Archiv für den Monat September 2013

ALLES ÜBER MALLORCA

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Meine Mutter, am Esstisch in Palma, sagt: Ganz schön dunkel, diese Wohnung! Ganz schön hell: die Dachterrasse, der Blick aufs Meer, auf die Catedral La Seu, auf restliche Wohnungen, die sich unmittelbar in der Nähe befinden. Der Hafen: Ein Schlachtfeld von Anas und Marias. Ich sitze auf dem Beifahrersitz, wir machen eine Tour. Eine Stunde lang fahren wir im Schritttempo sieben Kilometer auf den steilsten Straßen Mallorcas rum, ohne Leitplanke, wollen Sa Calobra besichten. Uns entgegen kommend: Reisebusse voller Touristen, die nicht an uns vorbei passen. Wir also Rückwärtsgang, ich also schreiend, meine Mutter also kreidebleich. Unten angekommen haben wir direkt keine Lust mehr. Eine halbe Stunde lang stehen wir auf einem fast unbezahlbaren Parkplatz, schauen uns um, schauen nach hinten und nach vorne und beschließen nach wenigen Sekunden: Hier halten wir es nicht aus, schnell ins Auto, wieder diesen Teufelsweg entlang. Meine Mutter, oben angekommen, fertig mit den Nerven, aber nach einigen Sekunden wieder regeneriert, ist bereit fürs Cap de Formentor, den nördlichsten Punkt der Insel, weil: Wenn wir schon mal da sind! Einen Cheeseburger in Pollenca später haben wir wieder Mut gesammelt für unsere letzte Begehung, steigen ins Auto, fahren diese schnittigen Kurven mit wenigstens 20km/h entlang und sind da. Um uns herum: Nichts, Stillstand, Wasser, eine Ziege, die wie eine Gestörte die Hänge auf und absteigt. Wir bitten jemanden, ein Foto von uns zu machen, trinken ne Cola und fahren heim.

Meine Mutter, mich mit dem Mietauto von der Arbeit abholend: Wir fahren heute nach Valdemossa und essen ein Eis! Ungnädige Kälte auf dem ansteigenden Berg und jackenlos wandern wir durch ein stilles Dörfchen, schauen uns hippieske Schals an und entschließen uns beide für Stracciatella. Meine Mutter, im Gespräch mit dem Navigationssystem: Ich seh doch an den Schildern, wos lang geht! In diesem Moment empfinde ich die nie endende Liebe für diese Person. Kurze Zeit später und wieder in Palma: Die Girls, prepared for the Party. Meine Mutter und ich im Nachtleben, meine Mutter und ich auf der Piste, meine Mutter und ich im Herzen von Palma. Wir haben da nicht so viel zu suchen, verstehen nicht, wieso man so spät nachts noch so ein großes Menü bestellen kann, laufen durch die Straßen und meine Mutter begibt sich im Wahn auf die ständige Hetzjagd nach den Zigeunerinnen, die ihr Geld gestohlen haben. Die Wut meiner Mutter, fast unbezwingbar. Am nächsten Tag essen wir trauernd einen Salat, bald steht ein Abschied bevor. In der letzten Nacht, in der sich meine Mutter auf der Insel befindet, schlafe ich 50 km entfernt von ihr ein.

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Mama im Wagen des Schreckens

Tage später: Der erste Regen auf Mallorca. Spätsommerlich liege ich auf meiner Matratze, die Hausherrin, Ungarin und Grafikdesignerin, gerade zu Besuch in Schottland. Die Häuser stehen so nah, dass man alles von GEGENÜBER hört: Sex, Schnarchen, Fernsehgeräusche. Die Fenster sind undicht, bei Gewitter steht mein Zimmer unter Wasser. Wird schon aufhören, denke ich und gehe spazieren. Zehn Minuten von meinem Haus zum Meer, Touristenstrand. Wenn man hier ewig nach links läuft, kommt man zum Ballermann, von dem man reichlich wenig spürt in Palma. Hier sind: Menschen, die sich gerne weiß kleiden. Shops, die von Japanern betrieben werden. Und einen gibt es, mit dem ich mich im Laufe der Zeit befreunde: Einen Straßenkünstler, der ständig malen möchte. Ständig! Und immer sage ich: Nö, und immer sagt er: Ok, bis morgen. Dann: Spanisch lernen auf der Dachterrasse, mal einen Ausflug mit der wahnsinnig langsamen Eisenbahn nach Soller, mal einen Redaktionsausflug, mal mit meiner wunderbaren Freundin G. „einen drauf machen, ja!“

