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ZUM THEMA: MESSE

Herzlich Willkommen in unserer neuen Superkategorie SYNCHRON. Verschiedene Autoren, ein Topos. In dieser Ausgabe lautet das Thema: MESSE.

KATEGORIE A: PASCAL RICHMANN ÜBER JUNGBAUERN UND GETRÄNKESCHIRMCHEN

Es beginnt damit, dass ich auf dem Skywalk zwischen Bahnhof Messe/Laatzen und Eingang Messe West in einem Pulkmesse 1 Jungbauern stehe, während sich die Sonne über das Plakat einer Zeitarbeitsfirma schiebt. Dahinter Plattenbauten aus Hannovers Peripherie. Neben mir tragen sie den hübschen Satz Bauern sind die besseren Menschen auf ihren T-Shirts und Überbleibsel der letzten Kartoffelernte unter den Fingernägeln. Ein dutzend Kronkorken schießt ins Konvexe, was aufgrund von simultanem Feuerzeugeinsatz durchaus beeindruckend klingt. Dann: „Frauen und Bier stößt man von unten!“, die Augen so rotgeädert, dass nicht klar ist, ob er zum Frühstück einen Schluck zuviel hatte oder direkt aus dieser „total geile[n] Tittenbar!“ kommt, von der er jetzt zu reden anfängt. Der Himmel ist ein Sunny-Side-Up-Spiegelei mit aufgeplatztem Dotter. Fest steht: Je mehr Carotin sich im Hühnerfutter befindet, desto oranger erscheint später das Eigelb. Fest steht auch: Je südlicher ein Hühnerbauer eine Hühnerfarm betreibt, desto mehr Farbstoff mischt er dem Futter bei.

Es beginnt auch damit, dass ich im brasilianischen Pavillon der Expo 2000 einen zweiten Caipirinha bestelle, der gleich, katalysiert durch Rohrzucker und umringt von Sambatänzerinnen und Bongotrommlern, meinen ersten Vollrausch in Gang setzen wird. Die Weltausstellung ist mir scheißegal. Ich bin zwölf und habe ein Schirmchen im Drink. Fest steht: Die Außenwände des brasilianischen Pavillon bestanden aus eineinhalb Millionen handgefertigter Holzstifte, die mithilfe jeder erdenklichen Extremität nach innen geschoben werden konnten, um so ein Relief zu hinterlassen. Fest steht auch: Der Landwirt Prinz Ernst August von Hannover zog es vor, gegen den türkischen Pavillon zu pissen.

messe 1_landflirtEs ist Jungbauerntag auf der Agritechnica 2013 und ich habe vorgesorgt. Ein Schutzwall aus 30-Liter-Fässern erstreckt sich vom Bierstand Gilde Ratsherren Nr. 5 über den benachbarten Hot-Dog-Stand bis hin zum Ditsch-Snackpoint, wo bereits die erste Ladung Pizzazunge Classico – „üppig belegt mit pikanten Salamiwürfeln, sonnengereiften Paprika und herzhaftem Käse“ – in einen goldbraunen Zustand gebracht wird. John Deer, der amerikanische Weltmarktführer für Landwirtschaftsmaschinen, teilt sich die angrenzende Halle 13 mit dem deutschen Hersteller Claas. Claas verteilt Tassen mit dem Firmenslogan the beginning of better. Die Amerikaner hingegen laden ein zu Lasershow und Erntesimulator. Fest steht: Auf der diesjährigen DLD-Konferenz trug WhatsApp Gründer Jan Koum ein John Deer T-Shirt. Fest steht auch: Kein Monat zog ins Silicon Valley, da kaufte Mark Zuckerberg den Messenger für 19. Milliarden Dollar

Es wird damit enden, dass ich zu einer Zapfmaschine degeneriere, die gleichzeitig Pepsi an Kinder verteilen und Fässer mit den Füßen wechseln kann, und damit dass fünf holländische Jungbauern ihre letzten Schlücke mit einer Captain-Planet-Gedächtnisgeste zu einem vollen Becher vereinen, um ihn bei mir als „total schal, total schal!“ zu reklamieren, während Eltern ihrer dreijährigen Tochter erklären, dass Röstzwiebeln und saure Gurken genauso zu einem Hot-Dog gehören, wie Ketchup und Wiener Würstchen, und dann wird ein Jungbauer kopfüber in eine Mülltonne klettern und ein Anderer wird auf einem Gullydeckel niederknien und ins Erdinnere hinab brüllen. Fest steht: Ab 20.30 Uhr steigt in der TUI-Arena die Young Farmers Party. Fest steht auch: Liebe vergeht, Hektar besteht.

