zu dieser Zeit an der Freien Universität einen Ruf als brillanter Denker […], aber weil er eben nur einer von jenen war, suchte er nach einem sicheren Mittel der Distinktion und wandte sich zum diesem Zweck dem Thatcherismus zu, einer weltanschaulichen Strömung, von der er sicher sein konnte, dass sie ihn in der Studentenschaft genügend isolierte, um fortan unter den Vielversprechenden als der verschrobenste Vielversprechende und damit auf geheimnisvolle Weise als der Vielversprechendste unter den Vielversprechenden zu gelten.

Kraft und Ivan sind das doppelköpfige Wappentier des Liberalismus an der traditionell sozialistischen Uni. Auf dem politischen Gleichschlag ihrer FDP-Herzen basiert diese Männerliebe. Das alles sind Zutaten für einen sehr konzeptuellen Thesenroman. Rhetorikprofessor, Politikwissenschaften, Theodizee, Liberalismus, Neoliberalismus, Silicon Valley, Midlife Crisis (wie sich das gehört für den guten Campusroman). Und Jonas Lüscher hat auch Bock drauf, immer wieder mal essayistisch auf die Kacke zu hauen, auszuufern und zu zeigen, dass seine Eltern ihn nicht umsonst auf die Philosophenschule geschickt haben. Am Ende aber ist Lüscher kein Philosoph, sondern schon Romancier. Er kann verdichten und dosieren und seine Charaktere in der Realität verankern. Mit Hilfe der Geschichte vom vergessenen Hemdenwäscher zum Beispiel. Später haut eine gewisse Ruth dem Ivan „Frieden schaffen ohne Waffen!“ brüllend eine Blume ins Gesicht. Es handelt sich um eine gelbe Gerbera. Kleine, sinnlose Details machen Spaß. Kraft muss diese Ruth heimlich schwängern, wobei er von der Schwangerschaft bzw.: dem Kind der Ruth ohnehin erst sechs Jahre später erfährt. Sein Freund trägt von der Attacke einen dauerhaften Schaden und viel Zorn davon:

Es flossen Tränen, es floss Blut und es floss leider auch Istváns Glaskörper, der, perforiert von dem Blumendraht, mit der eine umsichtige Floristin die Gerbera stabilisiert hatte, seinen Inhalt auf Istváns Brust verteilte und das Porträt des lachenden Präsidenten besudelte.

Eine solche Stelle zeigt doch recht schön, was Lüscher da vor allem sprachlich alles macht. Man muss das vielleicht einfach mal so unkritisch rausrotzen: Es ist ein großer, ästhetischer Genuss durch diesen Text zu schwimmen. „Kraft“ ist nie blutleer oder trocken, macht nie den Versuch, die großen Themen durch leichte Sprache zu portionieren. Gleichzeitig schafft es Lüscher ein Wort wie „perforieren“ unterzubringen, wo es um das Auge des Ungarn geht, ohne dass das zu gestelzt rüberkommen würde. Ironische Reflektion wirkt mittlerweile ja fast ein bisschen oldschool, aber wenn einer das so gut kann, gibt es doch eigentlich nichts Schöneres. Es steckt viel Sorgfalt in diesem Stil. Mehr als in dieser Rezension sicherlich. Ich habe mir nun extra Martin Walsers Brandung und Dietrich Schwanitz‘ Der Campus bereitgelegt, um eine Art Vergleich der schematischen Professorenfigur in diesen Romanen zu versuchen: natürlich neurotisch, pedantisch und immer ein bisschen zu geil auf Studentinnen, wobei das bei Lüscher nur am Rande mal auftaucht. Nun habe ich aber weder im Schwanitz noch im Walser etwas angestrichen, sodass dieser Vergleich entfallen muss und dieser Absatz bloß noch Zeugnis meiner immensen Belesenheit bei gleichzeitiger Vergesslichkeit bleibt.

Noch einmal in die Handlung des Romans hinein. Der Leser trifft quasi drei Krafts. Den in Berlin, den in Tübingen, schließlich den in Kalifornien. Zwar ist der erste schon ein arroganter Hund, aber in seiner Selbstüberzeugung nicht ungebrochen. An Kraft nagen Zweifel, mehr als an Ivan. Letztlich ist Kraft möglicherweise zu intelligent, um sich einem Konzept wie dem Kapitalismus tatsächlich voll und ganz verschreiben zu können. Die Philosophie soll ihm ein Schlüssel zur Welt sein, gegen ihre Komplexität. Sein andauernder Redefluss ist Bewältigungsstrategie. Damit ist Kraft ein immerwährend Scheiternder. Er wusste, dass nichts einfach war, nie. Er war für alle Zeiten verloren.

Ein Charakter, der an inneren Widersprüchen zu knabbern hat und von einem überreflektierten Über-Ich begleitet wird, das ist ein Rezept für einen sogenannten runden Charakter in der satirischen Überhöhung. Das muss man so erstmal können. Nichts ist einfach, nie, das ist die Grundannahme der Figur und des Romans. Es gilt für den Weltverlauf wie für die Persönlichkeit. Kraft bleibt auch dadurch immer glaubwürdig in seiner Lächerlichkeit. In Kalifornien wird weitergescheitert. Er will paddeln und kehrt ohne Handy und ohne Hose, besudelt zurück. Und er muss Johanna finden, die einst vor ihm nach Kalifornien floh. Aber warum? „Kraft“ ist auch die Geschichte dieser drei Lieben, Ruth, Johanna, Heike, die freilich scheiterten und scheitern.

Lüscher veranstaltet eine fröhliche Desillusionierung, die auch vor dem heiligsten, dass dieser Kraft womöglich je empfunden hat, nicht Halt macht. Die Freundschaft zu Ivan hat gelitten, es ist ein Schweigen, eine Fremdheit zwischen den Verbündeten, die es vielleicht schon immer gab, durch die Distanz aber hervorgetreten ist.

Kraft wirft einen Seitenblick auf seinen Freund. Sicher, sie sind nicht mehr Mitte zwanzig, und diese Art der Freundschaft, das weiß Kraft, ist für Männer in ihrem Alter keine Option mehr; nur wer noch nicht allzu viel Beschämendes erlebt hat, kann in der Vorstellung leben, einen Freund zu haben, mit dem man alles teilen kann, sei eine schöne Sache. 

Während es dem einen gelungen ist, sich ein geregeltes Leben aufzubauen, die Sehnsucht des anderen, versinkt der in der Komplexität, die er fürchtet und nicht negieren kann. Nun soll er vom Optimismus erzählen. Alles ist gut.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , ,

Plätzchenbacken und pubertäre Ablehnung: Leonard Cohen, Poet der Niedergeschlagenheit

Es gibt so ein paar Binsenweisheiten, die einem immer wieder begegnen, wenn es um Kriterien tatsächlich großer Popmusik geht. Von Herzen soll sie kommen, authentisch soll sie sein. Beides sind eigentlich gar keine Aussagen. Und zeitlos, sie soll irgendwie zeitlos sein, die Popmusik, sie soll sich bewähren über die Jahre und gut altern, um als relevant und, ja, als groß gelten zu können. Und da ist wohl wirklich was dran.

Ich glaube, es gibt wenige Künstler, deren Songs das Moment der Zeitlosigkeit wirklich zuverlässig heraufbeschwören können. Pete Seeger beispielsweise oder Woody Guthrie kann ich, Jahrgang 90, sicher nicht genauso empfinden wie der Working Class Hero aus Michigan 19-irgendwas-mit-50. Sie sind museal geworden. Es gibt andere, die vor diesem Schicksal gefeit sind. Und Leonard Cohen ist einer von ihnen.

Es ist nicht übertrieben, zu sagen, dass ich zu einer der ersten Generationen junger Menschen gehöre, deren Eltern bereits mit dem aufgewachsen sind, was wir Popmusik nennen. Und bis zu einem gewissen Grad waren meine Eltern wirklich begeisterte Musikhörer. Sie sind es bis heute. Nur das Zeitgenössische ist irgendwann aus dem Fokus gerückt, als schlicht und einfach die Zeit fehlte, sich weiterhin mit den neusten, heißen Platten zu beschäftigen. Die musikalische Sozialisation meiner Eltern reicht nur in etwa bis in die Mitte der 70er-Jahre – bis meine beiden Schwestern geboren wurden. Popmusik und der Ernst des Lebens haben sich noch nie besonders gut vertragen.

Auch meine eigene musikalische Sozialisation hängt natürlich nicht unwesentlich mit den Vorlieben meiner Eltern zusammen. Es ist ein Prozess, der sich ganz gut mit genau zwei Schlagworten überschreiben lässt. Pubertäre Ablehnung und: Plätzchenbacken.

Heute, aus der Distanz eines guten Jahrzehnts, kann ich reinen Gewissens sagen: Ich schäme mich meiner pubertären Ablehnung nicht. Ich glaube vielmehr, dass es sich bei dieser Phase um einen essentiellen Bestandteil einer gesunden Persönlichkeitsentwicklung handelt. Natürlich weiß ich heute, dass es Linkin Park in keiner einzigen Kategorie mit Led Zeppelin aufnehmen können. Dass ich sie damals mit jugendlichem Furor gegen das alte Genöle des Robert Plant verteidigt habe, war trotzdem richtig. Irgendwas war da eben an diesem In The End, das mich sofort aufs Fahrrad steigen und in den Müller-Drogeriemarkt fahren ließ, um dieses Album zu kaufen. Und dass Chester Benningtons Geschrei meinen Eltern nicht gefiel, hatte daran sicherlich auch einen kleinen Anteil.

Das ist eine alte Geschichte. Mein Vater drehte in seinen Tagen der pubertären Ablehnung Pink Floyds Careful With That Axe Eugene in seinem Zimmer auf, besonders laut an der Stelle, wo die Axt, von der da die Rede ist, tatsächlich zum Einsatz kommt, woraufhin meine Großmutter, angeblich jedes Mal, entsetzt ins Zimmer stürzte, um nachzusehen, was da los sei. Ich weiß nicht, welche Musik meine Oma gehört hat, und ob überhaupt. Meine Form der musikalischen Selbstbehauptung war weitaus harmloser. Ich legte die Hybrid Theory im elterlichen Wohnzimmer auf und beharrte, dass das eben besser sei, als Pink Floyd, Led Zep, Iron Butterfly. Ich erntete Spott und Unverständnis. So wie es sich gehört, so wie es sein muss.

Es ist eine durchchoreographierte Angelegenheit, die ich mit meinen Kindern, so ich irgendwann welche haben sollte, in bewährter Weise nachexerzieren werde. Die ganze Wiederaufbereitungslogik der Retro-Wellen verleiht dem Schauspiel zwar eine etwas absurde Note, macht es aber nicht weniger notwendig.

Wenige Jahre vor Linkin Park und System Of A Down war ich noch empfänglicher gewesen für das, was die Eltern mir an altem Zeug als gute Musik auftischten. Zumindest, wenn das Auftischen mit dem Ritual des vorweihnachtlichen Plätzchenbackens einherging. Ich glaube, gehört zu haben, dass der Geruchssinn am engsten mit den Erinnerungszentren im Gehirn verknüpft ist. Vielleicht liegt es daran, dass die Melodien, die ich hörte, während ich von Zimt- und Nelkenschwaden umweht wurde, einen außergewöhnlich nachhaltigen und ungewöhnlich emotionalen Eindruck hinterlassen haben.

Das heißt nicht, dass mir grundsätzlich alles gefiel und noch heute gefällt, was Mama da in den CD-Player schob, bevor sie den Teig ausrollte. Mit dem wehleidigen Geheule einer Joan Baez kann ich heute so wenig anfangen wie damals und ich hasse – ja, hasse! – Cat Stevens, nach wie vor, unvermindert, für immer (mit Ausnahme einiger Songs vom 2014er-Album, auf dem er auf einmal nicht mehr wie ein Ziege in zu engen Cordhosen singt).

Reinhard Mey hingegen versorgt mich mit angenehmen Nostalgieschüben. Und Leonard Cohen steht für immer auf sämtlichen Podesten. Die Musik auf seinen frühen Alben ist für mich die Kristallisation der Zeitlosigkeit.

Ich sehe sie vor mir, es ist 1974, Heidi Thamm sitzt im Coburger Schwesternwohnheim und raucht heimlich Pfeife, nicht weil sie gerne Pfeife raucht, sondern weil sie es mag, wie sie aussieht, wenn sie heimlich Pfeife raucht. Ein schwerer, süßer Rauch hängt in dem kleinen Kabuff. Wahrscheinlich sitzt sie auf dem Boden, ich hoffe, dass sie auf dem Boden sitzt, vielleicht sogar auf einem alten Perser. Sie darf die Musik nicht zu laut aufdrehen, wegen der Oberschwester. New Skin For The Old Ceremony. Chelsea Hotel #2.

I don’t mean to suggest, that I loved you the best / I can’t keep track of each fallen robin / I remember you well in the Chelsea Hotel / That’s all, I don’t think of you that often

Und es gibt nicht sehr viel, was sie von mir unterscheidet, wie ich 40 Jahre später in meiner kleinen Wohnung sitze und sicher nicht Pfeife rauche, aber vielleicht eine Zigarette und möglicherweise (es liegt viel Schönheit in der Unmöglichkeit, darüber eine Aussage zu treffen) dasselbe Gefühl für die unfassbare Tiefe dieses Songs bekomme, wie sie damals. Es sind nicht nur Cohens Worte. Meine Mutter hat erst viel später damit begonnen, sich mit Cohens Texten auseinanderzusetzen und ist dabei zu dem Schluss gekommen, dass das oft ein rechter Schmarrn sei. Und als ich damals Plätzchen buk, war ich, sagen wir, acht Jahre alt. Ich habe maximal die Worte Hotel, all und I verstanden.