Ich schreibe Berichte. Über: Alcudia, die Römerstadt, Alpakas, die als Heilmittel für aufmüpfige Kinder verwendet werden, einen ERASMUS-Studenten auf Mallorca. Ich begutachte die Universität, setze mich in ein Seminar, mache Albernheiten, hier kennt mich keiner – bis ich eine Halbfranzösin im Bus kennenlerne, wo ihre andere Hälfte geblieben ist – keine Ahnung. Sie sagt mir einiges, was ich nicht verstehe, ich rede auf kläglichem Spanisch, sie auf Französisch, zwischendrin passiert nicht viel außer einem Eis mit Kokosgeschmack, klar. Wenn ich morgens zur Arbeit laufe, bin ich froh: Der Stadtplatz bereitet sich auf die Touristenflut vor, ein paar halbgeschminkte Clowns sitzen grießgrämig auf den Treppen und starren den leeren Straßen entgegen. So ist das: Ich bin gerade reich. 2000 Euro angespart und restlos ausgegeben. An einem Tag sitze ich in einem roten Touristenbus, um mich rum: Hitze, ich fahre dreimal um die Stadt, beim zweiten Mal weine ich fast ein Kind an, so stark ist der Wind hier oben. In der Fischhalle kaufe ich Avocado und Garnelen, fünf will ich haben, aber fünf wiegen nichts und können deswegen nicht abkassiert werden, dann das kleinstmöglichste, sage ich, vielleicht auf spanisch, und ich bekomme ungefähr 20. Zuhause dann: Die Garnelen zubereiten, waschen, anbraten, schälen, zwölf wegwerfen.

Am Abend gehe ich ins Reichencafé, manchmal bestelle ich ein Baguette, manchmal einen Eistee, ziemlich oft ein Bier und wenn ich mich ok fühle, dann auch einen Cocktail. Was ich da will: Internet, das gibt es in meinem Haus nicht. Die ersten Menschen, mit denen ich tagsüber rede: Diejenigen, mit denen ich Interviews über ihre Kunst mache oder diejenigen in der Redaktion oder diejenigen, die mir Tickets für Touristenattraktionen verkaufen. Ich überlege ziemlich viel und schreibe E-Mails im Café. Neben mir: Ein wohlbeleibter Anzugträger, der sich eine aus München hat einfliegen lassen. Sie will feiern, etwas unternehmen, er will eigentlich nur ins Hotel. So ist das. Im Café rauche ich Filterzigaretten und mache mir besondere Frisuren; ziemlich oft ziehe ich auch für mich eher ungewöhnliche Abendgarderobe an. Ich schreibe vereinzelt Postkarten, die meisten davon behalte ich, einmal färbe ich mir die Haare.

