Archiv für den Monat Oktober 2013

ALLES ÜBER KRAKAU

ALS KASZIMIERA KOWALSKA DAS ERSTE MAL AM FENSTER SITZT UND AUF MICH WARTET empfinde ich bereits keine Schuldgefühle mehr gegenüber dieser winzigen Frau, der ich als Gastgeschenk eine mindestens zwei Kilo schwere Bonbonière voller Gummibären schenke, wozu mir die russische Arbeitskollegin meiner Freundin riet, die behauptete, die Polen seien verrückt nach deutschen Gummibären, da sie dort nur in sehr schlechter Qualität produziert werden würden. Auch der Verkäufer im Gummibärenland empfahl mir, die Edition mit den Eiern und Hühnern zu kaufen, da Polen – obwohl er sich sicher war, ich hätte mir ein besseres Reiseziel überlegen können und es mache bei Weitem auch keinen Sinn, dort einen Sprachkurs zu absolvieren – praktisch süchtig nach Ostern sind. Obwohl ich nicht herausfinden kann, für wie wichtig Frau Kowalska Ostern hält, sind die Gummibären, die ich ihr frisch zum Ankommen serviere, keine Basis für unser weiteres Zusammenleben: Frau Kowalska hat vor einigen Jahren die Siebzig überschritten und ist nicht mehr in der Lage, diese osterlichen Gummibärchen zu kauen. Und so stehe ich in der Küche von Frau Kowalska, nach 50 Minuten Flug, 4 Zloty für die Fahrt mit der Tram und nach einer Nacht in einem Zwölfbettzimmer im Hostel, die ich nur überlebte, weil ich mich an dem Gedanken festhielt, nichts könnte schlimmer sein als das Schneegestöber, das mich überfiel, als ich am Bahnhof in Krakau ankam und meine etwa 20 Kilo schwere Tasche zwei Kilometer und einen kleinen Umweg ins Hostel schleppte, während ein Verrückter mich mit einem Schneeball bewarf.

Frau Kowalska scheint mich bei meinen Vorhaben in Krakau zu unterstützen, denke ich, wovon ich aber nicht viel verstehe, rein technisch, weil ich zu dem Zeitpunkt keinerlei Gespür für Polnisch vorweisen kann und Kowalska mit ihren mindestens 75 Lebensjahren auch nur über einen sehr geringen deutschen Wortschatz verfügt, den sie, sooft wir uns unterhalten, mit langsamen Handbewegungen auszugleichen versucht. Als ich am ersten Abend mit einem Käsebrot am Küchentisch sitze und sie mit ihren unfassbar langsamen Schritten das Zimmer betritt und mich grübelnd über dem Stadtplan findet, deutet sie mit ihrem runzligen Finger auf einige Orte auf der Karte, über die sie mir irgendetwas auf Polnisch erzählt, während sie sich einen Pfefferminztee macht, ein Brot schmiert, es mit ins Wohnzimmer nimmt und ich in ein Ritual eingeführt werde, an dem ich jetzt zwei Wochen lang teilhaben werde: Das Highlight von Frau Kowalskas Tagen sind die Nachrichten um sieben Uhr, die sie sich, bequem in ihren grünen Samtsessel sitzend, einverleibt, aber wenn es besonders spannend wird, erwische ich sie auch mal mit Kopfhörern vor dem Fernseher stehend, den Teller mit dem Brötchen unangerührt auf einem kleinen Tisch daneben stehend. Natürlich gehe ich am ersten Abend in eine Bar, natürlich bestelle ich da „den besten Wodka des Hauses“, natürlich bin ich sofort betrunken, natürlich muss ich mitten in der Nacht ewig durchs gefährliche Viertel von Krakau nach Hause laufen und natürlich fürchte ich mich dabei ein wenig vor der Wut von Frau Kowalska.  