Und dass robin Rotkelchen heißt, weiß ich seit etwa zwei Minuten. Janis Joplin als Rotkelchen, okay.

Damals war das eine schlichte Melodie auf der Gitarre und der ein wenig lustlos genuschelte Gesang eines Mannes mit schmalem Gesicht und traurigen Augen. Heute gehört Chelsea Hotel zu den wenigen Songs meines Lebens, die über die Jahre zu einem emotional aufgeladenen Konstrukt geworden sind, zu einer Idee von einem Song, der auch etwas mit mir zu tun hat, mit dem Achtjährigen mit mehligen Händen, der es einfach nicht verstehen kann, warum man den Teig backen muss, wenn er roh doch viel besser schmeckt. Und mit dem 22-Jährigen, der mit dem ersten eigenen Auto und der ersten richtigen Freundin durch Slowenien und nach Kroatien fährt.

Es ist immer wieder Leonard Cohen. Ich will nicht so tun, als hätte ich das von Anfang an begriffen. Ich war schon in den Jahren vor der Pubertät ein Kind, das sich selbst zu einem gewissen Teil durch Ablehnung selbst legitimierte. Störrisch, stur, oft zornig. Nur was ich selbst mochte, galt unbedingt. Und es gab eben auch die im Nachhinein etwas peinlichen Momente, in denen ich diesen Säulenheiligen des Hauses Thamm beleidigt habe, gesagt habe, dass das langweilig sei, immer das gleiche, immer depressiv (ein Wort, das ich aufgeschnappt haben muss).

Aber das hat letztlich mehr mit der Ablehnungsgeste an sich zu tun, die ich ausprobieren musste, um herauszufinden, wer ich selbst werden konnte, als mit dem Objekt, auf das ich mich bezog, der Musik eines traurigen Kanadiers.

Cohen litt immer wieder an Depressionen und es ist offensichtlich, dass sich das auf seinen Alben mal mehr, mal weniger niederschlägt. Sein drittes Album Songs Of Love And Hate von 1971 gilt als sein emotionalstes. Und ist deshalb sein stärkstes. Cohen funktioniert dann am besten, wenn er anrührt, wenn er sich seinen Hörer greift und ganz nah an die dünnen, zitternden, nach Rauch stinkenden Lippen zerrt.

New York is cold, but I like where I’m living / There’s music on Clinton Street all through the evening

Dieser Ich-Erzähler in Famous Blue Raincoat, der behauptet, es gefalle ihm, wo er untergekommen sei und sich dabei so niedergeschlagen anhört, dass es unmöglich wird, ihm zu glauben. Das Negative in Cohens Musik ist nie ein Aufschrei, da sind nie Fäuste die gegen Wände hämmern – oder überhaupt Fäuste. Leonard Cohen ist der Poet der Niedergeschlagenheit, des stillen Sitzens und auf den Boden Schauens, der Resignation, der Erschöpfung, der offenen Handflächen, letztlich: der Kapitulation.

Famous Blue Raincoat ist dabei aber viel mehr als das. Es ist nicht einfach nur Ausdruck einer Emotion, sondern Storytelling. Von Cohen heißt es (in einer dieser Dokus), er wäre eben zuerst Literat gewesen und nachrangig Musiker, genau andersrum wie bei Dylan. Das ist das Falscheste. Das Gegenteil ist richtig. Dylan ist der Erzähler, dem es nur in Ausnahmefällen gelungen ist, seine überwältigende Poesie in gleichrangige Songs zu kleiden, während der Famous Blues Raincoat jeden anrührt, egal ob die Dreiecksbeziehung, die Cohen darin verhandelt, nachvollzogen wird oder nicht.

Der Text kann als Abschiedsbrief gelesen werden. Gleichzeitig gibt es relativ eindeutige Scientology-Anspielungen. Cohen, Sinnsucher, später Teilzeit-Mönch, mischte Anfang der 70er auch bei denen ein wenig mit. Im Nachhinein sagte er, er wäre dort Mitglied geworden, weil er gehört habe, es sei einfach, dort Frauen kennenzulernen.

Es spielt letztlich keine große Rolle. Ich erinnere mich: Mutter Thamm mit der Schürze um die Hüften und draußen schneit es vielleicht sogar schon, wahrscheinlich nicht, und eigentlich will ich gar nicht so gerne Plätzchen ausstechen, es macht mich müde, ich will nur naschen. Und dann setzt dieser Chorus ein, Worte, die Cohen mehr loswird, als dass er singt, als würde er sie atmen. Und Mama singt mit, zwei, drei Oktaven zu hoch, künstlich, irgendwie ironisch, aber vielleicht deshalb gut.

And Jane came by with a lock of your hair / she said, that you gave it to her

Das ist so verflucht wenig. Im Grunde reicht schon der Jane-came-Reim alleine. Das ist die Stelle, die sich festhakt, im Ohr des Achtährigen, des Fünfundzwanzigjährigen, der Fünfzigjährigen, die aus einer vertonten Short-Story einen eingängigen Popsong macht.

Ich habe einen guten Freund, der in Würzburg seinen Bachelor in Musikwissenschaft gemacht hat. Das Studium war für ihn selbst relativ sinnfrei. In keiner Zeitung steht bei den Stellenangeboten jemals: Suchen dringend Musikwissenschaftler. Es ging ihm wie vielen Geisteswissenschaftlern. Um wenigstens noch einen guten Spruch zu retten, damit das Ganze nicht absolut umsonst war, sagt mein Freund: Es habe sich insofern gelohnt, als es ihm Autorität verleiht. Wenn er sagt, dieser oder jener Song sei Mist, könne man sich jede Diskussion sparen, denn in diesem Moment wäre das dann wissenschaftlich belegt. Das ist eigentlich ziemlich klug. Vor allem weil wir ja wirklich immer irgendwie auf der Suche nach Kriterien sind, nach etwas, woran wir uns festhalten können, etwas, das über das ewige Geschmacksurteil hinausgeht.

Das ist Geschmackssache: Dieser Satz muss einfach verboten sein.

Aber es gibt ihn natürlich schon, den Geschmack. Und auch wenn wir aus Trotz und spätpubertärer Laune oft so tun, als sei das Gegenteil der Fall – der Musikwissenschaftler und ich haben eigentlich einen recht ähnlichen. Wir sind uns zumindest insofern einig, als dass wir der Meinung sind, einen wirklich großen Song ohne Melancholie könne es gar nicht geben.

Einen Leonard Cohen Song ohne Melancholie gibt es nicht. Was auch immer sich tatsächlich hinter diesem Abstraktum verbergen mag – wir haben alle eine ungefähre Vorstellung davon. Ich kenne neben Leonard Cohen und Nick Drake keinen dritten, der dieses komplexe und furchtbar schwammig-undeutliche Was-auch-immer so präzise mit Noten angesteuert und getroffen hätte.

Ich bin dafür immer empfänglich gewesen. Keine Ahnung, ob ich ein schwermütiges Kind war oder so, träge, lethargisch sicherlich. Es gibt diese Geschichte, die meine Mutter gerne erzählt. Sie habe Lego geliebt. Stundenlang habe sie mit mir auf dem Fußboden gesessen, um die schönsten Dinge zu bauen – Häuser, Schlösser, Wohnwägen, Flugzeuge. Ich hingegen – so erzählt das zumindest meine Mutter – saß nur daneben, untätig, wie gelähmt, und sagte am Ende auch noch, wie zum Spott: „Ja, schön.“

Sting mochte ich auch gerne. Das lag an meiner Schwester, die im Gegensatz zu meinen Eltern, den Draht zu den heißen Platten der End-80er und frühen 90er-Jahre hatte. Sie war es auch, der es gelang einen kleinen Keil des Zweifels in meine New-Metal-Obsession zu schlagen, indem sie mir Californication der Red Hot Chili Peppers auslieh. Sting jedenfalls. Auch ein Melancholiker im weitesten Sinne, wenn auch eher von der heiteren Sorte.

Englishman in New York ist kein Song, an den man als Mittzwanziger 2015 oft denken würde. Wenn meine Schwester am Plätzchenbacken teilnahm, bekam man diesen Song oft zu hören. Und im Radio läuft er ja nach wie vor nicht gerade selten. An der Stelle, wo Sting jault Oh, oh, I’m an Alien, I’m a legal Alien plärrte ich stets Oh, oh, I’m a Leberwurscht, meine unverwechselbare und eindeutig bessere Version der Lyrics. Ich verstand kein Englisch, klar, und trotzdem ist das alleine schon ein wenig verwunderlich: Alien und Leberwurscht haben phonetisch gesehen nicht allzu viel miteinander zu tun.

Es ist mir mittlerweile gelungen, zu rekonstruieren, woran das liegt. Nicht an Sting nämlich, sondern an Paul McCartney, der sechs Jahre nach Englishman in New York, 1993 nämlich, mit Hope of Deliverance einen entsetzlichen Hit landete. Im Chorus dieses Songs findet der Leberwurscht-Platzhalter seinen Ursprung in den titelgebenden Worten: We live in hope of the Leberwurscht / From the darkness that surrounds us. Das ist weitaus weniger absurd. Es hört sich wirklich so an, als würde McCartney Leberwurscht statt deliverance singen. Der kleine Andreas fand das anscheinend so unfassbar lustig, dass er fortan versuchte, das Prinzip auch auf andere Songs anzuwenden. Zum Beispiel beim Plätzchenbacken. Zum Beispiel auf Englishman in New York. Mit Erfolg.

Jahre später läuft Hope of Deliverance mal wieder im Autoradio. Ich fahre, der Beifahrer ist ein guter Freund, ein Drummer. Vielleicht sage ich: „Fürchterlicher Song.“ Woraufhin er mir die Geschichte erzählt, dass er den Text früher, als er noch kein Englisch konnte, immer falsch verstanden hätte…

Haben wir beide tatsächlich denselben unwahrscheinlichen Blödsinn verstanden? Oder überlappen hier unsere Erinnerungen, weil sie mittlerweile etwas Schwammiges, Unzuverlässiges geworden sind, sodass sich der eine die spezifische Geschichte aus der Vergangenheit des anderen einverleibt hat?

So oder so – bis auf diese kleine Anekdote spielen heute weder Sting, noch der, zumindest 1993, unerfreulich unmelancholische McCartney, in meinem Leben eine große Rolle.

Leonard Cohen hingegen ist dageblieben. Auch zu Zeiten, als ich das Plätzchenbacken längst verweigerte, zu Zeiten der pubertären Ablehnung. Ich glaube, wenn Cohen mich nicht in dieser speziellen Phase begleitet hätte, wäre ihm dasselbe Schicksal beschieden gewesen wie Sting.

Es ist das Alter zwischen 14 und 18, in dem man Cohen wirklich verstehen kann – eben auch ohne die Texte zu übersetzen. Die Pubertät hat die Kraft aus einem lethargischen und zornigen Sohn einen echten Melancholiker zu machen. Ich hörte Cohen eher heimlich, um meiner Mutter nicht den Triumph zu gönnen – eine fatale Auswirkung der Konkurrenzsituation, die sich aus dem New-Metal-Disput ergeben hatte – und am liebsten natürlich in Zeiten des ausgeprägten Herzschmerzes. Die erste unerfüllte Liebe, die erste Trennung. Leonard steht dir bei.

Dabei sind seine Songs gar nicht so unterkomplex und niedrigschwellig, wie man es vom klassischen Herzschmerzsong, der ein Moment der Identifikation verlangt, kennt. Für das bisschen Identifikation reicht auch Everlong von den Foo Fighters.

And I wonder / When I sing along with you / If anything could ever feel this real forever / If anything could ever be this good again

So geht Teenager-Emotion. Das ist gar nicht abwertend gemeint. Teenager-Emotionen sind etwas Wunderbares und Everlong ist ein fantastischer Song. Aber Cohen-Songs sind differenzierter, erwachsener, weniger Sehnsucht als Bitterkeit, weniger Aufbegehren als Desillusion. Es mag daran liegen, dass ich, als es dann wirklich drauf ankam, dann doch zu Jeff Buckleys zugänglicherer Version von Cohens Hallelujah griff. Beziehungsweise: Auf die Datei klickte, am Computertisch unter der Dachschräge im Elternhaus, heulend. So oder so: Buckleys Version transportiert über den Gesang zwar eindeutig Klage – Cohens Lyrics sind aber im Gegensatz zu denen von Dave Grohl nicht eindeutig zuordenbar, sondern angereichert mit christlicher Mystik, irgendwie verworren, kryptisch.

Erst nach Überwindung der Pubertät gelang es mir, auch eine andere Seite von Leonard Cohen anzuerkennen. Und das hat vor allem damit zu tun, dass meine Eltern mir irgendwann eröffneten, es gebe da noch so einen Sparvertrag, ich könnte mir doch mal ein Auto kaufen (ich lebte und studierte im 400 Kilometer von der geliebten Heimat entfernten Hildesheim). In meinen besten Jahren hatte ich also beides, was man zum Glücklichsein braucht: Ein Auto und eine Frau, die gerne mit mir im Auto wohin fahren wollte. Das Auto erlaubte mir nämlich nicht nur zu pendeln, sondern auch zu reisen, bevorzugt gemeinsam mit ihr.