Irgendwann ist Maren zu Besuch, ich kenne noch nichts. Am Abend gemeinsamer Aufenthalt auf der Dachterrasse mit einem Salat, manchmal mit Eva, die sich meistens schnell wieder verflüchtigt, aber zu bestimmten Zeitpunkten auch einen Wein mitbringt. Nach meiner Arbeit treffe ich Maren am Meer, an der Bushaltestelle, in guten wie in schlechten Tagen, mit einer Mango. Einen roboterartigen Tauchausflüg später machen wir Unternehmungen, nachts, verlaufen uns, ich mache ziemlich gute Scherze mit meiner Unterwäsche, Maren lernt Erasmus-Leute kennen und bei La Seu gibt es viele Fledermäuse. Wir spielen Fußball mit einer Orange, ein Perverser will uns ECHT GERNE KENNENLERNEN. Maren: Noch brauner! Unsere Gespräche: Taxifahrer, Soller, Eva, meine Arbeit, unendlicher Spaß. Ich gehe in die Bibliothek, lese Kinderbücher auf Spanisch, Zeitungen auf Spanisch, alles auf Spanisch, nur Romane, die traue ich mich nicht. Manchmal erzähle ich einem Kellner, was ich hier mache, manchmal erzähle ich von dem Besuch meiner Mutter, manchmal interessieren sie sich, manchmal nicht, manchmal lege ich ein paar Euro in den Hut eines Musikers und manchmal schmunzle ich dabei nicht. Vorbei an Pferdekutschen, so läuft das: Der Weg nach Hause, an unzähligen Kirchen vorbei und gar nicht wissen, wo man eigentlich wohnt. Hä? Ich kaufe endlos viele Bücher. Nach ungefähr einem Monat drehe ich durch.

Wenn man sich auf einer Insel befindet, trifft man immer dieselben Menschen: Den, der vor der Kirche bettelt, die Supermarktverkäuferinnen, die wissen, dass ich immer eine bolsa brauche und mich jedes Mal über meine Tasche ärgere. Am Morgen fahren G. und ich mit Kopftüchern und Sonnenbrillen (das ist mein Ernst!) im Cabrio (das auch!) zur Arbeit, manchmal hören wir noch richtig coole Radiomusik dazu. Einmal, beim Abendessen mit einem befreundeten Pärchen, knalle ich mit dem Schädel gegen den Schrank im Flur – und das, obwohl ich mich doch heimlich aus dem Staub machen wollte! Macht nichts, aber oberpeinlich, denk ich. G. und ihr Freund heben mich auf, demnächst bitte nur noch mit Kissen rausgehen, das ist der Tipp, und als ich nach etlichem Wehklagen endlich durch die Tür geschlichen bin und um 2 Uhr nachts in einer diesen engen Gassen stehe, bei denen man nie weiß, ob man nach rechts oder links gehen soll, denke ich: Man, mir ist schwindlig. Auch schwindlig: Beim Besuch auf dem mallorquinischen Oktoberfest. Wow. Ich bin fast verzweifelt, aber die Getränke sind frei und manche, die gar nichts mit mir zu tun haben, interessieren sich für mich. Relativ früh laufen wir heim.

Ich warte auf Pia, die kann aber nicht. Auch der Rest auf dieser Insel funktioniert kaum. Und dann wieder: Einen Crepes essen! Morgens schwimmen gehen! Einen Brief schreiben! In eine Disco gehen! Mit irgendwelchen nachts an einem Bordstein sitzen! Ich halte diese Stimmungsschwankungen fast nicht aus, verbringe viele Nächte mit Büchern auf der Dachterrasse, meine Haut wird besser, sagt meine Mutter beim Besuch, Salzwasser und so, sage ich, dann trennen sich unsere Wege. In meinem Gehirn passiert vieles, vor allem: Eine Evakuation von allen Ängsten. Nachts drehe ich manchmal absolut durch. Unser Badezimmer ist rosa lackiert oder so, meine Mitbewohnerin eine fast 50-jährige Künstlerin, einmal nehme ich bei einem Malkurs teil. Gut, sagt eine Engelfrau, welch Farbwahl! Kann ich nur zurückgeben, sage auch ich. Wir lernen etwas über alles Mögliche und vor allem Farben, im Gespräch danach bin ich erschöpft. Ein sinkendes Schiff, vermutet meine Mutter per SMS. Ich kaufe einen Hut und mache Ausflüge über die ganze Insel, besichtige Römerstädte, lese viel über die Historie und lasse mich in Kunstgalerien einladen. Die meisten sind deutsch, ich finde etwas wie einen Slum und kaufe eine Cola. Komisch: So lang bin ich schon hier, keinen Deut braun geworden. Plötzlich bin ich Joggerin: So kenn ich mich gar nicht, frontal Richtung Ballermann joggend. Ich lerne einen kennen, der sagt mir etwas von einer Band, deren Name ich kenne, weswegen ich vermute, dass ich ein Fan bin. Er fliegt, sagt er, morgen nach Ibizia, von da nach Barcelona, die Flüge sind ja alle ganz günstig. Vielleicht, entschließe ich, mag ich die Band doch nicht so gern, dass ich direkt ein Konzert besuchen müsste. Meine Abreise: dramatisch, die Muttergefühle: überwältigend. Weinerliche SMS an G., unsere Hüte vermissend, aus dem Flugzeug.