Grundsätzlich scheint Frau Kowalska mehreren Ritualen nachzugehen: Beim Kochen benutzt sie nie einen großen, sondern mindestens vier kleine Töpfe; die Tür zu Dusche oder Toilette sperrt sie aus Angst nie ab, aber die Haustüre, sagt sie, solle immer gut verschlossen sein, was sie auch tagsüber desöfteren überprüft. Einmal wöchentlich verlässt sie ihre Wohnung, um mit winzigen Schritten die Jozefinska entlang zum Supermarkt zu gehen, was sie nur unter Schnauben beendet, wobei ich ihr meistens die Jacke und Tasche abnehme und sie in ihren Sessel hieve, um danach die Einkäufe in ihre Schränke zu räumen. Frau Kowalska und ich haben etwas gemeinsam: Wir pflegen nicht besonders viele soziale Kontakte in Krakau. Nur mittwochs bekommt sie Besuch von einer Frau, die scheinbar im selben Haus wie wir wohnt und dafür verantwortlich ist, dass die eh schon penibel gesäuberte Wohnung, für deren Instandhaltung Frau Kowalska jeden Montag mit einem uralten Besen sorgt, auch weiterhin gesäubert bleibt. Unsere Gespräche sind nur eine Andeutung, ich zähle Frau Kowalska das auf, was ich tagsüber im Sprachkurs lerne, sage die Namen der Museen, die ich besuche, und sie sagt manchmal ein, zwei Wörter auf Deutsch. Ich bin begeistert und zutiefst bestürzt, als sie mir relativ deutlich erklärt, ihr Sohn lebe ihn London, ihre Tochter sei in meinem Alter gestorben.

Meine Tage verbringe ich mit meinem Polnisch-Kurs; als einzige Anfängerin genieße ich große Vorteile und komme in kurzer Zeit sehr weit, um mich gut auf meine Abschlussprüfung vorzubereiten, um nach jeder Stunde mit der Tram in die Innenstadt zu fahren und in meinem Lieblingscafé eine Quiche zu essen. Mit Marcin, den ich nach kurzer Zeit kennenlerne, ein Pole, der Medizin studiert und in Deutschland als Arzt arbeiten möchte, was der Grund für sein gebrochenes Deutsch und sein Interesse an mir ist, verabrede ich mich bei einer Kürbissuppe für einen Ausflug nach Auschwitz. Am nächsten Morgen steigen wir in einen kleinen Bus, der uns nach Oswiecim bringt. Wir reden meistens Englisch, was uns beiden relativ schwer fällt, ich frage ständig danach, wie sich Deutsch für ihn anhört, er sagt, die Deutschen sind immer wütend, ich sage, das kann nicht sein, die Russen sind immer wütend, Marcin fragt, ob ich drogenabhängig bin, ich sage nein, er fragt, wieso ich mir dann ständig Joints drehe, dann lachen wir und essen dabei Salamibrötchen. Wir wählen eine englische Gruppe und sind natürlich davon entsetzt, wovon jeder entsetzt ist, der Auschwitz besucht: der eisigen Kälte und der Größe des Geländes, den Einschusslöchern, dem Berg von Schuhen, Haaren und Brillen und den Schweigeminuten in den Krematorien. Ich schäme mich ein bisschen, weil mir arschkalt ist und ich lieber wieder in den Bus möchte und mir ein Salamibrot wünsche. Als die Führung nach zwei Stunden beendet ist und wir uns auf dem Heimweg befinden, sagt Marcin, er sehe das genauso, auch er habe unfassbaren Hunger gehabt, während wir spaziert sind, den Rest der Busfahrt schläft er mit offenem Mund. Am Bahnhof in Krakau verabschieden wir uns, ich bitte Marcin um Tipps für Discos, in die ich gehen kann, er zählt ein paar auf, ich frage genauer nach, wie man sich anziehen soll und was da so gespielt wird, er antwortet „sexy of course“, danach treffen wir uns nie wieder. Der nächste soziale Kontakt, dem ich begegne, ist Madga, mit der ich ins Café gehe, in dem sie mir von einem Wasserrohrbruch in ihrer Wohnung erzählt. Sie habe kein Geld, der Hausmeister stehle ständig den Besen vom Flur und beschuldige danach sie, und ich lasse mich schließlich nicht lange bitten und bezahle ihr Kakao und Möhrenkuchen, mehr aus Genervtheit als Freundlichkeit. Unser Gespräch dauert keine halbe Stunde, dann haben wir keine Lust mehr aufeinander, ich nicht mehr auf ihre Geschichten vom Zigeuner-Großvater und sie nicht mehr auf mein dämliches Grinsen, das sich in meinem Gesicht befindet, seitdem ihr der Kuchen neben den Teller geflogen ist.