Gemeinsame Reisen sind immer Zeitabschnitte, in denen man Musik intensiver und emotionaler hört und kennenlernt. Während wir auf den Azoren vor unserem Zelt versuchten, im Regen den Gaskocher zu bedienen, verliebten wir uns beide in David Bowies Ziggie Stardust And The Spiders From Mars. In den Birkenwäldern an der Mecklenburgischen Seenplatte schmalzte uns Sam Cooke ins Ohr. Gemeinsame Erinnerung, besondere Orte, das wertet die Musik selbst auf. Besonderen Künstlern gelingt es, Songs zu schreiben, die wie Gefäße sind für diese Erfahrungen.

Leonard Cohen gehört nicht an einen Ort. Er gehört ins Auto. Ich hatte einen Mix für die vielen langen Autofahrten zusammengestellt. Ich genoss es sehr, meiner Freundin Musik zu zeigen, die sie noch nicht kannte und ich freute mich, wenn sie ihr gefiel. Manchmal gelang das erst durch wiederholtes Hören und gleichzeitiges Argumentieren. Der Opener einer dieser Mix-CDs funktionierte sofort. Das war So Long Marianne.

 Oh, you are really such a pretty one / I see you’ve gone and changed your name again / And just when I climbed this whole mountainside / to wash my eyelids from the rain

Auch dieser Song ist bitter am Ende. Aber vorher kommt dieser Chorus, den man fast schon euphorisch nennen kann. Es ist ein seltsamer Song, Cohen leiert teilweise, dazu dieser kindliche Background-Chor. Geil, obwohl alles dagegen spricht. Und auf eine ebenfalls kindliche und wahnsinnig entzückende Art bettelte meine Freundin: „Nochmal Marianne!“, was zu einem dieser geflügelten Aussprüche der Beziehung wurde, etwas das sie wiederholte, weil sie wusste, dass wir beide uns daran erfreuen. Und weil sie den Song gerne oft hören wollte.

Bei vielen Künstlern gibt es eine Kluft zwischen dem Musiker und dem Menschen. Ich behaupte, bei Cohen gibt es sie nicht. Marianne gab es, Suzanne gab es. Leonard Cohen gibt es nicht mehr. Bei Youtube sehe ich ein langes Interview mit der schwedischen Journalistin Stina Dabrowski. Es wurde 2001 aufgenommen. Cohen ist ein alter Mann mit grauen Haaren und seltsam deformierter Nase. Nicht unbedingt schön im eigentlichen Sinne.

And your clenching your fist for the ones like us / Who are oppressed by the figures of beauty / You fixed yourself, you said “Well nevermind / We are ugly, but we have the music.”

Aber das, Chelsea Hotel #2, ist Understatement. Dabrowski erzählt, sie habe Freundinnen gebeten, ihr Fragen an ihn mitzugeben. Sie hätten alle dasselbe geantwortet: „Ask him, if he would make love to me.” Cohen lächelt wie ein alter Mann, nicht ver-, sondern überlegen. Auf diesem Gebiet sei er nicht mehr so aktiv, sagt er. „But I could always make an exception.“

So long, Marianne ist bei all der durchscheinenden Euphorie ein Abschiedslied. Die Beziehung zum entzückenden Mädchen gibt es nicht mehr. Es war schön, mit ihr gemeinsam Leonard Cohen zu hören. Aber ohne sie macht es doch irgendwie viel mehr Sinn.

Dieser Text entstand in seiner ersten Fassung im März 2016. Acht Monate später ist Leonard Cohen tot. Vielen Dank für die Songs, alter Mann.

Getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , ,

Feel the Derm. USA 2016. Teil 6: Rumballern und wie es dazu kam

Sie seien, schreibt eine Frau auf J.s Couchsurfing-Seite, nach ihrer Ankunft sofort wieder abgereist. Das Haus, in dem J. in Salt Lake City Gäse aus aller Welt beherbergt, sei kein geeigneter Ort für Kinder. Die restlichen Reviews sind positiv. Uns erscheint J., der, wie sich später herausstellen wird, kräftig gebaute Freund von Hawaiihemden und alten Autos, schon vor unserer Ankunft in der Mormonenmetropole als außergewöhnlich zuvorkommend: Er will uns vom Bahnhof abholen.

Dies geschieht, nachdem ihn meine Whatsappnachrichten aus dem Schlaf gerissen haben, tatsächlich. J. steigt aus seinem Honda und begrüßt uns in einem österreichischen Dialekt mit amerikanischer Färbung: Verdammte Hippies, sagt er. Ich hasse Hippies. Unsicher kichernd steigen wir ein. Unser Gastgeber stellt sich nicht vor und fragt nicht, wie wir heißen, er flucht nur unablässig während er uns an einer knäuelhaften Obdachlosenarmee vorbeifährt. Der Mann ist müde, er hat nicht mehr mit uns gerechnet. And you smell like bums, too.

Das allerdings ist sicherlich wahr. Die Stecke zwischen Denver und Salt Lake City haben wir mit dem California Zephyr hinter uns gebracht, einem ultra bequemen und ultra langsamen Zug über die Rockie Mountains. Wir sind fünfzehn Stunden unterwegs und trinken dünnen Kaffee im Panoramabistro.

In Denver haben wir vier Tage beim schlaksigen Schiebermützenträger Bryan und dessen Mitbewohner Steven verbracht. Bryan arbeitet im Geschäft seiner Eltern, während seines Studiums der Religionsphilosophie hat er seinen Glauben verloren. Das könne man nicht ganz so sagen, meint er, aber eigentlich schon. Steven war bei den Marines, jetzt ist er ein bisschen moppelig. Er würde gerne Skateboard fahren, traut sich aber nicht, weil er die Arztkosten nicht zahlen könnte, wenn er sich den Arm bräche. Wir unterhalten uns darüber, wie viel Geld die USA für Rüstung ausgeben. Sehr viel.

Ansonsten ist alles easy in Denver, ganz entspannt, ein bisschen träge. Die Stadt fühlt sich ein wenig an, wie ein Ballungszentrum mitteldeutscher Gewerbegebiete. Flache Autohäuser reihen sich aneinander. Wir sind viel in den falschen Ecken unterwegs. Zusammen mit unseren Gastgebern besuchen wir Red Rocks, eine Art Arena aus rotem, brachial aufragendem Fels. Open Air Kino, wir schauen uns Deadpool an. Im Rahmen der Vorführung treten unter anderem ein Comedian, ein tanzendes Huhn und ein Eisbär, der für die föderale Kulturföderungssteuer wirbt, auf. Ein junger Mann, der vor uns sitzt, macht mir Komplimente für den durchaus streitbaren Schnurrbart in meinem Gesicht.

Das scheint so ein Ding zu sein in Denver, der Haupstadt des schlechten Geschmacks beziehungsweise der anlasslosen Höflichkeit. In der Straßenbahn entspinnt sich ein ausuferndes Gespräch zwischen zwei Frauen, weil eine von beiden einen bunten Kreuzklunker um den Hals trägt. Und Michael wird die Aufmerksamkeit einer hübschen Doc-Martens-Trägerin zuteil – ausgerechnet wegen der entsetzlichen Arbeitsschuhe im Denim-Look, die er Wochen gegen unsere verbalen Giftpfeile verteidigen muss. Unterm Strich sind die halt wieder mal alle wahnsinnig nett. Anlasslos. In einem kleinen Buchladen sage ich zu Stäff, dass ich auf der Suche nach irgendwas über Lewis and Clark wäre. Ein anderer Kunde hört das und schenkt mir die dreibändige 60er-Jahre-Ausgabe der Tagebücher, die er gerade zufällig im Kofferraum hat. Die Welt ist an sich ein echt okayer Ort.

Dann aber Salt Lake City. Vor J.s Haus werden wir von wütendem Gebell empfangen. Das ist Bootsy, J.s Hund, benannt nach dem Funkmusiker Bootsy Collins. Bootsy muss draußen bleiben, damit er das Haus, das, die Küche ausgenommen, eine Baustelle ist, nicht vollpisst. Dafür darf er in den Garten scheißen. Kein Ort für Kinder, nein, nein. Erst drin nennt J. uns seinen Namen. Er macht sich ein Bier auf, bietet keines an und erzählt, dass er sechs Jahre lang in Österreich gelebt habe, daher der Schmäh. Heute verkauft er Mercedesse. Eine halbe Stunde später sitzen wir gemeinsam am Wohnzimmertisch und trinken Tequila. Guter Tequila, sagt J., müsse sich anfühlen, als würde man die Sonne trinken. Er hat guten da. Auf einmal ist es doch vorstellbar, dass das hier ganz angenehm wird.

Im Laufe der vergangenen vier Wochen hat uns wiederholt die Ahnung beschlichen, es könnte sein, dass Jesus selbst seine Finger in unsere Hintern gesteckt hat. Anders ist das Glück nicht zu erklären, dass wir haben, wenn es um Hosts geht oder Frühstücksrestaurants oder den Ort, den wir ansteuern, weil da ein grüner Fleck auf der Karte ist. Erst viel später, in Santa Cruz, Californien, scheint es erstmals so, als habe sich der Messias aus unserem Gemächt zurückgezogen. Aber das ist eine andere Geschichte, die damit endet, dass Stäff und ich Achterbahn fahren, während Michael in sanftem Schlummer seinen San-Francisco-Rausch verarbeitet.

Hier nun in Salt Lake City müsste der Heiland einem ja genaugenommen besonders nah sein. Es ist eine seltsame Stadt, seltsam still und steril, fast dumpf, eine Stadt wie ein eingeschlafener Arm, in deren Zentrum eine Burg steht, die eigentlich nach Disneyland gehört. Das ist der Mormonentempel. Wir stolpern durch diverse Austellungsräume, die schamlos dem religiösem Kitsch frönen und werden nicht wirklich schlau: Altes Testament, Neues Testament, schön und gut, der Ex-Messdiener ist noch einigermaßen bewandert. Was aber ist denn nun mit der Vielweiberei und den vielen Planeten, die unter den Mormomen aufgeteilt werden, zumindest unter denen, die sich anständig benommen haben auf Erden?

Zum Glück gibt es für Suchende wie uns eine Heerschar der ausgesucht hübschesten Mormoninnen, die unaufdringlich über das Gelände schweben und gerne bereit sind, sämtliche Fragen zu beantworten. Während Michi sich entnervt auf eine Bank zurückzieht, machen Stephan und ich uns auf die Jagd nach der einen mit dem schwarz-rot-goldenen Sticker auf der Brust. Die kann zumindest einen Bruchteil der offenen Fragen beantworten. Es gibt ein drittes Testament, ja ja, klar, das in Amerika geschrieben wurde, von den Vorfahren der Indianer, die aber keine Indianer, sondern israelische Auswanderer waren. Dieses Testament fand Joseph Smith in goldene Platten geprägt. Nachdem ihm eine Übersetzung gelungen war, kam ein Engel, die Platten abzuholen. Deshalb können die hier freilich nicht ausgestellt werden. Kein Wort von Aliengöttern, das ist schade, aber gut, vielen Dank, wir wollen nicht weiter stören.

Auch J. ist einst Mormone gewesen. Je mehr Zeit wir mit ihm verbringen, desto klarer und gleichzeitig rätselhafter erscheint uns sein komplexer Charakter. Wir haben Bier gekauft, als Entschädigung, J. schenkt einen Kräuterschnaps aus, Bootsy mag uns mittlerweile recht gern. Irgendwann gesellt sich J.s Mitbewohner, R., zu uns. Zwischen den beiden scheint ein gewisses Abhängigkeitsverhältnis zu bestehen. Sie kennen sich schon sehr lange, aber dann war R. anscheinend obdachlos und J. nahm ihn bei sich auf. Jetzt leben beide in diesem Haus, an dem sie und andere quasi täglich ein wenig weiter arbeiten, oder auch nicht. Wir bieten unsere Hilfe an, die dankend abgelehnt wird. R. scheint sich in seinem Zimmer heimlich Schnaps in sein undefinierbares, braunes Getränk zu gießen, als dürfe J. nichts davon mitbekommen, dass er trinkt. Und dann erzählt er von einer ganz bestimmten Kombination aus LSD und diversen Medikamenten, die in einer strengen zeitlichen Abfolge eingenommen werden müssen. Ein Freund von ihm, ein ganz erfahrener Acid-Head, habe danach Led Zeppelin winzig klein auf seinem Tisch spielen sehen. Live und in Farbe, Whole Lotta Love, dabei sei der Typ gar kein Classic-Rock-Fan.

Wir drei klammern uns an unsere Bierdosen und verbringen den Abend mit Zuhören. Kokain zum Beispiel sei eine gute Sache, finden die beiden, leider aber so teuer. Crack ist nichts Gescheites. Kumpel P. war wohl eine zeitlang ganz narrisch auf das Zeug: Unter wieherndem, zahnlosem Gelächter erzählt R., wie P. einen Straßendealer aus dem Auto heraus von zwei auf einen Dollar für einen Krümel herunterhandeln wollte. Es dauert keine zehn Minuten und P. steht im Wohnzimmer, gar kein Crackhead auf den ersten Blick, eher so eine Art Latino-di-Caprio, gebräunt, gutaussehend, schleimiges Haar, buntes Hemd. Nice to meet you. P. wrestelt kurz mit R., dann erzählt R., wie er damals, als er im Park lebte, gegen einen großen, schweren Typ gekämpft hat, der ihn zwar besiegte, wobei der Typ aber besoffen, R. hingegen nüchtern war. Hat ihm viel Respekt eingebracht. P. hält noch eine wunderschöne, hochemotionale Lobrede auf die E-Zigarettenindustrie, dann macht er sich wieder aus dem Staub. Muss morgen früh raus. Nice to meet you, jedenfalls, ebenfalls.