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Mama und ich in Valdemossa.

Meine Mutter, am Küchentisch in Regensburg sitzend, mit Lockenwicklern in den Haaren, einem halben Brötchen vor sich liegend und eine Essiggurke in der Hand, kurz nachdem ich das Haus betrete: Was hast du da gelassen? Ich, etwa drei Kilo leichter, friedfertiger, beruhigter und bei -3 Grad ohne Jacke in München angekommen, habe zum ersten Mal ATMEN können am Flughafen: endlich kalte Luft. Das Bild, das ich gemalt hab, hab ich da gelassen, ein Buch, ein Handtuch, Sonnencreme, einen Reiseführer, ein Kleid, ne Menge Kohle. Hast du einen schönen Aufenthalt gehabt, wie wars am Ballermann?, sagt einer. Danach trenne ich mich von vielem und streichle ein bisschen die Katze.

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Von Rentnerhass und Diktatorenliebe: Warum der DERM gefährlich ist.

Der Exilfranke, Student der Kulturwissenschaften und Handyexperte Philipp Müller hat Angst, Angst vor dem Derm, vor uns, vor Juli Zucker und Andreas Thamm. Der junge Journalist formuliert nicht unerhebliche Vorwürfe. Wir fühlen uns geehrt.  

Bei immer mehr jungen Menschen heißt es fast drei Stunden täglich „ich bin dann mal online“. Die Folgen sind bekannt: Unkonzentriertheit, Gedächtnisverlust und Aufmerksamkeitsspannen, die über einen Tweet (so nennt man Kurznachrichten auf twitter.com) kaum mehr hinausgehen. Die Jugend verblödet, das ist also hinlänglich bekannt. Dass in dieser Zeit ein Blog geboren wurde, der stark nach Innereien und Hautkrankheiten klingt, ist hier kaum verwunderlich. Über einhundert solcher Blogs soll es im World Wide Web bereits geben – und es werden immer mehr.

Ein Blog ist so etwas wie ein Tagebuch, das für alle offen liegt. Das ist zwar weder interessant noch spannend, scheint aber für viele junge Menschen eine willkommene Alternative zu bezahlpflichtigen qualitätsjournalistischen Tages- und Wochenzeitungen zu sein – hoch leben die Kostenloskultur!

Doch was genau am DERM ist so gefährlich?

überraschungDer Derm wird größtenteils von den sich langweilenden Geisteswissenschaftlern Andreas Thamm und Juli Zucker betrieben. Letztere veröffentlichte zuletzt am 15.03.2010 in der linksnationalen Hetzzeitschrift „lauter niemand“ einen Text, in dem ihre Gesinnung mehr als deutlich wird. „Nackt und halbnackt, meine Unterwäsche im Park und in den brennenden Augen älterer Widersacher.“ [Wir verzichten an dieser Stelle darauf, die indizierungswürdige Analsexpassage zu zitieren.] Andreas Thamm schreibt größtenteils nichtssagende und klamaukähnliche Texte über seine Liebe zur Kim Jong Il – Dynastie. Beispielhaft sehen wir also die beiden großen Kernthemen des DERM: Rentnerhass und Diktatorenliebe.