Jeden Tag besichtige ich irgendetwas, vom Schindler-Museum bin ich begeistert, das Museum of Contemporary Art ist ganz nett, obwohl ich Kunst gar nicht so interessant finde, einmal bin ich sogar auf dem Weg ins Museum für japanische Faltungskunst oder so, verliere aber die Lust, drehe um und finde am Königsschloss Wawel eine Drachenhöhle inklusive Drachenskulptur, die wohl Feuer speien soll, wenn man eine SMS an die und die Nummer schickt. Nachmittags gehe ich ins Café, erledige meine Hausaufgaben, lerne ein paar Vokabeln, suche mir Raucherräume, schreibe ein 80-Seiten-Drama in zwei Tagen und erfinde Geschichten von alten, sportlichen Männern, die 100 Kilo schwere Hunde in die Weichsel werfen. In der Eszeweria, nach wenigen Tagen mein Lieblingslokal, verliebe ich mich in eine Vorstellung von dem Gefühl: Sich-Wohl-Fühlen. Ich schreibe dramatische Mails im Kerzenlicht, der Holzboden knarzt natürlich, ich baue Laptop und so Zeug auf, dann werde ich von einer Zigeunerin überfallen und am Nebentisch sitzt eine Familie, bis auf den Vater komplett in Pink gekleidet.

Irgendwann beschließe ich, dass meine kulturelle Bildung leidet und ich mal ein Theaterstück ansehen muss. Ich wähle das Juliusz-Slowacki-Theater aus offensichtlichen Gründen, kaufe mir ein Ticket für den polnischen Zauberer von Oz und sitze inmitten ungefähr 700 Schülern, die sich vermeintlich über mich aufregen, weil ich zu groß bin und dann erschrecken, als ich auf kläglichem Polnischen antworte, ich spreche überhaupt kein Polnisch. Davon erzähle ich am Abend Frau Kowalska, die meine Essgewohnheiten nicht versteht. Einmal zeigt sie auf den Kühlschrank, auf Joghurt, Käse und Butter und erklärt, wir jungen Menschen kaufen immer nur Unsinn, wir sollen mal etwas Gesundes essen und legt mir relativ behutsam einen Sahnefisch vor die Nase, den ich vorerst recht höflich ablehne, was aber chancenlos bleibt. So sitzen Kowalska und ich in meiner letzten Woche in Krakau an einem kleinen Tisch und essen gemeinsam diesen Fisch, tunken Brot in die Sahnesauce und als ihr der Fisch von der Gabel auf ihr pinkfarbenes Oberteil fällt, auf dem sich deutlich abzeichnet, dass sie längst das Alter überschritten hat, in dem man Bhs trägt, frage ich, ob ich sie fotografieren darf. Als sie mich nicht versteht und mit den Schultern zuckt, lichte ich sie ab.

Nach zwei Wochen kenne ich Krakau einigermaßen: Ich bin über die Weichsel gelaufen, habe einen Stunt auf Glatteis gemacht, mir Piroggi einverleibt, bin zum Königsschloss spaziert, habe Wahrsagerinnen am Stadtplatz beobachtet, war in irgendwelchen unterirdischen Museen und habe vegetarisch in Milchbars gegessen; ich habe Klezmer-Konzerte gehört, Kunst begutachtet, mich den Kazimierz verliebt, bin laut Zertifikat und zu 87% Polin, aber als ich nach einem einstündigen Flug, einer nervenaufreibenden Nacht, einem Vorstellungsgespräch in Berlin und drei Stunden Zugfahrt endlich zu Hause ankomme, denke ich nur an Frau Kowalska und daran, dass sie nur jeden Mittwoch Besuch bekommt und wie sie in ihrem pinken Oberteil allein am Küchentisch sitzt, mit niemandem redet und ihr der Fisch auf den Busen fällt. (jz)