Inmitten des ultrareligiösen Salt Lake City, wo man im Supermarkt nur Bier mit 3 Prozent Alkoholgehalt bekommt, haben wir ein funktionierendes Ökosystem aus halbirren, im Grunde aber doch liebenswerten Vögeln gefunden. Vor der Tür steht ein massives 80er-Jahre-Wohnmobil, das J. zum Überlebensmobil ausbauen will, mit Wasserspeicher und Luftfilter: Für den Fall, dass der Yellowstone-Vulkan ausbricht. Er ist ein großes Kind, verliebt in die eigenen Projekte, die vielleicht nie zu Ende gebracht werden, ein Typ, der manchmal bedrohlich, fast gefährlich rüberkommt, weil da eine Wut in ihm schlummert und er weiß das. Er will jetzt ein besserer Mensch werden, er nimmt sogar Hippies bei sich auf, denen J. das ganze Wohnzimmer und die nur ein wenig vollgepissten Sofas zur Verfügung stellt. Er selbst schläft im Keller, umgeben von 10.000 Kugeln für seine serbische AK, der AK selbst, einer Shotgun und einer SIG vom deutschen Bundesgrenzschutz. Fuck, sagt J., ich höre mich an wie ein Typ mit wahnsinnig kleinem Penis. Aber was soll er machen? Er liebt es nunmal, rumzuballern.

Und das ist der Moment, in dem Stephan den Finger des Heilands ganz deutlich und konturiert wahrnehmen kann. Während das Gespräch schon wegzudriften droht, in harmlose Gefilde, fasst sich der Kiwi-Kopf ein Herz: Ob er vielleicht, wenn das möglich wäre, die Waffen mal sehen könnte, weil das ja, wenn man aus Deutschland kommt, so etwas ganz und gar Undenkbares ist… Und J., natürlich, freut sich. Die Deutschen sind keine Hippies, nicht so richtig jedenfalls. Die Waffen dürfen sie nicht nur sehen, sie dürfen sie sogar anfassen, sie dürfen die Shotgun ganz aleine halten, mit zitternden Händen und unsicher dabei, ob J., der ein Wodkamixgetränk aus Weizengläsern in sich hineinschüttet wie Eistee, auch wirklich alles entladen und gesichert hat und so. Die Waffe in der Hand, das ist eben nicht nur ein Punkt auf der Liste der Dinge, die man gemacht haben sollte, in den USA, das ist auch die ultimative Grenzüberschreitung, zumindest für das mittelstandsverwöhnte, linksliberale Backpackervolk, dem wir angehören. Morgen, sagt J., fahren wir in die Wüste, bisschen rumballern, nur wenn wir Bock haben, natürlich.

Spätestens dann als wir, nächstentags, auf der Ladefläche eines Mitsubishi-Jeeps, Baujahr 1990, sitzen, uns die staubige Utah-Luft durch die Haare fährt, wir uns mit den Soßen der Apollo-Burger einsauen und zu unseren Füßen das Kriegsgerät klappert, verstehen wir, dass das jetzt wirklich passiert. J. ballert mit dem liedschäftigen Jeep in Richtung Wüste, als wäre das hier ein geschmackloses Musikvideo, ist es aber nicht, denn mir gegenüber sitzt R. und macht hin und wieder einen Witz, den ich nicht verstehe. Mir ist ein wenig übel. Das ist die Aufregung, die sich erst recht nicht legt, als J., endlich offroad, den Mitsubishi einen steinigen Hügel hinaufquält. Der Motor heult, wir sind unangeschnallte Deutsche, wir klammern uns an den Überrollbügel und sind uns für einen Moment ganz sicher, dass jetzt gleich nach hinten kippt und niemand diesen Trip überlebt – den Fahrer ausgenommen.

Ich schreibe diese Zeilen in einem schwarzweißen Studio in Los Angeles, was zweifellos bedeutet, das ich und auch meine Freunde den Trip überlebt haben. Selten fiel es mir schwerer, etwas, das tatsächlich passiert ist, in Worte zu fassen, die dem Erleben irgendwie nahe kommen. Das Problem ist ein altes, das immer wieder neu daherkommt – und umso drastischer, je unerwarteter und extremer die Erfahrung. Dabei geht es letztendlich gar nicht darum, dass J. zunächst einmal wild ins Gebüsch feuert, um die Klapperschlangen zu vertreiben. Oder um das Gefühl, wenn der Abzug unterm Finger nachgibt, um den Rückstoß, um den man weiß und der dann trotzdem überraschend daherkommt. Es geht letztendlich nicht darum, dass die serbische AK auseinanderzufallen droht und doppelt auslöst, obwohl man nur einmal abzieht. Die SIG finden alle ganz angenehm. Von der Shotgun lassen die Deutschen respektvoll die Finger. Das alles ist nicht der Punkt, der ausgeschmückt werden muss, weil man sich die irre Mischung aus Begeisterung und größtmöglicher Unsicherheit in Stäffs Blick entweder vorstellen kann oder nicht. Natürlich ist das Rumballern geil. Weil wir da eben echt rumballern. Mit Killermaterial. In der Wüste. Aber süchtig macht uns das alle drei nicht. Es reicht dann irgendwann auch, vielleicht hätte man sich sogar ein bisschen mehr Flash erwartet. Der eigentliche Punkt ist letztendlich der Zufall, Jesus‘ Finger, der uns hierher geführt hat, zu diesen Typen, zu dieser Gesichte, an einem Ort, von dem wir nichts wussten und von dem wir nichts erwarteten.

In zwei Tagen fährt der Zug nach San Francisco. Wir mögen J. mittlerweile, trotz allem, ganz gern. Aber so langsam wird es anstrengend. Wir würden gerne umziehen. Es gibt hier einen Campingplatz mit Pool und Hot Tub und sich da jetzt nach all der Aufregung nochmal abzulegen, das hört sich ziemlich verlockend an. J. bietet, obwohl er oft genug in Englisch und Österreichisch beteuert, wir müssten nicht gehen, wir seien sehr willkommen, an, uns zu fahren. Er ruft sogar bei Campingplatz an und fragt, ob noch ein Platz frei ist, findet heraus: Ja, aber erstens, nicht ganz billig und zwotens nicht viel mehr als zwei Meilen von hier entfernt. Guys, I’d really like you to stay, sagt er und wir sehen uns an und besprechen uns zaghaft, da J. ja alles versteht. Und, okay, fast schämen wir uns für die versuchte Flucht.

Noch einmal also, bevor wir uns am kommenden Tag wirklich zum Campingplatz aufmachen, ein Abend mit R. und J. Wir haben nochmal Bier geholt, dreiprozentiges „Kinderbier“, weil Sonntag ist. Davon wollen die beiden nichts. Stattdessen Wodka-irgendwas aus Weizengläsern und braunes Irgendwas mit heimlichem Schnaps. R. legt alte Punk-Classics auf, Michi singt Misifts mit, irgendwann spielen wir sogar das Entweder-Oder-Spiel: Would you fuck Hillary oder Donald Trump? Uff. Dj J. legt Türlich, türlich auf, den ersten deutschen Song, den er je gehört hat und R. will uns isrealische Geheimdienst-Selbstverteidigungstricks beibringen. Dann verabschiedet er sich ins Bett. Good night, R., nur um zehn Minuten später wieder im Zimmer zu stehen: Wanna fight? Grinsegesicht, Straßenkämpfer. No, thank you. Okay, good night. Er geht nicht wirklich ins Bett, irgendwie nie, das Spiel wiederholt sich vier, fünf Mal. Auch dann noch, als Michi schon auf dem Sofa liegt, und J. ehrlich und melancholisch wird: Vor ein paar Monaten ist sein Großvater gestorben, sein Vorbild und Held. He died, sagt J., not to see this election. He hated all of it. Stille, Betretenheit. Ein letzter Auftritt des Kistenkaspers, R.: Wanna fight?

Es ist dann doch gut, wegzukommen. Zelt aufbauen, Hot Tub, Pool, und einen Tag lang Ruhe und Frieden genießen, eine, scheinbar zumindest, waffenfreie Umgebung. Wir kaufen uns die letzte Box Utah-Light-Bier und lassen den Tag verstreichen wie eine angenehme Notwendigkeit. J. schreibt nochmal: Heute Abend Pool-Party? Entschuldigt sich später aber: zu lange gearbeitet, müde, man sieht sich. Man sieht sich nie wieder. Ein Besuch im Museum für Gegenwartskunst fühlt sich an wie eine Desinfektionsmitteldusche. Wir steigen in den Californian Zephyr und fahren – diesmal aber wirklich nach Kalifornien.

20160823_12155020160823_19195920160827_14430720160828_15460320160828_15490620160830_134016

Getaggt mit , , , , , , ,

Feel the Derm. USA 2016. Teil 5: Anwälte, Antikes, Fettabsaugung. Von Missouri nach Colorado

Einen Bär zu sehen, wäre natürlich das Kronjuwel der Naturbeobachtung. Zumindest wissen wir schon bevor wir uns aufmachen – in die Wildnis und so -, wie man sich im Fall des Bärenfalles zu verhalten hätte: Dem Tier einen Korridor, einen Fluchtweg, anbieten. Sich langsam entfernen. And if the bear fights you – fight back. Meister Petz mit gezielten Faustschlägen – auf die Schnauze! in die Augen! – derart auf die Nerven gehen, dass er sich verzieht. Einzige Chance, dem sicheren Tod doch noch zu entgehen.

Zunächst aber schlängeln wir uns aus der Großstadt und auf den Interstate, die pfeilgerade Verbindung mit dem Süden, Arkansas, Oklahoma, dessen Ränder unterbrechungslos mit den überdimensionierten Billboards gepflastert sind, die für Anwälte, Antikes und Fettabsaugung werben. In den Raststätten schlagen wir uns die Bäuche mit Fastfood voll, das zunächst einmal bewirkt, dass sich der Körper anfühlt wie ein mit öligen Schrauben gefüllter Müllsack. Aber wenn man dafür von einer reifen Dinermutti als Gentlemen und Sweetie angesprochen wird – oder aber : die Getränke zur nach Müll schmeckenden Pizza von einer Modelleisenbahn geliefert werden -, dann macht das mit dem Bodyfeeling quasi nichts mehr aus. In den dazugehörigen Tankstellenshops kann der geneigte Trucker sich und die Familie mit Shirts aus der Designabteilung der National Rifle Association ausstatten. Bunte Farben, Hirschköpfe, Schnörkelschrift: You’ll keep your advice, we keep our guns. Klasse.

Kurz bevor die Dämmerung einsetzt, fahren wir vom Interstate ab und auf die sich schlängelnden Highways durchs Heartland. Wir trinken Wendys Kafee aus Bechern, die eher Bottiche als Becher sind, und finden bei Aurora, Missouri das Motel, das tatsächlich so aussieht, als hätten sie sich beim Bau als Vorlage der collagierten Filmklischees aus unseren Hirnen bedient: Zugang zum Raucherzimmer über den Balkon, außenrum ist nix. Der Motelbesitzer, ein freundlicher, älterer Herr mit starkem Akzent rät uns nach Branson zu fahren. Live Entertainment Capitol of the World, laut Selbstaussage. Dort gebe es eine Beatlesshow und einen Freizeitpark und einen orginalgetreuen Nachbau der Titanic. Liegt leider nicht auf der Route. Außerdem bittet er uns, bevor wir eine Nacht in seinem Etablissement verbringen, um eine Adresse. Für Notfälle, weil ja ständig schlimme Sachen passierten. Die Angst bleibt der liebste Fetisch Amerikas, ein ständig beschworener Terrorist des eigenen Bewussteins.

Fred, der Großcousin, hat uns ein Zelt geschenkt. Weil er so viele hat und nie zelten geht. Zum ersten Mal beziehen wir es im Mark Twain National Forest, in Emerald Beach, direkt am Ufer des Table Rock Lake, Grenzgebiet zwischen Missouri und Arkansas. Das alleine schon. Den Zeltplatz haben wir quasi für uns, die Besitzerin verbringt die Tage mit ihrem Ehemann im Camper. Sie nimmt uns einen symbolischen Betrag ab und erzählt nach kurzem Blabla von ihrer Herkunft: Die Großmutter war Deutsche, sie heiratete in den USA einen syrischen Schnapsschmuggler. Prohibitionszeiten, many, many years ago. Aber schon interessant, gerade jetzt, und wie finden wir die Merkel eigentlich so?

Überhaupt, nach fast zwei Wochen kann man das mal so feststellen: Ungefähr jeder, den man trifft, fragt schnell, wo man denn her sei und ungefähr jeder hat dann a) deutsche Vorfahren, b) Kinder, die mal in Deutschland waren, c) Zeit in Deutschland verbracht, in der Regel als Soldat oder Kind eines solchen. Sie finden das ganz schön toll, dass wir da herkommen und machen sich ein wenig Sorgen um uns, so wie wir uns um sie. Auf der anderen Seite der Grenze, in Arkansas, besuchen wir einen Barbershop, der von zwei Herren im Rentenalter geleitet wird. „Mein“ Friseur stammt eigentlich aus Heidelberg, wo er sein Handwerk gelernt hat, 1947 war das und er damals 14 Jahre alt. Wegen seiner Frau ist er nach Chicago gezogen, in Arkansas genießt er, nach wie vor haareschneidend, seinen Ruhestand. Auf dem Tisch liegen Jagdzeitschriften. Der Friseur spricht Deutsch, ich Englisch, weil er mein Deutsch so schlecht versteht. Er fragt, was ich gerne hätte, frisurentechnisch, bekanntlich eine der am schwersten zu beantwortenden Fragen überhaupt. Also sage ich nothing special und feel free und der Heidelberger macht sich mit etlichen, fremdartigen Gerätschafen an meinem Haupt zu schaffen, schmiert mich mit einem Rasierpinsel ein und massiert mir im Anschluss die Schultern. Handsome, young man, sagt er und hat Recht: Ich sehe aus wie ein handsome, young man, kurz vor der Ausschiffung nach Korea.