KATEGORIE B: JULI ZUCKER ÜBER WELCHE VORKEHRUNGEN MEINE STIEFSCHWESTER IN MEINEM GESICHT TRIFFT, BEVOR ICH FROHEN MUTES AN SILVESTER IM REICHENCLUB ARBEITE

Weil meine Stiefschwester findet, dass ich ein hübscher natürlicher Typ bin und man nichts unter Make-Up Bergen verstecken bzw. verdecken muss, beginnt sie mit einem PRIMER, den sie mit einer BEAUTYSPONGE gleichmäßig aufs Gesicht aufträgt. Ich kaue auf einem Stift. Um die geeignete FOUNDATION FARBE zu finden, mischt sie ihr hellstes LIQUID MAKE UP mit etwas TAGESCREME (somit wirkt die FOUNDATION auch nicht so maskenhaft, sondern eher natürlich). Ich tunke einen Pinsel in eine Farbe. Die Mischung trägt sie mit dem DIOR BACKSTAGE MAKE UP PINSEL auf, um am Ende etwas mit der Hand nachzuarbeiten, da sich das MAKE UP so viel besser in die Haut einarbeiten lässt. Das Einzige, was sie abdeckt, sind meine Augenringe, wofür sie den PRO LONGWEAR CONCELAER von MAC in der Farbe NC15 benutzt. Ich spiele mit meinem Ring. PRO LONGWEAR auch deswegen, weil ich die ganze Nacht vor mir habe. Ich befummle meine Haare. Für meine natürlichen Augenbrauen nimmt sie nur etwas BROW POWDER von Benefit in der Farbe Medium, den sie mit dem EYEBROW BRUSH von Bobbi Brown aufträgt. Ich schreibe eine SMS. Mit einem PUDER von MANHATTAN mattiert sie die glänzenden Flächen in meinem Gesicht. Ich singe Orange Trees. Ein pfirsichfarbenes sowie rotes ROUGE, das sich POWDER BLUSH PEACHES von Mac sowie RED IMPASSION von Chanel nennt,  wählt sie als Farbtupfer. Ich lache ein bisschen. Den Pinsel, mit dem man am besten die Wangenkontur trifft, nennt man LARGE ANCLED BLUSH BRUSH. Ich bin verrückt geworden. Für meine Augen verwendet sie HIGH VOLUME von L‘Oreal und zu guter Letzt einen nudefarbenen Lippenstift von CREME D’NUDE von Mac-Cosmetics. Ich habe Angst vor diesem Abend. Meine Haare werden klassisch und modern. An meinem Körper befinden sich 15 Sachen, die ich nicht kenne. Innerhalb von zehn Stunden verdiene ich insgesamt 200 Euro, habe drei Flirts und etwa 100 Euro Trinkgeld.