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ZUM THEMA: GERUCH / GESTANK

Herzlich Willkommen in unserer neuen Superkategorie SYNCHRON. Wöchentlich erscheinen zwei Beiträge zu einem Thema, auch Gastautoren sind gerne gesehen. In dieser Ausgabe lautet das Thema: GERUCH/GESTANK

KATEGORIE A: ANDREAS THAMM ÜBER GERUCH

Es ist weniger lange her, als ich es gern hätte, dass ich noch mit heiligem Ernst Gedichte schrieb, mit Sprache und Verdichtung und so, schreckliches Zeug. Heute ist mir das zu blöd und ich möchte niemand etwas vormachen, das heißt, ich will mir selbst nix vormachen. Solange ich es vermag einer Jury etwas vorzumachen, ist alles okay. Ich will davon ausgehen, dass das die meisten Lyriker, die keine Pfauen sind, heutzutage so handhaben. Aber manchmal funkt etwas in meinem Gehirn und es brizzelt und dann fällt mir das mit dem Geruch von Neuwagen ein, der über der Stadt schwebt oder hängt, oder so. Das war ein Vers. Hab ich selbst gemacht. Und das war stark. So stark, dass ich da manchmal dran denken muss, Geruch von Neuwagen, über der Stadt, Wahnsinnszeug. Vielleicht hat das aber auch nur mit meiner persönlichen Vorliebe zu tun. Am besten ist immer, wenn Papa ein neues Auto hat. Das war sogar schon immer am besten. Das Zwickauer Unternehmen „Reima“ packt den Duft der flüchtigen organischen Verbindungen, die aus verbauten Materialien verdampfen“ seit 2000 erfolgreich in Dosen. Neuwagenduft für daheim und jede Gelegenheit, für olle Gebrauchtwagen und untern Arm. Dabei ist dieser Neuwagenduft sozusagen nur ein Nebenprodukt der Automobilherstellung und vom Hersteller im Regelfall gar nicht erwünscht. Der Kunde freut sich im Regelfall trotzdem ein Auto zu erstehen, dass neu riecht und er freut sich jedes Mal festzustellen, dass er noch immer nicht gewichen ist, der Neuwagenduft. Wenn ich Psychologe wäre, würde ich die Theorie aufstellen, dass es nicht der Geruch an sich ist, der ein positives Gefühl auslöst, sondern seine Verknüpfung mit der Investition in etwas Hochwertiges. Ich selbst schnuppere noch manchmal an der Tastatur meines Laptops, beseelt von der stupiden Hoffnung, der Geruch von Neulaptop sei zurückgekehrt. Ist er aber nicht. Zwischen den Buchstaben türmen sich Essensreste. Vielleicht schreibe ich mal ein Gedicht darüber, wahrscheinlich aber nicht.

KATEGORIE B: JULI ZUCKER ÜBER: GESTANK

Gestank ist immer meine Oma, die in der Waschküche sitzt und ihre Taube rupft. Ein orangener Eimer, der neben ihren stattlichen Waden steht, ein alter Holzstuhl und ihre kleinen, runzligen Hände, die kurz zuvor der Taube einen Holzscheit auf den Schädel geschlagen haben. Meine Oma, wie sie die Taube in die Waschküche trägt, meine Oma, wie sie das Köpfchen der Taube an ihre rotgesprenkelte Schürze drückt, meine Oma, wie sie sich setzt, die Ärmel nach hinten krempelt, die Taube auf ihrem dicken Bauch ablegt und zu rupfen beginnt. Die Hände meiner Oma, die eine Feder nach der anderen aus der Taube reißen, meine Oma, die dabei etwas erzählt, meine Oma, die die Taube überprüft, meine Oma, die mit ihrem Finger über die nackten, freiliegenden Poren dieser Taube fährt. So ungefähr: Meine Oma hebt die Taube gegen die Lampe und überprüft mit ihren phantastisch blauen Augen, ob man sie jetzt in Ruhe einfrieren kann. Meine Oma, die die Taube wieder aus dem Gefrierschrank nimmt und etwas mit ihr macht. Ich bin zwischen sechs und zehn, zwischen einem Meter und eins zwanzig, die Taube liegt in der Soße und hier lerne ich Gestank.