Auf dem Zeltplatz unternehmen wir erste Bemühungen in Sachen Selbversorgung, von wegen Wildnis und so. Ich finde eine Angelschnur, an den Haken hänge ich eine der unzähligen Fliegen, dann binde ich die Schnur an einen Stock und hänge sie tomsawyermäßig in den See. Winzige, grüne Fischlein beißen die Fliege vom Haken und schwimmen glücklich-wohlgenährt davon. Wir schmeißen in Speck gewickeltes Huhn auf den Grill und verschlingen das nicht optimal durchgebratene Fleisch vom Fliegenschwarm an den Rand der Tränen getrieben. Die Wildnis nimmt keine Rücksicht. Bären sehen wir nicht, nur Reiher und ähnliches Geflügel.

Zwischen hier und Texas säumen mehr Kirchen und Gunshops als Wohnhäuser unseren Weg. Sweetie hier, Honey da, ein Trucker mit Basecap und Sporen an den Cowboystiefeln, das ist das echte Amerika, wir haben es gefunden. Ein Tag im Ford, bis wir in einem Zweitausend-Seelen-Kaff 60 Meilen vor Amarillo das It’ll do Motel erreichen. Die Tochter der Besitzerin hat in Deutschland gelebt, Luftwaffe. Berlin hat ihr gut gefallen und Italien natürlich. Stäff geht bei der Tanke gegenüber Bier holen, der Sheriff, der tatsächlich auch jetzt noch, mitten in der Nacht, seine verspiegelte Sonnenbrille trägt, mustert ihn argwöhnisch. Wir diskutieren die Möglichkeit, in einer Art Truman-Show gelandet zu sein, einer einmaligen Inszenierung zum Zweck, uns dieses Land genau so zu präsentieren, wie wir es gerne hätten. Vielleicht doch ncht so echt das Amerika.

Wir verlassen Texas, streifen New Mexiko und erreichen, endlich, endlich, Colorado. Im Touri-Büro von Trinidad breitet Lee diverse Karten vor uns aus. Wir befinden uns am südöstlichen Rand der Rockie Mountains. Lee hat eine Zeit lang in Hessen gelebt. Zum Beweis setzt er eine Schirmmütze der Navy auf und lacht, als würde die Mütze unter seinen langen, grauen Haaren einen Lachschalter betätigen. Eine Türkin betritt das Büro, sie hat ein paar Jahre in München gelebt. Lee freut sich, das zu hören: Mütze auf, wanstiges Gelächter. Sie lädt uns nach Arizona ein. Liegt leider nicht auf der Route. Ob es hier denn Bären gebe, fragen wir Lee und Lee erzählt, dass er einmal einen im Haus gehabt habe. Er wirf die Arme in die Luft und schreit, um zu demonstrieren, wie es ihm gelungen sei, das Tier zu vertreiben. Dann lacht er wieder und wir lachen auch. Guter Typ.

Die Indianerin im Tankstellenshop am Highway 12, Highway of Legends, beneidet uns: So ein schönes Wetter, und sie muss arbeiten… Sorry. Der Ford schlängelt sich die Berge hinauf und an Seeen vorbei. Zahlreiche Adler drehen über uns ihre Kreise. Ob es wirklich Adler sind? Wahrscheinlich nicht, wäre aber schön. Wir erreichen den ungeteerten Cordova-Pass Richtung Spanish Peaks Wilderness, der uns auf fast 3500 Höhenmeter befördert. Es ist eine holprige, spekakuläre Fahrt, zwischen den Nadelbäumen tun sich Ausblicke auf, im Hintergrund türmen sich Gewitterwolken, in einer Kurve, etwa fünfzig Meter vor uns steht ein Schwarzbär und schaut in unsere Richtung. Alter, Bär, sagt Michi und Stäff bremst ein wenig ab. Der Bär schüttelt sich als hätten wir ihn bei einer für Bären besonders peinlichen Angelegenheit ertappt und springt dann ungeschickt ins Gebüsch. Ein paar Meilen weiter erreichen wir den höchsten Punkt des Passes. Zwei Cowboys mit Colt und Mantel und allem drumunddran reiten vorbei. Die Luft ist dünn, es gibt einen Zelplatz, wir fahren aber weiter. Nicht wegen des Bärs, wegen der Gewitterwolken!

Nicht zu bleiben, könnte blöd gewesen sein. Am Fuß der Bergkette tut sich flache Langeweile auf, gesäumt von versprengten Hillbillyortschaften, die mit kruden Attraktionen locken. In einer Art Garage gibt es ein Albinikrokodil zu besichtigen, das Gelände steht zum Verkauf. Die Gewitterwolken sind schwarz und überall außer im Norden, da dringt noch ein wenig Sonnenlicht durch, und da wollen wir ja eh hin, mehr oder weniger. Das also ist der Plan: Grob Richtung Denver fahren und einen Campingplatz finden, der heute Nacht nicht absäuft und es uns ermöglicht, morgen nochmal ein bisschen wandern zu gehen. Wir passieren Hooper, wo ständig UFOs gesichtet werden und die Great Sand Dunes, das Land ist flach und campingplatzfrei, nur Farmen und Adler, Tropfen landen auf der Windschutzscheibe, bald wird es dunkel.

Aber, wie das in diesem Urlaub oft so ist, und das nährt natürlich das Truman-Show-Gefühl – echt kann das alles nicht sein – am Ende kriegen wir alles ganz gut hin. Wir verbringen die Nacht nicht in einem schäbigen Motel und nicht im Gewitter, sondern finden im letzten verbliebenen Wolkenloch den Campingplatz von La Garita. Hier gibt es keinen Besitzer, keinen Verantwortlichen, nur einen Schacht, in den man sein Geld schmeißt. Das Gebiet ist ein Klettererparadies, vor soundsoviel Millionen Jahren fand hier der größte Vulkanausbruch aller Zeiten statt, ein Supervulkan, aber mit Superlativen muss man vorsichtig sein in diesem Land. Neben Kletterern gibt es hier Klapperschlangen und zwar gar nicht mal wenige. Neulich sei einer ihrer Gäste auf eine getreten, erklärt uns die gespielt grimmige Alte, die uns einen Rührei-Bratkartoffelberg hinknallt, und verdammtes Glück hätte er gehabt, nicht gebissen worden zu sein. Wir sehen unser Exemplar am kommenden Abend. Fie Klapperschlange kriecht direkt an unserem Zelt vorbei, in all ihrer schlangentypischen Lässigkeit und Arroganz. Wir springen auf den Betontisch, fasziniert und angewidert und endlich bereit, Richtung Stadt aufzubrechen. Wildnis, schön und gut, aber das muss nun doch nicht sein.

Getaggt mit , , , , , , , ,

Feel the Derm. USA 2016.Teil 4: St. Louis, Germany

Jede Reisegruppe braucht ein Mitglied, das sich mit öffentlichem Nahverkehr auskennt und weiß, wie man Türen mit einem Schlüssel öffnet. Wir haben uns für den Jazzheini und Eisenbahnenthusiasten Stephan Goldbach entschieden. Dies ist ein Gastbeitrag von weit, weit weg. 

Das erste Mal Autofahren in Amerika ist natürlich unangenehm. Vor lauter Nervosität lassen wir meine Aktentasche auf dem Dach des seltsamen Hyundai Veloster Sportwagen/Kleinwagen-Verschnitts liegen. Das Gehupe und Geblinke der höflichen Bürger um uns herum macht uns darauf aufmerksam. War ja auch nur Geldbeutel und Reisepass drin… Nach kurzen Angstszenen auf sieben-spurigen Highwaykreuzungen stellt sich das automobile Reisen auf amerikanischen Interstates allerdings als wahrer Traum heraus. Tempomat auf 70, Countryradio an – St.Louis, noch 400 Meilen, ein Klacks.

Niemand – nicht mal Michi – weiß, was uns bei seiner Großtante Julia erwartet. Als uns die extrem rüstige 83-Jährige dann mit ihrem liebenswert-absurden Fränkisch-Amerikanisch empfängt, sind wir erstmal etwas erschlagen. Das Haus, das in einem klischehaften Vorort gelegen ist, wie man ihn aus unzähligen Bewegtbildserien kennt, ist ein Mausoleum deutscher und fränkischer Kultur-Objekte. Auf dem Fernsehtisch liegt das „German-Life“-Magazin, welches über Schwäbisch Hall berichtet, Reisen zum Schloss Neuschwanstein vorschlägt und Bestellhotlines für das Kulturgut „German Schultüte“ für die deutschlandgerechte Einschulung bereithält. Natürlich in schwarz-rot-goldener Frakturschrift.

Fred, Michis Großcousin, seines Zeichens echter Ami-Trucker, versorgt uns mit kistenweise Heineken und Corona. Nachdem er uns zum Flughafen begleitet, um uns nach der Autoabgabe wieder mit zurückzunehmen, wundere ich mich zuerst über den langen Rückweg – bis mir klar wird: Wir machen gerade einen Sightseeing-Trip, ohne Aussteigen allerdings, denn es ist schon nach Sonnenuntergang und auch St.Louis scheint überall gefährliche Ecken zu haben. Hysterie oder berechtigte Angst? Ähnlich wie in Detroit kommen uns Zweifel. Und doch: Auch in St Louis gab es gerade erst wieder Schiessereien mit Todesfolge. In einer der Touristenstraßen steigen wir dann doch aus, es ist eine Art Walk Of Fame der Stadt. Fred macht ein Foto von uns und einer Chuck-Berry-Statue, wir stellen ausserdem fest, dass auch William S. Burroughs ein Sohn der Stadt ist.

Beim anschließenden Abendessen lavieren wir uns geschickt um brisante politische Diskussionen herum und gehen dann im auf 16 Grad heruntergekühlten Keller zwischen entschärften Handgranaten, dem Gun Digest 1998, bayerischen Oktoberfesthüten und einem Brauerei Wagner Merkendorf-Krug schlafen. Gerne würde ich detailliert beschreiben, welch unterhaltsames Sammelsurium amerikainscher und fränkischer Museumsobjekte dort lagerten, doch ähnlich wie besagter Keller würde das jeden Rahmen sprengen. Die angehängten Bilder mögen für sich sprechen.

Nach einem späten Frühstück am Tag darauf lässt es sich Fred nicht nehmen, uns St. Louis zu zeigen. Es folgen der berühmte Arch und das Stadion Downtown, alles irgendwie wie erwartet und trotzdem beeindruckend. Touristische Begleiterscheinungen wie eine Schlange pinker Hochzeitkutschen voller Logos diverser Sponsoren schocken auch schon lange nicht mehr. Exzessiver Genuss der verschiedenen Craft-Biere der Schlafly-Brauerei rundet den Tag ab: Lager „Helles“-Style, Kölsch und die ganze Palette an Pale Ales, um nur ein paar Beispiele zu nennen – gebraut natürlich mit Bamberger Weyermann-Malz.

Sehr interessant dann der Abschlussabend am Tag darauf. Freds Schwester Silvia kommt zum Abendessen vorbei und es folgt ein epischer Schlagabtausch absurder Geschichten zwischen ihr und ihrer Mutter Julia. Wir sind – wie meistens – leicht angetrunken und nicht immer sicher, ob wir das alles glauben können:

– Als deutsche Einwandererin kurz nach dem zweiten Weltkrieg ein Kind am 20. April auf die Welt zu bringen – für Julia unmöglich. Das Kind muss drin bleiben. Es wird also alles menschenmögliche veranlasst und tatsächlich: Silvia erblickt kurz nach zwölf, also am 21. April, das Licht der Welt. Ein Anchor-Baby am Geburtstag des Führers – wo kämen wir denn da hin?

– Silvias Hunde, die wir kennenlernen dürfen, sind nur der aktuelle Stand einer illustren Reihe an Haustieren. Neben Katzen und Papageien sticht vor allem der Affe Jacky heraus. In den 60er Jahren für 57 Dollar im Baumarkt gekauft, hält er das Familienleben auf Trab, erhängt sich aber aus Kummer irgendwann selbst. Wir zweifeln.

– Großtante Julia berichtet von einer absurden Figur, die ihr aus Nazi-Deutschland im Gedächtnis hängen geblieben ist: Der Chickencounter. Der ging rum und zählte die Hühner der Leute. Nicht dass die zuviele davon haben.

Erschöpft gehen wir schlafen in unserem German Krims-Krams-Keller. Dankbar, aber auch ein bisschen verwirrt, machen wir uns am nächsten Morgen in unserem gemieteten Ford-Jeep ohne genaues Ziel auf in Richtung Westen.

IMG_5985IMG_5987IMG_5988

20160814_20324420160813_145331

 

Getaggt mit , , , , , ,

Feel the Derm. USA 2016. Teil 3: Von Schnitzelburg nach Germantown

Seth erinnert sich an eine Schlange. Sein Vater hatte die im Gartenteich entdeckt. Sie schwamm an der Oberfläche, was entweder heißt, dass die Schlange giftig ist – oder ungiftig, das weiß Seth nicht mehr so genau. You guys should look that up. Jedenfalls ging sein Vater ins Haus und holte die Shotgun, um das Biest damit abzuknallen. So eine Shotgutn streut ohne Ende, keine Chance damit eine Schlange zu treffen. Seth erinnert sich an seine Mutter, die schrie, er, der Vater, werde noch alle Fische umbringen. Aber was soll man machen? My father just loves shooting at stuff.