KATEGORIE C: ANDREAS THAMM ÜBER GESCHENKE

Es ist nicht unser Schlachtfeld. Wir finden zuverlässig sämtliche Streams und Downloads. Wir gehen nicht um des Filmes, sondern um des Kinobesitzers wegen ins Kino. Wir planieren den Browser mit kilometerlangen Tab-Kolonnen, um sicherzugehen, das Sportereignis X in der besten Qualität zu verfolgen. Wir lösen den 20 Prozent-Amazon-Gutschein nie ein, weil das hieße, dass man 80 Prozent bezahlen muss. Wir stehen starr und staunen und aus den Feldern steiget, ein alter Herr, er trägt links eine Plastiktüte und rechts eine Plastiktüte und beide Plastiktüten sind prall gefüllt mit den herrlichsten Geschenken, die die Leipziger Buchmesse zu bieten hat, Köstlichkeiten, rare Exemplare, Nippes, Plunder, Artefakte, Kram, Kinkerlitzchen, Schnickschnack. Es ist eine Selbstverständlichkeit. Er kennt das nicht anders. Sein federleichter Gang sagt uns, ich bin noch gar nicht lange hier, ich schlender‘ nur kurz mal drüber, das ist mir die fünfzehn Euro wert, ich komme jedes Jahr, ich schau mal eben rein, ich gehe mit vollen Taschen, weil das nämlich so ist, bei der Messe, hier und da wird einem gerne was geschenkt, ich bin seit vielen Jahren treuer Kunde diverser Verlage, ich habe Koeppen lesen sehen, das ist ja wohl das Mindeste. „Wir müssen“, sagt A. „auch mal rum gehen, und Geschenke einsammeln.“ – „Schon“, sage ich, „ich hab noch nicht mal einen Kugelschreiber.“ Also ziehen wir los. Ich kaufe A. ein Eis. Bei der FAZ entdecke ich einen Stapel Zeitungen. Im Vorbeigehen schnellt mein Arm aus dem Mantel, ich greife zu. Es ist noch nicht einmal die ganze FAZ, nur das Feuilleton, egal, Hauptsache irgendwas, Hauptsache nicht mit leeren Händen heimkehren. Jetzt bloß kein Augenkontakt mit dem Standpersonal, einfach weitergehen, sich in den Strom einreihen, es ist hier nichts geschehen, niemand hat hier ein Feuilleton entwendet. Mir sitzt die Angst im Nacken: Jemand könnte „Junger Mann!“ rufen. Niemand ruft „Junger Mann!“ Das Standpersonal lacht sich wahrscheinlich schlapp, aber was soll man machen. Geschenke in der echten Welt sind erst legitim, wenn man Interesse zeigt. Interesse zeigen können wir nicht, wir können andere Sachen. „Komm“, sage ich zu A., „wir ziehen uns die Comicleute rein.“ Dann gehen wir in die Comic-Halle und ziehen wie Eisläufer unsere Bahnen, immer schön glotzen, dass einem bloß keine dicke Elfe entgeht, das Maximum an visuellen Eindrücken rausholen, aufs Schäbigste, das können wir, das können wir gut. Nächstes Jahr bleib ich daheim, ich mag es nicht, von meinen Defiziten belästigt zu werden.

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Der Wust palavernder Stimmen: Clemens Meyer – Im Stein

Man kann nicht unvorbelastet an ein zu rezensierendes Buch herantreten. Man kennt den Autor oder hat von ihm gehört, man findet das Cover schick oder grässlich, man hat den Titel gelesen und den Klappentext. Im Fall von Clemens Meyer bin ich in besonderem Maße vorbelastet. Im Nachhinein kommt es mir so vor, als habe ich „Als wir träumten“ und „Die Stadt, die Lichter“ zum richtigen Zeitpunkt gelesen: Aus der obligatorischen Bukowski-Phase kommend und ausgestattet mit der Empfänglichkeit für Meyers Versuche einer ehrlichen Prekariats-Romantik. Aber ungeachtet meines Zustandes: „Als wir träumten“ ist ein großer Roman, eine der stärksten langen, deutschsprachigen Erzählungen, die mir bekannt ist.

Ich wollte „Im Stein“ nicht wegen der Longlist des Deutschen Buchpreises lesen oder wegen der Beurteilung einer Relevanz innerhalb des Betriebs und der Welt. Ich wollte „Im Stein“ für das eigene, subjektive Lesevergnügen, das „Als wir träumten“ mir noch beschert hatte, lesen, sonst nichts. Und darum fühle ich mich betrogen.

Dass auf dem Buchrücken von einem „vielstimmigen Gesang der Nacht“ die Rede ist, hätte argwöhnisch machen können. Aber was sagenim stein schon Klappentexte. Tatsächlich handelt es sich bei der Anlage von „Im Stein“ um ein ambitioniertes Projekt. Meyer versucht sich an der Illusion des Autors, der mit dem Mikrofon in der Hand durch die Halbwelt der Zuhälter und Prostituierten wandelt. So könnte man das etwas vereinfacht, ungeachtet der Multi-Perspektiven, ausdrücken. Im Grunde ist es das: Der Wust palavernder Stimmen aus der Unterwelt. Meyer will hier, anders als zuvor, nicht erzählen, sondern weben, einen Teppich aus überlieferten Geschichten, der eine darunterliegende Wahrheit erkennen lässt. Ich finde: Clemens Meyer ist ein Erzähler.