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Das Opferlamm der Rave-Schizophrenie. Sven Regener – Magical Mystery oder Die Rückkehr des Karl Schmidt

Ich habe Sven Regeners Bücher, Herr Lehmann, Neue Vahr Süd, Der kleine Bruder, mit inniger, heißer Liebe bedacht, aber das ist schon was her, und seitdem sind viele Bücher die Hirndonau hinunter gegangen und manche waren besser als Neue Vahr Süd und andere waren schlechter, das sind die meisten. Und deshalb musste ich, mit fast nostalgischer Sehnsucht, Magical Mystery lesen. Das ist klar.

Karl ist wieder da. Karl Schmidt, der beste Freund des Frank Lehmann. Karl hat als Figur eine gewisse Karriere gemacht, die er Detlev Buck verdankt, der ihn in Haußmanns Verfilmung des Regenerdebüts verkörperte, ein Film, der sämtliche Superlative verdient, wenn man mich fragt. Es ist insofern berechnend zu nennen, dass Sven Regener ein viertes Buch schreibt, es in derselben Welt ansiedelt, dabei jedoch den hyperpopulären Sidekick zum Protagonisten befördert. Und andererseits ist es genau das nicht, als es sich bei Karl Schmidt, wie wir ihn im neuen Roman vorfinden, nicht um denselben Karl Schmidt handelt, auf den man sich, womöglich an Detlev Buck denkend, den riesigen Detlev Buck, der den Kiffer vorm Einfall durch die Luft wirbelte, gefreut hatte, sondern um einen geläuterten Karl Schmidt, einen trocken gelegten, entgifteten, nüchternen Karl Schmidt, Hausmeister und Tierpfleger im Kinderheim in Hamburg Altona.

Es verhält sich mit Sven Regener ähnlich wie mit Clemens Meyer, die beide ihre Vorschusslorbeeren aus dem Weg schnibbeln und die primären Hoffnungen und Erwartungen nicht erfüllen. Nur eben auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Meyer schreibt plötzlich Prosa, die sich des Zugangs verweigert, Regener schreibt immer noch realistisch und zaubert mit leichter Feder seinen Milieuhumor. Und weil die Zeit in der Lehmannwelt voranschreitet, ist es nicht mehr das Verweigerer-WG-Milieu oder ein Kreuzberg-Kneipen-Mileu, sondern, willkommen 90er-Jahre!, ein Techno-Druffi-Milieu, durch das der Protagonist einmal quer durchgeschoben wird und dann ist alles klar.

magicalDamit ist im Prinzip alles gesagt. Karl Schmidt ist clean, lebt in der Ex-Drogi-Wg Clean Cut 1 und arbeitet im Kinderkurheim inklusive Minizoo. Das könnte auch alles so bleiben, er würde täglich die beiden fiesen Affen füttern und sich in regener’scher Intimreflektion darüber auslassen, dass Kaffeemaschine-Entkalken eine Sache ist, die man immer machen sollte, aber nie macht oder darüber, dass jemand „der sich beim Anblick eines frischgewaschenen Pümpels, die Nase zuhält“ kein ganz schlechter Mensch sein könne, und dann wäre das alles ganz okay so, inklusive Drogen-Plenums oder -Plena oder -Plenata im Clean Cut 1. Dann taucht Raimund auf. Man kennt sich von früher, hat zusammen Musik gemacht, Glitterschnitter, mit Karl an Trennschleifer und Bohrmaschine. Auch Ferdi, der Mann für die pathosgeladenen Ansprachen im Roman, war dabei, und jetzt gehört den beiden, also Ferdi und Raimund, das Label mit dem onomatopoetischen Namen BummBumm, welchem nach Karls Verschwinden in Richtung Klapsmühle der finanzielle wie ästhetische Durchbruch gelang. Anstatt nun also seinen Urlaub auf Kur zu verbringen, lässt Karl sich als Tourfahrer engagieren. Er eignet sich dafür aufgrund seiner Nüchternheit und Kinderheimskills – „voll das Ledernackending“ – denn früh um 8 sollen die Raver, so die Labelchefs, aus den bespielten Clubs gezerrt werden.