Hunderte Knarren habe sein Vater zuhause, mindestens, sagt Seth. Und Jacob: Meiner tausende. Irgendwann werde er, Seth, die alle erben, obwohl er eigentlich keine Waffe haben will. But if I have to take one, it should at least have a kick-ass bible verse on it. Er zitiert gleich eine kleine Auswahl.

Jacob und Seth wohnen in einem Einfamilienhaus in Louisville, Kentucky. Auf dem Wohnzimmertisch klebt ein Bernie-Sticker, über alle drei Stockwerke sind Musikinstrumente verteilt, im Keller steht ein riesiger Fernseher, ein Super-Nintendo, ein Nintendo 64 und eine Gamecube, in der Küche hängen die Stars and Stripes, aber umgedreht. Die WG-Katze heißt Trout, Forelle.

Es ist unsere erste Couchsurfing-Experience. Seth und die anderen haben überall Schlafgelegenheiten und wollen gern, dass da Fremde drauf schlafen, damit man sich austauschen kann über Gott und die Welt. Dafür ist das Badezimmer halt mittelmäßig sauber und im Bett des Mitbewohners Nathan, der sich derzeit selbst auf Reisen befindet, riecht es noch nach diesem. Wir sind ein bisschen nervös wegen dieser Couchsurfing-Geschichte, was erwartet man hier von uns? Und das mit dem Austausch ist vielleicht eh nicht so mein Ding.

Die Jungs sind aber, war ja klar, irre nett. Seth arbeitet als Tonmann einer Morning-Talk-Show im Lokalfernsehen. Thema des Tages: Back to School. Die Sommerferien sind vorbei. Außerdem liebt er es, Fahrräder zu reparieren. Er leiht uns drei wunderbar geschmeidige Bikes und wir fahren durch Germantown und Schnitzelburg und zu einer fetten Zeder, an der Lewis und Clark angeblich mal irgendwas gemacht haben. Ein Mann kurbelt sein Autofenster runter und fragt uns, ob wir Pokemon spielen.

Ansonsten: Abhängen, Platten hören, den Jungs Dosenbier und Sandwiches ausgeben, für das schlechte Gewissen, weil man ganz und gar umsonst hier sein darf und sie einem so viel Zeit und Aufmerksamkeit schenken. Jacob hat Familie in Deutschland und kennt sich aus. Warum, wollen wir wissen, hat das in Deutschland wohl funktioniert, was nirgendwo sonst funktionierte, die Demokratisierung und so: A lot of German women got laid, sagt er und hat sicherlich Recht.

Dass man auf einmal in Kentucky ist. Mega konservativ, mega viele Knarren, mega die Hillbillys, sagt Seth, aber Louisville ist cool, progressive. Die erste Nacht verbringen wir nicht bei Seth und Jacob, sondern im Keller von Jared, einem gut gebauten Glatzkopf mit Jeep. Wir sind uns sicher: Ein Ex-Marine. Weil Jared uns anscheinend ganz gut findet, fährt er uns am Abend noch ein bisschen durch die Gegend in seinem auf 15 Grad runtergekühlten Geländewagen. Er empfiehlt uns die Bambi Bar, obwohl da eigentlich nur alte Männer hingingen. Wir sollen da Wings essen. Machen wir, sagen wir. Good choice, sagt Jared. Die Bambi Bar ist ein holzvertäfelter, amerikanischer Sportsbar-Traum, ein Howdie-How-do-you-do-mäßiges Biertrinker-Paradies für echte Kerle und ehrliche Girls, Pferdediebstahlatmosphäre. Nebenan sitzt ein taubstummer Altmänner-Stammtisch, die Bedienung erklärt uns mehrmals ihre bedingungslose Liebe und wie man ihr einen anständiges Trinkgeld gibt, weil das ja schließlich ziemlich kompliziert ist.

Am letzten Abend dann nehmen wir die Lichterketten-Fußgängerbrücke rüber nach Indiana. Vor einer Bar werden von einem Koch angequatscht. Er hat von einem anderen Koch, der gerade erst aus dem Knast gekommen ist, ein Fahrrad gekauft. Sein altes steht drüben, im Barber-Shop von Mohammed Alis Neffen, wir sollen es uns anschauen, durchs Schaufenster. Er schnorrt sich noch fünf Dollar von uns, dann schlingert auf seinem neuen Bike in Richtung zuhause. Nach wenigen Metern hält er an und dreht sich noch ein mal um: Er liebe Deutschland, sagt er, er wünschte, noch einmal dorthin reisen zu können. We are born enemies, but you have good hearts. Not like those fucking Koreans.

20160811_12494920160811_13451420160811_18325420160811_18354220160811_23245120160811_215606

Getaggt mit , , , , , , ,

Feel the Derm. USA 2016. Teil 2: Detroit, y’all.

Auf meiner Forschungsreise durch die Vereinigsten Staaten werde ich unter anderem vom Anglisten und Schallplattenhändler Michael Rupp begleitet. Für seinen ersten Derm-Gastbeitrag hat der junge Mann sich und uns in Lebensgefahr, sprich, nach Detroit, gebracht. Aber alles gut, Mama. Anbei die Ergebnisse der Untersuchung. 

Detroit ist dann absolut eine Nummer für sich. Der Blick durch die Scheiben des abgefuckten Hondas unserer Ex-Gastgeberin Sarah, die zwischen Handy hier und Fruchtdrink da tatsächlich auch ab und an mal die Hände am Steuer hat, offenbart plötzlich eine Welt, die wir bisher nur als animierte Figuren in fiktiven Stories um Gewalt, Bandenkriminalität und schnelle Autos betreten durften. Die Straße bietet locker Platz für drei Spuren – eingezeichnet ist nur der Mittelstreifen. In den Freiflächen zwischen den teils eingefallenen, teils bewohnten Häusern könnte man problemlos Fußballturniere stattfinden lassen. Später lernen wir: Hier wurden als Downsizing-Maßnahme ganze Häuserblocks weggerissen, um den negativen Konsequenzen des massiven Bevölkerungsschwunds von Detroit irgendwie entgegenzuwirken. Ampeln werden zurückgebaut, um Strom zu sparen. Weniger als die Hälfte von einst leben noch in der ehemaligen Industrie-Metropole, vor nicht allzu langer Zeit lag die Arbeitslosenquote bei 50 Prozent. Am Straßenrand legt ein Cop einem farbigen Mann Handschellen an, wir machen kurz Halt an einer Tankstelle mit angrenzendem Liquor Store.

Unsere Fahrerin hat offensichtlich mit der Panik zu kämpfen und auch wir drei fühlen uns nicht absolut wohl – aber: Zum ersten mal fühlt sich unsere Reise ein bisschen nach Abenteuer an, nach wirklich woanders sein. In der Tankenstelle zahlen wir zuerst, um dann für den bezahlten Betrag tanken zu können. Ein Typ erzählt irgendwas von einer Techno-Party Downtown, ich verstehe nur jedes dritte Wort. Ein bisschen Kleingeld hätte der ein oder andere gerne, Reaktionen auf Absagen sind bemerkenswert höflich. You enjoy yourselves and have a nice night, gentlemen. Wahrscheinlich Ironie. Ausgestattet mit zwei Sixpacks Lightbeer schmeißt uns Sarah an unserer Unterkunft für die nächsten drei Nächte raus.

Das kleine Haus, das wir über eine Online-Plattform angemietet haben, ist wunderschön. Frontporch inklusive zwei fetten Sesseln und Grusel-Schaukelpferd, weiß lackierte Holzverkleidung, drinnen dunkler Holzboden, vielleicht achtzig Quadratmeter Grundfläche, kaum Türen – vom offenen Wohnzimmer blickt man durch den Essbereich in die Küche. Als American Foresquare oder vielleicht auch als California Bungalow würde man das Haus wohl bezeichnen. Keine zwanzig Dollar zahlen wir pro Nase für die Nacht. Wir fühlen uns großartig. Bier trinken auf der Front Porch. Das Zirpen der Zikaden ist ohrenbetäubend. Ein herrenloser Pitbull stolziert die Straße hinunter, als gehöre ihm das hier alles. Er würdigt uns keines Blickes.

Der Taxi-Fahrer, der uns am nächsten Morgen Downtown fährt, hält nicht viel von unserer Hood. Schläunigst in eine andere Umgebung umziehen sollten wir. Ain’t safe around this area. Keine zehn Minuten vorher hatten wir noch ein nettes Gespräch mit ein paar Nachbarn: Busse gebe es keine, aber Uber sei das neue Ding. Nice accent you got there, boys. Gute Reise, stay safe. Ach ja, ein bisschen Gras?

Downtown Detroit ist die charmbefreite Touristen-Partymeile der Stadt: Burgerbuden, Bars, Beerbike, Baseball-Stadion. Eine familienfreundliche Vergnügungsinsel im Schatten der düstersten Türme Gotham Citys. Ein Typ legt psychedelisches Wah-Wah-Gitarrengewaber über seine Midi-Sound-Backingband und singt dazu monoton. Der Pickup, vor dem er possiert, ist mit allerlei Schildern dekoriert: Jesus lives. Jesus saves. Jesus is real. Zu lange geglotzt, um keinen Dollar da zu lassen. Take care. Wir wollen zum leerstehenden Bahnhofsgebäude, das wir am Tag zuvor aus der Ferne gesehen haben. Der ältere Herr, den wir nach dem Weg dorthin fragen, beäugt uns skeptisch: You boys have any idea where ya goin‘? That’s almost Mexican Town. Tagsüber kann man da aber wohl schon mal hin.

Das verfallene Gebäude der ehemaligen Michigan Central Station wirkt wie eine monumentale Ruine des amerikanischen Kapitalismus. Wikipedia verrät uns aber, dass der Bau schon zur Blütezeit der Stadt Sorgenkind war und als Folge diverser Planungsfehler nie richtig angenommen wurde. Ein bisschen wünsche ich mir, das Informationszeitalter hätte mich etwas länger im Dunkeln gelassen und mir ein paar Minuten der Mythenbildung gegönnt. Den Abend verbringen wir in Corktown, dem Detroiter Hipster-Viertel mit DIY-Bars und Live-Bands. Longdrinks sind überraschend billig, die Bierauswahl stattlich. Ich entdecke meine Liebe für India Pale Ale. Zuhause buchen wir noch den Bus nach Louisville, Kentucky. Southbound.

d1

d2

d320160807_162645

Getaggt mit , , , , , , , , ,

Feel the Derm. USA 2016. Teil 1: Die berühmtesten Reisenden der Welt

Im Landeanflug noch schnell die niedergeschlagendste Musik durchhören, die die Spotify-Playlists zu bieten haben. Nix Sinatra. Weakerthans, Eels, Element of Crime. Solche Sachen. Weil New York ja eben nicht San Francisco ist, sondern schwarz weiß und hoffentlich ein bissl windig.

Wir sind seit 38 Stunden unterwegs. In Bamberg in die Bahn Richtung Amsterdam, die Verspätungen addieren sich auf über 80 Minuten, die am Puffer saugen, den Michi extra so großzügig angelegt hat. Geht aber alles klar, easy. In Amsterdam Stäff getroffen, Flieger nach Moskau. Nach Moskau! Um Nach New York zu kommen. Amsterdam – Moskau gleich Kurzstrecke, gleich kein Entertainment. Bier gibts ohnehin nicht, nur Wein, der Wein ist warm. Fünf Stunden Aufenthalt in Moskau und niemand, der einem einen kleinen Wodka ausschenken würde. Fürchterliches Dösen auf Flughafensesseln.

Also Brooklyn und ja, ja, klar, New York, die berühmteste Stadt der Welt und so: Ein Besuch also nicht um zu sehen, was da ist, sondern, wie es ist zu sehen, dass das alles tatsächlich da ist. Al Capone, Woody Allen, Carrie Bradshaw und drumherum acht Millionen normale Menschen, die auf die Arbeit gehen. Und keine einzige öffentliche Toilette.

Schön ist das. Wir steigen auf ein Krankenhausdach, wir suchen den Johnny-Ramone-Platz, der überhaupt kein Platz ist, nur ein Schild, wir suchen Wifi und essen Sandwiches, die vielleicht für den unguten Stuhl verantwortlich gemacht werden müssen oder das Leitungswasser, das schmeckt, als würde man Schwimmbad schlürfen. Wir treffen Taylor und Peter, Freunde von Michi, beschämend schlaue, junge Männer. Und natürlich spricht man sofort über Trump und Hillary und wie das alles ist. Eine Shitshow, sagt Taylor. Wunderschönes Wort. Wir sind uns relativ sicher, dass er, also Taylor nicht Trump, eines Tages Präsident sein wird. An der Brooklyn Bridge steht ein Mann, der Touristen gegen paar Dollars auf einen Boxsack hauen lässt: Auf der einen Seite die Clinton, auf der anderen der Donald. Unterhaltsam gewinnt.

Als wir nachts aus der U-Bahn steigen, liegt da eine Frau auf einer Bank, sie ist bekleidet, bis auf ihren Hintern, den streckt sie entblößt in die nachtschwüle Bahnhofsluft wie ihre Monstranz. Eine andere entschuldigt sich ein bisschen zu oft. You come to Brooklyn and have to see something like this. – No Problem.