„Im Stein“ aber ist keine große Erzählung, baut keine Bögen, etabliert kaum unverwechselbare Charaktere. Im Stile eines Auktionators führt Meyer seine Figuren vor, Arnie Kraushaar, der Bielefelder, Magda, die Engel, manche tauchen wieder auf andere nicht, alle sprechen, als habe jemand auf einen Knopf gedrückt, aber sie erzählen nicht, sie labern: „Das Wort Fotze habe ich als Schimpfwort nie benutzt, da habe ich viel zu viel Respekt vor Frauen. Aber zurück zum Thema: Sie haben doch keine Ahnung, überhaupt keine Ahnung. Ich kann Ihnen was erzählen, kann Ihnen jede Menge erzählen über Zuhälter passend zum Anlass …, kann Ihnen da viel erzählen, aber mein Beruf, oder sagen wir: das, was ich mache, mein Job, meine Profession? Nein. Und was soll das hier überhaupt darstellen?“ Es gibt in diesem Buch zu viele Zeilen, voll mit Wörtern, aber ohne Inhalt. „Im Stein“ hat 558 Seiten. Es sollten 200 sein, maximal, eingedampft, präzise, pointiert, die kontrollierte Nicht-Struktur in stabile Rahmung gebracht, das wäre schön.

Ein solches Buch, ein mühsames, zu lesen, ist eben immer auch eine Selbstbeobachtung. Ich offenbare mich mir selbst, nicht zum ersten Mal, als ein fauler Leser, wenig leidenschaftlich für den Berg, den Meyer mir zur Überwindung vorgesetzt hat. Ich will abgeholt werden. Ich kann nicht folgen. Ich bin nicht geeignet. Das heißt nicht, dass ich an anspruchsvoller Literatur grundsätzlich scheitere, bestimmt nicht, nur, dass es mir zuwider ist, mich durch ein Buch zu quälen, bei dem der Anspruch eben nur daraus zu bestehen scheint: Die Mühe, die mir gemacht wird, ein Selbstzweck, als müsste der Autor der Welt etwas beweisen. Sperrigkeit ist zu oft nur der Anschein von Qualität. Redundanz kann ein Mittel sein, aber bitte keines der Beweisführung ihrer selbst. Literatur soll nicht trivial sein, genauso wenig aber störrisch aus Prinzip.

Vor allem dann nicht, wenn das, was erzählt und angedeutet wird, so fürchterlich erwartbar und so ganz und gar nie überraschend ist. Der Lude Arnie studiert jetzt nebenbei BWL, okay, die Prostitution ist ein großes Geschäft, eine Erkenntnis, die 2013 schon nicht mehr schockierend sondern schon bieder ist. Ein ehemaliger Boxer tritt auf, sonst wär es ja kein Clemens Meyer. Wenn die Bewegung der Menschen durch die Stadt ein ungeordnetes Fließen ist und die Gesichter derselben weiße Masken wie aus Schnee, so handelt es sich nicht mehr um literarische Bilder, sondern schon um Floskeln.

Es ist Meyer anzurechnen, dass hier Sprache nachvollzogen wird. Dass Dynamiken der Erinnerung Einzug halten in den Text, dass die Nullaussagen der täglichen Kommunikation literarisiert werden sollen. Der atmosphärische Über-Eindruck, der dabei potenziell entstehen könnte, ist aber eine Illusion, solange die einzelnen Bestandteile, so sehr auf ihrer Banalität pochen. Das ist umso frustrierender, wenn man darüber nachzudenken beginnt, was der Erzähler Clemens Meyer aus dem vorliegenden Material tatsächlich hätte machen können. Die „Kanacken-Attacken“, die ewig im Hintergrund drohenden „Engel“, Erpressung, Geldnot, koksende Jockeys, Bahnhofskneipen – nichts wird erzählt, alles angedeutet.

Die wenigen Stellen, an denen das Buch etwas liefern kann – ein erzählendes Moment, eine Überraschung, so etwas wie Effektivität – findet man eher da, wo das Geschehen das ewige Klischeepalaver des Milieus verlässt. Hans Pieszeck, rechte Hand des Arnie Kraushaar, fährt ans Sterbebett des Vaters in die Heimat: „Und er wollte nicht aufs Grabe der Mutter blicken. Direkt neben dem Loch in der Erde. Seit fast zwanzig Jahren schickte er Blumen auf ihr Grab. Vorhin hatte er Tannenzweige unterm Schnee gesehen. Wie haben sie nur das Loch in diese steinharte Erde bekommen? Mit einem kleinen Bagger wahrscheinlich.“

Da flackert die Literatur, die mich befriedigt hätte, schlaglichthaft auf. Und wird verschluckt von öden Sprachmühlen. „Im Stein“ sollte eben kein Buch werden, das meine primären Entertainmentbedürfnisse befriedigt. Es sollte experimentell sein, im Weitesten, ein ehrlicher Brocken zum Niederringen. Darüber ist es – und das hätte nicht sein müssen –  langweilig geworden; und ein bisschen egal.

  

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stefan mesch

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