„Magical Mystery“ – so heißt die Tour. Das kommt eigentlich von den Beatles, wie jeder Nebencharakter weiß, gehört jetzt aber BummBumm. Es soll hippiemäßig werden, Techno auf Tour, aber mit Anspruch, das ganz große Ding, von der die Szene irgendwann ihren Enkeln erzählen wird, nichts anderes als: „Die Erneuerung des Raves.“ Oder: Ein Haufen hypersensibler Neurotiker, im Tourbus zusammengesperrt, bis unter die Augenbrauen voll mit Koks, plus Lolek und Bolek, zwei Meerschweinchen, die allesamt von Charlie, dem Ex-Druffi durch Deutschland gekarrt werden, der nicht mehr darf, aber eigentlich manchmal schon ganz gerne würde. Wenn das mal, wird sich Sven Regener gedacht haben, keine Konstellation für einen Roman ist.

Was ihm mit der Trilogie zuvor schon gelang, gelingt Regener freilich wieder: Die spezifische Kommunikation der ganz normalen Idioten mit liebevoll spöttischem Blick offen zu legen. All das Gelaber läuft durch die Literaturpipeline aus den Hirnen von DJ Schulti oder den HostiBros oder Ferdi und Raimund und durch den gesettelten Filter Charlie und schließlich in meines rein. Und wenn es nur das wäre: Die Anekdoten aus Köln und Frankfurt und Schrankenhusen-Borstel, die man, mit dem gewissen Milieuwitz versetzt, der Reihe nach wegläse, so wäre das sicher sehr nett, aber nicht mehr. Gleichzeitig installiert Regener aber einen Protagonisten, der fünfhundert Seiten lang auf einem zahnseidedünnen Grat wandelt, der entweder eine spaßfreie Rolle akzeptiert, oder mitmacht, wie früher, und damit alles verliert, der also eine Tragweite hat, eine biographische Tragik, eine notwendige Bitterkeit im ausgestellten High-Life.

In diesem Sinne ist die Lehmantrilogie Karls Fluch, die diese mystifzierte Vergangenheitsbewältigung überhaupt erst notwendig macht. Und wie im Leerlauf stößt der Held immer wieder mit der Nase an die Fragestellung, wie das überhaupt passieren konnte. Sven Regener macht in Magical Mystery oder Die Rückkehr des Karl Schmidt aus dem Sidekick das große Opferlamm der Rock’n’Roll- beziehungsweise Rave-Schizophrenie, das nur noch rauchen und Kaffee trinken darf und nicht mal mehr Kunst machen oder überhaupt ertragen kann (so es denn keine Schlumheimer-Installation ist, aber Schlumheimer, so stelle ich soeben fest, gibt es gar nicht).

Das in diesem Roadtrip mit Rave-Dödeln an Absurdem und Abgründigem schlummernde Potential, schöpft Regener ein bisschen vorsichtig, ein bisschen zaghaft ab, als wolle er seinen liebgewonnenen Charakteren nicht zu viel antun. Vielleicht ist Magical Mystery deswegen nicht ganz so vielfältig und tiefschichtig geworden wie Neue Vahr Süd, aber vergleichen ist ja auch immer irgendwie unfair.

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INFORMATIONEN ÜBER DEN HEUTIGEN AUFENTHALT IN DER DEUTSCHEN BAHN, 11:10 UNGEFÄHR.