Ein weiterer gefährlicher Aspekt ist die Herkunft der beiden sog. „Autoren“. Dass ein Franke (irre zwar, dennoch aus gutem Hause) sich mit einer Bayerin einlässt, zeugt von seiner vollkommen rückgratlosen Haltung  gegenüber übermächtiger Autoritäten. Wer sich dem Besatzer anschließt oder mit ihm kooperiert, war schon immer und ist auch heute noch ein Vaterlandsverräter. Beweise hierfür liefert das Aufklärungsvideo der Frankenpartei „DIE FRANKEN“.

Der Derm ist gefährlich. Lassen Sie ihn uns bekämpfen!

 

Nächste Woche: Eine ehemalige DERMleserin versucht den Ausstieg – Protokoll des Scheiterns

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Der Wust palavernder Stimmen: Clemens Meyer – Im Stein

Man kann nicht unvorbelastet an ein zu rezensierendes Buch herantreten. Man kennt den Autor oder hat von ihm gehört, man findet das Cover schick oder grässlich, man hat den Titel gelesen und den Klappentext. Im Fall von Clemens Meyer bin ich in besonderem Maße vorbelastet. Im Nachhinein kommt es mir so vor, als habe ich „Als wir träumten“ und „Die Stadt, die Lichter“ zum richtigen Zeitpunkt gelesen: Aus der obligatorischen Bukowski-Phase kommend und ausgestattet mit der Empfänglichkeit für Meyers Versuche einer ehrlichen Prekariats-Romantik. Aber ungeachtet meines Zustandes: „Als wir träumten“ ist ein großer Roman, eine der stärksten langen, deutschsprachigen Erzählungen, die mir bekannt ist.

Ich wollte „Im Stein“ nicht wegen der Longlist des Deutschen Buchpreises lesen oder wegen der Beurteilung einer Relevanz innerhalb des Betriebs und der Welt. Ich wollte „Im Stein“ für das eigene, subjektive Lesevergnügen, das „Als wir träumten“ mir noch beschert hatte, lesen, sonst nichts. Und darum fühle ich mich betrogen.

Dass auf dem Buchrücken von einem „vielstimmigen Gesang der Nacht“ die Rede ist, hätte argwöhnisch machen können. Aber was sagenim stein schon Klappentexte. Tatsächlich handelt es sich bei der Anlage von „Im Stein“ um ein ambitioniertes Projekt. Meyer versucht sich an der Illusion des Autors, der mit dem Mikrofon in der Hand durch die Halbwelt der Zuhälter und Prostituierten wandelt. So könnte man das etwas vereinfacht, ungeachtet der Multi-Perspektiven, ausdrücken. Im Grunde ist es das: Der Wust palavernder Stimmen aus der Unterwelt. Meyer will hier, anders als zuvor, nicht erzählen, sondern weben, einen Teppich aus überlieferten Geschichten, der eine darunterliegende Wahrheit erkennen lässt. Ich finde: Clemens Meyer ist ein Erzähler.

„Im Stein“ aber ist keine große Erzählung, baut keine Bögen, etabliert kaum unverwechselbare Charaktere. Im Stile eines Auktionators führt Meyer seine Figuren vor, Arnie Kraushaar, der Bielefelder, Magda, die Engel, manche tauchen wieder auf andere nicht, alle sprechen, als habe jemand auf einen Knopf gedrückt, aber sie erzählen nicht, sie labern: „Das Wort Fotze habe ich als Schimpfwort nie benutzt, da habe ich viel zu viel Respekt vor Frauen. Aber zurück zum Thema: Sie haben doch keine Ahnung, überhaupt keine Ahnung. Ich kann Ihnen was erzählen, kann Ihnen jede Menge erzählen über Zuhälter passend zum Anlass …, kann Ihnen da viel erzählen, aber mein Beruf, oder sagen wir: das, was ich mache, mein Job, meine Profession? Nein. Und was soll das hier überhaupt darstellen?“ Es gibt in diesem Buch zu viele Zeilen, voll mit Wörtern, aber ohne Inhalt. „Im Stein“ hat 558 Seiten. Es sollten 200 sein, maximal, eingedampft, präzise, pointiert, die kontrollierte Nicht-Struktur in stabile Rahmung gebracht, das wäre schön.