Weiter nach zwei Tagen. Natürlich riecht der Mann, neben den ich mich im Greyhound setzen muss, unangenehm. Und wir berühren uns deutlich zu oft. Die Zustände des Reisenden: dösen, schwitzen und frieren, sich immer etwas fiebrig fühlen, das alles schönreden als Teil der Erfahrung und hoffen, dass man nicht gezwungen sein wird, das Greyhoundklo zu benutzen. Ist man nicht. Schlucke Kohletabletten wie Erdnussflips, easy. Wir fahren zehn Stunden durch die Nacht und manchmal nickt man minutenweise ein.

Grenzübergang nach Kanada. Der Grenzbeamte kennt die Klischees, die er zu erfüllen hat, das erkennt man an seinem Bart und seiner Freundlichkeit. Überhaupt sind die Kanadier, wie sich herausstellen wird, sehr gut darin, dieser Pflicht dem Reisenden gegenüber nachzukommen: Hello, hi, how are you, ja wir sind die freundlichere Version, usw. Er fragt, ob wir schon genug gehabt hätten, von den USA und lässt uns rein, keine Probleme, herzlich Willkommen.

Niagara Falls, eigentlich, denn wir haben eine Wohnung in Thorold, eigentlich Thorold, eher St. Catherines, beziehungsweise auf dem Campus der Brock University. Die meisten Studenten sind im Urlaub, Sarah nicht, also vermietet sie ein Zimmer der Studentenbude. Und eigentlich müsste sie uns jetzt reinlassen und wir könnten endlich duschen und vielleicht kurz verschnaufen und eine gesunde Kleinigkeit zu uns nehmen, tut sie aber nicht, denn es ist früh am Morgen und Sarah ist auf der Arbeit. Klassische Am-Pm-Verwirrung, aber ihre Schuld tatsächlich. Ein Sarahfreund nimmt unsere Rucksäcke, dann sind wir auf uns allein gestellt.

Der berühmteste Wasserfall der Welt, kanadische Seite, tosende Fluten, Touristenschiffe, Zipline, Casinotouristen mit weißen Basecaps und bequemen Schuhen. Uns gehts ganz schlecht. Niagara Falls, der Ort, ist ein bonbonbuntes Geisterbahnmassaker. Alles ist teuer und blinkt und wir müssen uns erstmal kurz in eine Wiese legen, bevor wir vor den Casinotouristen fliehen, Richtung Stadtrand, eine gammlige Burgerbude, ein goldiger Burgerbrater, der stolz erzählt, dass er einmal ganz viele Pommes auf seinen Burger gepackt habe und wie dick der dann gewesen sei. Das tut gut. Ein Busfahrer sagt god bless you, guys, da kommen einem fast die Tränen.

Auch Sarah ist natürlicht spitze, sobald sie da ist. Sie füttert uns mit nur ein bissl schimmligen Bagels und wäscht unsere Wäsche und findet uns im Allgemeinen supersweet und awesome, logisch. Allerdings mussten wir zweieinhalb Stunden in diversen Bussen verbringen, um von den Falls zurück zum verwaisten Campus zu kommen. Ein komischer Ort, um nachts einen Weißwein zu trinken, aber gut.

Weil Sarah morgen ausgerechnet und zum ersten Mal in ihrem Leben dorthin fährt, wo wir hinwollen, Detroit, bleiben wir eine Nacht länger als geplant in Brock. Wir ziehen um, von Gebäude 7 in die 9, zu Joyce, die sogar noch freundlicher ist und uns mit Schawarma füttert. Bin im Rahmen der Möglichkeiten von romantischen Gefühlen übermannt. Joyce. Was ne Frau. Ein Spaziergang zum Decew Fall versöhnt uns mit der epileptischen Klimbimhölle Niagara. Im Becken, in das sich der Wasserfall ergießt spielen wir mit zwei mittelalten Männern Frisbee. Als sich die beiden verabschiedet haben, kapituliert Michael vor dem Naturerlebnis. Der Mann entblößt sich hinterm Wasserfall stehend und genießt für einen heiligen Moment die Gischt. Morgen Roadtrip nach Detroit, Sarah und wir. Ich hab schon eine rote Nase. Wir sind auf diesem Kontinent sehr beliebt.

20160801_23310020160802_19551720160803_20342720160804_12112620160804_20392720160806_200250

Getaggt mit , , , , , , ,

Unterwegs in einem Deutschen Mittelgebirge. Oder: Wie ich in der Fränkischen nie Rudolf Heß begegnete

Auf dem Weg nach Unterleinleiter komme ich an Gräfenberg vorbei. Gräfenberg, denke ich, da liegt doch Rudolf Heß begraben. An dieser Stelle täuscht mich, wie sich später zeigen wird, mein Gehirn. Rudolf Heß lag nie in Gräfenberg, er lag in Wunsiedel und selbst dort liegt er heute nicht mehr, nachdem die Pacht 2011 auslief und die Gemeinde beschloss, die Pilgerstätte, die aus seinem Grab geworden war, aufzulösen, und seine Knochen zuerst dem Feuer und seine Reste dann dem Meer zu überlassen.

In Unterleinleiter stelle ich den Picasso auf den Wandererparkplatz gegenüber des Friedhofs. Nebenan findet ein Fußballspiel statt. Die Spielvereinigung Dürrbrunn-Unterleinleiter beharkt sich mit dem Sportverein Kleinsendelbach. Kurz überlege ich, mich am Spielfeldrand dazuzustellen, dann mache ich mich auf den Weg in Richtung Ortszentrum.

Die Pizzeria steht leer. Die Gardinen sind zugezogen. Niemand hat es für nötig gehalten, die Polster vor den Bierbänken zu nehmen. An der Tür hängt ein Zettel, der darüber informiert, dass die Pizzeria für private Feiern nach wie vor gemietet werden kann. Ich setze mich auf eine Bierbank, hinter mir plätschert die Leinleiter, vor mir brettern die Motorradfahrer, die vom schönen Wetter in die Fränkische Schweiz gelockt werden, wo sie sich an den schlängelnden Bundesstraßen durch hügelige Landschaften und den Vibrationen der Maschine zwischen ihren Akneschenkeln laben. Ihre aufgeschwemmten Schnurrbartgesichter sind derart in die Helme gequetscht, dass sie mimisch nicht mehr imstande sind, zu vermitteln, wie unvorstellbar die Lust ist, die sie empfinden. Ein übergewichtiges Pärchen schleicht sich an mir vorbei und auf die Dachterrasse der Pizzeria. Vielleicht um rumzuknutschen. Ein junger Rechtsradikaler – Bundeswehrhose, schwarzes Shirt mit silbernem Adler – rollt auf seinen Rollerskates vorbei. Er hat einen schwarzen Pudel und beherrscht das Rollerskaten durchaus mit einem Mindestmaß an Anmut. Er sieht genauso bemitleidenswert aus, wie jeder andere Inliner, aber er hat den Pudel auf seiner Seite. Um 14 Uhr beginnt ein Gottesdienst, schwarzgekleidete Töchter führen ihre schwarzgekleideten Väter am Arm an mir vorbei.

Dann kommen meine Freunde.

Wir schlagen den  Weg in Richtung Volkmannsreuth ein. Es handelt sich um eine Landstraße, ein Umstand für den ich, der ich verantwortlich bin für die Wahl der Route, beschimpft und bespuckt werde. Volkmannsreuth liegt da wie tot. Nicht, als wären seine Einwohner tot, sondern das Dorf selbst. Dahinter fängt der Wald an. Wir steigen hinauf zum Totenstein.

Vom Totenstein blicken wir hinunter nach Veilbronn und die Leinleiter entlang in Richtung Ebermannstadt. Wir stellen uns vor, wie der Ritter Hans Wilhelm von Streitberg hier mitsamt Kutsche und Knecht die hundert, zweihundert Meter hinunterstürzte, wie seine Pferde wieherten und mit den Hufen die Leere traten, wie er selbst, aus einem Suffschlummer, den er sich in Bamberg teuer erzecht hatte, hochfuhr und nur durch den Suffschleier hindurch mitbekam, dass er in diesem Moment in den Tod stürzte. Als wäre das nichts als fieser Traum aus dem er schweißmariniert erwachen würde. Deswegen Totenstein.

Jahre zuvor, heißt es, habe er, der Ritter Wilhelm von Streitberg, endlich einen Sohn, also Erben, von seiner Geliebten empfangen. Einen Sohn, den die Magd noch als Säugling versehentlich in einen Bottich kochendes Wasser fallen ließ, was dieser ebensowenig überlebte, wie ein Hummer es überlebt, wenn man ihn in einen Bottich kochendes Wasser fallen lässt. Der Ritter war wieder ohne Sohn. Die Frau wurde erneut schwanger, sie bekam eine Tochter, die Magd hingegen einen Sohn. Der Ritter spielte mit dem Gedanken, die beiden Kinder auszutauschen, entschied sich dagegen und stattdessen dafür, sein Leben fortan dem Glücksspiel und dem Alkohol zu widmen. Absolute Kapitulation. Und ein mehr als würdiges Ende für einen edlen Herrn. Hans Wilhelm ist der letzte eines über fünfhundert Jahre alten Geschlechts.

20160508_152356.jpg

Wir hingegen steigen feige den Wanderweg hinab nach Veilbronn, wo wir uns in einem Biergarten zwischen Rentnern niederlassen, die schon ihre Westen in Sommerbeige aus dem Schrank geholt haben. Sie unterhalten sich darüber, wo sie früher gern hingefahren seien und wo sie heute gern hinführen. Ich esse einen Apfelkuchen. Wir besaufen uns an einer peinlichen Heimatliebe. Nirgendwo schmecke der Kuchen besser, vom Bier ganz zu schweigen, nirgendwo sei das Klima angenehmer, nirgendwo seien die Wiesen saftiger, nirgendwo sei es schlicht lebenswerter, keine andere Gegend dieser vorzuziehen; man muss froh sein, dass einen niemand hört, der keine sommerbeige Weste trägt.

Der Rasen liegt makellos vor Unterleinleiter. Die Spielvereinigung Dürrbach-Unterleinleiter hat drei zu null gewonnen. Zwei Sprenger bewässern gewissenhaft das Geläuf. Die Abendsonne spielt in der Gischt. Das ist ein Rasen in Bundesligaqualität. Manchmal frage ich mich, ob es in der Fränkischen Schweiz auch Obdachlose gibt.

Auf dem Pretzfelder Keller erfährt unsere Heimatliebe einen ersten Dämpfer. Der Keller ist wunderschön gelegen, wir sitzen in einem Märchenwald. Ausgeschenkt wird aber keineswegs Pretzfelder Bier, sondern Mönchshof. Man trinkt mit einem schlechten Gewissen im Genick. Die ganze Anlage ist auch eher eine größere Imbissbude als ein richtiger Keller. Zur Kellerplatte ein weißes Brötchen statt Schwarzbrot. Wir essen Currywurst. Die Aussicht ist fabelhaft, hierher kommen wir nie wieder.

Ich trenne mich von meinen Freunden und sitze allein in einem Auto ohne Radio, aufs Handy glotzend anstatt auf die Straße. Jetzt irgendwie nach Hause kommen ohne vor Langeweile umzukommen.

In Pretzfeld entdecken wir, das heißt, zuerst meine Freunde im Auto vor mir, einen Laden namens Pretzfelder Trödelhäusla. Ein bunt blinkendes Schild informiert uns darüber, dass das Trödelhäusla geöffnet hat. Und das am Tag des Herrn. Interessant, finden wir, das wollen wir uns ansehen, vielleicht gibt es hier Schätze zu heben, hochwertiges Zeug für wenig Geld. Vielleicht kann man hier ein wenig stöbern.

Es ist ein altes Wohnhaus. Die Tür steht offen. Davor einzelne Kisten mit Rollschuhen und anderem Kram, ein Schlitten. Kein Mensch zu sehen. Wir scheuen wie Pferde vor der Schlucht, eine Vorahnung vielleicht. M. wagt einen Schritt in den Flur, der mit Bildern behangen ist, vielleicht kann man die Bilder auch kaufen, ich könnte Bilder gebrauchen.

„Halt“, sagt M., „dort hängt ein Porträt von Adolf Hitler.“

20160508_194344Es handelt sich um eine Art Fahndungsplakat, kein echtes Porträt, etwas, das jemand entworfen und auf einem gelben Zettel ausgedruckt hat. Die Aufschrift lautet: „Vermisst seit 1945. Adolf Hitler, komm zurück.“ Keiner von uns kann das so richtig einordnen. Soll das ein Scherz sein? So offensichtlich wie das da hängt? M. blickt von außen durchs Fenster und entdeckt ein Wahlplakat der Republikaner, irgendwas mit Minaretten. Gibt es die noch, also die Reps? Feige versuche ich das Hitlerbild mit dem Handy zu fotografieren, bin aber zu weit weg, als dass man es so richtig erkennen könnte.

Der ganze schöne Lokalpatriotismus von vorhin ist verpufft. Oh herrlich – so herrlich ist es dann eben doch nicht. Irgendwo lag mal Rudolf Heß, aber nicht hier. Ein unzurechnungsfähiger Trödelhändler hängt sich den Adolf in den Flur. Überall wird Kulmbacher Bier ausgeschenkt.

Gräfenberg tatsächlich wird heute nicht mehr angesteuert. Das mit Heß war nicht ganz so falsch von meinem Gehirn, schließlich liefen die Neonazis in Gräfenberg ganz gern durch die Straßen, von 1999 bis 2011 war das, auch als Ersatzveranstaltung für den in Wunsiedel verbotenen Heß-Gedenkmarsch. Von einem Aktionsbündnis wurden die Nazis dann mehr oder weniger vertrieben, zumindest bis ins fünfzehn Kilometer entfernte Obertrubach, wo NPD und Fränkische Aktionsfront fröhliche Sommerfeste abhielten. Mittlerweile scheint Ruhe eingekehrt. Entsprechende Organisationen sind verboten, die NPD will sich mehr auf Niederbayern und die Oberpfalz konzentrieren. Dort kann man sicher auch toll wandern und Motorrad und Kutsche fahren. Dort ist es auch schön.