Er sei ja 38 und da habe man auch das Recht, so zu leben, wie man wolle, und wenn es schon jobtechnisch nicht so geklappt habe, nachdem er von Duisburg nach Berlin gezogen sei, so solle man ihm doch wenigstens zugestehen, so zu wohnen, dass er sich wohlfühle und er habe vorhin angerufen, schön übrigens, dass Sie zurückrufen, weil, es ginge um Folgendes, er wolle den Mietvertrag, der auf beide Mieter laufe, auflösen, weil er aus dieser WG rauswolle. Wieso auch in einem 12qm²-Zimmer in Friedrichshain für 348 Euro wohnen, wenn er in Charlottenburg für dasselbe Geld, aber 24qm² mehr, eine Wohnung für sich alleine haben könne und nicht mehr mit DIESER PERSON leben müsse? Er habe ja schließlich das RECHT, in einer Wohnung zu wohnen, die er sich aussuchen könne, und dieses Recht werde er auch nutzen, ganz zu schweigen davon, dass er überhaupt nicht einsehe, wieso er in der Wohnungskündigung irgendwelche Rechtfertigungen angeben solle, wenn es doch seine freie Entscheidung sei, wann er wo wohne. Vor allem, wenn er die drei Monate Kündigungsfrist lang noch für den Ausgleich der Monatsmiete sorge, egal, ob er dafür einen Nachmieter finden müsse oder es aus eigener Tasche bezahle, und außerdem habe er ja schon bei der ersten Kontaktaufnahme zur Genüge vermittelt, dass ein Zusammenleben mit DIESER PERSON einfach nicht weiterhin möglich sei, was solle er den sonst schreiben, nähere Gründe und Umstände würde den Vermieter ja wohl nicht zu interessieren haben. Am liebsten wäre es ihm natürlich, er könne sofort ausziehen, was er vermutlich auch tun werde, denn länger halte er es nicht aus, und wenn sich das Problem auftäte, dass das Zimmer vorerst leer bliebe, ist es ja nun mal sein Problem, sich freizukaufen, das wolle er auch, zumindest da könne ihm keiner was vormachen. Denn das sei es ihm wert, in der WG sei man sich ja einig, dass man sich nicht leiden könne, weder könne er DIE PERSON leiden, noch könne DIE PERSON ihn leiden, man müsse ja auch, wenn man im Job fit sein möchte, nicht verschlafen oder gestresst aussehen und gerade jetzt, wo er sich wieder auf dem Jobmarkt aufhalten müsse, wolle er einen Wohlfühlort haben und mehr wolle er dazu auch gar nicht sagen, da seien ihm auch die elf Euro egal, die er dann drei Monate länger bezahle, weil, mein Gott, er sei ja 38 und um seine finanzielle Situation stehe es nicht so schlecht, dass er sich diese elf Euro nicht leisten könne, die seien es ihm schon wert und damit habe sich die Sache gegessen und man könnte ja gar nichts dagegen einwerfen. Er beharre einfach auf seinem Recht als deutscher Staatsbürger, er habe sich ja eingelesen, kenne die rechtlichen Grundlagen und wisse auch, was er machen kann, und was nicht, und damit sei die Sache nun erledigt, sagt einer, während ich soeben die schönste Zugfahrt meines Lebens erlebe, in der ich im Wagen 21 einen Sitzplatz mit Tisch erhalte, zwei wunderschönen Kindern gegenüber sitze und die unfassbar freundliche Frau von der Bahn uns nicht nur Gummibärchen schenkt und uns die Wahl lässt zwischen der kostenfreien Berliner Zeitung und Der (kostenfreien) Welt, sondern noch dazu einen AUßERORDENTLICH schönen Tag und eine gute Weiterreise wünscht. Um uns allen zu beweisen, dass er im Recht sei sowie extrem unter dieser Situation zu leiden habe, aber eigentlich ein ganz netter Kerl ist, der gut klar kommt mit soetwas, bietet er einem jungen Typ mit Apple zum Beweis für seine Menschlichkeit ein Brillenputztuch an, um die Oberfläche zu reinigen, weil das funktioniere mit dem Ärmel nicht so gut, das wisse man ja. 

(jz)

Untätigkeit herrscht nie, Bauchknochen permanent

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Es ist still geworden um den Derm. Aber Stille ist stets ein Zeichen für Arbeitseifer. Auf dem oberen Bild sehen Sie Voltaren, Klopapier, Clemens Meyer, Schleifgerät und Sven Regener. Auf dem Bild unten, was mir hilft, wenn ich bei der Arbeit die Orientierung verliere und gar nicht mehr so genau weiß, wo oben ist und unten und Bauch/Knochen und Herzmuskel. Dass es so etwas wie Bauch/Knochen oder eine Körperstelle, wo Bauch und Knochen explizit aufeinandertreffen, überhaupt gibt, war mir gar nicht klar gewesen. Da sieht mans mal wieder. Und wie sich das Wort Herzmuskel auf den Text, in dem es vorkommt, auswirkt, mit seiner schrecklichen, schrecklichen Kraft, das sieht man hier auch. (at)

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stefan mesch

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