Ein solches Buch, ein mühsames, zu lesen, ist eben immer auch eine Selbstbeobachtung. Ich offenbare mich mir selbst, nicht zum ersten Mal, als ein fauler Leser, wenig leidenschaftlich für den Berg, den Meyer mir zur Überwindung vorgesetzt hat. Ich will abgeholt werden. Ich kann nicht folgen. Ich bin nicht geeignet. Das heißt nicht, dass ich an anspruchsvoller Literatur grundsätzlich scheitere, bestimmt nicht, nur, dass es mir zuwider ist, mich durch ein Buch zu quälen, bei dem der Anspruch eben nur daraus zu bestehen scheint: Die Mühe, die mir gemacht wird, ein Selbstzweck, als müsste der Autor der Welt etwas beweisen. Sperrigkeit ist zu oft nur der Anschein von Qualität. Redundanz kann ein Mittel sein, aber bitte keines der Beweisführung ihrer selbst. Literatur soll nicht trivial sein, genauso wenig aber störrisch aus Prinzip.

Vor allem dann nicht, wenn das, was erzählt und angedeutet wird, so fürchterlich erwartbar und so ganz und gar nie überraschend ist. Der Lude Arnie studiert jetzt nebenbei BWL, okay, die Prostitution ist ein großes Geschäft, eine Erkenntnis, die 2013 schon nicht mehr schockierend sondern schon bieder ist. Ein ehemaliger Boxer tritt auf, sonst wär es ja kein Clemens Meyer. Wenn die Bewegung der Menschen durch die Stadt ein ungeordnetes Fließen ist und die Gesichter derselben weiße Masken wie aus Schnee, so handelt es sich nicht mehr um literarische Bilder, sondern schon um Floskeln.

Es ist Meyer anzurechnen, dass hier Sprache nachvollzogen wird. Dass Dynamiken der Erinnerung Einzug halten in den Text, dass die Nullaussagen der täglichen Kommunikation literarisiert werden sollen. Der atmosphärische Über-Eindruck, der dabei potenziell entstehen könnte, ist aber eine Illusion, solange die einzelnen Bestandteile, so sehr auf ihrer Banalität pochen. Das ist umso frustrierender, wenn man darüber nachzudenken beginnt, was der Erzähler Clemens Meyer aus dem vorliegenden Material tatsächlich hätte machen können. Die „Kanacken-Attacken“, die ewig im Hintergrund drohenden „Engel“, Erpressung, Geldnot, koksende Jockeys, Bahnhofskneipen – nichts wird erzählt, alles angedeutet.

Die wenigen Stellen, an denen das Buch etwas liefern kann – ein erzählendes Moment, eine Überraschung, so etwas wie Effektivität – findet man eher da, wo das Geschehen das ewige Klischeepalaver des Milieus verlässt. Hans Pieszeck, rechte Hand des Arnie Kraushaar, fährt ans Sterbebett des Vaters in die Heimat: „Und er wollte nicht aufs Grabe der Mutter blicken. Direkt neben dem Loch in der Erde. Seit fast zwanzig Jahren schickte er Blumen auf ihr Grab. Vorhin hatte er Tannenzweige unterm Schnee gesehen. Wie haben sie nur das Loch in diese steinharte Erde bekommen? Mit einem kleinen Bagger wahrscheinlich.“

Da flackert die Literatur, die mich befriedigt hätte, schlaglichthaft auf. Und wird verschluckt von öden Sprachmühlen. „Im Stein“ sollte eben kein Buch werden, das meine primären Entertainmentbedürfnisse befriedigt. Es sollte experimentell sein, im Weitesten, ein ehrlicher Brocken zum Niederringen. Darüber ist es – und das hätte nicht sein müssen –  langweilig geworden; und ein bisschen egal.

  

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