Getaggt mit , , , , , , , , , ,

Alles über Bonn oder die Abwesenheit des Salzes

Pascal Richmann, Derm-Gastautor, und zeitweiser Wahl-Bonner, begegnet in diesem Text den Nibelungen, Thomas Gottschalk, Maike Kohl und letztlich tatsächlich der Wahrheit über die Bundesrepublik.  

Weil ich frag noch, ob sie als Nachgeborene über dieses bundesrepublikanische Bonmot bescheid wüssten, was besagt, das beste am Zweiten sei immer noch gewesen, dass Bonn durch ihn Hauptstadt wurde. Um es kurz zu machen, denn kurz soll es zugehen im Zug, sag ich denen gleich mal, dass es stimmt, stimmt nämlich voll, ganz toll, sag ich, Klima und Himmel und Äd, ja ehrlich, sag ich, Bonn ist noch heute besser, als es die alte BRD in ihrer Gesamtheit je war. Und die war schon ganz geil, sag ich, denkt nur an die Ölkrise, sag ich, Fahrradfahren auf der Autobahn, sag ich, geil, sag ich, geil, wird da auch gleich zugegeben, Autobahn, sagen sie, Fahrrad, sagen sie, Bergisches Land. Oder die Rote Armee Fraktion, sag ich, die haben wenigstens Melville gelesen, wie die Bekloppten, sag ich, nur um doch nicht zu begreifen, warum einer den Weißen will und ein anderer es vorzieht, lieber nicht zu wollen. Aber es soll um Bonn gehen, denk ich, es soll ja immer und viel mehr um Bonn gehen, weil Bonn mit allem zu tun hat, weil Nord- und Süddeutschland genau dort zusammengenäht wurden. Um Bonn soll es gehen, denk ich, weil die Raczeks in Bonn ihre Schnitzel braten und nicht in Breslau, um dann saturiert und besoffen Ballonhosen tragende Boys durch die Korridore ihrer Verbindungshäuser zu jagen. Es soll verdammt nochmal nur um Bonn gehen, denk ich, weil Bonn Helmuts Brasilia war, obwohl Helmut den Kanzlerpavillon nicht mochte, weil er fand, es sei zu eng, weil seine beiden Prachtburschen dort keinen Platz fanden, weil Haile Selassie, König der Könige und 225. Nachfolger Salomons, ihn für den Verschlag des Hausmeisters hielt. Denk, dass es einzig und allein um Bonn gehen soll, weil durch Bonn der Rhein fließt und der Rhein dem Analogen ist, was die Meinungsfreiheit dem Digitalen. Es soll um Bonn gehen, denk ich, weil die Stadt einem Mann ein Anliegen war und in Deutschland seit jeher das Anliegen eines Mannes genügt. Es soll wegen Konrad um Bonn gehen, und Bonn wegen um Konrad. Ein Mann mit Hut, der mit der Gießkanne umgehen konnte, ein Mann mit Hut, denk ich, als Hüte noch echte Hüte waren, einer, der mal eben so die Sojawurst erfand, damals nach Verdun, weil den Schlachtern die Schweine ausgegangen waren.

bonn 3.jpegSo dachte ich, während der Intercity durch Bonn rollte, ganz andächtig und sanft, bevor ihn eine Weiche auf die schönste Bahnstrecke Deutschlands entließ. Bald schon erkannte ich hinter den Fenstern die bewaldeten Hügel des Mittelrheintals, werktätig plaudernde Winzer und erlesene Weine (ich sah es ihren Lippen an) zogen vorüber und wirklich alles schien ein Platz an der Sonne und da dachte ich, dass es vielleicht an der Zeit sei, Bonn wieder zur Hauptstadt zu machen, wie genau, das wusste ich selbst nicht, aber Dringlichkeit bestand, soviel war sicher, hörte ich doch beinah täglich die Geschichten meiner Freundinnen aus Berlin, die dem sogenannten Kreativprekariat angehörten, die sich also im alten Westen der Stadt eingemietet hatten, irgendwelche feuchten Kellerlöcher, die ihnen die Nieren ruinierten, nur um fern des Tageslichts nichts anderes zu tun, als Eukalyptusbonbons zu lutschen, und wenn sie doch einmal ausgingen, verbrachten sie ihre Freizeit auf nach einem Fisch benannten Zusammenkünften, wo sie bis zur Unkenntlichkeit verschnittenes Heroin rauchten, während Friseure und Fliesenlegerinnen Gedichte vortrugen, einem pneumatologisches Flaschendrehen gleich, dass die Freunde am Ende solcher Nächte entweder gekreuzigt und nackt an Kronleuchtern hingen oder anfingen sich inmitten getrockneter Bierlaken vom heiligen Geist zirklusieren zu lassen.

Mir blieb gar keine Wahl, ich musste etwas tun! Wäre nur ein Funken des alten Glanzes übrig, er würde schon überspringen, den Umzug der Republik ungeschehen zu machen. Und da kullerte mir der eigenen Courage wegen auch schon eine Träne die Wange hinab, als ich im Stechschritt auf den Schaffner zuhielt, um ihn zu bitten, den Zugführer zur Wende zu bewegen, ich müsse zurück nach Bonn, Bonn, rief ich, wir alle müssten zurück nach Bonn, rief ich, der Schaffner aber schüttelte den Kopf, ein Zug sei kein Schiff, sagte er, er könne nicht einfach so wenden, und da schrie ich, dass mit Männern wie ihm kein Staat zu machen sei, nicht einmal Geschichte, schrie ich, jetzt fuchsteufelswild, und das schien zu fruchten, so musste man mit den Leuten sprechen, so und nicht anders, dachte ich, während der Schaffner also die Notbremse zog, damit ich in Unkel aussteigen konnte. Hals über Kopf verliebte ich mich dann wegen eines schnellen Stücks Sachertorte in eine sechsundsechzigjährige Konditormeisterin, nur um sie kurz darauf schon wieder zu verlassen, lieb warf sie mir noch eine Kusshand hinterher, als ich bereits auf den Zug nach Bonn aufgesprungen war.

Doch schon in Rhöndorf stieg ich wieder aus und lief aufgeregt in eine Bäckerei, die Konrads Notzeitbrot noch heute genauso buk wie damals zu Notzeiten. Heftig kauend schrieb ich einen Aufsatz, den ich mit Die subversive Zutat des Brots überschrieb. Dann bestieg ich den Drachenfels. Oben angekommen machte ich Rast auf einer umgestürzten Linde. Als mich ein niederländischer Tourist freundlich grüßte, grüßte ich freundlich zurück und da schenkte er mir eine Tüte süße Cracker, von denen ich auch einige aß, wobei ich finde, dass Cracker nicht süß sein sollten, sondern salzig, weil Cracker nun einmal etwas sind, das mit Käse belegt gehört. Auf dem Weg ins Tal kam ich an derbonn1 Nibelungenhalle vorbei, deren Butzenscheiben eigenartige Reflexe warfen. Auf einem Schild stand: »Die Zeichen in den Fenstern sind „Swastika“. Das sind die alten germanischen Runen der Winter – und der Sommer – Sonnenwende. Sie sind 1913 beim Bau der Nibelungenhalle angebracht worden, leider später entsetzlich zweckentfremdet worden.« Sofort machte ich mir eine Notiz, entsetzlich entfremdet, schrieb ich und malte daneben einige Swastikas, aber was war das?, mit Bestürzen stellte ich fest, dass es Hakenkreuze waren!, ich malte Hakenkreuze in mein Notizbuch, um Gottes Willen, dachte ich, Hakenkreuze. Um auf andere Gedanken zu kommen, aß ich noch ein Stück Notzeitbrot und einen Cracker, doch die Abwesenheit des Salzes machte mich so wütend, dass ich die restlichen in einen Mülleimer schmiss. Drinnen roch es wie im Tropenhaus, was an den Würgeschlangen liegen musste, die nebenan im Reptilienzoo lebten, doch die Ölgemälde von Siegfried gefielen mir so gut, dass ich den Gestank mühelos aushielt. Stabiler Typ, dachte ich und las eine Schautafel, die über den Inzest seiner Eltern aufklärte. Wie konnte man etwas unter Strafe stellen, was bewiesenermaßen zur Zeugung des größten deutschen Helden geführt hatte, überlegte ich, kam jedoch zu keinem Entschluss und dann sah ich es, auf einem Amboss lag tatsächlich Siegfrieds Schwert. Kurz hielt ich inne und zog die Nase hoch, wobei ich an Simón Bolívar und das Schicksal Pablo Escobars dachte, bevor ich
das Schwert unter mein Feinripp schob und auf Zehenspitze die Halle verließ.

Aufgrund seiner strategisch guten Lage auf dem Petersberg, und auch um so wenig Aufsehen wie möglich zu erregen, mietete ich ein Zimmer im Gästehaus der alten Bundesrepublik, dem Steigenberger Grandhotel. Siegfrieds Schwert versteckte ich hinter dem Duschvorhang. Am nächsten Morgen lief ich eine Runde auf dem Bill-Clinton-Jogging-Pfad, Schweißbänder an Kopf und Handgelenken, und wie ich so in Richtung bonn 4Oberdollendorf joggte, stieg mir der Geruch von Waldmeister in die Nase, der zuckrig aus dem Tal hinaufzog. Als ich später mit hochrotem Kopf die Lobby betrat, fragte ich den Pagen, was es denn sei, das hier so gut dufte, ob es wirklich der Waldmeister sei, fragte ich und da freute er sich, nein nein, sagte er, es sei die Haribofabrik, linksrheinisch, also schon fast in den Vogesen, sagte er, ganz Bonn rieche ihretwegen nach Bonbon. Schnurstracks spurtete ich zur Fähre und setzte über nach Bad Godesberg, um mich bei Hans Riegel als ungelernte Arbeitskraft zu bewerben. Meine Zeit bei Haribo war dann eine sehr glückliche. In weit ausladenden Achten rührte ich die Konfektmasse und einmal kam sogar Thomas Gottschalk vorbei, um allen Arbeitern ein signiertes Exemplar seiner
Autobiografie zu schenken, was natürlich viel mehr war, als uns der Mindestlohn versprach, und da wurde ich ein bisschen übermütig und fragte, was sein liebstes Haribo sei und da blitzten Tommys Augen, diplomatisch rief er: „Alle Haribos sind anders, aber alle Haribos sind gut!“, nur um dann ein stummes KON-FEKT mit dem Mund zu formen. Und weil es direkt gegenüber eine Grundschule gab, verbrachten wir Ungelernten die Mittagspausen damit, Gummitwist mit den Schülerinnen zu spielen, und so hätte ich wohl noch lange meinen Beitrag für jede neue Tüte Colorado geleistet, wären mir nicht die Freunde in Berlin und Siegfrieds Schwert in meiner Dusche eingefallen. Zum Abschied bekam ich eine Handvoll Gummibärchenbruch geschenkt, die ich mir ihrer Missbildungen wegen sofort in den Mund stopfte, als ich die Fabrik durch den Hinterausgang verließ.

Zurück auf dem Petersberg fand ich die Dusche verwaist vor. Irgendwer hatte Siegfrieds Schwert gestohlen! Ich fing schon an den Pagen zu verdächtigen, da fand ich einen Zettel, der neben einer Tafel Schokolade auf dem Kopfkissen lag. „Hier spricht Maike Kohl“, las ich, „des Bundeskanzlers Frau“, las ich, „Ich erwarte dich um Mitternacht auf dem Dach des Langen Eugen.“ Es schwindelte mir, dann las ich: „P.S. Ich habe das Schwert!“ Eine Nachricht von Maike, dachte ich und versuchte mich an ihr Gesicht zu erinnern, so wie ich Maike aus meinem Kinderzimmer kannte, als sie noch von einem Poster der Jungen Union auf mich hinab gelächelt hatte. Es dämmerte schon, als ich mich auf den Weg ins Regierungsviertel machte. Auf der Adenauer Brücke kam mir kein einziges Auto, kein einziger Passant entgegen. Schließlich erreichte ich Eiermanns Eugen, der nun, da der Mond am Himmel aufzog wie eine fette Pampelmuse, einen langen Schatten auf den Fluss zu werfen begann. Maike, dachte ich, Bonn, dachte ich, und dann begann ich zu klettern, zog mich Stockwerk für Stockwerk am alten Abgeordnetenhaus hinauf. Als die Glocke des Bonner Münsters zwölf Mal schlug, geriet ich ins Wanken, meine Hand griff in eine Leere, gerade so gelang es mir noch, die Balance nicht zu verlieren. Mit letzter Kraft hievte ich meinen Körper über die Balustrade, und da stand sie, ihr Kleid wehte im Wind, das Schwert hielt sie mit beiden Händen umgriffen, und erst als ich erschöpft auf die Knie sank, sah ich den Rollstuhl. Als Scherenschnitt vor gelbem Mond rollte er auf mich zu.

bonn 5.jpeg

Getaggt mit , , , , , , , , , , ,
SchöneSeiten

www.schoeneseiten.net | Blog für Gegenwartsliteratur

Leo's Literarische Landkarten

Geographie in Texten und Liedern.

stefan mesch

Literature. TV. Journalism.

new location: visit blog.kreativsaison.de

new location: visit blog.kreativsaison.de

The Daily Frown

Das Magazin für Musik Literatur Alltag